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Corpus Christi - Die Fotografische Darstellung Christi von 1859 bis 2001

Eine Ausstellung zwischen heilig und profan - mit der Zustimmung der Kirche.


Thérèse Frare
Pietà, 1990
© Benetton, für eine Werbekampagne, 1992
In der Empfangshalle des Internationalen Hauses der Photographie - Deichtorhallen von Hamburg - wird der Besucher der Corpus Christi Ausstellung von einer Benetton Werbung (Werbekampagne von 1992) empfangen. Ein weinender Vater umarmt seinen liegenden Sohn auf dem Sterbebett. Mutter und Tochter ebenfalls in Trauer daneben. Das Gesicht des Sohnes ist abgezehrt, sein Blick ist ausdruckslos. Das Bild der amerikanischen Künstlerin Thérèse Frare wurde 1990 realisiert. Zeitgleich zum bekannt werden von Aids, nutzte Benetton diese traurige Öffentlichkeit, um seine Eigene durch Provokation zu steigern. Worin besteht der Zusammenhang zwischen diesem Bild und der Ausstellung? Das Bild - von Benetton später unbenannt - heißt: "Pietà". Das Thema der Ausstellung: die Darstellung Christi und andere religiöse Bilder.
Die Kunstgeschichte ohne religiöse Darstellungen - ob gemalt oder in Skulpturen festgehalten- würde sich auf ein 'Heftchen' reduzieren. Sowohl Bildhauer als auch Maler haben seit Jahrhunderten versucht, Christus zu darstellen. Kein Wunder also, dass Fotografen sich von Anfang an mit diesem Thema beschäftigt haben. Nissan N. Perez aus dem Israel-Museum, in dem die Ausstellung Corpus Christi ursprünglich aufgebaut war, behandelt das Thema erstmalig so: bis zu 150 Kunstwerke von 81 Künstlern- vom Beginn der Fotografie bis heute, interpretiert durch unterschiedliche Themen und Ansichten.


Fred Holland Day
The Seven Last Words of Jesus, 1898
Coll. Bruce Silverstein, NY (USA)
Viele Bilder sind sehr religiös geprägt, z. B. Christus überm Kreuz ('The Seven Last Words of Jesus' von Fred Holland Day, 1898), Inszenierungen aus dem Leben Christi (von dem deutschen Fotograf H. Korff, 1890, stark von der damaligen historisch akademischen Malerei beeinflußt), oder Mutter mit Kind ('Light and Love' von Julia Margaret Cameron, 1865). Die Behandlung religiöser Themen veränderte sich mit der Zeit. Immer weniger hielten sich die Künstler streng an biblische Texte, sondern beschrieben zunehmend das Heilige und Göttliche. Viele zeitgenössische Künstler benützen das Bild von Christus lediglich, um einen religiösen Inhalt zu vermitteln. Das Bild Christi wird dadurch eher für politische Zwecke oder als Gesellschaftskritik eingesetzt - oft nur aufgrund der von ihm verkörperten Symbolik (Märtyrer) und Werte (Nächstenliebe, Pietät,...).

Duane Michals
Christ in New York, 1981 (Sequence of six prints)
Number 4/6. Christ is beaten defending a homosexual
Courtesy of the artitst and Pace/MacGill Gallery
Zum Beispiel Duane Michals 'Christ in New York' (1981) oder Larry Burrows 'Reaching out, the Demilitarized Zone, South Vietnam', 1966. In Larry Burrows Werk ist die religiöse Darstellung nicht eindeutig, aber der biblische Hintergrund doch offensichtlich. Die christliche Gestalt - oder besser gesagt religiöse Bilder im allgemeinen - sind so tief im kollektiven Bewußtsein verankert, daß es schon reicht, einen Mann mit geöffneten Armen (wie auf dem Kreuz) zu sehen, um religiöses zu assoziieren.
So funktioniert auch die Benetton Werbung 'Pietà': sogar ohne den eindeutigen Titel (Pietà, aus dem Latein 'pietas' - Mitleid, wird verwandt, um das Bild der weinenden Jungfrau Maria an Christis Sterbebett zu betiteln) assoziiert man das Bild Christi mit diesem sterbenden, jungen Mann. Die Ausstellung pendelt also zwischen zwei Extremen: sehr religiös und äußerst profan. Im beiden Fälle kann man die Qualität der Fotografien nur loben.


Pierre et Gilles
St-Lazare - Alexis Lemoine, 1988
© Pierre et Gilles und Gallery Jérôme de Noirmont, Paris

In unser heutigen Welt, wo über Religion zu sprechen immer riskanter wird, sind die Lösungen der Kuratoren, um im Gespräch zu bleiben, ziemlich interessant. Zuerst wird die Sexualität negiert, außer vielleicht in den beiden Bildern von Pierre et Gilles - z. B. 'Saint Lazare - Alexis Lemoine', 1988 - (wenngleich nicht sehr provokant) und die 'Pietà' von Frare durch einige Andeutungen. Dann wurde es bereits an der Kasse plakatiert, dass die Ausstellung nicht zum Ziel hat, die Pietät des Besuchers zu verstören, sondern dass es sich um einen allgemeinen Versuch der fotografischen Wiedergabe des Bildes Christi handelt. Schließlich - und das ist am erstaunlichsten - werden wöchentliche Ausstellungsführungen von einem Pastor angeboten. Der Pastor präsentiert die Rolle der Religion in Zeitgenössischer Kunst und erzählt von Interpretation biblischer Themen durch die Geschichte.
Die Ausstellung verläuft also in gutem Einvernehmen mit der religiösen Gemeinschaft - trotz einiger profaner Darstellungen und Provokationen durch die Kunstwerke. Diese Mischung jedenfalls ist gelungen. Die Veranstaltung stellt viele Fragen und ist vor allem eine wunderschöne Ausstellung.

www.deichtorhallen.de
www.patrimoine-photo.org
www.imj.org.il


Im Zusammenhang mit der Ausstellung findet man dazu Filme über Christus (von 1987 bis Heute), Konferenzen, Unterhaltung mit den Künstlern.





Text : Yaelle Biro
E-mail : yaelle@artfacts.net
Übersetzung : Mathieu Ducollet
E-mail : mathieu@artfacts.net
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