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Andrea Salvatori, oder wenn großartige Geschicklichkeit sich mit respektloser Ironie trifft

Es scheint sehr gewöhnlich zu sein, daß italienische Großmütter und alte Tanten einen eher besonderen Geschmack für Porzellan haben. Und Ihr merkwürdiger Geschmack besteht nicht nur aus Teller und Tassen aus Keramik. Es betrifft ganz besonders die 'soprammobili' - Objekte, die die Wohnzimmerregale dekorieren sollten. Es sind Porzellangestalten, die meistens junge Damen und Liebespaare gekleidet im Stil des 18. Jahrhunderts oder süße kleine Mädchen mit ihrem Lieblingstier oder Puppen darstellen. Alte italienische Damen vergrößern ihre Sammlung bei jeder Taufe, Erstkommunion, Konfirmation oder Hochzeit. Es ist eine italienische Tradition, bei solchen Gelegenheiten allen Gästen ein kleines Geschenk (meist oben beschriebene Stücke) mit ein paar 'confetti' (Süßigkeiten) und einer kleinen Andenkenkarte in Schleier eingewickelt zu verschenken. Zwar sieht man selten diese Geschenke im Haus der Gäste wieder, aber die alten italienische Damen sind so stolz darauf, dass sie die später sofort in Regalen - am besten auf selbstgemachte 'centrino' (Tischdeckchen) - platzieren.



Orso, bambina e oca (Bär, Mädchen und Gans), präsentiert von Galleria Estro -scopeNewYork, März 2004.
courtesy Galleria Estro

-scopeNewYork ist eine Kunstausstellung Parallel zu Armory Show (dieses Jahr fanden beide vom 12. bis 15. März statt). Im Kontrast zur Armory Show hat sie sich zum Ziel gesetzt, Galerien eine Plattform für weniger bekannte und innovativere Kunst zu bieten. 'Culture on the verge' (das Motto dieses Jahres) hätte das Ziel der Ausstellung nicht deutlicher ausdrücken können. Nun was haben zwei Porzellangestalten auf Tischdeckchen mitten in solch einer Kunstausstellung zu suchen? Das Rätsel ist einfach zu erklären. Sie wurden von Elga Pellizzari (eine Galeristin aus Padua, Italien) nach New York gebracht und in absolutem Oma-Stil auf einem Designmöbelstück ausgestellt. Elga Pellizzari ist vom italienische Insiders für ihr starkes Engagement für junge und eher experimentelle Künstler und ihre konsequente Aktion, um diese Art von Kunst in eine nicht gerade für Zeitgenössische Kunst offene Stadt weiterzubringen, bekannt. Das Stück ist eine Skulptur von Andrea Salvatori, eine ihrer jungen Künstlern der ersten Ausstellung im Ausland.
Der achtundzwanzigjährige Salvatori hat einen Master für Porzellan mit einem Hochschulabschluß für Skulptur an der Kunstakademie von Bolonia abgelegt. Er stammt aus Frenza, einer kleinen Stadt in der Nähe von Bolonia und international für die außerordentliche Qualität ihrer Keramik bekannt. Es ist also nicht besonders überraschend, daß er bereits als Teenager mit Keramik anfing. Was ihn anders macht, ist seine intensive Schwäche für 'ready made' und besonders sein rasendes Sammeln von kitschigen Porzellangestalten. Er wartet nämlich nicht auf Hochzeiten, um sie zu bekommen: Er kauft selbst die Stücke zusammen mit Tischdeckchen auf Flohmärkten.



Coppia con alce (Paar mit Elch), Andrea Salvatori
courtesy Galleria Estro

Künstlerisch betrachtet bringt ihm sein Interesse für 'ready made' auf einen sehr originellen Weg: Er überarbeitet bereits vorhandene Porzellangestalten, indem er sie verändert oder mit zusätzlichen Stücken bereichert. Wenn der kitschige Aspekt seiner Skulpturen offensichtlich die Aufmerksamkeit des Besuchers fängt, wird es von seinen Eingriffen für die Qualität und das Inhalt in Bewunderung verwandelt. Das feinste handwerkliches Können kann im Salvatoris Arbeitsmethode gefunden werden, denn seine lange Erfahrung mit Porzellan ist unentbehrlich geworden. Da der Künstler die Natur des Objektes respektiert, zwingt er sich dazu, geschickt alle Details des originalen Stückes so zu reproduzieren, dass keiner in der Lage ist, das Original von der Bearbeitung zu unterscheiden - oder besser gesagt: keiner kann sagen, ob die Skulptur 'ready made' ist oder ein Kunstwerk des Künstlers.



Mostro della laguna, Detail (Monster der Lagune), Andrea Salvatori
courtesy Galleria Estro

Sobald Inhalte betroffen sind, drückt sich der spielerische Charakter des Künstlers völlig aus und es wird mehr Sichtbarkeit entwickelt. Wenn Salvatori weiter mit dem Ziel die ganze Geschichte von normalen Porzellan erzählt zu verdrehen arbeitet, sind die Inhalte seiner Eingriffe gestiegen: der Künstler hat sich erneut mit vielen der visuellen Einflüsse so typisch seiner Generation auseinandergesetzt, in dem er sie für seine Arbeit personalisiert. In seiner vorherigen Arbeit änderte er die Geschichten mit seinen spontanen Gedanken, als er die originalen Porzellan-Stücke anschaute. Er nahm zum Beispiel eine kleine Statue, die ein Liebespaar darstellte und fügte ein langhornigen Elch gerade hinter sie. Das Ergebnis war, dass der Elch - von vorne gesehen - nicht sofort erkannt werden konnte; stattdessen sahen seine langen Hörner so aus, als würden sie aus dem Kopf der armen Frau wachsen. Neulich hat Salvatori damit angefangen, mehr damit zu arbeiten, was ihn in seiner Kindheit beeinflusst hat: Cartoons. Außer einem kleinen Pink Panter von enormen pink Ball abgequetscht und ein paar andere Arbeiten mit Mickey Mouse und Donald Duck sieht es so aus, als hätte der Künstler seine Inspiration hauptsächlich aus der ersten Generation Mangas, die Ende der 70er nach Europa kamen. Wer erinnert sich nicht an all diese bunte Roboter, die die Welt retten oder die vollkommen unrealistischen Monster, die die Welt bedrohen? An den Geschmack des Künstlers angeknüpft sind sie auf jeden Fall Salvatoris letzten Stücken zu finden, sich vermischen mit anscheinend unschuldigen Mädchen (die meistens haben das Hobby Monster zu schlachten) oder elegante junge Damen (die meistens von Hightechroboter erschossen werden).
Eine Menge Geschicklichkeit kombiniert mit großartiger Ironie. Salvatori verdient einen Platz in einer Kunstwelt, die sich manchmal selber ein bisschen zu ernst nimmt.

www.galleriaestro.com

Text: M. Cecchinato
E-Mail: micaela@artfacts.net
Übersetzung: Mathieu Ducollet
E-Mail: mathieu@artfacts.net
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