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Kulturhauptstädte: zeitgenössische Kunst gleich um die Ecke

Seit 1985 wird jährlich eine europäische Stadt für die Dauer eines Jahres zur Europäischen Kulturhauptstadt ernannt. Ursprünglich wurde dies von den Kultusministerien der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG) ins Leben gerufen. 2004 wurden zwei Städte ausgewählt: im Norden Europas Lille (Frankreich) und im Süden Genua (Italien). Beide haben industrielle Vergangenheit, die heutzutage in der Krise steckt, und ein sehr reiches historische Erbgut. Lille, die Hauptstadt der französische Flandern, hat sich darauf konzentriert, nicht nur die jungen lokalen und europäischen Künstlern, sondern auch internationalen Künstler zu befördern (mit u. a. China als Ehrengast). Die Mittelmeerhafenstadt Genua beschäftigt sich hingegen damit, ihre in Vergessenheit geratenen Schätze auszugraben. Beiden Länder haben jedoch an gemeinsamen Projekten zusammen gearbeitet und machten aus potentieller Konkurrenz eine Partnerschaft.



Family X 2001. Collection Fonds Régional d'Art Contemporain Nord-Pas de Calais

In der Villa Croce in Genua (Museum für zeitgenössische Kunst) wird zum Beispiel eine Auswahl Kunstwerke der Frac (Regionale Fonds für zeitgenössische Kunst) von Dünkirchen (Teilnehmer von Lille 2004) unter der Koordinierung des französischen Kulturzentrums von Genua ausgestellt. Die Ausstellung Furnishing a house, living in a museum, die bis 6. Juni 2004 stattfinden wird, hat sich zum Ziel gesetzt, die ehemalige Villa vom Ende des 19. Jahrhunderts zum Leben als fiktives Haus eines Künstlers zu erwecken. Vom Keller bis in den Dachboden und von der Küche bis durch das Atelier des Künstlers bietet die Installation ein innovatives Programm aus 80 Kunstwerken weltweit renommierter Künstler. So werden beispielsweise durch die Inszenierung des Franzosen Olivier Blanckart mit seiner aus Papier und Tesafilm anfertigten Skulptur Family X die noch fehlenden Lebenszeichen in das Haus gebracht. Das in ein bewohntes Museum umgestaltete italienische Gebäude verspricht einen originellen Besuch in Gegenströmung zu der vorwiegenden Ausstellungstradition (Werke auf weißen Wände) und erlaubt durch Voyeurismus eine empirische und interaktive Annäherung zwischen zeitgenössischer Schöpfung und dem Publikum. Eine Debatte zwischen öffentlichem und privatem Raum wurde hierdurch erregt.



Kurt Hentschläger
Jaquemart Nature 04
photo © Emmanuel Valette

Das französische Kulturzentrum wird auch eine Fotoreportage zum Thema Lille 2004 von Matteo Fontana ausstellen. Dies ermöglicht dem Publikum Genuas zu entdecken, wie die Kultur von den Partnern aus Lille interpretiert wurde. Wie verschiedene Künstler den öffentlichen Stadtraum erobert haben, um ihn zu transformieren, illustrieren rund 50 Fotografien und ein dreißigminütiges Video. Das beste Verwandlungsbeispiel ist zweifellos die Installation Jaquemart Nature 04 des Wiener Videokünstlers Kurt Hentschläger (Mitglied der Gruppe Granular Synthesis), der sich die Lille-Europe Tower (1995) aneignet; ein schwebendes Hochhaus über dem modernen Bahnhof aus Glas und Beton, der London mit Brüssel verbindet. Jeden Abend wird das 110 Meter hohe Gebäude ein Jahr lang durch 1880 grüne Leuchtstoffröhren beleuchtet und läutet jede Viertelstunde unter Verwendung von Lichtimpulsen. Der Büroturm verwandelt sich dann im 'Jaquemart' - einen flämischen Automaten auf Normaluhren, der die Zeit schlägt.
Von Anfang an hatte die kurzlebige Wanderveranstaltung zum Ziel, an der Kulturentwicklung der aufgerufenen Hauptstädte beizutragen und die vielfältige europäische Kultur bekannt zu machen. Die kulturellen Institutionen unterstützen hauptsächlich Projekte, die das breiteste Publikum erreichen. Obwohl die Veranstaltung den Eindruck erweckt, jedes kulturelle oder künstlerische Ereignis mit ins Programm einbeziehen zu wollen, und sich dabei eher mit dem touristischen Überfluß zu beschäftigen, hat sie dennoch bewirkt, daß zeitgenössische Kunst aus den Museen und Galerien auf die Strasse kommt und dadurch einen Platz einzunehmen, an dem das Publikum nicht unbedingt freiwillig ist: im öffentlichen Stadtraum. Das ursprünglichen Konzept hat sich bis Heute so entwickelt, daß zeitgenössische Kunst zugänglicher gemacht worden ist.
Die nächsten Gaststädte der Veranstaltung sind bereits ausgewählt, und man kann hoffen, daß die Auswahl zügig um die neuen EU-Mitgliedsstaaten erweitert wird - denn die haben der Kunstszene enorm viel zu bieten.

www.lille2004.com
www.genova-2004.com
www.museovillacroce.it
www.centroculturalefrancese.it
www.granularsynthesis.info

Text: Mathieu Ducollet
E-Mail: mathieu@artfacts.net
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