Language and login selector start
Language and login selector end

Interview: Ariane von Mauerstetten

Ariane von Mauerstetten wurde in Innsbruck, Österreich geboren. Sie studierte an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg. Nach ihrem Studium lebte sie für ein Jahr in Namibia und Südafrika, anschließend zwei Jahre in New York/Manhattan. Seit 2000 lebt und arbeitet die Künstlerin in Düsseldorf.
Wir konnten ihr letztes Werk mit dem Titel n.tv Guantanamo Bay - Abu Ghureib 2004 auf der Bodensee Kunst Messe 2004 bewundern, eine Installation von zwölf Collagen, die um eine Gipsskulptur mit Schweisserbrille, Atemmaske und Kopfhörer aufgereiht sind.



Ariane von Mauerstetten
'n-tv Guatanamo Bay - Abu Ghureib, 2004'
12 Collagen, Skulptur

Ihre letzte Arbeit bzw. Installation wurde vor Kurzem auf der Kunstmesse am Bodensee gezeigt. Wurden Ihre Erwartungen auf der Kunstmesse am Bodensee erfüllt?
Eigentlich hatte ich keine Erwartungen an die art bodensee. Mir war durchaus bewusst, dass eine Kunstmesse nicht unbedingt die Plattform für eine sozial-kritische Arbeit ist. Es kam aber durchaus zu interessanten Reaktionen der Besucher. Einige äußerten eine erlebte Betroffenheit und ein körperliches Unbehagen. Andere verließen die Installation kommentarlos oder sie wurde überhaupt nicht betreten, sondern nur von außen her betrachtet. Erstaunlich für mich war, dass keiner die Diskussion suchte.

Die Arbeit, die Sie am Bodensee vorgestellt haben, bezieht sich sehr direkt auf die Gräueltaten, welche an den irakischen Gefangenen des Abu Ghureib Gefängnisses in Bagdad sowie an den Gefangenen von Guantanamo in Kuba verübt worden. Ist Ihre Arbeit ein Versuch die Wahrheit ans Licht zu bringen?
Nein. Was ist die Wahrheit? Das kann ich nicht beurteilen. Ich war nie vor Ort, sondern wurde ausschließlich mit zensiertem Material der Medien konfrontiert. Mir geht es in erster Linie darum, eine Situation der Intensität, der Beklemmung und Betroffenheit zu schaffen, ein Gefühl der Ich-Wahrnehmung. Ich glaube in dem Moment, in dem man innerhalb der Installation steht, denkt man nicht an Verfolgte oder ethnische Minderheiten, vielmehr versetzt man sich in die Lage eines gequälten Menschen. Plötzlich erlebt man eine Projektion auf die eigene Identität. Was mich interessiert ist die Austauschbarkeit von Opfer und Täter. Sobald wir direkt involviert sind und angesprochen werden, reagieren wir viel sensibler und bewusster.

Fühlen Sie eine moralische Verpflichtung dieses Thema anzugehen?
Dieses Thema ist schrecklicher als andere Meldungen von Gewalt. Eine vergangen geglaubte amerikanische Ikone der Gewalt und des Rassismus taucht hier überraschenderweise wieder auf. Der Schattenriss des anonymen Ku-Klux-Klan-Verbrechers. Dieses verdrängte Symbolbild der US-Geschichte des 19. bis zum 20. Jhdt. wird von den amerikanischen Folterern wieder heraufbeschworen und absurder weise zu einer Opfer-Ikone des 21. Jhdt. transformiert.

Würden Sie sagen, dass es eine Verbindung zwischen ihrem künstlerischen Ausdruck und ihrer kulturellen Herkunft gibt?
Ich glaube nicht, dass es irgendeinen Menschen gibt der nicht von seiner kulturellen Herkunft geprägt ist.

Welche Reaktion würden Sie sich von Ihrem Publikum wünschen?
Ich fordere Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit meinem Werk. Ich möchte Ihnen das alltägliche Konsumverhalten erschweren. Trotz anachronistischer Materialien erziele ich durch die drastische Formensprache Aufmerksamkeit und meine Erfahrung ist, dass es mir relativ häufig gelingt, die von der Medienkultur geprägten Leute zu provozieren. Entweder werden stark negative oder positive Impulse geweckt und damit habe ich mein Ziel erreicht.



Ariane von Mauerstetten
'n-tv Guatanamo Bay - Abu Ghureib, 2004'
12 Collagen, Skulptur

Die Nutzung des Materials Gips wirkt auf uns sehr kräftig und ausdrucksstark. Warum haben Sie gerade dieses Material gewählt?
Wenn Sie meine Arbeiten als kräftig und ausdrucksstark empfinden, freut mich das sehr, denn eigentlich ist Gips ein sprödes, billiges Material. Nur die Form kann überzeugend sein, denn es täuscht nicht durch Oberflächenbrillanz. Gips bietet mir unzählige Möglichkeiten. Als erste Formgebung dient mir ein enger Maschendraht auf dem Gips unregelmäßig aufgetragen wird. Der Gips ist mal grobkörnig und zerklüftet und dann wieder glatt gestrichen. Der unprätentiöse, direkte Umgang mit dem Material gefällt mir.

Sie haben immer wieder den verhüllten Gefangenen auf der schmalen Holzbox dargestellt. Welche Bedeutung geben Sie der Wiederholung in Ihrer Arbeit?
Wenn etwas bedeutsam ist, ist es vielleicht bedeutsamer, wenn es zehnmal gesagt wird. Es übertreibt die Sache. Wenn etwas absurd ist, dann erscheint es noch absurder, wenn es sich wiederholt. Ich glaube, Wiederholung fühlt sich obsessive an. Durch die Wiederholung wirkt das Dargestellte plötzlich bedrohlich und die Grenze zwischen Opfer und Täter wird unklar.

Gibt es einen Künstler bzw. eine Kunstrichtung die Sie inspiriert hat?
Ich schätze Künstler aus disparaten Kunstrichtungen, kann aber nicht daraus eine Inspirationsquelle ableiten. Die große Inspirationsquelle ist mein Leben.

Was glauben Sie, in welche Richtung bewegt sich Kunst im Allgemeinen heute und wie würden Sie sich, in diesem Zusammenhang, positionieren?
Das ist eine interessante Frage! Aus meiner Sicht gibt es momentan keine Hauptströmung in der zeitgenössischen Kunst. Es ist unheimlich komplex geworden. Das interessante an der heutigen Kunst ist doch, dass sie nicht mehr gebündeln ist. Genau wie viele andere KünstlerInnen verfolge ich meine Richtung.

Werden wir bald ein neues Projekt von Ihnen sehen?
Ich bin gerade in Vorbereitung einer Arbeit zu der Gruppenausstellung foreign affairs im November im PAN-Museum in Emmerich. Meine nächste Präsentation habe ich auf der 10. kunst wien im Museum für angewandte Kunst in Wien im Oktober (kunst-wien.at), vertreten durch Fischerplatz Galerie Ulm.

Interview: Marzia Belvisi
  • ArtFacts.Net - Ihr erfahrener Kunst-Dienstleister

    Seit dem Start in 2001 hat ArtFacts.Net™ in Zusammenarbeit mit internationalen Kunstmessen, Galerien, Museen und Künstlern eine anspruchsvolle Künstlerdatenbank entwickelt.