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Oriental Fever

Obwohl wir, hier im Westen, uns oft bei den Namen der chinesischen Künstler uneinig sind, merken wir uns doch auf jeden Fall ihre extravaganten Kunstwerke. Wer kann schon Zhu-Yus Werk vergessen? Während einer Performance aß er das Fleisch eines toten Babies und erklärte anmaßend, dass wir alle nur Fleisch seien. In der Kunstwelt entbrannte darauf eine heftige Debatte, in der Kannibalismus offensichtlich kein Fremdwort war.



Zhu-Yu performance’ Eating a dead baby’
Documentation on Channel 4,2002

Cai Guo Qiang ist ein anderer Performancekünstler und gehört zu den anerkanntesten Künstlern aus China. Er gewann 1999 einen Preis auf der Biennale in Venedig für seine Vorführung einer Terrakottaskulptur des Regimes; ein Kunstwerk, welches von den chinesischen Autoritäten nicht so gut aufgenommen wurde wie von der Jury in Venedig. Es war definitiv die stärkste Kritik überhaupt an der kulturellen Revolution. Cai Guo Qiang ist vor allem für seine Performance mit Schießpulver bekannt. Eine ist für die erste Woche der 26. São Paulo Biennale geplant: er wird einen neun Meter hohen Turm, welcher mit antikem chinesischem Schießpulver bedeckt ist, in dem Pavillon der Biennale anzünden. Für eine ähnliche Performance wurde er 2003 erneut in Venedig ausgezeichnet.
Chinesische Kunst spielt eine wesentliche Rolle in der globalen Kunstszene der letzten Dekade. Eine solche Kunst-Explosion ist die Konsequenz der rasanten Modernisierung und des ökonomischen Wachstums des Landes. Heutzutage sprießen international die Ereignisse über chinesische Kunst aus dem Boden, es ist eine Art von orientalischem Fieber, das intensiv um sich greift. Ein gutes Beispiel dafür ist das Chinesische Jahr, welches 2004/05 in Frankreich statt findet. Zu diesem Anlaß wurde die Ausstellung A l’est du sud de l’ouest (Im Osten des Südens des Westens) organisiert, eine der attraktivsten Ausstellungen dieses Jahres. Solche internationalen Erfahrungen sind nicht nur für die Dialektik chinesischer Kunst unerlässlich, sondern repräsentieren auch einen kulturellen Austausch, der sich als entscheidend für die westliche und östliche Gesellschaft herausstellte. Es werden Einflüsse ausgetauscht und die Offenheit der zwei Welten neugestaltet.



Huang Yong Ping - A History of Chinese Painting" and "A Concise History of Modern
Painting - Washed in a Washing Machine for Two Minutes, 1993 version
Paper pulp. Approx. 31 x 20 x 20 in. (80 x 50 x 50 cm). Collection of Cyrille Putman, Paris

Wang Du, Yang Fudong, Yang Pei Ming und Huang Yong Ping werden neben anderen Künstler an der Ausstellung A l’est du sud de l’ouest (Im Osten des Südens des Westens) teilnehmen. Huang Yong Ping ist wahrscheinlich besonders bekannt für sein Kunstwerk auf der Ausstellung Inside Out: New Chinese Art (Von innen nach außen: Neue chinesische Kunst) 1998 in New York. Er stellte zwei Lehrbücher über chinesische Kunst aus. Sie sahen aus als würden sie zerfallen, denn sie waren vorher für einige Minuten in der Waschmaschine gewesen. Diese Arbeit spielte mit den Themen der Zerstörung und Erleuchtung, mit Prinzipien des Buddhismus und des Dadaismus. Sechs Jahre später zeigte er eine Installation A football match of June 14th , 2002-2003 (Ein Football-Spiel am 14.Juni, 2003-2004). Sie stellt ein Spiel zwischen Amerikanern und Muslimen in Burkas dar, bei dem 160 Fledermäuse als Zuschauer von der Decke hängen. Die Fledermaus, im Westen ein Symbol für Unglück, jedoch im Osten ein Zeichen für Glück, ist als direkte Antwort auf die Kriege im Irak und in Afghanistan beabsichtigt und als offene Kritik an Amerikas Vormachtstellung zu sehen. Der Künstler ist in der Tat ein lebendiges Beispiel für die Evolution zeitgenössischer chinesischer Kunst und ihre Verlagerung des Denkens und des Ausdrucks.



On National Day, schoolchildren carrying red-tassled spears and wearing Red Guard armbands parade through the streets past a Russian-style department store. Harbin, 1 October 1966

Es scheint jedoch immer noch unmöglich zu sein, über chinesische Kunst zu sprechen, ohne dabei Mao Tse-Tung zu erwähnen und Li Zhenshengs Kunst ist der beste Beweis dafür. Seine Ausstellung Red-Colour News soldier befindet sich gerade auf Tour. Sie war bis zum letzten Mai in der Photographers’ Gallery (London, G.B.) und befindet sich momentan bis zum 15. September in der C/O Berlin (Berlin, Deutschland). Danach wird sie vom 7. bis zum 15. Dezember im Palazzo Magnani (Reggio Emilia, Italien). Nur Dank des Mutes eines Fotografen (Mitglied einer staatsfeindlichen Gruppe aus 1966), der sein Leben riskierte, indem er Bilder der grausamen Diktatur unter Mao aufnahm und aufbewahrte, können wir heute Zeugen der einzigen existierenden fotografischen Dokumentationen dieser schrecklichen Periode der chinesischen Geschichte sein. Die Fotografien zeigen eindrucksvolle Massendemonstrationen und erstaunliche Hinrichtungen durch die einzigartigen Augen des Künstlers. Anders als viele westliche Künstler und andere Menschen, die dazu tendieren die Diktatur zu idealisieren (denken wir nur an Andy Warhol, der Mao als Held in Great Helsman darstellte), enthüllt Li Zhensheng, was für ein tragischer Moment es tatsächlich für China war und wie schwer es immer noch ist, sich vollkommen davon zu erholen.
Geschichte sagt zum wiederholten Mal das Schicksal von Künstler aus unterdrückenden Regimen voraus. Was sie inspiriert, kann die Neuheit, die Ironie, die Vielfältigkeit, die Identität oder die Extravaganz sein. Alle diese Elemente kommen in der chinesischen Kunst zusammen und unsere Faszination dafür entsteht wahrscheinlich genau deswegen.

Text: Marzia Belvisi
Übersetzung: Anja Zinke
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