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Erweiterung ist gut für den Horizont


Ritums Ivanovs, The Heat

Am 1.Mai dieses Jahres, mit der Aufnahme von zehn neuen „alten“ Mitgliedsländern in die EU, ist nicht nur die Bevölkerungszahl um 75 Mio. sondern auch Europas kulturelle Identität angewachsen. Im Rahmen dieses Ereignisses stellt sich die Frage, ob es diese gemeinsame Identität überhaupt gibt. Der am 3.September eröffnete Galerienrundgang im Rahmen des KULTURJAHRes der ZEHN versucht einen Dialog zu ermöglichen, wenn er vielleicht auch keine endgültigen Antworten liefert. Unter dem Untertitel Erweiterung ist mehr Bildende Kunst und Fotokunst startete nach dem Musiksommer der Kunstherbst des Kulturjahres mit diesem Ereignis. Im nächsten Jahr folgen Film, Literatur, Tanz und Theater.

Trotz weiterer Ausstellungen und Ereignisse, ist der Galerienrundgang das Herzstück dieser Initiative, denn schon die Organisation mit Beteiligung von Kuratoren, Galeristen, Botschaftern und Künstler aus den 10 verschiedenen Ländern hat das Netzwerk Europas enger zusammen wachsen lassen. Bereits die Zusammensetzung des Podiums zur Eröffnungsdiskussion „Das Ende der nationalen Künste?“ in der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) verdeutlichte eindrucksvoll die kulturelle Verschiedenheit und wurde durch die Worte der deutschen Kuratorin Anemone Vostell Das Bild des Galerienrundgang ist so vielfältig wie das Bild Europas bestätigt. Etwa eine Stunde lang sprachen der Leiter der Kulturabteilung der KAS Dr. Hans-Jörg Clement, die Berliner Galeristin Eva Poll, die Kuratorin Anemone Vostell, der maltesische Künstler Anton Grech, der ungarische Galerist János Szoboszlai und die slowenische Galeristin Meta Gabrsek Prosenc über nationale Charakteristika des Kunstmarktes und die Konsequenzen der EU Erweiterung auf die jeweilige nationale Kunstszene.

Die Diskussion zeigte, dass die Erwartung und Voraussetzungen jedes Landes sehr unterschiedlich sind. Für Slowenien, das nach Prosenc schon seit den 50er Jahren eine zeitgenössische Kunstszene vorweisen kann, ändert sich durch den Beitritt nicht sehr viel. Das kleine Land Malta hingegen ist jedoch gerade noch dabei den nationalen Charakter seiner zeitgenössischen Kunst aufzubauen und ehemalige sozialistische Länder wie Ungarn kämpfen immer noch mit Infrastrukturproblemen und den Auswirkungen des Systemwechsel. Meine Generation wartet schon seit 15 Jahren auf diesen Augenblick, verkündetet János Szobosszlai, Besitzer der acb Galerie, bewegt und damit konnte, trotz Kritik an unterschiedlichen staatlichen Förderungen und einseitigen Wettbewerbsverzerrung, ein wesentlicher Punkt der Diskussion herausgearbeitet werden: man ist froh, dabei zu sein.



Laurits, Down the Stream

Anschließend konnten die Besucher der Eröffnung dann mit dem Busshuttle auf Entdeckungstour der Kunstimpressionen gehen und die zehn Berliner Galerien besuchen, welche die ausgewählten Künstler noch bis Mitte Oktober ausstellen. Bei der Besichtigung wurde erneut deutlich das Vielfalt ein wesentlicher Inhalt ist, denn nicht nur Thematik und Stil waren sehr unterschiedlich, sondern auch die Ausführung: von Fotografie über Malerei bis hin zur Videoinstallation war alles vorhanden.

Die lettische Position wurde durch Gemälde von Ritums Ivanovs in der Galerie Eva Poll vorgestellt. Seine oft einfarbigen, verschwommenen Darstellungen von meist bekannten Gesichtern der Mode- und Popwelt wirken wie eine Hommage an die Verklärung und Idealisierung der westlichen Kultur. Seine Bilder sind oft in Rot und Blau gehalten und spielen mit Perspektive, Farbe und Licht. Ivanovs Werke vermitteln so zwischen impressionistischer Malerei und realistischer Fotografie. Weniger deutlich waren dahingegen die Installationen, Collagen und Comiczeichnungen des Slowaken Erik Binder, der durch Galerie & Projekte Mathias Kampl repräsentiert wird. Seine Interpretation der Massenkultur ist eine offene Mischung aus morbiden DJ-Totenköpfen und gesellschaftskritischen Comic-Collagen. Morbid ist ebenso ein gutes Stichwort für die Arbeiten der estländischen Künstler Peeter Laurits und Ain Mäeots in der Giedre Bartelt Galerie. Ihre Fotoreihe Speiseplan ins Jenseits zeigt groteske, theatralische Szenen voller nackter, blutender Menschen im Hintergrund estnischer Landschaften. Es scheint als wäre die Apokalypse über die Welt herein gebrochen und man hat durch Werke, die mit der Thematik des letzen Abendmahls spielen, den Eindruck eines biblischen Einflusses. Der Fotograf Laurits und sein Regisseurs Mäeots zeigen Werke von atemberaubender Schönheit, die gleichzeitig so erschreckend ist. Der Dreiteiler Vendetta des Mohns zeigt eine ermordete Familie, doch trotz des Grauens, besticht das Foto durch seine Ruhe und Harmonie.



Laurits, Oicumenic Airlines

Das die zeitgenössische Kunst der neuen Mitgliedsländer die der westlichen Nachbarn in nichts nachsteht, wird spätestens nach diesen Ausstellungen niemand mehr bezweifeln. Um zurück zu der Ausgangsfrage zu kommen: was bedeutet das nun aber für die europäische Identität? Zeigen uns diese Werke, dass ein „westlicher Stil“ einfach übernommen wird? Oder findet Kunst ähnliche Ausdrucksweisen auch über Grenzen und Gesellschaftsformen hinweg? Weder die Podiumsdiskussion noch der Galerienrundgang konnte die Frage nach nationalen Charakteristika der Kunst und des Marktes eindeutig beantworten und so bleibt es jedem Besucher selbst überlassen, sich ein Bild von der osteuropäischen Kunst zu machen, denn Erweiterung ist ja bekanntlich gut für den Horizont.

Text: Anja Zinke
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