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Die 5. Gwangju-Biennale als Zurschaustellung des Zuschauers



Gwangju-Biennale, Exhibition Hall, 2004

The audience, who are they? Mit dieser Frage suchte die diesjährige Gwangju-Biennale in Südkorea das traditionell eingeübte Verhältnis zwischen Kunst und Betrachter nicht nur selbst in Frage, sondern auf den Kopf zu stellen. Das kuratorische Konzept sah vor, dass sich das Publikum partizipativ am Entstehungsprozess der Biennale beteiligte. Bedenkt man, dass die Begründung der südkoreanischen Kunstbiennale im Jahre 1995 eng mit der Demokratisierungsbewegung im Anschluss an das Gwangju-Massaker von 1980 verknüpft ist - der Wider-/Aufstand gegen die Militärdiktatur ging in Korea mit erstaunlicher Massenwirkung von den bildenden Künstlern aus -, so könnte man das kunstpartizipatorische Biennale-Unterfangen als einen verdienstvollen Versuch direkter Demokratie im Staate der Kunst(wirtschaft) werten.


Das Thema der Biennale: A Grain of Dust A Drop of Water bot genügend Angriffsfläche für aktivistische Kunst-Diskurse zu Umwelt- und Menschenrechtsfragen, es regte in seiner poetischen Schlichtheit aber auch zu existenzialistischen Exkursen über den Kreislauf der Natur, das Zusammenspiel von Geburt und Tod, sowie die Bedeutung der kleinen, unscheinbaren Dinge an. Die Dreiteilung der Themenausstellung in einen Ausstellungsbereich zum Thema Staub, einen zweiten zum Thema Wasser und einen dritten zum Thema Staub & Wasser sollte das Ineinandergreifen von Entstehen und Vergehen inhaltlich reflektieren. Nicht bei allen Werken war jedoch ein klarer thematischer Bezug gegeben, und spätestens im dritten Ausstellungsbereich wich das Ausstellungskonzept einer gewissen Beliebigkeit.





Saparov Khakim & Leonid Sokov,
Spermatoyoids,
2004, forged iron, scrap metal,
Installation

Um den Kunstbetrachter aus seiner passiven Konsumentenhaltung zu befreien, haben die Kuratoren der Gwangju-Biennale den Viewer-Participant als Avantgardisten einer neuen Zuschauergeneration erfunden. In einer Umkodierung des ethnographischen Konzepts der teilnehmenden Beobachtung haben sie den teilnehmenden Betrachter geschaffen, den Zuschauer als Teilnehmer an der Kunstproduktion und Teilhaber am fertigen Kunstprodukt. Auf der Grundlage von Bevölkerungsstatistiken und Besucherstudien wurden repräsentativ insgesamt 60 Personen aus 42 Ländern als teilnehmende Betrachter ausgewählt. Im Anschluss an einen gemeinsamen Workshop wurden sogenannte interaktive Zirkel zwischen den Künstlern und teilnehmenden Betrachtern gebildet, wobei immer ein Künstler mit einem Betrachter-Teilnehmer gematcht wurde. Die beiden Partnern sollten sich dann über das Thema der Ausstellung A Grain of Dust A Drop of Water verständigen und gemeinsam ein Kunstwerk konzipieren.





Ko Un & Bul-dong Park,
Immortality: from Chin-pa-zung to Salim-yuk,
2004, mixed media,
installation

Neben vielen produktiven Beispielen der Zusammenarbeit gab es auch Fälle von Desinteresse und Teilnahmslosigkeit, so zum Beispiel der prominente Fall des zwangsleierten Paares Ko Un & Bul-dong Park. Die ersten Worte, die der Künstler Bul-dong Park von Ko Un, dem wohl bekanntesten zeitgenössischen Dichter Koreas, zu hören bekam, lauteten: "Bul-dong Park, machen Sie, was Sie wollen. Wir brauchen uns nicht zu treffen, denn es ist, als ob wir uns bereits getroffen hätten!". Nach verzweifelten Versuchen, Ko Un das Konzept des teilnehmenden Betrachters nahe zu legen, schuf Park im Alleingang die Installation Immortality: from Chin-pae-zung to Salim-yuk und hängte neben seinem Werk begleitend Gedichte von Ko Un aus - auch das ein Kommentar zum beiläufigen, teilnahmslosen Nebeneinander von bildendem Künstler und Schriftsteller. Die Installation setzt sich sehr konkret mit dem Biennale-Thema auseinander: Neben einem Feld aus Kohlebriketts, die zum Teil zu Staub zerfallen sind, ragen B aumstämme wie Mahnmale gen Himmel. Das koreanische Wort 'Salim-yuk' bedeutet frische Waldluft einatmen, 'Chin-pae-zung' bedeutet Staublunge. Natur, Industrie- und Freizeitgesellschaft fusionieren und kollidieren beim Anblick des Kohlehaufens. Es ist die Natur selbst, die als Zerfallsprodukt einen Industrialisierungsprozess in Gang gesetzt hat, der einerseits Mensch, Natur und Umwelt mit Staub und Asche überzieht, die Lungenfunktion der Ökologie zerstört, andererseits aber einen Wohlstand befördert hat, der es breiten Bevölkerungsschichten, wenn auch auf Kosten anderer, ermöglicht, mit sauberer Luft und sauberem Wasser zu leben. Ewiges Leben, dies führt Parks Installation vor Augen, ist keine Frage der Unsterblichkeit, sondern eine Frage von Zerfall und Auflösung.





Richard Rhodes & Jim Sanborn,
Critical Assembly,
1998 - 2003,
installation

Als Beispiel für eine außerordentlich gelungene Kollaboration zwischen Künstler und teilnehmendem Betrachter kann das Paar Richard Rhodes & Jim Sandborn genannt werden. In Richard Rhodes, dem Autor des mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buches The Making of the Atomic Bomb, fand der Künstler-Wissenschaftler Jim Sandborn einen idealen Gesprächspartner, Ideen- und Materiallieferanten. Ein anderes ästhetisch reizvolles wie sicherheitspolitisch spannendes Experiment ist Sandborns erfolgreicher Versuch, die Strahlung von Radioaktivität in Uranium-Autographenbildern sichtbar zu machen. Der Künstler hatte Uranproben aus Erzminen, die in den 40er Jahren das Material für den Bau der ersten Atombomben lieferten und heute quasi frei zugänglich sind, gesammelt und diese auf einem hochgradig lichtempfindlichen Film platziert. Nach einigen Wochen hatten sich die Uranproben selbst photographiert, kraft ihrer eigenen Radioaktivität, die den Film belichtete. Sandborns Experiment ist nicht nur ein Warnhinweis an die Adresse der Sicherheitspolitik, wie leicht es ist, Uranium zu beschaffen, sondern auch ein Rückverweis darauf, dass die Natur selbst, indem sie verschwendet, verstrahlt, zerfällt, eine der genialsten Kunstproduzentinnen ist.





Solomon Obeng & El Anatsui,
Waste Paper Bags,
2004, installation

So gelungen einige Kollaborationsprojekte zwischen Künstlern und teilnehmenden Betrachtern auch sein mögen, es bleibt eine gewissen Skepsis, ob das kuratorische Konzept, das mit dem Ziel gestartet wurde, die zwischen Künstlern und Betrachtern, aber auch zwischen Künstlern und Kuratoren bestehenden Hierarchien aufzubrechen, aufgegangen ist. Denn die Strategie, einen Viewer-Participant auf der Grundlage eines selektiven Matchings als Mitarbeiter des Künstlers einzuführen, ist im Grunde zu konstruiert, als dass man von einer wirklichen - und nicht nur pseudorepräsentativen - Publikumsbeteiligung sprechen könnte. Obwohl beide, Künstler und teilnehmender Betrachter, als Werkschöpfer verewigt sind, das heißt gemeinsam genannt werden, bleibt der Viewer-Participant beim Rundgang durch die Ausstellung in der visuellen Wahrnehmung der Kunstobjekte eine erstaunlich blasse Figur im Hintergrund, eine unsichtbare Muse im Schatten des Künstlers. Erst beim Aufschlagen des Kataloges, der reichlich Material zum Prozess der Ideenentwicklung und zur konkreten Zusammenarbeit zwischen Künstlern und teilnehmendem Betrachtern liefert, wird dieser ungleichgewichtige Eindruck aufgehoben. Hätte man den teilnehmender Betrachter in der Werkpräsentation zu einem wirklich gleichberechtigten Partner des Künstlers machen wollen, so wäre es sinnvoll gewesen, den dialogischen Werkentstehungsprozess in der Ausstellung selbst ausstellen, d.h. mit zu dokumentieren. Da dies nicht geschehen ist, verschließt sich dem Betrachter - dem an der Ausstellung unbeteiligten, mit (kunst)fremden Augen blickenden, den es ja nach wie vor gibt, und der auch durch den Viewer-Participant als publikumsnahen Mediator nicht wirklich aus seiner Außensicht befreit werden kann - zumeist der Reiz des Nachvollzugs des Kunstproduktions- als Kollaborationsprozesses.


www.gwangju-biennale.org


Text: Dr. Birgit Mersmann

(22.11.2004)

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