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EIKON : Der Mensch zählt - er erzählt


Sinizkij M.P. Bronnizi, Serie Bezhin Lug, C-Print, 100x80cm (c) A. Khoroshilova

Erhobenen Hauptes dem Rezipienten entgegen - und auf seine glorreiche Vergangenheit zurückblickend, posiert ein stolzer Ordensträger in großväterlicher Manier in seinem einfachen dörflichen Zuhause.
Zwei Generationen in harmonischer Verbundenheit gemeinsam am Tisch sitzend - die den Traditionen verhaftete Alte und die westlich orientierte Junge - vermitteln mit ihren sanften Lächeln dem Betrachter Zufriedenheit.




Barsuki, aus der Serie “Bezhin Lug”
2004, C-Print, 100 x 114 cm © Anastasia Khoroshilova © Anastasia Khoroshilova

Den Eindruck unbeschwerten ländlichen Lebens evoziert selbst die müßige Feldarbeit unter dem mit Kumuluswolken übersäten Himmel. Da hier Alltag und Religion auf einer Ebene stehen, finden sich anstatt Heiligenstatuen und Kerzen zu Füßen der Muttergottes Puppen und ein Bügeleisen. Der Blick fällt auf banale Monatsblätter von Kalendern.

In einigen Fotografien der Serie Bezhin Lug, Anastasia Khoroshilovas aktueller Arbeit über die rurale Bevölkerung Russlands, wird sogar so weit gegangen, die russischen Landschaften und Gebäude für sich sprechen zu lassen und bewusst auf den Menschen als integrativen Bestandteil der Arbeit zu verzichten. Es ist wiederum der Mensch, der durch seine Eingriffe in die Umgebung in den Werken präsent ist.

Die junge russische Fotografin Anastasia Khoroshilova, aufgewachsen in gutbürgerlichen Kreisen Moskaus, hat ihre Heimat 1993 im Alter von 15 Jahren verlassen; ihr neues Zuhause wurde Deutschland. Für die 70-teilige Fotoserie Bezhin Lug kehrt die Schülerin Jörg Sasses wieder in ihr Land zurück, um während einer viermonatigen Reise in mehr als ein Dutzend Dörfer in vier Regionen in die Gesichter jener Menschen zu blicken, die einen Großteil der Bevölkerung ihrer Heimat ausmachen und die über Jahrzehnte die in Russland stattfindenden komplexen sozialen, ökonomischen und politischen Prozesse hautnah miterlebten. Es sind jedoch vielmehr die Geschichten hinter diesen Gesichtern, die im Zentrum des Interesses Khoroshilovas stehen, sowie der Versuch, die Gemütslage der Portraitierten einzufangen, ihre Seele - die viel beschworene russische Seele -, für die Bezhin Lug als Gattungsname steht.

Die Arbeiten sind keine Sozialstudie über die bäuerliche Gesellschaft Russlands. Ebenso wenig handelt es sich um eine Reportage über den Untergang der Bauernschaft. Vielmehr begibt sich die Künstlerin auf die Suche nach der russischen Seele im Vergleich mit dem Schriftsteller Turgenjew, einem der ersten literarischen Verfechter der bäuerlichen Emanzipation und Aufhebung der Leibeigenschaft, der in seiner Erzählung Bezhin Lug1, die der Serie auch den Namen gibt, für sich und den Leser neben der Schilderung der menschenunwürdigen Zustände auch eine romantische Seite des russischen Landlebens mit dessen Alltäglichkeiten und Mystizismen im Zusammenspiel mit christlichem Glauben
entdeckt. Die Beschreibung der russischen Landschaft und die magische Schilderung der Natur greift Khoroshilova als Leitmotive auf, indem sie den besonderen Bezug der Bauern zur Natur, aber auch deren Lebensumfeld generell als Bildinhalt für den Rezipienten ausschnitthaft sichtbar macht(2).

In stundenlangen intensiven Gesprächen lassen die Bauern die junge Künstlerin an ihren Lebensgeschichten und Dorfgerüchten teilhaben. Sie erzählen bei einem Tschai von ihren Erinnerungen an den Großen Vaterländischen Krieg, ihrem Leben in Kolchosen und dem Arbeiten in Sovchosen, feste Bestandteile ihres Bewusstseins. Anastasia Khoroshilova rezipiert diese Geschichten mit Spannung, um den richtigen Moment zu erkennen, den Auslöser zu betätigen und den Menschen mit seiner Psyche ohne Beschönigung (kein Weglassen, kein Hinzufügen) zu erfassen.




Lena, Chludnewo, aus der Serie „Bezhin Lug“ 2004, C-Print, 100 x 80 cm © Anastasia Khoroshilova © Anastasia Khoroshilova

Die Einzelperson, als Individuum einer Gruppe, steht auch im Mittelpunkt Khoroshilovas erster zwischen 2002 und 2004 entstandenen Serie Islanders, einer Fotoreihe über die Welt der Heime und Internate, über die Welt jener Menschen, die wie die Künstlerin selbst ihr Zuhause gegen gemeinschaftliches Wohnen eingetauscht haben(3). Ein Jugendlicher posiert im individuell gestalteten kleinen Zimmer eines Elite-Internats. Karriereorientierte, auf Erfolg getrimmte halbwüchsige Ballettschüler, deren Mimik und Gestik von erwachsenem Habitus zeugen, blicken stolz auf den Betrachter. Schüchtern, ängstlich hingegen der Ausdruck des Waisenkindes, das in seinem neuen Domizil Zuflucht findet. Mit Islanders sucht Khoroshilova erneut, die innere Befindlichkeit von Menschen - dieses Mal mit der Gemeinsamkeit der Dislokation - einerseits in ihrer mentalen Auseinandersetzung mit der neuen Situation und andererseits in ihrer Anpassung an diese Lebensräume zu visualisieren.

Eine wesentliche Rolle dabei spielen die inneren Bindungen zwischen dem Fotografierten und seinem Umfeld, den ihn umgebenden Gegenständen, als wesentlicher Bestandteil des Prozesses der persönlichen Adaptierung standardisierter Wohnboxen. Diese besonderen Beziehungssysteme stellen die Basis für die psychologischen und soziologischen Portraits, die geprägt von respektvoller Distanz und Anerkennung der Abgebildeten stille Zeugnisse der Geschichte(n) sind. Es ist der charakteristische Blick für ästhetische Komposition und Farbenspiel der Künstlerin, der diese Zeugnisse zu einer visuell anregenden und inhaltlich spannenden Erfahrung macht.


Autorin: Marion Geier


1 Dt.: "Beschinwiese", eine Erzählung aus dem Erzählzyklus: Iwan Sergejewitsch Turgenjew, Aufzeichnungen eines Jägers, München 1961.

2 Neben der Erzählung Turgenjews (1848) sind noch der gleichnamige Film Sergej Eisensteins (1935-37) sowie der Roman Roman von Vladimir Sorokin (Zürich, 1995), die das Leben der russischen Menschen in den Übergangsphasen der sozialen Geschichte Russlands schildern, wichtige Impulse für die Bearbeitung des Themas.

3 Von 1993 bis 1999 besuchte Khoroshilova ein Internat in Holzminden, dessen Bewohner sich scherzhaft Insulaner nannten und so der späteren Fotoserie ihren Namen gaben.



Contribution of the Austrian art magazine Eikon



www.eikon.or.at

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