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EIKON N° 51: WALTER NIEDERMAYR - Von Raum zu Raum


WALTER NIEDERMAYR Raumfolgen #118 2004, C-Print © Walter Niedermayr

Zu Niedermayrs neuen RAUMFOLGEN
Carl Aigner

Als im Herbst 2001 die EIKON Sonderpublikation "Raumfolgen" von Walter Niedermayr publiziert wurde, war dies für viele eine große Überraschung: keine Photographien aus seinem alpinen, monumentalen Werkkomplex, sondern umfangreiche Serien mit Räumen von Krankenhäusern, die seit Anfang der 90er Jahre parallel zu den Berge-Arbeiten entstanden sind. Spätestens damit wurde sichtbar, dass für ihn das Thema Raum, seine anthropologische Besetzung, seine psychische, emotionale, ja spirituelle und auch autobiographische Dimension das eigentliche Sujet seiner künstlerischen Reflexionen und Bildwerke darstellt.

So rückten auch jene Räume ins Blickfeld Niedermayrs, die, wie die Krankenhausräume, mit dem Stigma des Negativen, Marginalisierten, Verdrängten, Bedrohlichen versehen sind: Gefängnisräume. Im Frühjahr 2003 arbeitete er in der Justizanstalt Berlin-Tegel, im Herbst 2003 in der Strafjustizanstalt Krems-Stein und 2004 in der Jugendstrafanstalt Gerasdorf bei Wien, aus der wir hier auch einige Arbeiten, wiederum meist Diptychen, als Erstpräsentation vorstellen. Wie bei den früheren Raumfolgen, so geht es auch hier nicht um einen vordergründigen Schrecken, um ein exaltiert Bedrohliches, sondern um das latent Beklemmende, gerade durch das Moment des Überbelichtens und der daraus resultierenden Bildästhetik, durch die sich fast der Eindruck des Unheimlichen bei längerer Betrachtung einzustellen beginnt.




WALTER NIEDERMAYR Raumfolgen #129 2004, C-Print © Walter Niedermayr



Der Raum Justizanstalt
Gabi Zrost

Von der Einfahrt bis zur Ausfahrt stehe ich unter Beobachtung. Beamte sehen mir zu, wie ich mit dem Auto in die Schleuse fahre, telefonieren, dass ich komme, dann wird das zweite Tor geöffnet und ich fahre in den Hof, dessen Stirnfront die vielen Fenster der Hafträume der Insassen bildet, die mich ebenfalls beobachten. Vereinzelt kommen aus den geöffneten Fenstern Grußbotschaften oder bereits Forderungen an mich, anonym, außer ich erkenne die Stimme.

Im Wachzimmer hole ich meine Schlüssel ab.

Jeder Raum ist nur mit einem Schlüssel zu öffnen oder wie von Geisterhand aus der Ferne.Das Kameraauge hat gesehen, dass man rein/raus will, und der Summer öffnet.

Mein Arbeitsraum ist in einem etwas abgegrenzten Bereich im Erdgeschoß, zusammen mit anderen Besprechungs- und Behandlungsräumen. Der Arzt, der Zahnarzt, der Psychotherapeut, der Psychologische und Psychiatrische Dienst, sie alle sind unter dem Titel "Sonderdienste" in einem kleinen Trakt zusammengefasst, was ein Gefühl von "Nicht Öffentlich" vermittelt.

Alle Abteilungen, die da heißen Zugang, Abt. für Langstrafige, Maßnahmenabteilung, Entlassungsvollzug, sind über unseren Köpfen. Je nachdem wo man sich befindet, hört man Schritte, Rufen, Hanteln, die zu Boden krachen, Musik aus den verschiedenen Kulturkreisen und wieder Rufen, schreiend geführte Unterhaltungen über die geöffneten Fenster, man kann sich nicht anschauen dabei, manchmal Streit, Beschimpfungen, dumpfes Poltern, wenn Körper oder Gegenstände sich zu den Stimmen mischen . . .




WALTER NIEDERMAYR Raumfolgen #132 2004, C-Print © Walter Niedermayr


Unbegleitet bewegt sich ein einzelner Insasse - je nach Grad der sogenannten Vollzugslockerung - in der Anstalt nur, wenn ein Ziel vorhanden ist. Das Ziel kann sein: ein Besuch im Besucherraum, ein geplantes Gespräch beim Sozialen Dienst oder den anderen Sonderdiensten, der Seelsorger, allerdings ist das "Ziel" der Initiator der Bewegung des Insassen, er kann nicht selbst bestimmen, wann er welche Räume betritt oder wieder verlässt.

Gruppenweise werden die Insassen zum Arbeitsplatz in den eingeschoßigen Werkstatträumen geführt. Arbeitsgruppen gehen gemeinsam zum Mittagessen, alle Gruppen zu unterschiedlichen Zeiten, da der Speisesaal nur für eine bestimme Personenanzahl Raum bietet, und wieder zurück zum Arbeitsplatz oder in die Abteilung, wenn die Arbeit für heute beendet ist.

Die Abteilungsgruppen gehen gemeinsam und immer unter Bewachung durch die zuständigen Beamten zum täglichen Abendessen oder zur Ausspeise, der wöchentlichen Gelegenheit, in einem Kiosk eines von draußen kommenden Händlers einzukaufen. Es sind sich durch die Anstalt bewegende, laute, mit Gerangel und Unruhe verbundene Menschenschwälle, vor verschlossenen Türen stockend, dann wieder durch die Räume fließend, bis zum nächsten Hindernis.

Die Abteilungen beherbergen jeweils 28 Personen, 22 davon in Einzelhafträumen untergebracht, pro Abteilung gibt es zwei 3-Bett-Hafträume. Sehr begehrt sind diese Mehrmannhafträume, da sie größer sind als die Einmannhafträume, aber häufig entsteht bald nach Einzug auch wieder der Wunsch nach Auszug, da das Zusammenleben eine höhere soziale Kompetenz oder Unterwürfigkeit erfordert, oder man hat dann selbst einen Fernsehapparat bekommen und ist daher nicht mehr auf den des anderen angewiesen.




WALTER NIEDERMAYR Raumfolgen #124 2004, C-Print © Walter Niedermayr


Jeder 8m² große Haftraum bietet die Möglichkeit zum fast privaten Rückzug, es bleibt nicht viel Raum über, der nicht durchs Guckloch überschaut werden kann.

Von 20h bis 7h früh, am Wochenende ab 18h ist "Einschluss". Man ist im Haftraum eingesperrt. Kommunikation mit den diensthabenden Beamten findet dann über einen Lautsprecher ins Wachzimmer im Erdgeschoß oder durch die Tür mittels einer Klappe ungefähr in Brusthöhe statt.

Kommunikation zwischen den Insassen wird dann über die geöffneten Fenster geführt.

Der Strom wird um Mitternacht abgedreht.

Der Einschluss im Einzelhaftraum ist an der Haft jener Umstand, der von den Jugendlichen als besonders unerträglich beschrieben wird. Das ist das Gefängnis, das ist die Strafe. Allein sein. Dann kommen die Gespenster der Vergangenheit, die Tat wird wieder erinnert, die Schuldgefühle erwachen und der Schlaf ist auf Flucht. Nun, da die Außenräume dunkel sind, werden die inneren lebendig.

Das ist die Zeit, in der ich, wieder von allen beobachtet und beneidet, in meinen kleinen, fahrbaren privaten Raum steige und die Freiheit spüre.

PS: Wesentlich als Psychiaterin ist für mich, dass die Kontrolle und Freiheitsberaubung und Bestrafung, die das Gefängnis gegenüber den Jugendlichen ausübt, mit all seinen tatsächlichen (gebauten) Räumen, resp. den ideellen, die die Autorität, Gericht, Strafe, Subkultur . . . beinhalten, lange nicht als so unerträglich erlebt werden wie die inneren, seelischen Räume, dort, wo die Gespenster und die wahren Gefängnisse und Bestrafungen wohnen.

PS.: Die EIKON Sonderpublikation #7, Walter Niedermayr "Raumfolgen" 1991-2001, erhalten Sie exklusiv bei EIKON unter office@eikon.or.at

WALTER NIEDERMAYR geboren 1952 in Bozen. Lebt und arbeitet in Bozen

CARL AIGNER geboren 1954 in Ried am Innkreis. Lebt in Krems und Wien

GABI ZROST, Psychoanalytikerin und Psychiaterin, geboren 1957 in Wien. Freie Praxis in Wien und seit 1997 in der JA für Jugendliche Gerasdorf /Wr. Neustadt tätig. Lebt in Wien

www.eikon.or.at

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