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EIKON: Blanca Casas Brullet – Es spielt (k)eine Rolle, welche Rolle man spielt


Alma 2004, Colour photography 40 x 40 cm © Blanca Casas Brul

Der Körper des Menschen in seinem "alltäglichen Gebrauch" ist untrennbar mit der Kleidung verbunden, in dem Sinne, dass die ausgewählten Kleider - jedes für sich und alle zusammen - von ihrem Träger erzählen und dessen Charakter widerspiegeln. Blanca Casas Brullet "entlarvt" diesen Körper, sie "entfaltet" ihn, indem sie Schicht für Schicht freilegt.

Die spanische Künstlerin mit der Pariser Wahlheimat rückt das oft Unbeachtete, vielleicht im Augenwinkel flüchtig Wahrgenommene in den Blick. Sie beginnt, Kleidungsstücke zu photographieren, die sie in den Straßen zurückgelassen vorgefunden hat und entdeckt deren erzählerisches Potential. Die Videoarbeit "Prendas" schildert die Geschichte einer jungen Frau, die wie in einem Kampf und doch poetisch-tänzerisch damit beschäftigt ist, ihre Kleidung los zu werden: den Schal, der sie zu erwürgen droht, bis er schließlich an der Dachrinne hängen bleibt; den Rock, aus dem sich die Frau herauswindet wie eine Schlange, die in ihrer Häutung begriffen ist, ehe er verlassen und wie leblos in der Straße zurückbleibt. Es war Casas' Suche nach einer Möglichkeit, den Körper nicht als etwas Abgeschlossenes, Undurchsichtiges und stets gleich Bleibendes zu präsentieren, sondern sein Eingeschriebensein in die Umgebung zu demonstrieren, die sie dazu brachte, rund um die Vorstellung des Häutens zu arbeiten.




Prendas 2001, Video (stereo, PAL), 10'30'', mit Arantxa Martinez © Blanca Casas Brullet


In der zweideutigen Natur der gewählten Titel spiegelt sich der besondere Bezug zur Sprache, den die Arbeiten der Künstlerin vermitteln. Steht "Prenda" zum einen für das Kleidungsstück, so kann es auch als Pfand übersetzt werden. Das Pfand, das für den Besitz eines neuen Lebensabschnittes eingesetzt wird, um vielleicht eines Tages von jemand anderem wieder eingelöst zu werden. Die Künstlerin macht diese Poetik - in den Zwischenräumen der Sprachübertragung versteckt - zum wichtigen Träger ihrer Botschaften.

So auch, wenn sie "Parasitosis" als Titel einer ihrer jüngsten Serien von Videoarbeiten wählt. Casas gibt dem Parasiten, dem so genannten Schmarotzer, seine Ehre zurück, indem sie ihn nicht länger als den ungebetenen Gast beschreibt, sondern ihn - nach der griechischen Tradition - als jenen "Tischgenossen" sieht, der zwar auf Kosten seines Gastgebers lebt, diesen aber auch durch seinen frechen Witz und seine Gesprächigkeit von der Langeweile befreit. War der Parasit Protagonist im antiken Lustspiel, so ist er es nun wieder in den Videos Blanca Casas Brullets. Der in "Prendas" dargestellte Wechsel der Haut war nur die erste Stufe der Mutation des Körpers, jener Anpassung des Menschen an sich selbst ebenso wie an sein urbanes und soziales Umfeld, die in "Parasitosis" ihre Fortsetzung findet.

In dieser Videoserie entwickelt die Künstlerin Bilder subtiler Assoziationen, unerwarteter Begegnungen, in denen die Körper mit der Logik der Heterogenität konfrontiert werden. Die Bilder beschreiben Plätze und Momente anscheinend banalen Kommens und Gehens, in denen zwei Fußgänger plötzlich zusammentreffen. In einer absurden Choreographie stecken sich ihre Körper dann ineinander wie eine alltägliche Handlung. Nachdem sie sich gekoppelt haben, setzen sie ihren Weg als Gastgeber und Parasit fort.

Einer der Schauplätze ist ein Gehsteig am Rande einer Straße, auf dem zwei Männer einander entgegengehen. Sie erreichen dieselbe Höhe, als der eine den anderen plötzlich umfasst und wie ein Verkehrsschild mit sich fortträgt. Ein anderes Mal sitzt eine junge Frau auf einer Bank, den Blick in die Ferne gerichtet. Ein Mann gleichen Alters setzt sich teilnahmslos ans andere Ende, und plötzlich, völlig unerwartet, schlingt er sich um den Nacken der Frau. Diese steht auf und trägt ihn wie ein Bündel fort. Ein weiteres Mal springt ein Mann den ihm Entgegenkommenden an und setzt sich wie ein Zeck an ihm fest. Der "Befallene" geht weiter, als wäre nichts Außergewöhnliches passiert.



Parasitosis 2004, Video (stereo, PAL), 16' © Blanca Casas Brullet

Offen bleibt in jeder dieser Begegnungen, wer der Gastgeber und wer der Parasit ist und ebenso, was die beiden Körper miteinander verbindet, ob es etwas Soziales, Funktionales oder Emotionales ist. Unklar bleibt auch, ob diese Verkoppelungen lang anhaltende Knoten sind oder nur kurze Verstrickungen. Eines ist jedenfalls sicher: Widerstand ist zwecklos. Blanca Casas Brullet inszeniert das Aufeinandertreffen der Figuren auf unspektakuläre Art und Weise, andere Passanten scheinen die Vorgänge zu ignorieren, ja nicht einmal zu bemerken. Es sind Schilderungen des Alltags im Reich der Normalität. Casas macht das Unsichtbare sichtbar mit einer Selbstverständlichkeit, die uns - als Parasiten und Gastgeber entlarvt - zum Lachen bringt.

Ihre Vorbilder finden sich in den Filmen eines Jacques Tati, Buster Keaton oder Charlie Chaplin, deren choreographische und oft beeindruckend akrobatische Bewegungen Casas faszinierten. Die wörtlichen Illustrationen von Metaphern lassen an dadaistische und surrealistische Strategien denken. Doch unabhängig davon - und vielleicht in höchstem Maße - ist es Casas' eigene Lebensweise, die ihre Arbeiten fast logisch begründet: Wenn sie bevorzugt geschenkte Kleider von Menschen trägt, mit denen sie Geschichten als Gastgeber und Parasit verbindet. Wie ein Einsiedlerkrebs schlüpft sie in verlassene Gehäuse, an denen sie Gefallen findet, sie löst das Pfand ein und wird somit zu jenem ehrenwerten Parasiten, der Abgelegtem und Totgeglaubtem ein neues Leben gibt.

BLANCA CASAS BRULLET geboren 1973 in Mataró/Barcelona. Lebt und arbeitet in
Paris
ELISABETH M. GOTTFRIED geboren 1973 in Wien. Lebt in Wien

www.eikon.or.at

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