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Explosion


Naoya Hatakeyama - Blast 0608

Explosionen faszinieren aufgrund ihrer sinnlichen Brutalität. Doch was geschieht, wenn diese Brutalität subtrahiert wird? Wenn der Explosion die faszinierenden Wesensmerkmale genommen werden? Wenn sie plötzlich ganz still ist, unbewegt und zweidimensional? Wie überlebt ihre Kraft auf Fotografien? Wieviel subjektive Expressivität lässt ein „erhabenes“ Ereignis wie die Explosion und ein wirklichkeitsabbildendes Medium wie die Fotografie überhaupt noch zu?
Die weiter unten angeführten Beispiele von Explosionsfotografien bzw. Fotografien des Zerberstens verdeutlichen, wie verschieden man sich diesem Thema – trotz aller Schwierigkeiten – annähern, und wie unterschiedlich die beim Rezipienten hervorgerufene Wirkung ausfallen kann.

Steinhartes, massives Material wird in dem Bruchteil einer Sekunde mit einem ohrenbetäubenden Knall in unzählige, kleinste Partikel zersprengt – keines unserer Sinnesorgane kann diesem Gewaltakt folgen; sie werden stattdessen überwältigt von einer unfassbaren Kraft, Destruktivität, Geschwindigkeit und Penetranz.
Das, was sich uns in dem Moment einer Explosion darbietet, lässt sich von unserem Verstand nicht ordnen, geschweige denn zuordnen. Es sind informelle Bilder von entropischen, unberechenbaren Bewegungen und Auflösungen, Bilder von zerschmetterten, herumwirbelnden Teilchen, die sich der Kontrolle, Identifikation und Bedeutbarkeit entziehen. Was da in einer schockierenden Plötzlichkeit in wohlgeordnete, alltägliche Kausalitätsgefüge einbricht, unsere Wahrnehmung überfordert und unsere Instinkte alarmiert, lässt sich nicht beherrschen. Genau darin findet der Mensch seine Angst, seine Bedrohung, sein Trauma – und eben auch einen besonderen ästhetischen Reiz.



Cristian Andersen

Dieser Reiz lässt sich der Ästhetik des Erhabenen zuordnen. Das Erhabene bezeichnet – nach Edmund Burke – ein Gefühlsmoment, das nicht in die Kategorie des Schönen fällt, sondern sehr gegensätzliche Wahrnehmungen in sich vereint: Lust, Unlust, Gefahr, Angst, Schrecken und Erleichterung.
Das Gefühl des Erhabenen ergreift beispielsweise dann von einem Besitz, wenn man ein (lebens-)bedrohliches Ereignis aus sicherer Entfernung beobachtet.
Kant verdeutlicht, dass das Erhabene im Gemüt des Zuschauers durch den Widerstreit zweier Vernunftvermögen (Vernunft und Einbildungskraft) entsteht und nicht im Gegenstand selbst, im Ereignis vorzufinden ist.
Die Einbildungskraft ist unfähig, das Unsagbare darzustellen (Unlust), während die Vernunft durch das Scheitern der Einbildungskraft das Vorhandensein ihrer großen Ideen beweist (Lust). Im Vergleich zu den anderen Anschauungen ist es im Falle des Erhabenen nicht möglich, den Gegenstand als schön identifizierbare Form zu erkennen, weil die grundlegenden Synthesen von Raum und Zeit hier nicht gelingen.
Lyotard, der den Begriff des Erhabenen insbesondere auf die Avantgardekunst des 20. Jahrhunderts überträgt, sieht den produktiven Wert des Erhabenen darin, dass die Einbildungskraft angeregt wird, dem Unsagbaren und Undarstellbaren einen Ausdruck zu verleihen.
Bohrer betont die Aspekte der Plötzlichkeit und des Schreckens im Gefühl des Erhabenen, die auch wesentliche Momente des Undarstellbaren, des Sinnlich-Überrumpelt-Werdens ausmachen.

Die Explosion gehört als Ereignis und Erlebnis in diese ästhetische Kategorie, nicht aber unbedingt als Darstellungsgegenstand. Die rabiate Kürze der Zusammenfassung über das Erhabene soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die künstlerische Suche nach dem Undarstellbaren nicht einfach durch die Besetzung mit einem konkreten Inhalt abgeschlossen werden kann, im Gegenteil: sie beginnt immer wieder von neuem und funktioniert nicht nach Rezept. Doch die phänomenalen Merkmale der Explosion, ihre Erhabenheit für uns, erklärt die häufig und vielfältig vorkommende künstlerische Beschäftigung mit der Explosion als einer undarstellbaren Erfahrung.

Eine Besonderheit in den Bildern Hatakeyama ist die Betonung eines formschaffenden Aspekts der Explosion. Das Auseinandertreiben der Teilchen erfolgt nicht im totalen Chaos, sondern in der Ordnung einer gleichmäßigen Druckwelle. Es entsteht eine neue Form, eine Art Skulptur, die – wenn sie auch nur weniger als einen Augenblick existiert – von einer unsagbaren Kraft gestoßen und gleichzeitig gehalten, von ihr geformt und gleichzeitig zerstört wird. Die Tatsache, dass hier rohes Material, abstrakte, explodierende Steinlandschaften ohne kontextbildende Details fotografiert werden, betont ebenfalls den stark skulpturalen Eindruck.



Martin Klima

Auf Christian Andersens Fotografien werden konkrete Alltagsgegenstände zersprengt, die als menschliche Macht-, Geld- oder Wissenssymbole Sicherheiten bieten, aber auch ein erhebliches Maß an Frustrationspotential mit sich bringen. Dieses Verhältnis wird in seiner Zwiespältigkeit verstärkt, indem der Betrachter in ein dunkles, bedrohlich-vogelfreies Umfeld ausgesetzt wird, wo der Gewissheit und Fortschritt repräsentierende Ort mit destruktivem Licht lockt. Es vermischen sich Unsicherheit und Befreiung, wo sich menschliche Wertzuschreibungen auflösen und nichts weiter bleibt als die nackte Materialität eines nun wertlosen Gegenstandes.
Die konkret alltäglichen Objekte auf Andersen Bildern schaffen automatisch einen direkten Lebensbezug, ein gesellschaftliches Umfeld, das negative Bezüglichkeiten unmittelbar in sozialkritische Kommentare übersetzt.

Martin Klimas’ Bilder zeigen chinesische Porzellanfiguren, die im Moment ihres Aufpralls auf einer harten Oberfläche, also im Moment ihres Zerberstens und Zerschmettert-werdens, fotografisch festgehalten wurden.
Interessanterweise wird hier aber – im Vergleich zu Hatakeyamas Bildern – ein wesentlich stärkerer Fokus auf eine Erzählfolge gelegt, d.h. es gibt Subjekt, Objekt und Handlung in dieser Momentaufnahme. Die Fokussierung inmitten eines Auflösungsprozesses ist nicht allein der Darstellung von Menschen zuzuschreiben, sondern vor allem einer scheinbar gezielt funktionierenden Zersprengung, die handlungsbezogene Körperteile unbeschädigt lässt und so eine Agensverschiebung vortäuscht.
Der meditierende Porzellanmönch bewirkt seine eigene Zerstörung von Innen; er selbst wird sich zur Sprengkraft, er selbst ist Subjekt und Objekt dieses Geschehens.
Dass der Kopf der Figur mit einem bestimmten Gesichtsausdruck heil bleibt, in noch sinnvollem Abstand über dem zerberstenden Körper schwebt, bietet uns sofort einen Anhaltspunkt für Identifikation, Interpretation und Zuordnung des destruktiven Vorgangs.
Die Zerstörung ist nicht undefiniert und bis zu einem gewissen Grade abstrakt – wie bei Hatakeyama, sie ist aber auch nicht sozialkritisch und bedrohlich – wie bei Andersen; sie ist stattdessen sehr stark subjektiv eingegrenzt, ästhetisch inszenierter und erzählerischer – und somit viel weniger aufwühlend als die anderen vorgestellten Fotografien.

Die faszinierende Spannung entsteht auf diesen drei unterschiedlichen Fotografien durch das fotogenaue Abbilden eines erhabenen Moments und durch das trotzdem Nicht-Abbildbaren desselben. Unsere Wahrnehmung wird von der Idee des Erhabenen, von ihrer Erinnerung angeregt und geleitet. Das Erhabene selbst wird jedoch nicht abgebildet; und so wird am Ende doch ein eigenes Werk vorgestellt, das die subjektive Note eines Autors aufweist und sich bei längerem Betrachten immer mehr von dem bloßen Ereignis Explosion loslösen und selbst definieren kann…

www.jette-rudolph.de

www.lagalerie.de

www.galerie-cosar.de

Text: Armi Lee
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