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Berlin Special Teil 2: Interview mit Edmund Piper (Kunstsalon)


Edmund Piper (Kunstsalon) im Gespräch mit M. Claassen (Artfacts.Net), 1.10.2006

AfN: Sehr geehrter Piper, Wie sind Sie zur Kunst gekommen?

Edmund Piper: Wie die Jungfrau zum Kinde.

AfN: Wie die Jungfrau zum Kinde?

Edmund Piper: Ja, ja. Ich war schon immer stark optisch orientiert - würde ich mal sagen. Hatte schon in Jugendtagen einen Sammelfetisch. Ich war nämlich leidenschaftlicher Comicsammler und Bildergucker. Auf jeden Fall wurden die Dinger immer anspruchsvoller, bis ich dann irgendwann bei den Franzosen gelandet bin, die da ja dann wirklich nur noch Papierarbeiten gemacht haben. Also großformatige Aquarelle. Ich hab mich dann immer mehr in die Originale verliebt statt in die reproduzierten Heftchen. Hatte parallel so 'ne Vergangenheit. Linker Aktionismus, besetzte Häuser, Projekte im öffentlichen Raum, und und und. Und da sind wir dann über einen Projektraum in dem Kunst gezeigt werden sollte gestolpert - am Anfang dann auch viel comiclastiges Zeug - wir sind dann immer mehr hineingeschlittert in das, was wir hier jetzt junge zeitgenössische Kunst nennen. Also, es war so eine Art Ausbildungsprozess, der mir über die Künstlerinnen und Künstler angedient wurde.

AfN: ... und das private Interesse.

Edmund Piper: Ja, ja klar. Aber man lernt dann Leute kennen, die einen gewissen Anspruch haben und lernt von ihnen. Dann interessiert' s einen immer mehr und so rutscht man rein.

AfN: Haben Sie den KunstSalon initiiert? Wie und warum ist die Idee entstanden?

Edmund Piper: Wie und warum?

AfN: Erst mal initiiert.

Edmund Piper: Ja klar initiiert, stimmt schon. Ich habe ja damals noch mit dem Andreas Engler zusammen gearbeitet. Zu Zeiten des ersten KunstSalon. In diesem Team hatte ich immer so die inhaltlichen Sachen inne und er den, nennen wir es mal Akquise, Organisations- und Finanzierungspart. Ja und hinterher haben wir uns tatsächlich wirklich über inhaltliche Sachen zerstritten. Also, nicht so wild. Die KunstSalonidee kam ja selber auf- natürlich auch vor dem Hintergrund der Tätigkeit als Herausgeber eines kleinen Kunstheftchens. Damals gab es ein Kondensat - so hieß das. Es war so ein bisschen der Vorläufer der jetzigen beiden Hefte Berlin | art | info und dem Kunst Magazin Berlin und da hatte ich mit dem Spunk Seipel die inhaltliche Betreuung des Kondensat inne. Und habe unheimlich viele Leute kennen gelernt, auch überregional. Ich habe da einfach einen Freiraum in der Veranstaltung von, sagen wir einmal kuratierten Messen oder so Messen, entdeckt, die einen Tick anders funktionieren als sagen wir mal das Art Forum.

AfN: Also für mich ist es immer wieder eine Wohltat, nach dem Art Forum den KunstSalon zu besuchen. Man hat das Gefühl einen wirklichen Freiraum für die Kunst zu betreten. Frei von den üblichen Spiel Geld = Kunst. Glauben Sie, dass der Berliner KunstSalon mit dieser Haltung den Mainstream Kunstbetrieb provoziert?

Edmund Piper: Das kann ich nicht beurteilen, weil ich mich nicht als Teil dieses Mainstream sehe und insofern auch nicht nachvollziehen kann, wer provoziert sein könnte und wer nicht. Und wenn es eine Provokation ist, würde ich es auch schade finden, weil es eher als so etwas wie eine inhaltliche Erweiterung gedacht ist. Klar ist, dass die Kunst, also auch wir, den Markt braucht. Wir wollen ja alle davon leben. Wir brauchen die Sammler. Wir brauchen die Kuratoren und die Galeristen. Darum sind wir ja auch hier, jetzt auch mit dem Kunstsalon. Das ist unheimlich wichtig für uns. Sich jetzt hinzustellen und zu sagen, wir stehen Jenseits des Marktes, wäre total unreflektiert, weil wir natürlich nicht Jenseits des Marktes stehen sondern nur eine andere Position in diesem ganzen Gefüge innehaben. Nämlich die, dann auch für die Besucher der Messen einen Ausgleich zu schaffen, bei dem nicht der Handel im Vordergrund steht sondern doch die Wahrnehmung der Kunst. Was gerade bei dem Programm das wir bieten, wo es um Nachwuchsförderung geht, darum neue Leute, vielleicht auch für den Markt zu entdecken. Es ist viel wichtiger die Kunst wirken zu lassen damit nämlich die ganzen Profis, die hier in der Stadt sind, auch mal ein bisschen gucken können. Das ist eine etwas andere Geschichte aber nicht als Provokation gedacht. Und das sehen wir ja jetzt auch hier, als Beispiel mit dem Projektraum der Galerie Kunstagenten hier um die Ecke, oder noch verschiedener anderer hier. Kunstpunkt Berlin. Die haben auch teilweise Einzelpräsentationen von Projekten oder von Künstlern hier auf dem Kunstsalon, zum Beispiel Artists Anonymous, welche ja schon ein bisschen bekannter sind. Jetzt hier bei Goff + Rosenthal vertreten, die gerade aufgemacht haben, aber hier ein Projekt machen. Die Idee diesen Freiraum anzunehmen funktioniert jetzt auch so langsam. Es hat zwar ein bisschen Überzeugungskraft und Durchhaltevermögen gekostet aber es wird doch angenommen. Die Chance, sagen wir mal Sammler zu sich auf den Messestand einzuladen, dann aber noch den Nachwuchs hier um die Ecke zu haben, den man mit noch ein bisschen mehr Raum präsentieren kann ist doch 'ne super Gelegenheit.

AfN: Kann man das hier auch so ein bisschen als grassroot movement bezeichnen? Ist es so was? Es gibt ja auch immer diese Diskussion, vor allen Dingen mit Messebetreibern, die sagen immer wir sind emerging oder das und das. Es gibt ja diese keywords. Ich hab so das Gefühl, dass der Kunstsalon immer außerhalb dessen steht. Oder ist das hier auch als so eine Art - da kommen wir später noch zu - so eine Art Erstplatzierung gedacht?

Edmund Piper: Das kann ich nicht sagen. Ich arbeite erst mal aus dem Bauch raus. Es ist zwar sicherlich ein Konzept und es ist natürlich angedacht und man guckt auch jedes Jahr was man verbessern kann aber die Konzepte kommen immer hinterher.

AfN: Durch das tun!?

Edmund Piper: Ja, da passiert 'ne Geschichte und dann muss man zusehen, wie man sie pflegt und wie man damit umgeht und wie man sie modifiziert und dann darf man wieder aufschauen und überlegen und wie man es weiter modifiziert. Also, es ist eigentlich eher schon fast eine künstlerische Arbeit oder ein Modellieren des Projektes, als hinzugehen und unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten darauf zugucken, eine Freistelle in diesen marktwirtschaftlichen Gefüge zu entdecken und dann für eine bestimmte Zielgruppe was zu platzieren. Das machen wir nicht.

AfN: À la Tokyo Hotel in der Musik, oder so was.

Edmund Piper: Ja, das funktioniert auch aber wir machen das eben anders. Ich glaub so verträgt es sich, da wir ja mit Kunst arbeiten, sehr gut. Da kann man gut rein wachsen und die Leute haben auch was davon. Wir haben das hier wirklich, jetzt mit René Wirths zum Beispiel, der hat wirklich alle Sachen hier verkauft und hat dann gleich noch eine Galerie gefunden, die ihm zur Art Cologne bringen will... Also hier passieren so kleine Geschichten, an denen man sieht, dass es funktioniert und dass die Idee aufgeht, obwohl es das richtige Konzept so aufgeschrieben nicht gibt.

AfN: Ist der Kunstsalon eine wachsende Veranstaltung? Wie viele Galerien und Projekte nahmen letztes Jahr teil? Wie viele sind es dieses Jahr?

Edmund Piper: Die Anzahl ist gleich geblieben im Verhältnis zum vorigen Jahr. Wir haben jetzt 52. Ein bisschen verändert hat sich die Architektur. Weil wir den Raum, den wir im letzten Jahr riesengroß mit der Sonderschau von Asim Chughtai bespielt haben...

AfN: Ja

Edmund Piper: ... jetzt auch an vier unterschiedliche Projekte abgegeben oder unterteilt haben und dadurch auch die Möglichkeit haben viel offener zu bauen.

AfN: Das ist mir aufgefallen. Das ist sehr angenehm. Also gerade, wenn man eintritt ist es unheimlich frei.
Edmund Piper: Genau.

AfN: Also nicht diese kleinen beengenden ...

Edmund Piper: Letztes Jahr, bei der Art Cologne war im Keller dieser free space oder was die da hatten. Die hatten doch diese Sonderschau im Keller?

AfN: Ich war da ja nicht da. Die hast Du gemacht?

Edmund Piper: Ne, also bitte, Wenn ich so was mal machen dürfte wäre ich glücklich.

AfN: Glücklich [lacht] Das schreibe ich auf.

Edmund Piper: Da war ich unglaublich beeindruckt mit wie viel Mut zum Raum man da arbeiten kann und hab mir sofort gedacht: Ja mein Gott, dass war im nachhinein ein Fehler vom letzten Jahr, es so dicht zu machen, ja.

AfN: Ja

Edmund Piper: Also, nicht nur die Quantität zählt, sondern wie man im Raum platziert und wie man mit dem Raum arbeitet.

AfN: Ja

Edmund Piper: Darum ist die Aussteller Anzahl gleich aber alles auch ein bisschen weitläufiger.

AfN: Die Berliner Preview hat schon bei der zweiten Ausgabe das Problem, dass Galerien, die abgelehnt wurden, versucht haben, sich auf den Klageweg rein zu streiten. Auch der Kunstsalon hat nur eine begrenzte Fläche. Habt Ihr mit solchen Auswahlproblemen zu kämpfen? ... und wie wählt ihr aus?

Edmund Piper: Es ist natürlich ein Witz, dass die das haben. Bei uns gab's natürlich auch Leute die versucht haben, da juristisch irgendetwas zu machen. Was ich total lächerlich finde und den Leuten auch völlig humorlos antworte. Also, weil irgendwo hört es auch auf. Man macht so ein Projekt und gibt sich alle Mühe das gut zu machen und wenn dann Leute nicht in dieses Profil passen, ja, abgelehnt werden, dann sagt das ja auch gar nicht darüber aus, dass die Qualität die diese Leute bringen nun schlechter ist oder besser. Sie passen dann halt in diese Ausgabe nicht. Da gibt es überhaupt kein Recht sich einzuklagen. Ich find's eigentlich recht unverschämt muss ich mal sagen.

AfN: Ja, ja der Chrisitan Jarmuschek hat gestern in diesen Interview gesagt: Die Revolution frisst ihre Kinder auf. Trifft das auch auf Euch zu? Den Kunstsalon?

Edmund Piper: Ne, denke ich nicht, ne, ne. Ich mein, es ist zwar klar, dass sich ein Projekt modifizieren muss, so irgendwie, soweit es sich den marktwirtschaftlichen Gegebenheiten beugen muss oder anpassen muss - das bleibt nicht aus. Wir sind da aber schon ganz locker.

AfN: Ja, Im letzten Jahr gab es am gegen Ende des Berliner KunstSalons eine Podiumsdiskussion zum Thema Berliner Messelandschaft. Wir haben hier 4 Kunstmessen zur gleichen Zeit. Sie waren bei der Diskussion auch sehr, sehr entspannt, haben sich eher rausgehalten - so hatte ich das Gefühl. Ist diese Haltung geblieben?

Edmund Piper: Ja schon. Also ich glaub' auch, dass so öffentliche Diskussionen nichts bringen. Wir haben auch im letzten Jahr daraus für uns die Schlussfolgerung so was nicht mehr zu Veranstalten.

AfN: Ja

Edmund Piper: Das ist Quatsch. Man darf auch die Veranstalter nicht vorführen indem man sie so öffentlich alle hinsetzt. Oder darf dann auch nicht erwarten, dass die Sachen, die man auch selber für wichtig erachtet, dass die dann ausgesprochen werden, dass ist Quatsch.

AfN: Es muss nicht alles breit getreten werden.

Edmund Piper: Ja, genau und dieser ganze Szenetratsch, wer jetzt wen wie findet gehört nicht aufs Podium sondern im privaten informellen Bereich besprochen und ...

AfN: Aber es war Eure oder Deine Idee?

Edmund Piper: Ja es war 'ne Idee aber es sind nicht alle Ideen so super.

AfN: [lacht]

Edmund Piper: [lacht] Muss ich mal sagen. Manchmal macht man die und muss dann sagen OK es war nicht so gut und denn macht man es hoffentlich ...

AfN: anders

Edmund Piper: besser oder anders.

AfN: Ja, die Art Basel hat eine Liste und eine Volta. Diese Messen, heißt es, fungieren auch als eine Art Boiler (Durchlauferhitzer) für eine Spätere Teilnahme an der Art Basel. Sehen Sie so eine Entwicklung auch in Berlin? Wie ist Ihre Haltung zum Art Forum? Der Preview und der Liste? Wie spielen Sie da so rein. Ich mein wir hatten ja gerade gesagt man soll die Sachen nicht breit treten, aber wir hatten es jetzt hier in der Diskussion ja schon gehört das Künstler, ja dann auch irgendwo entdeckt werden und zu anderen Messen kommen. Äh, ist das so eine Art Wunschvorstellung, dass das hier so eine Art Entdecker- äh -Pool ist oder ist das einfach noch ein anderes soziales Umfeld hier, wo man sagt die eine Welt hat mit der anderen nur partiell zu tun?

Edmund Piper: Wie gesagt, man kann sich ja nicht herausnehmen aus dem Markt - hatte ich ja schon gesagt. Ist ja auch illusorisch, dass versuchen zu wollen. Ähm, und letztendlich ist es so eine Art Entdeckerpool, weil Leute, die da eher unbekannt sind oder in einem Projekt vertreten sind plötzlich in einer Galerie auftauchen und auf einer Messe präsentiert werden. Sich dann auch im realen Leben dieser Künstler etwas ändert. Die können dann Ihre Miete bezahlen - plötzlich. Das ist positiv. Also, so. Und es gehört zum Profil des Kunstsalons, dazu ist er auch da und das war auch anvisiert und gedacht halt, dass Leute, je nachdem wo sie sich befinden hinterher vielleicht sich noch weiterentwickeln können. Also, dass man nach einem bestimmten Potential auch noch aussucht. Und in so fern, sehe ich uns da eher neben diesen ganzen Messen stehen. Ich mein die Messen haben auch alle ihr eigenes Profil. Ich würde jetzt mal eher etwas provokant sagen, dass die Leute, die hier ausstellen noch eher die Hoffnung hegen auf's Art Forum zu gelangen oder auf die FRIEZE aber nicht auf der Liste zu landen. Da gibt es dann schon auch Ansprüche, die sich an die Kunst richten, wo man sagt, da haben sich Leute ...

AfN: Also es gruppiert sich

Edmund Piper: Da haben Leute deshalb lange sich von Galerien ferngehalten, weil Sie selber auch einen bestimmten Anspruch vertreten und dann für bestimmte Galerien offen sind und für andere halt weniger offen - je nach dem. Und uns geht es auch schon sehr um die Kunst selber.

AfN: Ja

Edmund Piper: Also, viel mehr um die Kunst als um den Verkauf halt.

AfN: Ja, ja das merkt man. Es ist ja auch sehr angenehm, dieses - äh ich mein auch, dass die anderen Messen sehr viel relaxter geworden sind, weil es auch mehr Umsätze gibt, das merkt man, klar - aber hier hat man auch irgendwie das Gefühl äh so äh - wir machen ja auch selber Rankings und stehen mit unserer Publikation nah am Markt - aber hier hat man echt das Gefühl hier geht es erst mal um die künstlerische Aussage und der Rest ist erst mal komplett egal.

Edmund Piper: Ja, ja

AfN: Also Platzierungen oder so ein ganzer Kram...

Edmund Piper: Das ist erst mal zweitrangig

AfN: Ja

Edmund Piper: Kommt dann

AfN: Kommt zwangsläufig.

Edmund Piper: Wenn die Leute gut sind, dann kommt es eh. Da müssen wir uns keinen Kopf machen.

AfN: Herr Piper, haben Sie ein persönliches Motto oder einen Lebensslogan?

Edmund Piper: Alles wird gut.

AfN: [lacht]

AfN: Herr Piper, Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Edmund Piper: Ja, Mensch, ich danke. War nett.

www.berlinerkunstsalon.de

(4.10.2006)

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