Language and login selector start
Language and login selector end

Berlin Special Teil 3: Interview Dr. Wolfram Völcker (Berliner Liste)


Dr. W. Völcker (Berliner Liste), M. Claassen, A. Holweg (Artfacts.Net) 1.10.06

AfN: Sehr geehrter Herr Dr. Völcker, wie sind Sie zur Kunst gekommen?

Dr. Wolfram Völcker: Ich bin in Worpswede aufgewachsen. Was ein sehr kunstsinniges Dörfchen ist und meine Eltern haben immer auch gesammelt. Die haben Worpsweder Maler gesammelt. Und das hat mich immer interessiert. Und es gibt natürlich eine Familientradition, die ist sehr wirtschaftlich ausgeprägt. Aber, als ich sozusagen die Pflicht erledigt hatte, habe ich dann direkt meine Galerie aufgemacht.

AfN: Die Pflicht ist was? So ein Studium?

Dr. Wolfram Völcker: Das Studium genau, was wirtschaftliches.

AfN: [lacht]

Dr. Wolfram Völcker: Also, ich hab Wirtschaft und Philosophie studiert.

AfN: Philosophie. Aber Wirtschaft hat ja auch was mit der Galerie zu tun?

Dr. Wolfram Völcker: Ja, natürlich. Eine Galerie ist ein kommerzielles Unternehmen.

AfN: Beides vereint, Passion und Geschäft.

Dr. Wolfram Völcker: Genau. Also, von daher habe ich den idealen Beruf, weil ich das tun kann, was ich gerne tue und auch das, was ich kann.

AfN: Es ist verrückt, weil wir viele Interviews machen und mit vielen Kunstleuten sprechen und die meisten haben Kunstgeschichte studiert. Es ist schön, dass man mal jemanden sieht der von außen reinrutscht.

Dr. Wolfram Völcker: Ja aber, dass hat natürlich auch große Nachteile, also die Kunsthistoriker sind natürlich in vielen Gebieten einem Wirtschaftler wie mir überlegen. Andererseite hat dieser Umstand Vorteile, weil ich andere Fragen stelle. Also, ich arbeite an einem Buch, was im Frühjahr herauskommt. Wo es um die Frage geht, was ist eigentlich Qualität in der zeitgenössischen Kunst. Es wird aus bis zu Beiträgen von allen möglichen Museumskuratoren und Museumsleuten bestehen, die Spezialisten auf ihren Gebiet sind. Ja, also zum Beispiel der Urs Stahel vom Fotomuseum Winterthur, der schreibt den Text, "Was ist Qualität in der Fotografie" und der Herr Harder von der Helmut Newton Stiftung gibt dann eine zweite Meinung, ein Interview dazu.

AfN: Interessant.

Dr. Wolfram Völcker: Ja, ein Interview, was ich mit ihm geführt habe. Und immer versuchen wir uns, dem Begriff Qualität zu nähern. Das haben wir für verschiedene Gebiete gemacht Malerei, Zeichnung, Video usw. Jeweils die Experten auf diesem Gebiet gefragt bzw. einen schriftlichen Beitrag eingeholt, sodass es einen Diskurs gibt und man sich der Frage - man wird es nicht beantworten können - aber man wird sich der Frage annähern. Was mich beschäftigt ist, was macht eigentlich ein gutes Kunstwerk aus? Warum gibt es Dinge, die immer wieder hervorkommen? Warum sammeln viele Museen ähnliche Künstler? Und, warum sind einige interessant und andere weniger interessant? Das sind Fragen, sagen wir mal, die sehr grundlegend sind, die man vielleicht eher stellt, wenn man von außen in etwas kommt - als Außenseiter.

AfN: Der Qualitätsbegriff schwirrt immer rum. Das ist sozusagen das Totschlagargument.

Dr. Wolfram Völcker: Ich glaube, dass es das Thema sein wird in den nächsten Jahren. Einfach durch die Konsolidierung des Marktes, der stattfinden wird, stattfinden muss. Natürlich wissen wir alle, der Markt hat sich verbreitert, das ist alles richtig. Trotzdem, das ist in allen anderen Bereichen auch so, in dem Moment, wo sich so etwas entwickelt, fragen die Leute immer mehr danach, was hat eigentlich nachhaltig oder substantiell über die Zeit einen Bestand und was vielleicht weniger.

AfN: Werden die Fragen denn beantwortet in Ihrem Buch?

Dr. Wolfram Völcker: Es werden viele Fragen beantwortet, ja.

AfN: Ah ja?

Dr. Wolfram Völcker: Ja, das ist ganz erstaunlich. Also, ich finde einen großen Erkenntnisgewinn dabei.

AfN: Sehr schön, wann kann man das denn erwarten?

Dr. Wolfram Völcker: Ich hoffe, dass wir es zur Art Cologne im April das fertig haben.

AfN: Schön, also darauf freuen wir uns. Wir kommen nun zu dem Thema Berliner Messelandschaft. Sie haben mit der "Liste" die erste Galerie Messe neben dem Art Forum gegründet. Zeitgleich wurde der KunstSalon als Alternativspace gegründet. Im zweiten Jahr gab es schon eine Abspaltung, die Preview. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Dr. Wolfram Völcker: Ich glaube, dass die Entwicklung typisch ist für so eine heterogene Landschaft, wie Berlin sie darstellt und sich das ganze Portfolio sich bestens ausbreitet. Und ich glaube, dass es dem Standort, im Herbst nach Berlin zu reisen auch gestärkt hat; für Sammler, für Kuratoren, für Interessierte und für alle Kunstinteressierte Menschen ebenfalls.

AfN: Wir hatten gerade die gleiche Diskussion mit Herrn Piper (KunstSalon) und wir hatten das Wort "Entrypoints" benutzt. Es gibt jetzt verschiedene Einstiegspunkte, aus der Sicht von Herrn Piper, für Künstler und für neue Galerien, die durch die Vielzahl der Messen in diese Welt eintreten können.

Dr. Wolfram Völcker: Wissen Sie, man muss auch etwas ortspezifisches machen. Es ist wie gute Installation; die bezieht sich eben auf den Ort, den Raum und das ist bei Kunstmessen auch ein bisschen so. Sie können eine Messe wie Basel oder Miami nicht in Berlin machen. Berlin ist anders. Berlin ist ein Ort, wo es riesige Fabrikhallen gibt, die leer stehen. Berlin ist ein Ort, wo wahnsinnig viel Künstler leben und ganz, ganz wenig Sammler. Berlin ist ein Ort, wo Kuratoren gerne hingehen, weil es ebenso viele Tendenzen, wie interessante Sachen gibt. Aber Berlin ist nicht ein Ort, wo 150 Learjets einfliegen für eine Messe.

AfN: Richtig.

Dr. Wolfram Völcker: Und die Liste versucht ein berlinspezifisches Angebot zu schaffen, um zu zeigen, so ist diese Stadt. Der Ulrich Clewing hat im Tagesspiegel in einem Beitrag über die Messe gestern überschrieben mit "Klein und wild"

AfN: Klein und wild?

Dr. Wolfram Völcker: Ich finde, das passt ein bisschen zu uns. Es passt ein bisschen in die Berliner Situation, in der wir hier jetzt leben. Das mag in fünf oder zehn Jahren gar nicht mehr konform sein, dann machen wir das auch so nicht mehr. Aber zu diesem Standort passen nicht weißer Teppichboden, klimatisierte Räume, Partystimmung oder Jetset. Es ist anders hier. Entsprechend müssen wir uns auch präsentieren.

AfN: Durch dieses ehemalige Umspannwerk haben Sie einen Industriebau gewählt, der durch seine Gründerzeit Architektur sehr präsent ist und dem üblichen eher kalten Messeambiente, was Sie eben schon gesagt haben, abweicht. Ist das eine bewusste Entscheidung gewesen?

Dr. Wolfram Völcker: Ja, auf jeden Fall. Der beste Ort für hervorragende Kunstwerke ist das Museum. Es ist also so ein spezieller Ort dafür und eine Messe lebt ebenfalls sehr stark von den Räumlichkeiten. Das Art Forum ist auch umgezogen in andere Hallen, um mehr Tageslicht zu haben. Die Kölner Messe hat sich sehr schwer getan mit dem Umzug von den schönen, alten Hallen in die neuen Hallen. Bei dem Debüt, im letzten Jahr, war das ein grosses Debakel, weil die Hallen eben nicht so sind, wie sie sein könnten.

AfN: Kein Tageslicht.

Dr. Wolfram Völcker: Kein Tageslicht, die ganze Atmosphäre. Kunst lebt unheimlich davon in welchen Kontext, in welchen Raum es präsentiert wird. Und deswegen finde ich diese Räume dafür ganz toll.

AfN: Ist die Liste eine wachsende Veranstaltung?

Dr. Wolfram Völcker: Die Galerienanzahl ist ungefähr gleich geblieben. Wir haben die Ausstellungsfläche ein bisschen vergrößert - also um ein Drittel. Aber im Moment überlegen wir natürlich eine weitere Berliner Liste woanders zu machen.

AfN: Eine weitere?

Dr. Wolfram Völcker: Eine weitere, die heißt dann nicht Berliner Liste sondern meinetwegen Frankfurter Liste oder Kölner Liste. An einem anderem Ort, weil sich schon herauskristallisiert, dass die Messen, die wirklich Sinn machen eine Art Clustersituation erzeugen z.B. Basel, da haben wir jetzt drei oder vier Messen. In Miami elf und in Berlin sind es nun vier. Es wird diese Clusterbildung geben, weil die Leute eher an einen, zwei, drei Orte reisen im Jahr, aber nicht an zehn. Die Basel Messe in Miami funktioniert nur aus der Tradition der Baseler Situation.

Dr. Wolfram Völcker: Oder denken Sie an die Armory Show, auch das ist ein Cluster, wo es weitere Messen gibt. Ich glaube, dass das eine Marktentwicklung ist.

AfN: Ja, klar. Jetzt hier in London, bei der FRIEZE haben wir jetzt auch 4 oder 5 Messen gleichzeitig.

Dr. Wolfram Völcker: Macht auch Sinn.

AfN: Bei dieser Vielfalt, finden Sie, dass die Wahrnehmung der Messe, der Qualität der "Liste" entspricht?

Dr. Wolfram Völcker: Das kann man so nicht beantworten. In zehn oder zwanzig Jahren werden wir wissen, der und der Künstler war repräsentativ für Anfang der Jahrtausendwende. Und das werden die Arbeiten sein, die man dann immer wieder in dem Kontext zeigt.

AfN: Ja.

Dr. Wolfram Völcker: Neulich hat mal jemand sich den Spaß gemacht und hat alte Art Cologne Kataloge genommen und die Künstlerlisten mit dem verglichen, was heute so ausgestellt wird. Und da werden Sie sehen, dass über die Hälfte der Künstler gerade bei den Förderkojen nicht wieder aufgetaucht ist. Nachhaltig und immer noch aktuell ist, wenn sie nach Jahren rausgeholt wird, immer noch frisch aussieht und gut und spannend ist.

AfN: Wir gehen auch an dieses Thema ran. Allerdings arbeiten Sie mehr inhaltlich, wir durch unsere Breite mehr quantitativ. Also neigen zum zählen ...

Dr. Wolfram Völcker: Das liegt in der Natur der Technologie, die Sie einsetzen.

AfN: Sie wissen, dass wir ein Rankingsystem für zeitgenössische Kunst haben und wir haben uns intern mal die Mühe gemacht, die vier Berliner Messen nach unserem Punktesystem zu vergleichen. Die Liste schneidet nach dem Art Forum am besten ab. Wie erklären Sie sich das?

Dr. Wolfram Völcker: Vielleicht liegt es ein bisschen daran, dass wir Galerien mit Messeerfahrung gefragt haben, habt ihr zwei wirklich spannende Künstler, die wir gerne in Berlin zeigen möchten. Wir haben versucht, ein bisschen darauf Einfluss zu nehmen, was gezeigt wird.

AfN: Und bei uns schneiden eigentlich immer die Galerien besser ab, die etablierter sind, weil wir Systemimmanent messen. Würden Sie sagen, dass Sie die Etablierten haben?

Dr. Wolfram Völcker: Wir haben den Christopher Cutts aus Toronto oder Tedden, die durchaus auch auf ganz anderen Messen zugelassen werden könnten. Denen macht das Umfeld auch Spaß; das ist ein wesentlicher Faktor. Es ist eben wichtig, das ganze Ambiente und wie das so rüberkommt. Wissen Sie, es macht Spaß die Leute zu sehen, wie die dann auch selber Ihre Wände streichen. Hier mit dem Besen durchkehren - und es gibt nicht diesen full service. Und das rückt uns auch alle ein bisschen näher zusammen. Ich finde, das ist eine tolle Entwicklung, das Arbeiten macht mehr Spaß.

AfN: Arbeiten muss Spaß bringen - letztlich -, es ist die meiste Zeit unseres Lebens ...

Dr. Wolfram Völcker: Und wir haben immer die Idee der community gehabt, diesen Austausch. Dass Galerien aus dem Ausland mit lokalen Galerien zusammen eine Gemeinschatskoje bilden, damit man sich ein bisschen Einfühlen kann und in die Szene eingeführt wird.

AfN: Netzwerkcharakter.

Dr. Wolfram Völcker: Letztlich kann man heute als Galerie - das können Sie überall immer wieder nachlesen - gar nicht überleben, wenn Sie nicht ein Netzwerk von Kollegen haben, mit denen Sie Künstler austauschen, mit denen Sie Informationen austauschen und regelmäßig irgendwie arbeiten.

AfN: Die Art Basel hat eine Liste und eine Volta Show. Diese Messen fungieren auch als eine Art Boiler (Durchlauferhitzer) für eine spätere Teilnahme an der Art Basel. Sehen Sie so eine Entwicklung in Berlin? Oder wie ist Ihre Haltung zum Art Forum?

Dr. Wolfram Völcker: Wir haben ein freundschaftlich, partnerschaftliches Verhältnis zum Art Forum aber wir dienen uns da nicht an und die sich uns auch nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass man, vielleicht im nächsten Jahr, die Zusammenarbeit noch intensivieren kann. Diese Kunstlandschaft ist auch sehr politisch und da muss man mit viel Fingerspitzengefühl, gemeinsam an einem Strang ziehen. Wir haben doch alle das gleiche Ziel, wir möchten gerne für diese Stadt und für diese Woche im Herbst, dem Publikum ein möglichst großes und gutes und qualitativ hochwertiges Angebot präsentieren.

AfN: Wir kommen noch einmal zum Markt. Der Markt für zeitgenössische Kunst boomt seit Jahren. Gleichzeitig steigt auch in den Medien die Angst vor einem Platzen der "Blase". So wie wir das in den achtziger Jahren erlebt haben. Wie nehmen Sie den Markt für zeitgenössische Kunst war? Ist er stabil oder meinen Sie, dass er noch nach wie vor empfindlich ist?

Dr. Wolfram Völcker: Darüber mache ich mir gar keine Gedanken. Was ich in meiner Galerie zeige, richtet sich an ein ganz spezielles kleines Publikum. Das sind eigentlich ein paar wenige Verrückte, die immer wieder so etwas machen. Für diejenigen spielt Konjunktur sagen wir mal eine untergeordnete Rolle.

AfN: Also, stabil.

Dr. Wolfram Völcker: Ich würde schon sagen, dass das stabil ist. Es kommen eher neue dazu, die sich lange genug damit beschäftigt haben und irgendwann sagen, aber das interessiert mich wirklich und das interessiert mich nachhaltig. Und da gehe ich auch immer wieder hin. Das ist eine Galeriearbeit über Jahrzehnte. Also, als ich angefangen habe, haben mir immer die Leute gesagt, du musst fünf Jahre durchhalten, nach fünf Jahren ist mir klar geworden, man muss zehn Jahre durchhalten. Und ich bin mir sicher, wenn ich im zehnten Jahr bin, denke ich mir, man muss wahrscheinlich zwanzig Jahre durchhalten.

AfN: [lacht]

Dr. Wolfram Völcker: Es ist wirklich so.

AfN: Aber in der BWL haben wir das so gelernt, dass man zehn Jahre durchhalten muss.

Dr. Wolfram Völcker: Es ist eine langfristige Sache.

AfN: Ja. Zum Abschluß, Herr Dr. Völcker: Haben Sie ein persönliches Motto oder einen Lebensslogan?

Dr. Wolfram Völcker: Ach wissen Sie, ich habe ganz viele Motti und Lebensslogans.

AfN: Die Freude am Leben, vielleicht?

Dr. Wolfram Völcker: Ach wissen Sie, es macht mir natürlich auch Freude und das muss es auch- Ich sag manchmal, ich hab was anständiges gelernt und ich könnte auch was anderes tun. Und ich tue das, was ich hier mache, weil ich es gerne mache und weil ich damit gerne umgehe. Wissen Sie, Papier ist ein wahnsinnig habtisches Medium. Sie können das anfassen, das fühlt sich gut an und Zeichnungen sind unheimlich spontan. Die sind ganz direkt, Sie können nichts wegradieren, Sie können nichts überpinseln. Das macht Spaß, so einen unmittelbaren Kontakt zu dem zu haben, was Künstler zustande bringen. Und das ist eine viel schönere Arbeit. als wenn man überall klingeln muss und Staubsauger verkaufen.

AfN: Herr Dr. Völcker, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Dr. Wolfram Völcker: Ja, gerne.

www.berliner-liste.org

(5.10.2006)

  • ArtFacts.Net - Ihr erfahrener Kunst-Dienstleister

    Seit dem Start in 2001 hat ArtFacts.Net™ in Zusammenarbeit mit internationalen Kunstmessen, Galerien, Museen und Künstlern eine anspruchsvolle Künstlerdatenbank entwickelt.