Language and login selector start
Language and login selector end

London Special 3: Ein Interview mit FRIEZE Co-Gründerin Amanda Sharp


Amanda Sharp (FRIEZE) – Foto: courtesy vernissage.tv

AfN: Amanda, Sie und Matthew Slotover sind die Gründer des FRIEZE Magazins, wann und aus welchen Gründen haben Sie sich dazu entschlossen das zu tun?

Amanda Sharp: Wir haben das FRIEZE Magazin 1991 gegründet und zu dieser Zeit war es sehr aufregend in London. Wir hatten gerade die Universität verlassen, waren zwar nicht in der Kunstszene aber in London. Wir verbrachten viel Zeit mit befreundeten Künstlern und eines Tages nahm mich Matthew, mein Geschäftspartner, mit zu einer Ausstellung, die er kuratiert hatte: "modern medicine". Ich kam herein und da waren Angus Fairhurst und Gary Hume. Ich habe mir ihre Arbeiten angesehen und dachte nur: fantastisch! Ich habe sie verstanden und war sehr aufgeregt deswegen. Da dachte ich, warum machen wir nicht ein Kunstmagazin, es ist wirklich aufregend. Aber von Anfang an war klar, dass es kein britisches Kunstmagazin werden würde, weil wir verstanden, dass zeitgenössische Kunst ein internationales Medium ist. Und ich habe keinen Sinn darin gesehen ein provinzielles Magazin zu machen.

AfN: Professionalität war also von Anfang an ein Thema.

Amanda Sharp: Oh ja. Sogar als wir jung waren und kein Geld hatten, uns am Computer damit quälten das Design des Magazins zu entwerfen. Es war ein hochqualitativer Druck weil wir der Meinung waren, es sei wichtig, dass die Bilder die abgebildet wurden so gut wie möglich aussahen. Wir wollten, dass die Kunst so wirkte, wie sie sein sollte. Wir wollten auch unseren Schreibstil so klar und verständlich halten wie unsere Kritik. Denn es ging um Zugänglichkeit, Information und Bildung; das war unser Ausgangspunkt.

AfN: Und die Qualität der Schreibe, wie haben Sie… Also ich verstehe die technische Seite aber wie war das mit dem Stil?
Amanda Sharp: Wir haben einen Wunschzettel unserer Lieblingsautoren der ganzen Welt geschrieben und sind dann zu ihnen gegangen und haben sie gefragt, ob sie für uns schreiben wollen. Viele dieser Leute waren sehr großzügig und offen. Wir wussten von Anfang an, dass wir die Leute bezahlen mussten obwohl wir kein Geld hatten. Uns war klar, dass es eine berufliche Situation war und wir nicht nach Gefallen fragten. Ich habe nicht viel bezahlt aber das was wir konnten. Wir versuchten die besten Kritiken zu nutzen, die wir finden konnten und haben sehr schillernde, interessante Menschen gefunden. Solche, die auch lernen konnten, wie man gut für ein Magazin schreibt.

AfN: 2002 eröffneten Sie die FRIEZE Art Fair in London. Warum haben Sie das damals getan?

Amanda Sharp: Das ist lustig. Viele Jahre lang fragten wir uns warum noch keiner eine zeitgenössische Kunstmesse in London gemacht hatte - eine internationale zeitgenössische Kunstmesse - jede andere Hauptstadt hat eine.

AfN: Das stimmt.

Amanda Sharp: Warum hatte also London keine? Und die Leute sagten: "Es sind keine Sammler hier" oder "die Besteuerung ist schwierig". Aber wir dachten nur, dass sich in den letzten 15 Jahren die Situation in London wesentlich verändert hatte. Es gab einen Anstieg von drei, vier, fünf interessanten, kommerziellen Galerien auf vielleicht 14, 15 wirklich interessanten Verkaufsgalerien. Und das in nur einer Stadt. Man sieht das wachsende Interesse an zeitgenössischer Kunst in einer viel breiteren Masse. Man sieht Leute ins Museum gehen um Ausstellungen zu sehen, man sieht Sammler, die in London Fuß fassen oder nach London umziehen, weil das Zentrum wirtschaftlich immer vitaler wird. Und es fühlte sich einfach komisch an, dass keiner es tat.

AfN: Ihrer Meinung nach existierte dort eine offensichtliche Lücke?

Amanda Sharp: Für uns fühlte es sich so an. Obwohl interessanterweise, die britischen Galerien, als wir zu Beginn mit ihnen sprachen, sehr zurückhaltend waren. Sie waren nicht sehr leidenschaftlich aber als ich mit Galerien aus dem Rest der Welt sprach, antworteten diese: Oh, toll, wir machen mit. Und wir haben uns gedacht: Wir verkaufen die Idee an die Leute und entweder sie machen mit oder nicht. Sie kannten uns von dem Magazin seit Jahren. Und sie mochten wohl was wir taten und wussten, was sie nicht an uns mochten. Aber wir konnten wenigstens mit ihnen darüber reden. Und die Leute kamen. Das war das Bedeutendste für uns, da wir sechs Jahre lang keinem Sammler begegnet waren. Wir hatten keine Ahnung wovon sie redeten aber wir wussten was gute Kunst war. Und wir dachten, wenn man die besten Künstler von den besten Galerien unter einem ansprechendem Dach präsentieren lässt, sie im Zentrum einer beeindruckenden Stadt zusammenbringt, dann kommen alle.

AfN: Und so kam es.

Amanda Sharp: Ja genauso kam es.

AfN: Von Anfang an, oder?

Amanda Sharp: Ja gleich von Beginn an.

AfN: Soweit ich weiß, sind Sie die einzigen Verleger, die eine Messe ausrichten. Und Sie brachten die FRIEZE Art fair innerhalb weniger Jahre auf die Toplisten der Kunstschauen. In unseren Interviews wird die FRIEZE immer in einem Atemzug mit der Basel genannt. Nach unseren eigenen Untersuchungen geht die FRIEZE mit Veranstaltungen wie ARCO, FIAC oder sogar TEFAF in Maastricht einher. Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges? ... Abgesehen von der Angebotslücke!

Amanda Sharp: Ich glaube, das ist ganz einfach. Es gibt sogar eine Geschichte der Magazine, die mit Messen beschäftigt sind. Das ist in der Kunst noch nie vorgekommen. In der Computerwelt macht man ein Magazin und eine Messe. Das ist eine klare Sache, die Leser sind die Leute, die kommen werden. Man wirbt die Leute an, die Stände machen. Das ist ein gut getestetes Modell. Ich denke, was wir noch mitgebracht haben, ist die Sensibilität von Kunstkritikern. Wir wollten Details, die richtige Ästhetik. Wir wollten einen schönen Raum. Ein Raum, indem die Leute sich aufhalten. Aber ich glaube letztlich ist der Grund, warum wir so erfolgreich sind, der, dass unserer Priorität immer die Kunst gewesen ist und nur die Kunst.

AfN: Ja.

Amanda Sharp: Und alles folgt der Kunst.

AfN: Seit ihrer ersten Ausgabe, bietet die FRIEZE art fair Zusatzprojekte wie Performance, schauplatz-bezogene Installationen, Gespräche, etc. Auch wurden Preise und Ausbildungsprogramme angebunden. Mir erscheint das, wie eine soziale Funktion der Kunst innerhalb der Gesellschaft. Warum sind Ihnen diese Dinge so wichtig, obwohl sie einen solchen zusätzlichen Aufwand bedeuten?

Amanda Sharp: Es ist absolut kritisch. Ich habe kein besonderes Interesse eine reine Verkaufsmesse durchzuführen. Ich möchte ein Modell zu entwickeln, gute Sachen zu vereinfachen. Ich freue mich, dass es als Verkaufsmesse so gut läuft - so soll es auch sein. Es ist wohl eine besondere Kunst, dass Menschen hierher kommen und kaufen und gleichzeitig darin erleben - fantastisch! Warum nicht ein Modell entwickeln, dass noch fruchtbarer ist. Ein Programm entwerfen, indem Gespräche stattfinden. Das bewirkt, dass die gesamte Messe ein Aufführungsort für Produktionen für Künstler wird. Ich glaube die Messe ist dieses Jahr gewissermaßen um die Mike Nelson Projekt Commission von Bruce Projects aufgebaut, da es eine sehr große Installation ist. Es ist eine Installation mit Ausmaß. Eine aufregende Sache. Ich habe die Galerien nicht wesentlich beeinflusst und es läuft sehr gut. Wir haben einen Platz gefunden, an den Kuratoren, Autoren und Künstler gerne kommen. An den sie kommen und zum Beispiel Filme sehen können, die für sie sehr interessant oder selten sind. Sie können an Gesprächen teilnehmen, die es sonst nirgends auf der Welt zu sehen gibt. Künstler können tatsächlich umherwandeln, es gibt 200.000 m² auf denen sie wählen können, was sie tun möchten. Sie können Dinge tun, die man im Museum oder an einem Messestand nicht tun kann. Das finde ich aufregend. Ich möchte, dass das Messegeschäft gut läuft aber ich möchte auch, dass die anderen Elemente so spannend wie möglich sind.

AfN: Das ist Teil der Plattform?

Amanda Sharp: Ja, ich glaube, dass genau das die besondere Atmosphäre dieser Messe schafft. Und es bietet den Leuten die Möglichkeit, noch mehr ehrgeizige Präsentationen für die Künstler selbst zu präsentieren. Man sieht hier, dass davon die Künstler sehr positiv beeinflusst werden. Im ersten Jahr hat eine falsche Galerie die Präsentation eines jungen Künstlers namens Tino Sehgal, gemacht. Die Leute wussten das zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich glaube zwei Jahre später hat er auf der Venedig Biennale Deutschland vertreten. Ich glaube nicht, dass das passiert wäre, wenn er nicht an der Frieze teilgenommen hätte. Das finde ich so aufregend.

AfN: Eine Frage zur zukünftigen Entwicklung, über Erwartungen und Lebenszyklen. Als regelmäßiger Besucher von Shows und Messen neige ich dazu, Künstler- und Kuratorennamen und die Name der Messen alle in eine Art mentales Register einzupflegen. Wir alle wissen, dass die Frieze in einem weißen Zelt stattfindet, es gibt einen großen Hype, man sieht eine typische Umgebung mit den Ständen aber es gibt z. B. einen leeren Raum im Stand von Eigen & Art. Was für mich persönlich total unerwartet kam. Es sind die Beziehungen die uns vorwärts bringen, ist es nicht so?

Amanda Sharp: Oh ja.

AfN: Beschäftigt Sie das? Erfinden Sie sich jedes Jahr neu oder erweitern Sie lediglich das Publikum und das Feld auf dem Sie Blicke anziehen?

Amanda Sharp: Was wir tun können ist, das was wir tun von Jahr zu Jahr zu verbessern. Damit schaffen wir eine schönere Umgebung. Wir holen die besten Galerien, die wir kriegen können und deswegen kommen die besten Sammler. Und so erweitert sich auch das Publikum. Ich glaube durch das Schaffen einer Umgebung, an der so viele Künstler, Kritiker und Kuratoren teilnehmen, suchen die Galerien sehr sorgfältig ehrgeizige Projekte aus, die sie mit einzelnen oder mehreren Künstlern durchführen und achten mehr darauf, dass diese Künstler in einen kurativeren Diskurs treten. Das finde ich gut.

AfN: Auf gewisse Weise setzen Sie sie schon unter Druck - ihr bestes zu geben.

Amanda Sharp: Das hoffe ich doch. Es ist eine sehr gute Überlegung, dass Leute wenn sie fühlen, dass sie etwas leisten und sich verbessern müssen, wirklich etwas für die Messe und somit für jeden tun.

AfN: Sie glauben also nicht, dass diese hohen Erwartungen für Sie je ein Problem sein werden?

Amanda Sharp: Solange irgendjemand sich noch verbessert ist das eine tolle Sache.

AfN: Stichwort: Nachbarschaft. Schon ein Jahr nach der ersten Frieze ist die Zoo Messe entstanden, dann die Scope und jetzt die Year 06. Ist nicht die Frieze an sich schon ein ganzes Universum? Sind es die geografischen Gegebenheiten, gibt es einfach nicht genug Schauraum? Ist es einfach nur die Hoffnung die Überreste abzubekommen oder sind diese Zusatzmessen eine gelungene Beigabe zum außergewöhnlichen Kunstherbst für Zeitgenössisches in London?

Amanda Sharp: Ich glaube es gibt immer genug Platz für gute Kunst. Und diese Messe ist ein endlicher Aufführungsort...

AfN: Ist was…?

Amanda Sharp: Sie ist nicht unendlich, da sie eine festgelegte Größe hat. Wir glauben, dass wir die Galerien bekommen, die wir auf der Messe wollen. Das heißt nicht, dass es nicht noch andere Galerien gibt, die gute Arbeiten machen aber wir können nicht alles unterbringen. Es ist für uns wertneutral, wenn Messen umherschwirren wie Satelliten, wenn Messen uninteressant sind. Das betrifft uns in keiner Weise.

AfN: Und Sie beobachten das gar nicht. Das passiert einfach?

Amanda Sharp: Ja.

AfN: Auf der Frieze ist es immer wie auf einer öffentliche Veranstaltung wie Theater, Oper oder Kino. Viele Leute kommen. Gibt es Ihrer Meinung nach eine natürliche Grenze an dem, was eine Stadt aufnehmen kann? Ich hab Gerüchte gehört, nach denen es 12 Nebenmessen zur Basel Miami gibt. Was denken Sie darüber?

Amanda Sharp: Ich glaube ich würde mir keine 12 Messen ansehen, wenn ich nach Miami fahre. Ich werde nur die Sachen besuchen, die ich für potentiell interessant halte. Es gibt eine Menge guter Kunst auf der Welt aber es gibt auch eine Menge schlechte. Nur weil einer etwas unter ein Dach stellt, ist es nicht gleich interessant.

AfN: Ich glaube heutzutage hat man den Eindruck, eine Messe funktioniere als Meta-Galerie und dass die Galerien die Künstler einer Messe sind, spezialisiert auf ein Thema oder eine Technik.

Amanda Sharp: Das sehe ich nicht so. Geschmack geht über Medien heraus und es würde mich sehr überraschen, wenn es eine Galerie auf der Welt gäbe, die wirklich interessante Sachen mit nur einem Medium macht. Das wäre ungewöhnlich. Ich glaube das nicht, denn bei der Kunst geht es nicht um das Medium sondern um die Aussage. Es geht um die Idee, die vorgetragen wird und nicht nur um die Art, wie die Idee dargestellt wird.

AfN: Sie sehen also kein Problem in dieser Entwicklung? Vielleicht gibt es über und über…

Amanda Sharp: Sie meinen der Markt wird so heiß und alles explodiert?

AfN: Ja, dass es so viele Veranstaltungen gibt und man sich nicht mehr zurechtfindet. Verstehen Sie was ich meine?

Amanda Sharp: Ich glaube, dass sich ein natürliches Gleichgewicht mit der Zeit einstellen wird. Die uninteressanten Sache verschwinden unwiederbringlich, da es für sie keine Luft zum atmen gibt. Das ist ganz einfach, keiner geht hin. Oder es geht jemand hin und erzählt all seinen Freunden, dass man sich dort nicht hin zu quälen braucht. So etwas kann sich nicht halten. Gute Kunst überdauert bis in alle Zeit.

AfN: Freuen wir uns also auf die nächste Frieze.

Amanda Sharp: Hoffentlich.

AfN: Amanda, vielen Dank für dieses Gespräch.

Amanda Sharp: Danke.

Interview: Artfacts.Net, Berlin und Vernissage TV, Basel
(18.10.2006)

Auf Vernissage TV finden sie ein Video des Interviews in englischer Sprache: Teil 1; Teil 2

Übersetzung: Jessika von Kiparski

www.friezeartfair.com

  • ArtFacts.Net - Ihr erfahrener Kunst-Dienstleister

    Seit dem Start in 2001 hat ArtFacts.Net™ in Zusammenarbeit mit internationalen Kunstmessen, Galerien, Museen und Künstlern eine anspruchsvolle Künstlerdatenbank entwickelt.