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SLICK art fair: Interview mit Johan Tamer-Morael in Paris


Johan Tamer-Morael, Mitbegründer der SLICK art fair, Paris

AfN: Das ist ein Interview zwischen Artfacts.Net und Johan Tamer-Morael von der Galerie Artcore. Er ist einer der Gründer der SLICK art fair in Paris. Hallo, Johan.

Johan Tamer-Morael: Hi.

AfN: Wann und warum haben Sie und Ihre Partner sich entschlossen, eine Kunstmesse zu organisieren?

Johan Tamer-Morael: Ganz einfach, wir haben uns entschlossen, eine Kunstmesse zu organisieren, weil wir in Paris etwas anderes gebraucht haben. Die FIAC kommt zurück in das Zentrum von Paris, das war die Gelegenheit, etwas ganz anderes zu machen. Um jungen Galerien und neuen Talenten in dieser sehr stimulierenden Zeit Chancen in Paris zu eröffnen.

AfN: Zu einer Zeit, in der die internationale Kunstszene nach Paris kommt.

Johan Tamer-Morael: Ich glaube, viele gute Galerien kommen zurück zur FIAC.

AfN: Und werden weiterhin kommen.

Johan Tamer-Morael: Und deshalb werden die Sammler zurückkommen.

AfN: Aber wann haben Sie sich entschieden?

Johan Tamer-Morael: Wir haben das Anfang Juli entschieden.

AfN: Sie und ... ?

Johan Tamer-Morael: Cécille Griesmar, Sie hat neben meiner Galerie eine Galerie namens Hors Sol. Wir hatten das Gefühl, das etwas fehlt und wir haben auf etwas gewartet. Ich glaube, die Leute haben seit 10 Jahren gewartet und keiner hat es gemacht, bis jetzt.

AfN: In London haben wir Simon Pittuck von der Keith Talent Galerie getroffen, er ist einer der Mitbegründer von Year _06. Das war dieses Jahr ein alternativer Co-Event zur FRIEZE. Am erstaunlichsten war der Standort. Dasselbe gilt für Berlin, da gibt es Nebenveranstaltungen wie den Kunstsalon auf der einen Seite und die Berliner Liste auf der anderen und sie finden in einer außergewöhnlichen Architektur statt, an sehr speziellen Orten. Das gilt auch für die SLICK, der Industriekomplex in Ménilmontant ist sehr schön. Wie wichtig ist es, Einheimischer zu sein, um gute Ausstellungen zu machen.

Johan Tamer-Morael: Ich vermute, wir kennen Paris und wir haben auch im Ausland gelebt. Wir kennen das Gefühl, aus dem Zentrum rauszugehen. Wenn Sie sich von den überlaufenen Gegenden abwenden, wo alle sind. Ich glaube, es ist erfrischend, an einen neuen Platz zu gehen. Und Ménilmontant ist eine Gegend, die zum Projekt SLICK passt.

AfN: Hier gibt es eine kreative Nachbarschaft.

Johan Tamer-Morael: Es gibt eine Menge Ateliers und Künstler leben hier.

AfN: Es ist ein höher gelegener Platz mit einer sehr schönen Aussicht.

Johan Tamer-Morael: Man sieht die Stadt in einer bestimmten Weise. Wie man sie noch nie gesehen haben. Auch in anderen Gegenden von Paris werden Sie nicht die gleiche Aussicht haben. Es ist das schönste und poetischste Paris.

AfN: Also haben Sie diesen Ort ganz bewusst gewählt. Sie wollten einen Gegenpol zu den Champs-Élysées und zum Grand Palais.

Johan Tamer-Morael: Ja, natürlich.

AfN: Auf Ihrer Website sprechen Sie über zwei Kriterien für die Auswahl einer Galerie: a) ihr unstillbares Verlangen, neue talentierte Künstler zu entdecken und b) ihre dynamische leidenschaftliche Haltung. In anderen Worten, die Galerien müssen unersättlich sein? Ist Unersättlichkeit ein Synonym für aufstrebend? Oder was ist damit gemeint? Das Verlangen, neue Talente zu entdecken?

Johan Tamer-Morael: Sie werden sich nicht vor Risiken fürchten.

AfN: Sich nicht scheuen, Risiken einzugehen.

Johan Tamer-Morael: Wir arbeiten auf einem Gebiet, wo wir Risiken eingehen müssen. Sobald sie kein Risiko mehr eingehen, verschwinden sie.

AfN: Wenn ich mir die Herkunft der teilnehmenden Galerien anschaue, sieht es nach einer ungewöhnlichen Auswahl aus. Da sind hauptsächlich Galerien aus Frankreich und Amerika und eine Galerie aus Kroatien und aus Vietnam. Warum? Sind das Freunde?

Johan Tamer-Morael: Es ist ein Netzwerk. Ich habe lange in den Vereinigten Staaten gelebt und aus diesem Grund habe ich dort Kontakte zu Leuten, die mir sagen, was dort passiert. Wer in diesem Moment etwas bewegt. Wer etwas interessantes macht.

AfN: Aber, gab es wirklich eine Auswahl oder ist das ein in sich geschlossenes Netzwerk?

Johan Tamer-Morael: Es gab eine Auswahl.

AfN: Weil, einige Galerien sagten mir: Oh, wir haben nichts davon gewusst. Es ist so schön hier. Warum hat uns niemand davon erzählt? Also, wie haben Sie die Galerien kontaktiert?

Johan Tamer-Morael: Wissen Sie, wir haben dieses Projekt sehr spät begonnen. Wirklich spät. Deshalb haben die Leute gedacht, wir würden es niemals schaffen. Bis zum letzten Moment haben wir Sachen aufgebaut und fertiggestellt. Den letzten Galerien haben wir einige Wochen vor der Eröffnung zugesagt. Nur, weil die Leute nichts von der Ausstellung wussten. Wissen Sie, wir haben E-Mails an die Galerien verschickt, aber sie waren alle im Urlaub. Sie haben ihren Briefkasten erst im September geöffnet.

AfN: Waling Boers, der Direktor des Büros Friedrich in Berlin und der Universal Studios in Peking, sagte uns letztes Jahr, seiner Meinung nach seien Kunstmessen uninteressant, weil sie nicht kuratiert sind. Anders gesagt, Kunstmessen seien langweilige Kunstbasare. Ist das ein Balanceakt für Sie: Markt kontra Inhalt?

Johan Tamer-Morael: Ich würde sagen, Kunstmessen werden nie Galerien und kuratierte Ausstellungen ersetzen. Wir brauchen Messen zur Beschleunigung, weil wir Teil einer Geschwindigkeit in einer schnellen Umgebung sind. Und ich glaube, die Leute zählen auf Galerien, zählen auf Messen, zum Verkaufen, zur Selbstdarstellung.

AfN: Zur Selbstdarstellung.

Johan Tamer-Morael: Selbstdarstellung ist sehr wichtig.

AfN: Es ist also nicht wichtig, dass nicht kuratiert ist.

Johan Tamer-Morael: Sie haben Galerien, um ihre Ausstellungen zu kuratieren. Auf der Messe haben die eine Koje von X Quadratmetern. Sie müssen damit zurecht kommen. Unser Ziel hier war, dass die Galerien es als Projekt verstehen und nicht nur als Messe. Wir haben uns wirklich gewünscht, dass sie Risiken eingehen und ein Projekt daraus machen.

AfN: Für den Videoteil haben Sie Kuratoren eingeladen. Sie haben eine Videoabteilung, wo Sie kuratierte Videos zeigen. Also, hier wählen Kuratoren aus dem Angebot der Galerien aus.

Johan Tamer-Morael: Das ist ein weiterer Pluspunkt der Messe. Wir stellen den Besuchern einen Raum mit Videos zur Verfügung. Und jemand kümmert sich um das Kuratieren der Videos. Und wir werden sie irgendwo auf einem Festival zeigen.

AfN: Also, dieser Teil wird eine Wanderausstellung werden.

Johan Tamer-Morael: Ja, wir bitten jede Galerie, neben ihrer Ausstellung in der Koje, auch Videos zu zeigen.

AfN: Ist das eine Art Kino oder wo zeigen Sie die Videos?

Johan Tamer-Morael: Ja, in einer Art Kinoraum.

AfN: Also, es ist nicht nur ein kleiner Bildschirm. Ich sage das, weil ich ein Interview mit Thierry geführt habe, dem Gründer von DIVA und wir waren beide der Ansicht, Videos sollten getrennt von beispielsweise Malerei gezeigt werden.

Johan Tamer-Morael: Das kommt darauf an, welche Art von Video man zeigt. Es gibt Videos, die besser in eine Galerie auf einen kleinen Bildschirm passen, die von A bis Z interessant anzusehen sind und dann sind da andere, die besser für einen Kinoraum geeignet sind.

AfN: Es kommt ganz darauf an.

Johan Tamer-Morael: Ja, wir haben den Galerien angeboten, die Videos in einem Kino zu zeigen, wenn sie das wollten.

AfN: Etwas, das zum Thema Kunstmessen und Neues passt ist, was Gunter Sachs, eine früher bekannter deutscher Playboy, Prominenter, Fotograf und Sammler einmal in einem Interview anmerkte: dass ein schlauer Sammler hässliche Kunst kaufen soll - oder anders gesagt, Kunst, die er im ersten Moment nicht mag. Die Kunst soll ausgefallen sein - denn attraktive und schöne Werke können nicht innovativ sein. Wenn man sich an eine gewisse Ästhetik gewöhnt hat, ist sie etabliert. Haben Sie sich darüber bei Ihrem Auswahlprozess Gedanken gemacht?

Johan Tamer-Morael: Nein.

AfN: Überhaupt nicht.

Johan Tamer-Morael: Für uns ist Schönheit keine Voraussetzung oder etwas, das richtig oder falsch ist.

AfN: Sie ist vorhanden oder nicht.

Johan Tamer-Morael: Ich glaube, ein Werk kann schön sein und eine Bedeutung haben. Zum Beispiel, habe ich ein wunderschönes Teil in meiner Koje, aber es steckt auch eine Botschaft dahinter.

AfN: Welches?

Johan Tamer-Morael: Das von Etienne de Fleurieu.

AfN: Was hat es damit auf sich?

Johan Tamer-Morael: Es gibt auf ein Blatt Aluminium montierte Farne. Und da ist etwas, das ist sehr sehr slick.

AfN: Ein anderer Sammler, Charles Saatchi, Young British Art wie Sie wissen, die Ausstellung als Sensation. Zählen diese Dinge nicht für Sie?

Johan Tamer-Morael: Ich glaube, jeder hat seine eigene Perspektive und ich bin nicht der einzige, der auswählt. Wir sind ein Team. Aber für mich, definitiv nicht.

AfN: In diesem Jahr bot uns Paris eine großartige Gelegenheit, den Einfluss der zeitgenössischen Kunst in Paris zu erleben.

Johan Tamer-Morael: Das freut mich.

AfN: Also wirklich, man sieht diese langen Schlangen vor dem Grand Palais, Hunderte oder vielleicht Tausende. Wir kommen zur SLICK und wir können uns gar nicht bewegen, so viele Leute sind hier. Erklären Sie mir, warum gibt es in Paris so ein Verlangen, so eine Sehnsucht nach zeitgenössischer Kunst? Die ganze Stadt scheint zu vibrieren.

Johan Tamer-Morael: Ich sollte mich bei der FIAC bedanken. Die haben eine große Anstrengung unternommen, die Szene nach Paris zurück zu holen.

AfN: Aber, es sind die Pariser, die kommen? Die Mehrheit der Besucher sind Pariser. Es scheint mir, sie haben ein grosses Verlangen, zeitgenössische neue Sachen zu sehen. Kommt das daher, dass die Stadt die letzten Jahre geschlafen hat?

Johan Tamer-Morael: Ich glaube ja.

AfN: Jetzt wacht Paris auf?

Johan Tamer-Morael: Ja, Paris wacht auf. Für uns war es ein sehr wichtiges Jahr, um dabei zu sein, denn jeder in der Pariser Kunstszene konnte spüren, dass sich etwas ereignet. Etwas lag in der Luft. Das war bewegend. Sie wissen, man entzündet ein Streichholz.

AfN: Um ein Feuer anzufachen, eine Explosion.

Johan Tamer-Morael: Es gab eine Explosion.

AfN: Von beiden Seiten, den Besuchern, den Künstlern, Kuratoren und Galerien.

Johan Tamer-Morael: Ja.

AfN: Wird sich das fortsetzen? Werden Sie das wiederholen?

Johan Tamer-Morael: Natürlich wollen wir das im nächsten Jahr. Und die Auswahl hat schon begonnen. Wir sprechen mit den Galerien, die wir für die erste Ausgabe haben wollten, die aber nicht dabei waren, weil es zu spät war.

AfN: Wir die Messe wieder in den selben Räumen stattfinden?

Johan Tamer-Morael: Es kann überall sein.

AfN: Zum Schluss wollte ich Sie bitten, etwas zu erklären. Wir sind ...?

Johan Tamer-Morael: ... in der VIP-Lounge.

AfN: Direkt neben uns befindet sich ein Kunstwerk.

Johan Tamer-Morael: Ein Kunstwerk, eine Installation von Nicolas Buffe.

AfN: Sagen Sie uns, was wird mit diesem Kunstwerk geschehen?

Johan Tamer-Morael: Dieses Kunstwerk wird in Teile zerlegt und am letzten Tag verkauft.

AfN: Wird es eine Auktion geben?

Johan Tamer-Morael: Da müssen sie die Galerie fragen, die Nicolas repräsentiert, es ist die Galerie Schirman & Beaucé. Sie werden sich darum kümmern.

AfN: Wessen Idee war es, die VIP-Lounge zu verkaufen?

Johan Tamer-Morael: Ich glaube, die der Galerie.

AfN: Johan, vielen Dank für dieses Interview.

Johan Tamer-Morael: Danke.


(3.11.2006)

Übersetzung: Senta Ofenmacher

www.slick-paris.com

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