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Art Cologne - Interview mit GéRARD A. GOODROW


Dies ist ein Interview von Artfacts.Net und Vernissage TV mit Gerard A. Goodrow dem Direktor der Art Cologne.

AfN: Wie sind sie in die Kunstwelt gekommen?

Gérard Goodrow: Das ist eine komische Geschichte. Ich studierte eigentlich kulturelle Anthropologie mit einem Schwerpunkt auf Schamanismus. Ich hatte einen großartigen Professor, der mir sagte: "Wenn du wirklich an diesem Thema interessiert bist, gibt es da einen deutschen Künstler, Joseph Beuys, und man sagt, er habe etwas mit Schamanismus zu tun." Ich ging also zur Universitätsbibliothek und lieh mir den Katalog der entsprechenden Guggenheim Ausstellung und am nächsten Tag änderte ich meine Meinung - da realisierte ich, dass Kunstgeschichte genau so sein kann. Seit diesem Zeitpunkt bin ich ein Kunstfreak.

AfN: Die Art Cologne, die am längsten etablierte Messe für moderne und zeitgenössische Kunst hat ihre Stellung als weltweit führende Kunstmesse verloren.
Was waren Ihre größten Herausforderungen, als sie begannen für die Messe zu arbeiten? Was war Ihre Richtlinie in diesen drei Jahren?

Gérard Goodrow: Ich denke, das größte Problem, als ich vor drei Jahren kam war, dass die Art Cologne ein schlechtes Image hatte. Ich denke, es ist eine großartige Messe, anderenfalls hätte ich den Job nicht übernommen. Aber sie hat dieses Image, dass sie zu konservativ ist, zu versteift, dass man dort keine Kunst verkaufen kann. Die größte Herausforderung war, den Leuten begreiflich zu machen, dass es auch gut sein kann, die älteste Messe zu sein. Die Tatsache, dass wir all die Erfahrung haben, bedeutet auch, dass wir gesicherter sind. Man muss nicht immer cool sein. Es ist in Ordnung, auf eine würdige Art alt zu werden und ich denke, das ist es, was wir mehr und mehr begreifen. Wir wollen den Leuten klar machen, dass wir keinen Hype wollen, wir wollen "langsame Kunst", und das ist eine gute Sache, denn wir wollen auch in den nächsten vier Jahren noch da sein. Man braucht eine gewisse Ernsthaftigkeit. Die Kunstwelt basiert natürlich auf Vertrauen und ich weiß nicht, ob ich all dem Hype vertrauen soll. Vielleicht sind wir ein bisschen langsamer, aber wir sind ein bisschen ernsthafter und ich denke, wir werden auch die in den nächsten Jahrzehnten noch da sein. Und werden dann all die anderen Messen, die gerade aus dem Boden schießen noch da sein?

AfN: Zwei große Entscheidungen wurden gefällt: Die Reduzierung von 250 Galerien auf 180, und dass die Messe nun im Frühjahr stattfinden wird. Was erwarten sie von diesen Änderungen? Wie wurden diese Entscheidungen in der Kunstwelt aufgenommen, speziell in Köln?

Gérard Goodrow: Die Reaktion war eigentlich ganz gut, denn die Ideen dazu kamen aus der Kunstwelt. Wir haben lange darüber nachgedacht, aber konkret begann alles im letzten Dezember, nach der letzten Art Cologne, als verschiedene Kölner Galerien eine Art Kampagne in der lokalen Presse begannen, in der sie fragten: "Wäre es nicht gut, die Messe zu verkleinern und wäre es nicht gut, das Datum zu ändern?" Und wir wurden gewissermaßen zu einer Reaktion gezwungen, es half uns sogar, dass sie auf diese Weise protestierten. Wir hatten erkannt, dass es die richtige Entscheidung sein würde, denn die Messe kleiner zu machen führt dazu, dass sie machbarer wird. Die Messe glitt uns aus der Hand, sie war einfach zu groß, und die Leute wurden müde; das ist nicht gut für die Verkäufe. Und die Entscheidung das Datum zu verschieben? Nun, einfach weil in dieser Zeit zwischen September und Dezember so viel los ist. Fast jede Woche passiert irgendetwas auf dem Kunstmarkt. Es gibt keine Zeit mehr, um Atem zu holen, nicht nur für uns, auch für die Sammler, die Galerien, die Presse, die Museumsleute... Wir erfuhren durch diese ganze Diskussion und durch diese ganzen Änderungen, dass die Leute uns wirklich mögen. Der Imagewandel beginnt zu wirken. Sie mögen uns, aber gleichzeitig sind sie im Herbst einfach müde, man kann nicht alles machen, man kann nicht jede Woche irgendwo anders sein.
Die Reaktionen waren also wirklich gut, und ich bin mir sicher, dass es auch einen Effekt auf die Messe nächstes Jahr haben wird, noch mehr als dieses Jahr, denn durch die Reduzierung der Größe und dem neuen Termin im April werden wir mehr und bessere Besucher haben, auch bessere Galerien. Momentan haben wir exzellente Galerien, die teilnehmen, aber besser wäre es, noch mehr ausländische Galerien zu haben. Momentan haben wir 50% ausländische Galerien, aber wir hätten gerne mehr und das zu erreichen, wird im Frühjahr einfacher sein.

AfN: Zurzeit gibt es weltweit eine massiv anwachsende Zahl von Kunstmessen. Was unterscheidet die Art Cologne von den anderen Messen?

Gérard Goodrow: Ich denke, das besondere an der Art Cologne ist, dass wir eine lange Tradition haben - wir sind nicht besorgt darüber, alt zu werden. Was uns zu etwas Besonderem macht, ist die Tatsache, dass die Art Cologne ein Zentrum der Aufmerksamkeit innerhalb des Kunstmarktes ist. Das ist ein Trick, den ich gelernt habe, während ich für Christie´s gearbeitet habe. Wenn du der Öffentlichkeit zeigst, dass du die Leidenschaft für die Kunst mit ihnen teilst, dann werden sie selbst begeisterter sein und sie werden ein loyaleres Publikum sein. Die meisten Galerien verdienen nicht viel Geld, Galerien könnten etwas anderes tun, das mit Geld zu tun hat. Die meisten Sammler machen etwas anderes als nur sammeln, das ist nur ihr Hobby, es ist nicht ihre Hauptsache, aber sie geben viel Geld aus, denn es ist ihre Leidenschaft. Es ist das gleiche mit der Kunstpresse. Wir alle wissen, dass Kunstjournalisten nicht besonders gut bezahlt werden, warum tun sie es also? Weil es ihre Leidenschaft ist. Wir wollen zeigen, dass wir teilen können, und deshalb stellen wir die Kunst in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, so wie hier im Open Space Bereich. Es geht um Kunst und nicht um das Geld hinter der Kunst.

AfN: Die Nebenmessen wachsen und nächstes Jahr wird zum ersten Mal die dc - düsseldorf contemporary stattfinden. Sehen sie sie als Konkurrenten oder als Ergänzung zur Art Cologne?

Gérard Goodrow: Ich sehe die art.fair und nächstes Jahr die dc als Ergänzung an. Wir hatten auf der Art Cologne ein ganzes Jahrhundert oder sogar mehr innerhalb der Kunstrichtungen, vom deutschen Expressionismus bis zu den jüngsten Trends. Die art.fair ist für erschwingliche Kunst und die dc plant eine Messe für brandheiße junge zeitgenössische Kunst zu werden. Wir werden sehen, was im April passiert, denn noch existiert das nicht. Natürlich kann es auch eine Konkurrenzsituation geben, denn wir sind 40 Jahre alt und wir haben ein ganzes Jahrhundert an Kunst. Vielleicht können sie uns ein bisschen Feuer unter dem Stuhl machen aber sie werden uns nicht verletzen können. Ich denke, wenn die dc so gut wird, wie sie sagen, dann ist es für das ganze Rheinland gut, denn dann bedeutet es eine weitere Bereicherung für die Region.

AfN: Werden sie mit der Stadt Köln zusammenarbeiten, um das Konzept einer Stadt der Kunst zu stärken, wie es von Anneke Oele von der Art Amsterdam und Jennifer Flay von der FIAC beschrieben wurde?

Gérard Goodrow: Das großartige an der Art Cologne ist, dass sie immer sehr eng mit der Stadt Köln zusammengearbeitet hat. Ich habe in anderen Städten, wie Amsterdam oder Paris, diesen Ansatz gesehen. Ich war letzte Woche auf der FIAC. Paris wir immer eine Stadt der Kunst - hat die FIAC dazu irgendetwas beigetragen? Das gleiche gilt für Amsterdam. Wir haben die "Lange Nacht der Museen", welche während der Art Cologne stattfindet, es gibt verschiedene Ausstellungen in Museen, in Kunstvereinen oder in Galerien, die um die Art Cologne herum aufgestellt sind. Wir werden versuchen, das noch mehr zu stärken. Aber am Ende, und ich hatte diese Diskussion innerhalb der Stadt Köln schon oft, ist es nicht unsere Aufgabe, unsere Aufgabe ist es, eine gute Messe zu veranstalten. Es sollte die Aufgabe der Stadt und der Galerien sein, ihren Teil dazu beizutragen, dass Köln attraktiv wird. Es gibt so viel, was wir als Messe tun können und ich würde gerne so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf die Messe selbst richten wollen, ich schulde das meinen Klienten, welche die Galerien hier auf der Messe sind.

AfN: Einige Galeriebesitzer sagen, dass es hier einen zu großen Schwerpunkt auf die klassische Moderne gibt und nicht genug auf junge Galerien fokusiert wird. Wie sehen sie das? Führt das zu der Schlussfolgerung, dass alle Messen ihren Fokus auf junge Kunst legen sollten?

Gérard Goodrow: Es gibt diese Redewendung, dass alle Kunst zeitgenössisch war. Man braucht den Kontext der klassischen Moderne und der Nachkriegskunst, um die junge Kunst zu verstehen und sie in einen Kontext zu setzen. Ich glaube nicht, dass wir einen zu großen Schwerpunkt auf der klassischen Moderne haben. Wir haben ungefähr 20% klassische Moderne, vielleicht 25% Nachkriegskunst und der Rest ist zeitgenössisch. Wir haben das älteste, und ich denke, eines der besten Programme für junge Talente, das "the new talents"-Programm. Wir haben das älteste und eines der besten Programme für junge Galerien "the new contemporaries", wir haben "open space" mit einem großen Schwerpunkt auf zeitgenössischer Kunst. Aber wir brauchen den Ausgleich. Ist es nicht hilfreich, um z.B. jemanden wie Neo Rauch zu verstehen, in der Nähe oder in der gleichen Halle Arbeiten von Kippenberger oder von Picabia zu haben, um so in die erste Hälfte des Jahrhunderts zurückzugehen. Dann hat man nämlich einen Kontext, um zu verstehen, woher die momentane Kunst kommt, speziell die der jungen Künstler, braucht man immer den Kontext. Das ist etwas, dass die Art Cologne so besonders macht. Es gibt heutzutage wenige Messen, die das ganze Jahrhundert zeigen. Man hat es in Basel, bis zu einem gewissen Punkt auch in Paris und Madrid. Aber in den anderen Fällen hat man fast nur zeitgenössisches. Für mich wird es langweilig, wenn alle Messen gleich aussehen. Ich will nicht nur wie Basel sein, auch nicht wie Miami, ich denke es ist großartig, dass die Art Cologne ihr eigenes Profil hat. Und dieses Profil nimmt die Kunst ernst, und wenn man Kunst ernst nimmt, gehört auch Picasso dazu.

AfN: Was bedeutet für sie Qualität in der Kunst?

Gérard Goodrow: Ich denke, obwohl zeitgenössische Kunst erscheint, als brächen in ihr alle Regeln der klassischen Tradition hinweg, man doch noch die gleichen Kriterien wie früher anlegen kann. Es ist immer noch wichtig, dass die Komposition stimmt, es ist immer noch wichtig, dass ein Künstler weiß, mit einem Medium, mit dem er oder sie arbeitet, umzugehen. Wenn man ein Maler ist, sollte man die Regeln des Malens kennen, denn bevor man Regeln bricht, muss man wissen was die Regeln sind. Ich denke also, dass die Kriterien für Qualität immer noch die gleichen sind und dass sie immer da gewesen sind. Was als eine zusätzliche Sache hinzukommt ist, dass Werke globaler verstanden werden müssen, weil jetzt künstlerische Arbeiten durch das Internet oder durch die schnellen Reisemöglichkeiten gleichzeitig in verschiedenen Zusammenhängen gesehen werden können. Und man muss damit zurecht kommen. Es ist interessant, wenn Kunst auf einer globalen Ebene verstehbar ist, das ist ein gutes Kriterium für Qualität.

AfN: Haben sie ein Motto?

Gérard Goodrow: Ja, und ich denke, es passt gut zu der Messe und zum Leben im Allgemeinen, und es ist ein Zitat meines Vaters, es lautet: "Es ist schwer mit den Adlern zu segeln, wenn du hier unten mit den Truthähnen festsitzt."


Interview: Patricia Blasco
Übersetzung: Tobias Hilger

Dieses Interview können sie auf Vernissage TV Auch als Video ansehen: Teil 1 und Teil 2

www.artcologne.de

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