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Tagebuch einer Performance Künstlerin – von Rachel Hoffmann


Die Performance Künstlerin Rachel Hoffman ist in der Kunstszene Miami aktiv.
Sie wurde gefragt, für M über ihre alltäglichen Erfahrungen in Miami zu schreiben, und das zu einer Zeit, in der sich die Stadt darauf vorbereitet, im nächsten Monat 13 Messen (und mehr) auszurichten. Es ist der erste Artikel einer Serie „In der ersten Person“, die veröffentlicht wird, um den Lesern einen ungeschminkten, flüchtigen, entzauberten Blick auf die Kunstwelt zu ermöglichen.

In der ersten Person

27. Oktober 2006

Ich sitze mit meiner dicken, dunklen Sonnenbrille draußen in einem Café am South Beach, erfüllt von all den schönen Dingen, die man betrachten kann. Die Kunst in Miami überwältigt mich mehr und mehr. Sie taucht an Plätzen auf, an denen man es am wenigsten erwartet. Alles inspiriert? Wie wunderschön!

Wade Simpson, ein guter Freund und Maskenbildner sitzt mir gegenüber. Obwohl es erst 10 Uhr morgens ist, hat er schon drei Serienstars und einen Transvestit auf einem kleinen Moped entdeckt. Bei der letzten Beobachtung reiße ich mich aus meiner Kunst-Trance. Ich weiß nichts über Seifenopern, aber ich bin überwältigt vor Bewunderung. Der Stil und die einzigartige Schönheit der Person auf dem Moped beeindrucken mich sehr. Diese langen Beine, die Handschuhe mit Tigerprint, die leuchtendroten Lippen und der Diamantkragen – alles erscheint viel zu perfekt, um keine Fantasie zu sein. Ich weiß, dass mich diese Vision noch lange verfolgen wird.

Es ist Ende Oktober und es fühlt sich immer noch an wie Sommer. Eine zarte, magische Halloween-Brise weht. Es ist immer noch Bikiniwetter, aber ich habe vor, die nächsten fünf Tage im Ballerinakleidchen zu verbringen. Ich bereite gerade fünf Performances für die Miami Beach Cinematheque vor, als Hommage an „GIALLI“ und darüber hinaus: italienische Meisterhorrorfilme. In den letzten Monaten habe ich mich mit den provokanten und stilvollen Filmen von Mario Bava und Dario Argento beschäftigt, um zu diesem Anlass eine Installation mit Soft Sculptures, Performances und einem Kurzfilm zu entwerfen. Argentos brutaler, sexy Film SUSPIRIA, welcher in einer deutschen Ballettschule spielt, hat mich, mit seinen fantastischen Farben und Bildern, am meisten beeindruckt. Obwohl der Ausdruck „Gialli“ sich auf die italienischen Filme bezieht, die nach dem gelb eingebundenen („giallo“) Taschenbuch für Schundliteratur über Verbrechen und Mordserien benannt wurden, ist SUSPIRIA mehr eine übernatürliche Fantasie mit Hexerei. Es ist lustig, aber es scheint, als hätte ich die Farbe Gelb auf der formalen Ebene der Ausstellung vermieden. Es geht hierbei um die Ästhetik des Blutes. Der Fokus liegt auf der Farbe Rot.

Ich erwische mich selbst auf der Unterlippe kauend, weil die Nervosität allmählich beginnt, mich aufzufressen. Ich sollte vielleicht ruhig werden und entspannen, eventuell einen Schaufensterbummel unternehmen, aber bald muss ich mich herrichten, um mich mit Dana Keith, dem Direktor und Kurator der Cinematheque zu treffen, damit wir die erste Performance vorbereiten können. Ich möchte mich selber kneifen, weil ich so glücklich bin. Was für ein tolles Projekt! Die MBC liegt am South Beach am Espanola Way und beherbergt die Miami Beach Film Society. Diese Non-Profit Organisation bietet einen netten, intimen Raum für Filmvorführungen, Kunstausstellungen und andere Veranstaltungen. Dana bringt Spaß. Er stellt immer Dinge um, verändert den Raum und tut Unerwartetes.

Während der Art Basel Miami Beach im Dezember wird Dana GIVING VISABILITY zeigen, eine Repräsentation der Wirklichkeit und unbekannter Welten…mit einer Film-Retrospektive und Fotoausstellung von Jonas Mekas im gesamten folgenden Monat. Während des Art Basel Wochenendes wird in der Miami Beach Cinematheque ein Projekt fünf außerordentlicher Filmemacher und Videokünstler präsentiert. Es ist eine Möglichkeit, einen kurzen Blick in das Leben der Berühmten und Berüchtigten, zu werfen. Das ganze Wochenende werden auf drei Leinwänden wechselnden Film- und Videoarbeiten von Michel Auder, Candice Breitz, Gabriel Lester, Jonas Mekas und Francesco Vezzoli zu sehen sein. Das Ereignis ist auch die Premiere von Jonas Mekas Retrospektive in Miami. Mekas ist der legendäre „Gottvater des amerikanischen Avantgarde-Kinos“ und seine Filme Happy Birthday to John, This Side Of Paradise und Scenes From The Life Of Andy Warhol werden am Art Basel Wochenende im MBC vorgeführt.

28. Oktober 2006

Es ist Samstag vor Halloween, aber fast jeder am South Beach ist schon kostümiert. Wade und ich sind wieder im gleichen Café zum Frühstück. Wir bemerken, dass sogar die Hunde bereit sind für Süßes-oder-Saures. Ein winziger Chihuahua mit einem Sombrero und einer Gitarre stolziert an seiner Leine. Das Tier wiegt wahrscheinlich nicht mehr als zwei oder drei Pfund, aber das scheint, das Ensemble nicht im Geringsten zu stören. Ich nehme an, dass der Hund männlich ist, aber Wade glaubt, es ist ein weiterer Transvestit.

Ich hoffe, ich schaffe es rüber in den Wynwood Art District um meine Freundin Charo Oquet zu besuchen. Sie ist Kuratorin des Kunstraums Edge Zones, eine andere fabelhafte Non-Profit Organisation. Viele Leute sagen, es sei erfrischend dorthin zu kommen, da Oquet so viele verschiedene Kunststile zeigt. Ich liebe die Arbeit mit ihr, weil sie als Kuratorin offen und kribbelig ist. Es ist wirklich beflügelnd, mit ihr zu sprechen, da sie eine große Energie hat. Wenn ich vor einer Performance nervös bin, weiß sie immer das Richtige zu sagen, um mich zu ermutigen und mich anzufeuern.

Kürzlich habe ich sie nach ihrem kuratorischen Stil gefragt. Sie erklärte mir, dass sie sich ausschließlich auf die Gegenwart konzentriere; sie stelle die Edge Zones Künstler klar als Vertreter eines neuen kulturellen Stadiums dar, und sie ist sich der Verantwortung bewusst, dass jedes Experiment ein großes Risiko beinhaltet. „ Ich bewundere Charo für ihre selbstlose Hingabe. Sie zeigt Arbeiten, die Grenzen verschieben und betont immer, wie wichtig es für Miami ist, offen für Experimente zu sein, um weiter zu wachsen. Dass Miamis Künstler Herausforderungen gegen „existierende verseuchte Konzepte“ stellen müssen.“

Charo widmet einen großen Teil ihrer Zeit und Energie Künstlern in Miami und Übersee zu helfen. Sie ist in der Lage, jede Art von Projekt zu organisieren, das Miamis Künstler internationalen Kuratoren, Kritikern und Künstlern bekannt macht. Sie stärkt die Künstler, weil sie nicht nur Kunst zeigt, sondern den Künstlern beibringt, wie man wächst und überlebt. Letztes Jahr hat sie mich eingeladen, mit einer Gruppe Künstlern aus Florida in die Dominikanische Republik zu reisen, um Performances und Installationen im Museo de Arte Moderno in Santo Domingo zu machen. Wir sollten uns mit Caryana Castillo und Eliu Alamonte der Avantgarde-Performance-Gruppe „Collectivo Chocolatero“ in Puerto Plata zusammentun. Das war für mein Leben eine verändernde Erfahrung und bereicherte meine Arbeit mit neuer Zuversicht und Komplexitäten.
Im Dezember, gleichzeitig mit der Art Basel Miami Beach, startet Charo die Zones Messe. Sie erzählt mir: „Dieses Jahr werden 12 Messen nach Miami kommen, und unsere wird die 13. sein“. Das steigert mein Interesse. Letztes Jahr habe ich Dinge mit Edge Zones erlebt, die fast übernatürlich schienen. Ich weiß, es gibt keine logische Erklärung und ich bin mir bewusst, dass meine abergläubische Natur und meine überaktive Fantasie mich dazu bringen, die Dinge auszuschmücken. Doch die Zahl 13 ist machtvoll. Ich fürchte sie nicht. Ich finde es glücksbringend. Edge Zones hat spät begonnen, aber es ist ein wirklich großartiger Ort. Ich glaube, dass Charos selbstgezogene Zones Messe dieses Jahr, sich von den anderen Messen unterscheiden wird. Es wird die Reise wert sein. Ich hatte die Gelegenheit, schon einige monumentale, figurative Skulpturen des - in Miami lebenden - Künstler Patrick Flibotte, vor dem Gebäude zu sehen. Diese riesigen „aufblasbaren Zwillinge“, Träumereien der frühreifen Jugend des Künstlers, sollen Vergnügen und Unbehagen hervorrufen. Der Künstler baut den Betrachter auf und schlägt ihn gleichzeitig nieder. Fantastico!

Mein Maskenbildner fragt mich, warum ich so oft tagträume. Er wirkt beleidigt, weil heute sein Geburtstag ist und ich ihm mehr Beachtung schenken sollte. Er erklärt, dass er etwas Zeit für sich braucht und scherzt, „dass er zurück in sein Hotel gehen wird, um sich seinen @$$ mit Glitzerpuder zu bestäuben!“. Ich begrüße die freie Zeit für mich und beschließe, zur Eisdiele an Washington und Espanola Way zu gehen. Ich bestelle einen halb Kokosnuss-halb Tiramisu-Becher. Das Eis schmilzt schnell, während ich – hastig essend – die Straße entlang laufe. Es muss inzwischen in meinem ganzen Gesicht verteilt sein. Weil ich bereits im rosa Tutu bin, starren mich die Männer an, geifern und jaulen mir hinterher. Aus den Reaktionen lässt sich schließen, dass mein pinkes Rüschenhöschen zu sehen ist, aber das Eis ist einfach zu gut.
Ich kümmere mich nicht darum.

29. Oktober 2006

Habe ich jetzt Geburtstag? Und bin ich jetzt an der Reihe, total neurotisch zu werden? Ganz anders als Wade habe ich keine Lust im Hotelzimmer zu sitzen und meinen @$$ mit Glitzerpuder zu bestäuben; das mache ich andauernd, wenn mir langweilig ist.

Heute wird Argentos TENEBRE in der Cinematheque gezeigt. Das ist sein brutalster und kältester Film. Die Mordopfer tragen immer weiß, wahrscheinlich um das Blut hervorzuheben. Argento benutzte in den Mordszenen seine eigenen Hände statt der des Schauspielers. Meine Lieblingsszene ist eine Traumsequenz, in der eine schöne, junge Frau ganz in Weiß, mit Ausnahme ihrer sexy feuerroten Pumps, den Absatz ihres Schuhs mit Gewalt in den Mund eines Mannes schiebt, den sie für ihre Folter auserwählt hat.
Für mich ist das beunruhigender als die eigentlichen Morde.

Die letzte Nacht ist ein bisschen außer Kontrolle geraten, und nachdem es die wilden South Beach-Ausschweifungen bezeugt hat, glaube ich, ist mein Ballerinakostüm beschmutzt. Wade empfiehlt, es zu verbrennen, aber ich möchte es als Erinnerung behalten. Ich bin mit einer Flasche Desinfektionsspray und einen Britney Spears Parfüm Imitat bewaffnet. Es riecht lecker, wie Zuckerwatte. Ich bemerke Flecken auf dem pinken Satin. Ich frage mich, wie die dorthin gekommen sind. Ist letzte Nacht etwas passiert? Hab ich was vergessen? War ich zugedröhnt? Die ganzen schrecklichen Filme machen mich paranoid. Ich schaue ständig über meine Schulter nach einem Stalker. Vielleicht lebe ich in einem realen „Giallo“? Viele mysteriöse und geisterhafte Dinge passieren, wenn ich performe und Aktionen mache, besonders in Miami. Es gab eine Reihe seltsamer Zufälle. Alles scheint möglich.

Dann erinnere ich mich, dass ich nach meiner Performance wieder zur Eisdiele gegangen bin. Es gab da einen kleinen Unfall, während des geschmolzenen Kokosnuss- und Tiramisu-Eis-Wahnsinns. Was für eine Erleichterung! Das war wahrscheinlich meine beste Performance an diesem Wochenende!

Text zur Verfügung gestellt von M / The New York Art World

Übersetzung: Jessika von Kiparski

www.thenewyorkartworld.com

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