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Interview mit Lourdes Fernández, Direktorin ARCO


Lourdes Fernández (rechts) und Patricia Blasco (Artfacts.Net)

AFN: Nach einem Jahr harter Arbeit, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, während Sie zweifellos oft unter Druck standen, hat die erste ARCO unter Ihrer Leitung endlich begonnen. Wie fühlen Sie sich?

Lourdes Fernández: Ich bin schon jetzt ganz zufrieden, gestern hätte ich gesagt "überwältigt"... Heute lief alles ausgezeichnet, die Eröffnung der ersten Besichtigung durch das Fachpublikum war sehr gut und ich hoffe, dass sich das für den Rest des Tages in dieser Weise fortsetzt.

AFN: Wie sind Sie in die Kunstwelt gekommen und wie hat sich Ihre Karriere bis zur ARCO entwickelt?

Lourdes Fernández: Ich habe Kunstgeschichte studiert und danach einen Master in Museologie gemacht. Nach meinem Studium hatte ich mehr Beziehungen zu Museen, aber nicht allzu lange. Ich habe meinen Abschluss in Museologie in Florenz gemacht und für ein Jahr im Musée d'Orsay in Paris gearbeitet. Dann hatte ich nach und nach Kontakt zu Galerien, ich habe die ARCO besucht und mit einigen von ihnen zusammengearbeitet... Von 1989 bis 1994 habe ich für die Marlborough Galerie in Madrid, dann für die Galería DV in San Sebastián gearbeitet und danach habe ich die Manifesta Biennale geleitet.

AFN: Als Sie die Leiterin der ARCO wurden, war die Messe schon 25 Jahre alt und hatte eine herausragende Position in der internationalen zeitgenössischen Kunstszene. Was war Ihrer Meinung nach der wichtigste Beitrag Ihrer Vorgängerinnen, Juana de Aizpuru und Rosina Gómez-Baeza, für die Messe? Welchen Beitrag wünschen Sie sich selbst zu leisten. Welche ist Ihre größte Herausforderung?

Lourdes Fernández: Also, ich glaube ihr Beitrag war insgesamt umfassend. Die Messe existiert dank Juana, weil sie sie begonnen hat und besonders dank Rosina, die die getane Arbeit fortgeführt und die Messe in ihre gegenwärtige Position gebracht hat.

AFN: Das ist keine Kleinigkeit.

Lourdes Fernández: Da stimme ich zu, keine Kleinigkeit.

AFN: Als wichtigste Ziele der ARCO haben Sie den Fokus auf Professionalisierung genannt und auf drei Hauptbereiche: Internationalisierung (in Richtung Asien und Lateinamerika, tatsächlich war Korea in diesem Jahr das Gastland und im nächsten Jahr wird es Brasilien sein), Sammler und Inhalt. Wie sieht Ihre Strategie zu jedem dieser Punkte aus?



ARCO

Lourdes Fernández: Mit der Internationalisierung haben wir bereits begonnen, wie das die ARCO schon immer getan hat. Es gibt 50 neue Galerien, darunt 47 ausländische. Wir ermutigen Sammleraktivitäten durch Vereinbarungen mit Unternehmen die fantastische Sammlungen zeitgenössischer Kunst besitzen und wir hoffen, einen Multiplikator-Effekt zu erreichen. Jetzt stehen professionellen Sammlern zwei Tage zur Verfügung, weil wir überzeugt sind, dass es für sie wichtig ist, die Kunstwerke in Ruhe zu betrachten, zu kaufen, etc. Wir sind auch für die breite Öffentlichkeit zugänglich, da wir umfangreiches Wissen über Kunst vermitteln wollen.

AFN: Im Hinblick auf die Inhalte der drei Sektionen: Allgemeines Programm, Projekte und Black Box, wollen Sie noch etwas hinzufügen?

Lourdes Fernández: Wir arbeiten an einer veränderten Struktur. Im nächsten Jahr werden wir neue Pavillons bereitstellen, das wird zu einer neuen Struktur der Messe und der Sektionen führen. Wir arbeiten daran. Ich bin überzeugt, Ihnen dazu bald mehr Informationen geben zu können.

AFN: Wird die ARCO im Bereich der Internationalisierung den Anteil der ausländischen Galerien weiter ausbauen?

Lourdes Fernández: Ich spreche nie über den Anteil von spanischen und ausländischen Galerien. International zu werden bedeutet nicht nur, ausländische Galerien dabei zu haben, sondern auch ausländische Sammler und eine Beziehung aller teilnehmenden Galerien untereinander. Das bedeutet, eine "internationale" Kunstmesse zu sein, ein offener Markt, nicht exclusiv auf die spanische Szene fixiert. Deshalb ist es nicht eine Frage der Quote, sondern eine Frage der Qualität. Wenn die spanischen Galerien eines Tages besser werden als viele ausländische Galerien, würde es einen größeren Anteil spanischer geben. Aber diese Frage der Qualität sollte auch gestellt werden, falls wir die größtmögliche Qualität mit weniger spanischen Galerien erreichen. Unser Kriterium ist hauptsächlich die Qualität, das Hervorragende.

AFN: Erwarten Sie, das Wachstum von 13 Prozent im letzten Jahr beim Verkauf zu übertreffen?

Lourdes Fernández: Ich bin sehr optimistisch, also habe ich das jedem gegenüber bejaht. Der Markt entwickelt sich ausgezeichnet, aber ich sollte lieber vernünftig sein und warten, bis wir die Ergebnisse kennen, bevor ich kategorisch antworte. Heute scheinen die Leute zufrieden zu sein und das professionelle Programm läuft bis morgen. Es werden sehr wichtige Verkaufsgespräche abgehalten und am Wochenende werden viele Sammler auf einem anderen Level Kunst kaufen - nicht Werke für 100.000 oder 200.000 oder eine Million Euro, sondern eine Art von Sammeln, die uns hilft, die Messe zu erhalten. Allerdings müssen wir vernünftig sein.

AFN: 2007 wird ein Übergangsjahr und in 2008 werden einige Veränderungen stattfinden. Welche Innovationen werden auf der nächsten ARCO zu sehen sein?

Lourdes Fernández: Es gibt viel zu tun. Man kann leicht allgemein darüber sprechen, aber wir müssen die Details erarbeiten. Zum Beispiel, die Arbeit mit den Unternehmen ist sehr aufwendig, intensiv, mühsame Überzeugungsarbeit, dass Kunst auch in der Geschäftswelt eine wichtige Rolle spielt. Der Prozess der Internationalisierung der Messe ist ebenfalls sehr komplex und er muss langsam aber sicher durchführt werden. Wissen Sie, zuerst sage ich etwas und dann müssen mir die Leute glauben. Ich bin keine Sprinterin sondern eine Langstreckenläuferin. Rosina hat dasselbe mit den Institutionen gemacht. Spanien war einmal ein Land ohne Institutionen. Aber langsam wurden sie in den Markt eingebunden. Jede spanische Region hat ihr eigenes Art Center, jedes Art Center seine Sammlung aufgebaut. Dieser offene Prozess muss mit den Unternehmen erweitert werden. Das wird private Sammler ermutigen. Aber das ist weder eine Aufgabe für die nächste Ausgabe der ARCO, noch die übernächste. Hoffentlich können wir 2008 sagen, "es gibt zehn neue Unternehmen, die Kunst sammeln". Aber wie gesagt, das ist ein langsamer Prozess, ein langfristiges Ziel. Das ist die Zukunft des Kunstmarktes.

AFN: Die ARCO gehört zu den herausragendsten Messen der Welt. Zuletzt wurden viele neue Messen gegründet und einige davon, wie die Basel Miami oder FRIEZE haben die anderen verdrängt. Wie wollen Sie sich gegen diese starken Konkurrenten behaupten? Welche Chancen hat die ARCO, weiter in der ersten Liga mitzuspielen.

Lourdes Fernández: Die ARCO muss eine Messe ersten Ranges bleiben. Es ist richtig, dass die ARCO nicht Basel ist, aber Verleiche sind unerträglich und ich würde lieber sagen, wir sind eine erstklassige Messe. Und ich vermute, ohne falsche Bescheidenheit das ist wahr. Nicht nur Kunstmessen vermehren sich überall. Die globalisierte Welt brachte viele Veränderungen. Kunstmessen spielen eine wachsende prominente Rolle, weil sie einen Treffpunkt anbieten. Jeder will eine Kunstmesse organisieren, weil da viele Dinge passieren, es lohnt sich für die Galerien an mehreren Kunstmessen teilzunehmen, umso mehr, wenn die Galerie nicht in einer Großstadt angesiedelt ist. Die Szene ist heute eine völlig andere. Wie Sie vielleicht besser wissen als ich, hat das Internet die Weitergabe des Wissens und den kulturellen Austausch zwischen den Menschen verändert. Wir müssen uns dieser großen Herausforderung stellen... wie uns erneut zu etablieren um diese privilegierte Position zu erhalten? Deshalb erwähne ich kontiuierlich den Lateinischen Markt. Ich glaube, dass es ein paar Arbeitsbereiche gibt, auf die wir uns mit aller Kraft konzentrieren müssen. Ich werde mein Bestes tun, obwohl diese Welt sich so schnell verändert, dass das was ich Ihnen erzähle, in drei Jahren möglicherweise durch andere Strategien ersetzt wird.

AFN: In vielen Städten wird vermehrt die Formel angewandt, eine etablierte Haupt-Kunstmesse durch zusätzliche Kunstmessen mit eigenem Konzept zu ergänzen (wie man das in Berlin, Miami, London oder Basel sehen konnte). Sie kooperieren miteinander und sogar die jeweilige Stadt wirbt für alle zusammen, in der Erwartung der thematische Brennpunkt der Kunstwelt zu sein. In Madrid findet gleichzeitig zur ARCO eine neue Kunstmesse statt, genannt Art Madrid, aber bis jetzt kann ich keine derartige Zusammenarbeit erkennen. Warum hat es hier nicht so einfach funktioniert? Ist der Markt hier groß genug für mehr als eine Kunstmesse? Können Sie sich die Szene in Madrid in der nächsten Zukunft vorstellen?

Lourdes Fernández: Ich will in dieser Angelegenheit nicht zu sehr in die Tiefe gehen. Zu Beispiel wäre eine Zusammenarbeit zwischen Art Basel/Volta Show und ARCO/Art Madrid nicht vergleichbar. Volta Show ist eine parallele Kunstmesse, radikaler und in gewisser Weise zeitgenössischer. Art Madrid ist damit nicht zu vergleichen. Es scheint mir eine gute Sache zu sein, dass Art Madrid existiert. Es gibt einen freien Wettbewerb und ARCO ist herausragend. Das Konzept der Art Madrid hat mit uns nichts zu tun. Die Art Madrid präsentiert eine Sorte von Galerien und von Kunst, wie man sie auf der ARCO kaum zu sehen bekommt. Ich freue mich, dass sie eine Kunstmesse mit diesen charakteristischen Merkmalen geschaffen haben. Zu der Frage, welche parallelen Messen eine Kunstmesse fördern würde, glaube ich, sie sollten die gleichen Qualitätsstandards auf dem Level von ARCO erfüllen. Hört sich kommerziell an, aber wir müssen ein vergleichbares Produkt anbieten.



Artfacts.Net auf der ARCO

AFN: Sie meinen also, die beiden würden nicht zusammen funktionieren.

Lourdes Fernández: Genau. Die Art Madrid ist weder eine Ergänzung noch ein konkurrierendes Element für die ARCO. Bei allem Respekt, mit uns hat das nichts zu tun. Es ist gut, dass sie existiert, es ist gut, einen anderen Markt zu haben. Aber mit der Art Basel/Volta ist das überhaupt nicht zu vergleichen. Die Volta ist eine kleine, wundervolle, exklusive Kunstmesse mit einer kleinen Gruppe fantastischer Galerien.

AFN: Hat ARCO irgendein Angebot von einer dieser neuen "Satelliten Kunstmessen" erhalten, die rund um die Hauptmesse in verschiedenen Städten stattfinden?

Lourdes Fernández: Nein, ARCO verfolgt ihre eigene Strategie, wie ich Ihnen gesagt habe, langsam aber sicher.

AFN: Wie sehen Sie Spanien in einem internationalen Kontext, hinsichtlich des Kunstmarktes, der Poduktion und von Kunsttrends?

Lourdes Fernández: Diese Frage würde eine sehr komplexe Analyse erfordern... Ich glaube, Spanien ist in einer sehr guten Position, vielleicht mussten wir unsere Fähigkeiten beweisen und uns deshalb mehr anstrengen als andere Länder, wie Deutschland und Frankreich, die sich auf Ihren Lorbeeren ausruhen. Ich glaube, Spanien befindet sich in einer fantastischen kreativen Phase, seine wirtschaftliche Situation ist sehr gut und es scheint, unser Verlangen, eine Position innerhalb der internationalen Szene zu erreichen, hat die ARCO stärker gemacht als andere Messen. Hinsichtlich des Kunstmarktes leben wir in einem sehr jungen Land und es gibt viel zu tun, beginnend bei mir, der neuen Direktorin. Wir müssen privates und unternehmerisches Sammeln fördern, unsere Museen müssen noch ernsthafter werden... Ich glaube, wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber genauso viel ist schon erreicht worden. Wir sind in einer beneidenswerten Position, wenn wir uns andere europäische Nachbarn ansehen, die immer einen Schritt voraus waren. Frankreich, zum Beispiel, befindet sich in einer Krise, während Spanien jetzt sehr gefestigt ist. Wie ich Ihnen gesagt habe, das Bedürfnis, eine gute Position zu erreichen, verlangte von uns, doppelt hart zu arbeiten.

AFN: Haben Sie eine persönliche Definition von Qualität in der Kunst? Welche Erfordernisse sollte ein Kunstwerk erfüllen, damit Sie es als "gut" bezeichnen?

Lourdes Fernández: Ich habe immer gesagt, Kunst ist Wissen und Leidenschaft. Je mehr man weiß, umso sensibler wird man. Man erkennt, wie diese Leidenschaft entsteht und deshalb fühlt man, ob es eine Idee hinter dem Kunstwerk gibt oder nicht. Es gab in einer Galerie viele Künstler, die mir gesagt haben: "Ich konnte malen seit ich ein Kind war", und ich habe geantwortet: "OK, man muss wissen wie man malt, aber auch was man malt". Es gibt technisch brillante Künstler und Künstler mit brillanten Ideen. Ich glaube, ein großartiger Künstler vereint beide Merkmale - das ist die Bedeutung von Kunst.

AFN: Vielen Dank, Lourdes.

Lourdes Fernández: Danke.

Interview : Patricia Blasco
Übersetzung: Senta Ofenmacher

www.arco.ifema.es

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