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Interview mit Thierry Ehrmann, Gründer und Firmenchef von www.artprice.com


Thierry Ehrmann

AFN/Vernissage: Das ist ein Interview von Artfacts.Net und Vernissage.tv mit Thierry Ehrmann, dem Gründer und Firmenchef (CEO) von www.artprice.com. Hallo, Herr Ehrmann.

Man sagt, Sie haben sich Ihre IT-Meriten durch die Bereitstellung von Serviceleistungen für "Minitel", das erfolgreiche französische Videotextsystem, verdient und im nächsten Schritt Datenbanken für juristische und Kunstmarkt-Informationen aufgebaut. Soweit uns bekannt, haben Sie Jura und Theologie studiert, wo ist die Verbindung zur IT?

Thierry Ehrmann: Erstens glaube ich, dass das Internet ein einzigartiges Abenteuer in der Geschichte der Menschheit darstellt. Sie sprachen über Theologie: man könnte das Internet als Metapher des Göttlichen verstehen, wenn nicht sogar als das Göttliche selbst. Wir sind Pionniere des Internet, wir fingen 1987 an, als wir weltweit nur 50.000 waren. Das war ganz am Anfang des Internet, das World Wide Web existierte noch nicht. Ich glaube, das Internet ist beides, ein ökonomisches und ein spirituelles Abenteuer. Außerdem besteht eine Vebindung zu juristischem Wissen, weil es neue Grenzen zieht und das "globale Dorf" von McLuhan neu definiert.

Also, einerseits gibt es diese Reflektion und andererseits, ist es ein Ensemble, das das Wissen der Menschheit organisiert. Wir sind Industrielle des Wissens, wir organisieren Wissen, und das Internet erlaubt uns in die tieferen Schichten einzudringen und dieses Wissen weiterzugeben. Es ist ein wenig so, als würde der Mythos der großartigen Bibliothek von Alexandria wiedergeboren.

AFN/Vernissage: Es gibt also auch eine spirituelle Dimension... Aber was ist die Verbindung zu Minitel?

Thierry Ehrmann: Minitel ist der Vorfahr des Internet, eine Vision, die wir in Europa von einem zentralen Server und Millionen kleiner Terminals hatten - viel einfacher als PC's -, die auf sehr einfache Weise den Zugang zu Wissen ermöglichte. Es war genau der gleiche Pfad. Und unsere amerikanischen Freunde sagen uns oft, "es ist schon aussergewöhnlich: ihr habt 20 Jahre im voraus die Geschichte des Internet vorhergesagt".

AFN/Vernissage: www.artprice.com wurde 1997 gegründet und ist, im Vergleich zu anderen bekannten Auktionspreis-Datenbanken, relativ jung. Können Sie uns sagen, warum Sie sich entschieden haben, in diesen konkurrierenden Markt einzutreten?

Thierry Ehrmann: Das ist eine einfache Frage. Die Server Group hatte immer nach globalen Märkten Ausschau gehalten und wir haben uns sehr schnell für den Kunstmarkt interessiert. Das Internet ist global und der Kunstmarkt ist der älteste Markt der Welt. Und dieser spezifische Markt verlangte nach Informationen, einer gewissen Transparenz.

Artprice ist ein großartiges Abenteuer. Wir haben ungefähr dreissig Sammlungen von Nachschlagswerken von Unternehmen aus aller Welt erworben. Wir wollten, ausgehend vom 17. Jahrhundert, die gesamte Zeitspanne bis heute erfassen und es war wirklich eine erschöpfende Arbeit, die wir zu leisten hatten: während wir hunderttausende von Manuskripten und Katalogen durchsahen, normalisierten und standardisierten wir den Kunstmarkt. Wir mussten fast eine Million Biographien erfassen, ungefähr 10 Millionen Kunstwerke und aus den Dokumenten die Bedeutung und die Geschichte zu jedem einzelnen herausfiltern. Aus diesem Grund haben wir in den Vereinigten Staaten, in Frankreich, in der Schweiz, in Deutschland etc., Wissen eingekauft. Der Erwerb dieser großartigen Sammlungen von Dokumentationen - unter anderem Inventarlisten von Sammlungen - ermöglichte es uns, die größte Datenbank der Welt zu erstellen. Wir sind sechs Jahre durch die Welt gereist, um dieses alte Wissen aus mehreren Jahrhunderten zu sammeln. In diese Mission mussten ungefähr 40 bis 50 Millionen investiert werden.

AFN/Vernissage: Man sagt, www.artprice.com sei die umfassendste Auktions-Datenbank mit den verständlichsten wirtschaftlichsten Werkzeugen, aber in Rezensionen wird auch das Fehlen von Bildern angesprochen. Wir haben gehört, dies sei auf Copyright-Beschränkungen in Frankreich zurückzuführen. Zuerst würden wir gerne wissen, ob Sie das für ein Problem halten und wenn ja, haben Sie jemals daran gedacht, das Land zu verlassen, um in dieser Hinsicht mehr Freiraum zu haben?

Thierry Ehrmann: Also, zuerst das Bilderproblem. Ich lehre Urheberrecht in Frankreich, also kenne ich das Problem sehr gut. Übrigens, das ist nicht nur ein französisches Problem, sondern ein europäisches und ein amerikanisches. Fragen des Copyrights in den US sind denen hierzulande sehr ähnlich. Es ist deutlich erkennbar, dass der amerikanische Gesetzgeber, genau wie der europäische, über eine Änderung der Urheberrechtsgesetze im Hinblick auf das Internet nachdenkt. Wir hätten die Kapazität - falls nötig - in die Vereinigten Staaten umzuziehen oder in ein anderes europäisches Land, falls dort eine vorteilhaftere Rechtsprechung im Hinblick auf die Verwendung von Bildern bestehen sollte. Heuzutage ist jedoch kein nordamerikanisches oder europäisches Land bereit, der Verwendung von Bildern ohne vorherige urheberrechtliche Vereinbarung zuzustimmen.

Das Urheberrecht ermöglicht es allen Begünstigten weltweit zu überleben; kein Galerist, kein Künstler wäre bereit, ohne Gegenleistung auf sein Copyright zu verzichten. Das Problem ist fast überall auf der Welt vergleichbar. Deshalb sollte sich die Kunstwelt zusammentun, um neue globale Regeln zum Copyright im Hinblick auf das Internet zu definieren.

AFN/Vernissage: Versuchen Sie denn, diese Frage innerhalb der Europäischen Union anzusprechen, der man nachsagt, im Vergleich zu den Vereinigten Staaten besonders streng zu sein?

Thierry Ehrmann: Die Server Group ist überall in der Welt present und es wäre kein Problem, den Firmensitz zu verlegen, falls notwendig. Aber das Problem des Copyrights ist nirgendwo grundsätzlich anders.

Ich glaube, dass sich die Europäische Gemeinschaft, unter anderem, mit dieser Frage befasst und wir könnten sogar in diesem Jahr positiv überrascht werden.

AFN/Vernissage: www.artprice.com ist eine der bekanntesten Webseiten für Informationen zur Kunst, sie ist in Google News verzeichnet, viele der www.artprice.com -Diagramme werden in Zeitungen und Magazinen gedruckt, www.artprice.com ist die einzige Datenbank von Auktionspreisen, die ein Mitgliedsprogramm anbietet und das zu sehr konkurrenzfähigen Preisen. Welche Rolle spielt das Marketing für Sie, um das Geschäft professionell zu leiten?

Thierry Ehrmann: Marketing ist wesentlich. Bis jetzt bestand der Kunstmarkt aus Initiierten, aus "Insidern" und ihren Opfern. Heutzutage kann jeder mit einem www.artprice.com-Abonnement eine Galerie betreten und von einer Summe von Informationen profitieren, die wir vor 20 Jahren überhaupt nicht hatten. In der Geschichte der Kunst findet gerade eine wirkliche Revolution statt: Leute, die nicht unbedingt ein großes Vermögen besitzen, aber (mit dem Sammeln) anfangen wollen, können jetzt mit einer unglaublichen Summe von Informationen zu ihrer Verfügung eine Galerie betreten.

Die Preisgestaltung der Abonnements ist uns sehr wichtig. Im Wettbewerb nutzen wir ausserdem Google, mit denen wir eine Partnerschaft eingegangen sind, um sowohl in Google News als auch in Google gelistet zu sein. Wir erreichen permanent zwischen vier und fünf Millionen Einträge, das ist sehr wichtig. Es gibt bei uns Machinenräume, die exklusiv Google gewidmet sind.

AFN/Vernissage: Also ist der Mitgliedspreis entscheidend für die Teilnahme am Kunstmarkt und seine Öffnung.

Thierry Ehrmann: Absolut, er ist sehr wichtig.

AFN/Vernissage: Und Marketing ist das Mittel, diesen Service der größtmöglichen Anzahl (von Personen) bekannt zu machen?

Thierry Ehrmann: Wir müssen in Betracht ziehen, dass der Kunstmarkt eine Revolution durchgemacht hat. In den Nachkriegsjahren gab es 500.000 Sammler, jetzt haben wir es mit 50 Millionen zu tun, die sich zu ernsthaften Konsumenten entwickeln. Der Kunstmarkt erfährt - entgegen den Erwartungen - keine Zeit der Spekulation. Seit 1990 bis heute gibt es eine wachsende Zahl von Käufern, die Zahl der Käufer weltweit hat sich verzwölffacht. In diesem Sinne war es nötig, uns unserem Markt anzuschließen, indem wir langsam die Preise gesenkt haben, damit jeder, sogar die einfachsten Leute, Zugang zu den Informationen erhalten kann, die wir über den Kunstmarkt anbieten.

AFN/Vernissage: Die Preisgestaltung und das Marketing tragen somit zur Demokratisierung und Öffnung des Marktes bei.

Aber, da wir über Marketing sprechen: Die meisten Ihrer Wettbewerber versuchen weltweit aktiv auf Kunstveranstaltungen physisch present zu sein. In den meisten Fällen, um unter den Galerien auf Kunstmessen Werbepartner zu gewinnen. Sie haben im letzten Jahr ein Shop-System für Händler eingeführt, wo diese für ihren Bestand werben können. Warum beschränken Sie Ihr Marketing ausschließlich auf Medienpräsenz? Warum versuchen Sie nicht, Kunden auf den Kunstmessen zu finden?

Thierry Ehrmann: Es gibt zwei Aspekte: Erstens, wir wollen tatsächlich näher bei unseren Kunden sein. Wir werden bei den wichtigen internationalen Treffen anwesend sein. Wir nehmen zum Beispiel eher an Biennalen teil, als an zeitgenössischen Kunstmessen. Heute ziehen wir es vor, Schirmherr von Biennalen zu sein, wegen der Abwesenheit von Kommerz und wegen ihrer ursprünglichen Vision. Andererseits ist richtig, wir haben ein starkes Marketing im Internet, aber wir werden uns mehr und mehr in Richtung Messen und Salons orientieren. die immer noch eine andere Vision des Kunstmarktes repräsentieren. Das ist eine natürliche Entwicklung. Im Lauf der letzten fünf Jahre ist die Anzahl der Messen und Ausstellungen weltweit explodiert.

Wir werden diese Bewegung verfolgen, aber wir werden nicht vergessen, dass die Welt groß ist und www.artprice.com im letzten Jahr 18 Milliarden Anfragen zu ihrer "Künstler"-Datenbank hatte. Wenn man bereits im Internet agiert, braucht man eine Präsenz in allen Suchmaschinen. Und dafür haben wir Teams, Ingenieure, die Tag und Nacht unsere Präsenz sicherstellen, damit jeder in jeder Sekunde Zugang zu den aktuellsten Informationen hat, egal, wo er sich auf diesem Planeten befindet.




AFN/Vernissage: Das klassische Geschäftsmodell für Auktions-Datenbanken lautet, Zugang zu verkaufen. Seit neuestem haben wir Webseiten gesehen, die den Zugang zu Auktionsergebnissen umsonst zur Verfügung stellen. Das ergibt sich aus der agressiven Marketingpolitik der Auktionshäuser, Verkaufsankündigungen und Ergebnisse online zu veröffentlichen und Dritten freien Zugang zu ihren digitalen Daten anzubieten. Wie reagieren Sie auf diese Entwicklung und sehen Sie eine Zukunft für Beitrags-basierte Inhalte?

Thierry Ehrmann: Wir arbeiten mit mehr als 2.900 Auktionshäusern, Auktionatoren. Wir wissen - und es ist seit praktisch 200 Jahren bekannt -, dass die Schwierigkeiten der Auktionshäuser darin bestehen, dass sie es nie geschafft haben, zu fusionieren. Es gibt sehr wenig Verbände von Auktionatoren, jeder mit eigener Ausstrahlung und keiner davon ist in der Lage, mit einem anderen zu fusionieren.
Es findet eine globale Konsolidierung von Informationen statt, der wir Schichten von Intelligenz, von Forschung hinzufügen und Historiker befassen sich mit dieser Information.

Die Tatsache, dass Christie's oder Sotheby's ihre Ergebnisse online veröffentlichen, stellt für uns kein Problem dar. Wenn jemand nach einem Künstler sucht, nach ökonomischer, wissenschaftlicher oder historischer Information über diesen Künstler, werden uns deren Verkaufsresultate keine Probleme bereiten. Sie können weitermachen. Ich kann mir wirklich nciht vorstellen, dass die 2.900 Auktionshäuser mittels einer einzigen Datenbank zusammenarbeiten. So ist es historisch betrachtet gewesen. Wir haben das Glück, dass die Auktionshäuser soviel Eigenwilligkeit und Temperament besitzen, dass sie es nicht schaffen, sich zu einer Gesellschaft zusammen zu schließen.

AFN/Vernissage: Der Verkauf von aufbereiteten Daten und ökonomischen Analysen etc. bleibt konsequent Ihre Domäne.

Thierry Ehrmann: Ja. Und der Wert, den wir hinzufügen (verglichen mit den Rohdaten der einzelnen Auktionshäuser), ist eine umfassende Marktübersicht, auf brauchbare Weise für den Sammler organisiert und präsentiert.

AFN/Vernissage: Mit der Einführung eines interaktiven Shop-Systems für Kunsthändler und Sammler haben sie www.artprice.com von einer Informationsplattform in einen Marktplatz verwandelt. Gibt es Pläne für die Zukunft, die Möglichkeiten für Transaktionen von Marktteilnehmern auszubauen?

Thierry Ehrmann: Ja, absolut. Nach den Zahlen der französischen Regierung, hat www.artprice.com in 2005 einen Umsatz in Höhe von einer Milliarde dreihunderttausend Euro realisiert. In 2006 haben wir diesen vermutlich auf eine Milliarde siebenhunderttausend Euro gesteigert. Da wir eine Marktplattform mit derartigem Volumen darstellen, ist es offensichtlich, dass die Intelligenz und Perspektive ökonomischen Denkens - in der einen oder anderen Weise - zu einer Situation führen wird, dass Geschäfte auf www.artprice.com abgeschlossen werden. Werden wir die Plattform für die großartigsten Auktionatoren der Welt von morgen sein? Warum nicht. Aber das Abenteuer geht weiter, es wird eine zweite Phase von Artprice geben.

Das wird ein wenig von der Europäischen Gemeinschaft abhängen, von der "Directive Bolkestein". Artprice wird sich zukünftig im Zentrum des Marktes befinden. Das ist die normale Entwicklung. Wir haben den Kunstmarkt normalisiert und dank dieser Normalisierung entstand der, was das Volumen betrifft, größte Marktplatz. In Zukunft werden wir die Auktionatoren und Galerien noch weiter begleiten. Heutzutage dematerialisiert sich der Kunstmarkt für den Auftritt im Internet. In den 80ern war es übliche Praxis, im Auktionsraum anzurufen. Also existierte schon damals der Akt, Kunst aus der Entfernung zu kaufen und wir begleiten diese Bewegung. Zum Beispiel, das hängt von der künftigen Gesetzgebung ab, erwägen wir Online-Auktonen.

AFN/Vernissage: Aber das Konzept von Online-Auktionen ist mehrfach fehlgeschlagen. Sotheby's und Artnet haben es versucht, sogar eBay, aber...

Thierry Ehrmann: Zu früh, viel zu früh. All diese Versuche wurden unternommen, als weniger als 250 Millionen Leute Zugang zum Internet hatten und zu einer Zeit der langsamen Verbindungen. Dazu kam, bei allem Respekt für eBay, fehlendes Wissen über den Markt.

Für den Erfolg dieser Operation haben wir ein Intranet installiert, in dem sich Auktionatoren verständigen und ihre Kataloge entwickeln können. Wenn der Kunstmarkt im Internet funktionieren soll, muß er normalisiert werden. Lassen Sie uns zum Beispiel eBay betrachten: man findet einen Farbdruck von Dali für 15 Dollar neben einem Original von Dali, wei man "Dali" eingegeben hat. Das bedarf einer Normalisierung. Und der Kunstmarkt verhält sich gleichzeitig sehr intelligent und sehr ungestüm.

AFN/Vernissage: Es stimmt, dass speziell im Fall von eBay, die Klassifizierung nicht eindeutig war und man leicht in die Irre geleitet werden konnte. In dieser Hinsicht stellt Betrug ein großes Problem des Kunstmarktes dar und zum Beispiel für eBay. Wird Ihr System jedem ermöglichen, ein Kunstwerk online zum Verkauf anzubieten?

Thierry Ehrmann: Der große Unterschied ist, dass wir jeden unserer Kunden kennen und ein Sicherheitssystem haben. eBay agiert nach dem Prinzip "Ich weiss nicht, was auf meinen elektronischen Plattformen geschieht." Der Unterschied besteht darin, dass wir beobachten, was passiert und wir unsere Kunden, sowohl Verkäufer wie auch Käufer, unterstützen. eBay agierte in dem Bewußtsein "es ist ein Geschäft" (wir gehen darüber hinaus). Wir untersuchen die Angebote und wenn zum Beispiel kein Echtheitszertifikat vorhanden ist, haben wir das Recht, das Angebot zurückzuziehen.

AFN/Vernissage: Joseph Schumpeter, ein berühmter österreichischer Ökonom, hat den Ausdruck der "Kreativen Destruktion" populär gemacht, für unternehmerisches Handeln, um den Prozess der industriellen Transformation zu beschreiben, der mit radikaler Innovation einhergeht. Während Ihrer gesamten persönlichen Karriere können Sie als eine solche Person gesehen werden. Würden Sie sich selbst als radikalen Unternehmer beschreiben, der traditionelle Handlungsweisen zerstört, um etwas Besseres zu erreichen?

Thierry Ehrmann: In Frankreich hat Derrida, der Philosoph, den Begriff "Dekonstruktion" benutzt, wenn er über die Zerstörung von Prinzipien gesprochen hat. Das heißt: in das Innerste des Systems vorzudringen, um es zu dekonstruieren, nicht zu zerstören. Wir sind zum Kern des Kunstmarktes zurückgekehrt und mit dem Internet betreiben wir eine progressive Dekonstruktion und auf diese Weise führen wir den Kunstmarkt in das dritte Jahrtausend. Ja, Dekonstuktion ist notwendig. Es ist das Zerbrechen eines Systems, das uns eine neue Perspektive ermöglicht, eine neue Form von Kapitalismus und eine neue Sichtweise mit Scharfsinn zu verwirklichen.

Mit dem Internet hat die Dekonstruktion der gesamten Wirtschaft des 21. Jahrhunderts begonnen. Es handelt sich um ein erbarmungsloses System, das alle früheren Akteure vernichtet. Nur diejenigen, die fähig sind zu mutieren, werden überleben.

AFN/Vernissage: Heutzutage wird Ihr Name hauptsächlich in Verbindung mit Ihrem Gesamtkunstwerk, dem "Abode of Chaos" (Wohnsitz des Chaos) genannt, wo Sie - wiederum - Ihren Firmensitz radikal in ein apokalyptisches Schlachtfeld transformieren. Können Sie uns erzählen, wann und wie sich diese Ambition in Ihnen entwickelt hat?

Thierry Ehrmann: Die New York Times hat das "Abode of Chaos" als das wichtigste und emotionalste künstlerische Abenteuer des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Ich glaube, die radikale Veränderung unseres Firmensitzes und das Leben hier bedeutet, mit dem eigenen Jahrhundert zu leben. In der Geburtsstunde des 21. Jahrhunderts herrschte Chaos, mit dem 11. September und den Ruinen des World Trade Center veränderte sich die Welt, die Leute im Westen haben viel von ihrem Hochmut verloren. Wir leben in einer Welt der totalen Dekonstruktion. Wir leben das globale Dorf eines McLuhan, aber auf lokale Weise. Es ist "glocal", global und lokal zur selben Zeit. In diesem Kontext ist das Chaos ein Weg, unsere westlichen Prinzipien zu hinterfragen: "Was ist der Markt", "Was bedeutet Freiheit", "Was bedeutet Demokratie?", "Was ist die Geschichte der Welt?".

Es musste etwas wie eine Zäsur stattfinden und als Bildhauer habe ich ein monumentales Werk auf 12.000 m² mit 2.700 Kunstwerken geschaffen. Es reflektiert eine permanente Sicht der Welt.

AFN/Vernissage: Und es war der 11. September, der in Ihnen dieses Bedürfnis provozierte, sich auszudrücken?

Thierry Ehrmann: Ja. Fukuyama, ein amerikanischer Historiker, sprach über "das Ende der Geschichte", im Kontext des Berliner Mauerfalls. Ich sage: der 11. September ist die große Rückkehr der Geschichte. Wir leben im tragischen aber luxuriösen 21. Jahrhundert. Gewalt und Unverschämtheit haben die Geschichte befreit. In jeder Sekunde schreitet die Geschichte voran und wir versuchen mittendrin zu sein.

Als Künstler kann ich diese Geschichte malen, formen und erschaffen. Außerdem ist es wichtig, dass Künstler sich etwas vorstellen, sehen und ihre Sicht der Welt weitergeben.



Interviewer Marek Claassen

AFN/Vernissage: Für Profis im Kunstgeschäft ist es nicht ungewöhnlich, sich in verschiedenen Berufen zu engagieren. Künstler arbeiten zum Beispiel oft als Kuratoren und manchmal als Galeristen. Aber es kommt ziemlich selten vor, dass ein Manager eines börsennotierten Unternehmens sich künstlerisch betätigt. Warum ist das für Sie so wichtig? Welche innere Stimme sagt Ihnen, es auf diese Art und Weise zu tun?

Thierry Ehrmann: Wir haben fast 30.000 Aktionäre und die wissen darüber seit Jahren Bescheid. Es gab mehr als 700 Reportagen im Fernsehen und in den internationalen Medien über das "Abode of Chaos", und im Gegensatz dazu, glauben unsere Aktionäre eher, "dieser Mann ist vielleicht ein bißchen verrückt aber genial und er verwirklicht seine Ideen". Wenn man das Gesicht und die Geschichte des Kunstmarktes verändern will, wenn man sagt "ich will - aus einer historischen Sicht - dass sich der Kunstmarkt verändert", muss man eine Menge Wahnsinn in sich vereinen, eine Menge Chaos, viel Irrsinn, das kann nur ein Künstler haben. Wer, ausser einem Künstler, kann mit Galerien reden?

AFN/Vernissage: Und wann haben Sie sich für diesen Lebenstil entschieden?

Thierry Ehrmann: Der war immer so. Mein Vater kam aus der führenden Industrie, er war ein Mitglied von Opus Dei und stand dem Vatikan nah. Mit 11 Jahren habe ich mein Elternhaus verlassen und mir ganz alleine mein eigenes Imperium aufgebaut. Mein Leben war immer Borderline.

Ich komme nach Hause, öffne die Tür und da ist Artprice. Ich gehe aus, und da ist "Abode of Chaos". Ich bin der CEO (Firmenchef) der Gruppe und gleichzeitig bin ich seit 25 Jahren Bildhauer. Das ist ein integriertes Ganzes. Und es gibt nicht nur zwei Personen, es ist eine einzigartige Geschichte. Unsere Offenheit ist die Stärke von Artprice.

AFN/Vernissage: Herr Ehrmann, vielen Dank für das Interview.


Dieses Interview können sie sich auf Vernissage.tv als Video ansehen. (In englischer Sprache)

Übersetzung: Senta Ofenmacher

www.artprice.com

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