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Interview mit Katelijne De Backer, Direktorin der Armory Show


Katelijne De Backer

AfN: Das ist ein Interview von Artfacts.Net und Vernissage.tv mit Katelijne De Backer, Direktorin der Armory Show in New York. Hallo, Frau De Backer.

De Backer: Hallo, willkommen!

AfN: Das ist das 7. Mal, dass Sie die Armory Show organisieren. In der Nummerologie stellt die Sieben eine besondere Zahl dar. Es gibt den Bibelspruch über die sieben fetten und die sieben mageren Jahre: Wenn Sie zurück und nach vorne schauen, was denken Sie, kommen die fetten Jahre noch?

De Backer: Die Messe hat in den vergangenen sieben Jahren wachsende Besucher- und Verkaufszahlen verzeichnet und ich glaube, wir werden diesen Trend einfach fortsetzen.

AfN: Also hat der alte Bibelspruch für Sie keine Bedeutung? Es ist nur eine Einstellungssache?

De Backer: Das glaube ich. Ja.

AfN: In einem kürzlich veröffentlichten Artikel bedauerte die New York Times die Abwesenheit von Colin de Land, einem der Gründer der Armory Show. Es hieß, ein gewisses Bewußtsein - sie nannten es "Underground" - sei mit ihm verschwunden. Beim Lesen dachte ich sofort an das Musikgeschäft, in dem Sie sich auskennen. Sie haben für MTV Europe gearbeitet und einige ziemlich berühmte Shows gemacht. Übrigens, laufen die noch?

De Backer: "Aternative Nation" läuft noch. Ich glaube nicht, dass "120 Minutes" noch gesendet wird.

AfN: Wie sich dieser Markt, das Musikgeschäft, in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt und konzentriert hat, sehen Sie verleichbare Trends, wie den Verlust des "Underground" zugunsten eines hochprofessionellen Managements, auf dem zeitgenössischen Kunstmarkt?

De Backer: Also, erstens glaube ich, am Ende des New York Times Artikels wird auch gesagt, dass Colin de Land einverstanden wäre. Colin hat mich engagiert - die Gramercy hatte so einen unkonventionellen, alternativen Stil - aber er war die Kraft, das in eine professionellere, organisiertere Bahn zu lenken und aus diesem Grund hat er mich engagiert.

AfN: Also, der alte Rock'n'Roll-Geist existiert noch...

De Backer: ...aber vielleicht in einer organisierteren Form.

AfN: Wenn wir zum Musikgeschäft zurückkehren, es gibt eine starke Konzentration auf diesem Markt. Sehen Sie das auf dem Kunstmarkt genauso? Ich meine, ich habe mir einige Zahlen angesehen und festgestellt, dass 50 Prozent der auf dieser Messe vertretenen Galerien an der Frieze, in Basel oder Miami oder an allen drei Messen teilgenommen haben.

De Backer: Letztes Jahr saßen wir nach der Messe mit unserem Auswahlkomitee zusammen und sie sagten: "Wissen Sie, wir sehen auf all diesen Messen immer die gleichen Galerien, lassen Sie uns also die Karten neu mischen und mehr neue Galerien akzeptieren." In den vergangenen Jahren hatten wir ungefähr 20 Prozent neue Galerien; dieses Jahr haben wir 25 Prozent. Man hat also von zwei Galerien, die gleich stark bewertet wurden, vorzugsweise die neue ausgewählt, und ich glaube, das entspricht auch dem Geist von Colin de Land. Er hätte es genauso gemacht.

AfN: In Ordnung, das ist interessant! Aber, um auf die Frage zurückzukommen: Sie glauben nicht, dass das einen Verlust für die Kunstwelt bedeutet - ich meine, Konzentration, Management-Fähigkeiten, etc.?

De Backer: Wenn etwas wächst - und das gilt gleichermaßen für die Musikindustrie - versucht man, etwas professioneller zu werden, aber gleichzeitig, den Geist der ursprünglichen Idee zu erhalten. Das gleiche versuchen wir, wenn wir jedes Jahr einen Künstler einladen, die künstlerische Gestaltung der Messe zu übernehmen. In diesem Jahr ist es Pipilotti Rist. Wir könnten es einfach bei einem Standard-Logo belassen und einen Designer für die Armory Show engagieren. Aber nein, wir erfinden unser Logo jedes Jahr neu und arbeiten mit einem Künstler zusammen.

AfN: Also ist der Geist des "Underground" noch vorhanden, und die Professionalität nur für organisatorische Zwecke.

De Backer: Ja, die Leute wollten auch mehr Leichtigkeit, obwohl die Gramercy ihren Charme hatte. All diese Leute in einem Lift und der Aufzug bleibt stecken, das ist lustig. Aber wenn man das immer wieder mit den Leuten macht, werden sie sagen, "nein, es soll funktionieren", und dann muss es organisiert werden.

AfN: Jetzt kommen wir zu einem anderen Zitat aus einem Interview mit dem Magazin ARTE AL DIA. Man hat Sie nach ihrem persönlichen Kunstgeschmack gefragt und Sie haben sich wegen ihrer Position geweigert, darauf zu antworten. Doch Sie erwähnen immer wieder das Modewort "Qualität" - können Sie uns den Unterschied zwischen persönlichem Geschmack und Qualität in der Kunst erklären?

De Backer: Das ist eine schwierige Frage. Über meine persönlichen Vorlieben möchte ich deshalb nicht sprechen, weil ich glaube, das wäre meiner Position nicht sehr angemessen. Wenn ich sagen würde, "das ist mein Lieblingsgemälde", würde eine andere Galerie fragen, "warum haben Sie nicht eins meiner Gemälde ausgewählt?" Galerien sind immer noch meine Kunden, deshalb kann ich das nicht machen.

AfN: Einerseits haben Sie eine persönliche Sicht der Dinge und wollen die professionelle Atmosphäre auf der Messe nicht zerstören, andererseits sagen Sie, dass Sie auf der Armory Show Kunst von hoher Qualität sehen, von höchster Qualität...

De Backer: Ja, also vor allen Dingen bin ich keine Kunstkritikerin. Also werde ich meine Meinung nicht mitteilen. Ich lasse mich vollständig von meinem persönlichen Geschmack leiten. Die Qualitätsfrage überlasse ich unserem Auswahlkomitee. Die kümmern sich um die Auswahl der Galerien und schauen sich an, was Qualität ist. Wir wissen alle, Kunst ist etwas sehr Subjektives, aber ich glaube, unser Auswahlkomitee ist qualifiziert genug, das zu beurteilen.

AfN: OK, die Beurteilung erfolgt durch qualifizierte Personen mit langjährigen Erfahrungen, die viel gesehen haben. Also geht es um die Erfahrungen des Sehens und die Markterfahrung von Fachleuten - das ist es, was Sie meinen, wenn Sie über Qualität sprechen.

De Backer: Ja, das stimmt.

AfN: Also bedeutet Qualität auch das Herausragende eines Objektes und aus diesem Grund hat dieses Objekt für einige Personen einen bestimmten Wert. Wenn Sie sich - zu Beispiel - einen Feuerwehrmann oder einen anderen Angestellten des Staates vorstellen würden, der seine gesamten Ersparnisse aus seiner lebenslangen Arbeit auf der Armory Show für zeitgenössische Kunst ausgeben möchte und Sie würden das erfahren, würden Sie ihn davon abhalten?

De Backer: Wenn er die Wahl hätte, ein SUV (Sports Utility Vehicle) zu kaufen oder ein Kunstwerk, würde ich ihn dazu ermutigen, das Kunstwerk zu kaufen.

AfN: OK, aber sollte er das Geld brauchen, wäre es ein gutes Investment?

De Backer: Das ist seine Sache. Ich werde ihm nicht die Entscheidung abnehmen, wie er sein Geld ausgeben soll. Wenn er sich entschieden hätte, diese Summe Geldes auszugeben, würde ich zustimmen. Wenn man es für etwas ausgeben möchte, dann sollte man lieber hierher kommen, statt sich ein SUV oder eine Yacht oder eine Urlaubsreise auf die Bahamas zu leisten... Jetzt werde ich die Tourismusbehörde der Bahamas gegen mich haben...

AfN: (lacht) Nein, ich bin sicher, die mögen auch Kunst... Der Name der Messe "The Armory Show" bezieht sich auf die internationale Ausstellung moderner Kunst, die vor fast 100 Jahren, am 17. Februar 1913, im Arsenal des 69. New Yorker Regiments eröffnet wurde. Über diese Ausstellung sagte Präsident Theodore Roosevelt "Da ist keine Kunst!" und ich glaube, er meinte "Akt, eine Treppe hinabsteigend" von Duchamp, heuzutage eröffnet Bürgermeister Michael Bloomberg diese Ausstellung mit dem Hinweis auf die durch die Armory Show erzielten Einnahmen der Stadt. Was glauben Sie, woher kommt diese große Akzeptanz zeitgenössischer Kunst?

De Backer: Ich weiss nicht, aber ich glaube, es ist eine großartige Sache. Gestern bildeten sich draussen Schlangen über drei, vier Häuserblocks. Wir sollten uns freuen, dass sich so viele Leute für zeitgenössische Kunst oder Kunst im allgemeinen interessieren. Es ist sehr positiv, dass die Öffentlichkeit der Kreativität Beifall spendet.

AfN: Ja, aber früher war es ganz anders, in den 60ern oder so. Es gibt keine Skandale mehr.

De Backer: Die Leute versuchen es immer noch, glaube ich. Aber hier gibt es wohl kein Werk, das die Leute als Skandal bezeichnen würden.

AfN: Weil Kreativität geschätzt wird, wie Sie sagten.

De Backer: Ja, so ist es und das ist eine gute Sache.

AfN: Diese Akzeptanz führt uns zum nächsten Punkt: Markt und Wettbewerb. Auf dem ersten Kunstmarkt, dem der Galerien, haben die Kunstmessen in den letzten 30 Jahren eine neue und sehr effektive Plattform für den Vertrieb von Kunst etabliert. Die Globalisierung konfrontiert uns mit einem Händler: der Kunstmesse. Wir konnten drei Hauptstrategien von Kunstmessen erkennen, um nachhaltigen Erfolg zu erzielen: Strategie A: das Stadtmarketing, bedeutet, die Vorzüge des Ortes herauszustellen - dazu gehören Basel, London, Berlin - mit ihren Huckepack-Messen und dergleichen. Und B: das Sortiment von angebotenen Artikeln, von mit der zeitgenössischen Kunst verwandten Sammlerstücken, um die TEFAF in Maastricht zu nennen, wo man Waffen, moderne Kunst, alte Kunst, Diamanten, also alle Arten von Sammlerstücken kaufen kann - und C: beides - um die FIAC in Paris und Art Basel in Miami zu nennen, wo zeitgenössische Kunst, Design und moderne Kunst ausgestellt werden. Also, wenn Sie diese drei Strategien betrachten, welche bevorzugen Sie?

De Bracker: Was wir in New York haben. Eine Kombination von allem, glaube ich. New York ist immer noch die Hauptstadt der Kunst. Wir haben die besten Kunstintitutionen, viele Sammler leben hier, 500 oder sogar mehr Galerien befinden sich hier, Künstler leben hier... Was wir mit der Messe versuchen ist, alle zusammen zu bringen und mit ihnen zusammen zu arbeiten. Also, wenn sich ein Sammler entscheidet, zur Armory Show zu kommen, dann kommt er nicht nur zur Messe, um sich Kunst anzuschauen, sondern auch alle anderen Komponenten , die die Messe zu der machen, die sie ist. Also, die Stadt spielt eine große Rolle, aber die anderen Bestandteile ebenfalls.

AfN: Aber, im Hinblick auf die anderen Messen: Sie koordinieren die Eröffnung mit den anderen Kunstmessen.

De Backer: Ich glaube, das ist gut, so lange die anderen Messen aus bestimmten Gründen existieren, ihre eigene Nische haben. Ich liebe DIVA, weil digitale und Videokunst gezeigt werden. Es geht also nicht um, "lass uns eine andere Messe machen und alle Galerien akzeptieren, die von der Armory Show nicht akzeptiert wurden". Aber, die LA-Art Fair ist zum Beispiel deshalb eine gute Idee, weil sie wiederum etwas besonderes für Leute anbietet, die die Stadt besuchen oder dort leben.

AfN: Ich habe gehört, alles in allem gibt es hier 300 Eröffnungen und ungefähr 350 oder 400 Galerien, auf allen Messen zusammen. Das kann nicht mit Miami konkurrieren, bei ungefähr 700 Galerien.

De Backer: Aber die Sache ist, wir müssen nicht alles nach New York bringen. Es ist schon da, die Galerien, die Sammler, die hier leben sind hier... Wir müssen nur das Telefon in die Hand nehmen, sie anrufen und sicherstellen, dass wir synchron agieren, dass sie während dieser Woche aktiv sind, das ist alles. Wir müsse nichts erfinden, es ist da. Und ich glaube, wir kratzen nur an der Oberfläche, es gibt noch viel mehr, womit wir arbeiten können...

AfN: Also, neben all diesen harten Fragen, sehen wir hunderte von Leuten Schlange stehen. Das ist eine große Leistung. Mit Ihrer Arbeit haben Sie die Armory Show direkt neben die anderen weltberühmten Messen katapultiert, obwohl Sie die Zahl der Galerien reduziert haben. "Weniger ist mehr" ist ein großartiges Motto für Architektur, Design, Kunst und Musik. So, welche Pläne haben Sie für 2008?

De Backer: 2008 feiern wir unser 10. Jubiläum als "The Armory Show" und unser 15. Jubiläum, wenn man die Gramercy einbezieht. Das ist die große Sache. Ich weiss noch nicht, was wir machen werden, aber es wird etwas besonderes sein.

AfN. Ich kann es nicht erwarten. Also werden wir uns nächstes Jahr wiedersehen! Katelijne De Backer, danke für das Interview.


Dieses Interview können sie sich auf vernissage.tv als Video ansehen.

Interview: Marek Claassen
Übersetzung: Senta Ofenmacher

www.thearmoryshow.com

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