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ART BRUSSELS: Interview mit Karen Renders


Anlässlich des 25jährigen Bestehens der Art Brussels interviewte Ted de Jonge im Auftrag von Artfacts.Net die Direktorin der belgischen Kunstmesse, Karen Renders.

Im Jahre 1968 gründeten 15 belgische Kunstgalerien eine kleine Messe namens "Art Actuel". Nach mehrfacher Umbenennung legte man sich im Jahr 1998 schließlich auf "Art Brussels" fest.

AfN: Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum, liebe Karen!

Die Art Brussels feiert ihren 25. Jahrestag und gehört damit - wie auch die Art Cologne, Art Basel, Arco etc - zu den älteren und gut etablierten Messen. Seit 1998 sind Sie Direktorin der Art Brussels; könnten Sie uns kurz Ihre Entwicklung in dieser Funktion von Beginn bis zum heutigen Tage zusammenfassen?

Renders: Als wir anfingen, war alles sehr neu für uns. Wir entdeckten eine Kunstmesse, die zwar nicht groß, allerdings von sehr guter Qualität und ausgestattet mit einem ebenfalls sehr guten Ruf war. Doch sie verfügte eben nicht über eine ausreichende Größe, um in der heutigen Welt der zeitgenössischen Kunstmessen überleben zu können. Wir mussten die Messe repositionieren, so dass sie auch in dieser neuen Welt, im Zeitalter der Globalisierung und inmitten all dieser neuen Kunstmessen würde bestehen können. Als erstes änderten wir also den Namen zu "Art Brussels". Dann machten wir aus dieser alle zwei Jahre stattfindenden Veranstaltung eine jährlich stattfindende Messe. Wir bemühten uns auch darum, die Werbung um Aussteller und Besucher stärker zu professionalisieren.

AfN: Anlässlich des 25. Jahrestages der Art Brussels hat sich die Messe nicht nur optische erneuert; sie wird auch um einige zusätzliche Elemente bereichert. Können Sie uns darüber ein bisschen mehr erzählen?

Renders: Oh ja, natürlich! Zum ersten Mal luden wir aufstrebende junge sowie etablierte belgische Künstler ein, zur Gestaltung der Messe selbst beizutragen. So etwas hatten wir vorher nie gemacht, weil ja die Galerien die Kunden der Messe sind, und diese Initiative war somit wirklich eine Idee für diese Ausgabe. Das Projekt, das Jan de Cock und ich seit Jahren planen, wurde in dieser Ausgabe endlich verwirklicht. Jan, der in Belgien jahrelang keine Künstlerintervention mehr unternommen hatte, widmete der Art Brussels eines seiner "Denkmals". Wir fühlen uns sehr geehrt, dass eines dieser "Denkmals" von Jan "Denkmal 1 artbrussels, Belgiëplein 1, Brussels, 2007" heißen und so in die Geschichte der zeitgenössischen Kunst eingehen wird. Das ist eine sehr wichtige Sache für diese Ausgabe.

Ein anderer Künstler, den ich auf persönlicher Ebene sehr schätze, ist Hans Op de Beeck. Er hat ein Video gemacht, das man sich auf der Messe ansehen kann und drei Arten von Feiern zeigt. Es handelt sich dabei um eine Hochzeit, eine Familienfeier und eine Beerdigung - drei Arten von Zusammenkünften. Und anlässlich dieser 25. Ausgabe, die ja eine besonders festliche Ausgabe ist, halte ich das für ein schönes Symbol für die diesjährige Art Brussels.

Die dritte Künstlerintervention kommt von Kris Martin, einem anderen belgischen, sehr bewundernswerten Künstler. Er schuf das Design für die Tragetaschen. Sie haben ein "B" auf der einen Seite und das Wort "empty" auf der anderen; die Idee dahinter lautet: Wenn du die Messe für zeitgenössische Kunst besuchst, dann mach vorher deinen Kopf frei, damit du jede Entdeckung auch wirklich aufnehmen kannst. Es hat auch noch andere Bedeutungen für Kris, doch ich überlasse den Rest mal der Vorstellungskraft der Leute.

Eric Duyckaert wird Belgien auf der Venedig Biennale vertreten. Er wurde von der französischen Gemeinde eingeladen, um eine Performance zu zeigen. Er ist ein Performance-Künstler und wird uns in dem belgischen Pavillon repräsentieren. Das ist also die ideale Gelegenheit, um schon einmal vorzustellen, was uns in Venedig erwarten wird, und um eine Verbindung mit Venedig herzustellen.

Und dann ist da noch, last but not least, Ann-Veronica Janssens, die einen "runden Spiegel" zu Felgen für die VIP-Autos umbaut. Das sind also die Künstlerprojekte.

AfN: Ganz am Anfang lud jede 15. teilnehmende Galerie eine befreundete Galerie aus dem Ausland ein; sie begannen, ein Netzwerk aufzubauen, und so verdoppelte sich allmählich die Größe der Messe… Das war ein nettes Startprogramm.

In Ihrer Pressemitteilung heißt es: das hervorragende Image der Art Brussels ist das Ergebnis strikter Kriterien in der Auswahl der teilnehmenden Galerien. Könnten Sie diese Kriterien genauer benennen? Unterscheiden sie sich von denen anderer Kunstmessen?

Renders: Ich glaube nicht, dass es da große Unterschiede gibt. Jede Kunstmesse bemüht sich wahrscheinlich darum, das beste Ergebnis zu erzielen. Und wenn der Umfang der Messe nicht zu groß ist, dann kann man es sich auch erlauben, eine Auswahl zu treffen, die mit dem Profil und der Strategie der Messe übereinstimmt. Da wir eine zeitgenössische Strategie verfolgen, halten wir uns an diese Idee, wenn wir Galerien aussuchen. Unser erstes Kriterium ist, dass es sich bei der Galerie auch tatsächlich um eine richtige Galerie handelt, nicht um eine Art Galerie, um eine Gruppe von Künstlern oder um sonstige Alternativen. Es muss eine richtige Verkaufsgalerie sein. Ein weiteres Kriterium ist das, was die Galerie tut; ob sie gut ist, ob sie eine Nase für die Entdeckung guter Künstler besitzt, also Künstler, die weiterarbeiten werden und über die man auch in Zukunft noch sprechen wird. Wenn man in diesem Sektor arbeitet, dann weiß man auch, welche Galerien die Dinge in Gang bringen. Zu guter Letzt würde ich sagen, dass wir Galerien suchen, die unsere Ansichten teilen, die enthusiastisch und aktiv sind, die ihre Künstler bekannt zu machen wissen - Galerien also, die mitteilsam sind und sich nicht im Hintergrund verkriechen.

AfN: In diesem Jahr hat die Art Brussels die Design Abteilung herausgenommen; warum?

Renders: Nun, das ist ja wohl klar. Unser Hauptgeschäft ist die zeitgenössische Kunst, und was auf dem Designmarkt passierte war folgendes: Wir folgten zunächst der Initiative von FIAC, gefolgt von Basel, so dass schließlich eine große Anzahl an zeitgenössischen Kunstmessen begann, Design einzuladen, weil es eben auch ein Produkt ist, das unsere Besucher interessiert. Darum ist es eigentlich eine gute Idee.

Doch nicht nur die zeitgenössischen Kunstmessen fingen an, Design einzuladen, auch die Antiquitätenmessen folgten diesem Trend. Ihr Ziel bestand darin, die Antiquitätenmessen zeitgenössischer zu machen, was dazu führte, dass Designgalerien, die vorher keine Messen hatten und sich nirgendwo zuhause gefühlt hatten, plötzlich Einladungen aus der ganzen Welt erhielten, von zu vielen Kunstmessen und zu vielen Antiquitätenmessen, so dass sie schließlich ein sehr volles Programm, einen sehr vollen Terminkalender hatten.

Wir begriffen, dass es schwierig würde, sie zu uns zu holen; gleichzeitig hatten wir eine Warteliste mit sehr guten zeitgenössischen Kunstgalerien, die teilnehmen wollten, so dass uns die Entscheidung überhaupt nicht schwer fiel.

AfN: Soweit ich die letzten drei Jahre überblicken kann, scheint die Art Brussels jedes Jahr ein wenig zu wachsen - ganz im Gegensatz zu anderen Kunstmessen, die sich dazu entschließen zu schrumpfen. Die Zahlen beginnen bei 129, ein Jahr später waren es 158, und nun ist man bei 173 gelandet. Wird die Art Brussels noch weiter wachsen?

Renders: Nein, wir wollen gar nicht wirklich wachsen. Und genau genommen sind wir auch in den letzten drei Jahren nicht gewachsen. Wir nehmen seit den letzten vier Jahren diese zwei Hallen, 11 und 12, ein. Und im Grunde haben wir strategisch nur mehr zeitgenössische Kunstgalerien ausgewählt. Eine Anzahl an Galerien der klassischen Moderne kommt nicht mehr; diese Galerien haben sehr viel Platz in Anspruch genommen. Um diese zwei großen Hallen zu füllen und attraktiv zu machen, haben wir nun mehr Teilnehmer, doch der Umfang der Messe, ihre räumliche Größe ist nicht gewachsen, und es ist auch nicht unser Ziel zu wachsen.

AfN: In unserem internen weltweiten Kunstmessen-Ranking befindet sich Basel auf Platz Nr.1, Basel Miami ist die Nr.2, Art Cologne die Nr.3, und die Art Brussels die Nr.12 von insgesamt 127 aufgelisteten Kunstmessen, was ja ganz und gar nicht schlecht ist. Der Wettbewerb wird also härter. Die Art Cologne hat ihr Datum auf den Frühling verlegt und findet nun parallel zur Art Brussels und 3 neuen Nachbarn, 3 Neulingen - dc Duesseldorf Contemporary, Tease und Liste Cologne - statt. Sind das vier gegen einen?

Ich habe gehört, dass einige Sammler nicht wirklich glücklich mit dieser Situation sind. Wie geht Art Brussels mit dieser neuen Lage um?

Renders: Bis jetzt habe ich noch keine Wirkung bemerkt. Es gab keine Auswirkungen auf die Anzahl der Bewerbungen; es gab in diesem Jahr mehr Bewerbungen als jemals zuvor. 373 Galerien wollten teilnehmen, übrigens auch viele deutsche Galerien. In dieser Hinsicht haben wir also keine negativen Auswirkungen bemerkt.

Ich persönlich halte es allerdings nicht für eine sehr gute Idee, alle Messen zum gleichen Zeitpunkt zu veranstalten, weil es den Künstler, die Galerie und den Sammler zu sehr unter Druck setzt. Man kann niemals mit all diesen Aktivitäten an einem Wochenende fertig werden. Es ist nicht sehr rücksichtsvoll gegenüber den Galerien und den Sammlern. Es setzt sie einfach zu sehr unter Druck. So gesehen muss ich zugeben, dass ich auch nicht sehr glücklich darüber bin.

Es gibt Stimmen, die meinen, dass die Synergie der Messen eine Art Wahnsinn hervorbringen wird. Ja, einige Sammler sind nicht aufzuhalten und müssen immer alle Messen sehen, aber diese Sammler kann man wahrscheinlich an zwei Händen abzählen. Ich denke, das alles wird eine ermüdende Wirkung auf den ganzen Sektor haben, aber das ist Kölns Entscheidung.

AfN: Die Konzentration an Kunstsammlern in Belgien ist bemerkenswert. Belgien ist ein so kleines Land und hat doch eine ordentliche Anzahl an Galerien. Aber warum finden keine Sub- oder Co-Messen statt? Im letzten Jahr gab es nur die "Galleries Show" in Antwerpen… die kein Erfolg war.

Renders: Ich glaube, wir müssen in Bezug auf die Größe unserer Märkte realistisch bleiben. Wie Sie bereits sagten, Belgien ist ein kleines Land mit einer hohen Konzentration an zeitgenössischen Kunstsammlern, doch in Zahlen bleibt es klein. Man kann von einem Land wie Belgien nicht erwarten, die größte Messe zu veranstalten. In den letzten Jahren hatten wir ein paar Initiativen von Off-Messen; und es ist schön, sie zu haben, weil sie die Stadt zusätzlich beleben und Alternativen bieten. Es ist wirklich toll, doch die Mehrheit der Besucher kommt letztendlich zu der Hauptmesse. Ich glaube, dass die Off-Messen auch leider eine etwas ermüdende Wirkung haben auf Künstler, Galerien und Sammler. Ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist für Brüssel.

AfN: Eine wachsende Anzahl an Kunstmessen haben Satelliten: Miami für Art Basel, bald auch Abu Dhabi für ArtParis, um nur einige wenige zu nennen. Gibt es für die Art Brussels auch Pläne, die in diese Richtung gehen? Vielleicht irgendwo in Afrika?

Renders: Eine schöne Frage! Ich liebe Afrika. Es wäre wohl eine tolle Idee. Es gibt zu diesem Zeitpunkt aber keine Initiativen oder strategischen Pläne in diese Richtung. Wir sind ein Unternehmen für Messeorganisation; wir organisieren öffentliche Veranstaltungen in Belgien, wir organisieren Handelsveranstaltungen in ganz Europa. Wir denken zur Zeit nicht daran, eine andere Kunstmesse im Ausland zu organisieren, aber wer weiß, wie es morgen aussieht? Wir können unsere Meinung noch ändern.

AfN: Nun die letzte Frage: Die Art Brussels gibt viel Raum für verschiedene Medien: neben Galerien, nehmen auch eine respektable Anzahl an belgischen Museen, öffentlichen Institutionen und ein weites Spektrum an Print- und Internetmedien teil.
Welche Idee steckt hinter dieser Politik?

Renders: Das ist doch klar: wir arbeiten mit den Medien, also haben wir auch geschäftliche Abmachungen mit ihnen. Wir arbeiten zusammen. Sie geben uns eine gewisse Sichtbarkeit, und wir geben ihnen diese praktisch auf der Messe zurück. Soviel also zu den Medien. Mit den Institutionen sieht es etwas anders aus. Kunstsammler sind in diesem Land sehr stark vertreten, und es war uns ein Anliegen, der Messe eine Besonderheit hinzuzufügen, die einem bei einem Galeriebesuch nicht unbedingt geboten wird. Wir wollen die Aufmerksamkeit der Kuratoren auf uns ziehen, wir wollen mit Debatten und den auf der Messe vertretenen Museen eine neue Dimension hinzufügen. Wir bitten unsere Museen aber auch darum, einen Künstler besonders hervorzuheben. Sie sind also nicht nur hier, um - etwa wie die Medien - Broschüren zu verteilen. Wir möchten wirklich, dass sie etwas mitbringen, das vergleichbar ist mit dem, was sie in die Museen bringen.

AfN: Vielen Dank, Karen. Wir wünschen der Art Brussels mindestens 25 weitere erfolgreiche Jahre!


Interview:
Theodore Luke De Jonge Cohen
19.04.07

www.artbrussels.be

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