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art.es: Was passiert in... Puerto Rico?


Favián Vergara, Me golpeaste tanto anoche (2006)

Von Fernando Galán

Eine neue Kunstmesse in der Karibik? Die Idee klang originell und war auf zwei soliden Motiven gegründet: zum einen die künstlerische Tradition der Region und ihre Freizeitangebote, die - wie wir wissen - bewiesen hat, dass sie ein wichtiger Faktor für die kommerzielle Realisierbarkeit der heutigen Messen ist, und zum anderen das Vertrauen, das von den Unterstützern des Projekts erweckt wurde. Als ich im letzten Jahr zur ersten Ausgabe der CIRCA eingeladen wurde, war mein Messekalender bereits zu voll; der Termin fiel zusammen mit dem der arteBA (Buenos Aires) und der KIAF (Korea). Abgesehen davon, dass der Termin in diesem Jahr auf Anfang April verlegt wurde und zeitlich nicht mehr mit anderen Messen zusammenfällt (ein übrigens ungewöhnlicher Umstand in dem derzeitigen Kunstmessekalender), war es meinerseits bereits fest vorgesehen, die diesjährige CIRCA mit dem Magazin zu besuchen.

Ich war zum ersten Mal in Puerto Rico und empfand das gleiche wie bei meinem Cuba-Besuch: es ist ganz so, als hätte ich Spanien niemals verlassen. María Reina de la Puebla, die mich in ihrer Funktion als CIRCA-Repräsentantin am Flughafen empfing, hatte schon während meiner ersten Minuten auf der Insel eine Menge zu erzählen, doch an eine Sache kann ich mich ganz besonders gut erinnern: "Seit 500 Jahren sind wir eine Kolonie; wir wissen also nicht, wie es ist, ein unabhängiges Land zu sein. 400 Jahre lang gehörten wir zu Spanien, und jetzt gehören wir zu den Vereinigten Staaten." Aber im Gegensatz zu anderen historischen Schnitzern gelang es Amerika in diesem Falle, ein einzigartiges Statut mit Puerto Rico zu etablieren, das somit als frei assoziierter Staat (Freely Associated State) bezeichnet wurde; ein Gouverneur leitet den Verwaltungsapparat und wurde dafür zuvor über eine allgemeine Wahl bestimmt, was die Insulaner allerdings nicht daran hindert, sich noch immer als Bewohner einer Kolonie zu fühlen. Puerto Rico scheint dazu vorherbestimmt zu sein, sich als "besonders" hervorzutun, denn schon im Jahre 1809 wurde es von seiner Kondition als Kolonie befreit und zu einer spanischen Überseeprovinz ausgerufen (ähnlich z.B. dem Fall der Kanaren); als Napoleon Spanien besetzte und seinen Bruder Joseph Bonaparte auf den Thron setzte, nutzten alle amerikanische Kolonien die Situation aus, um ihre Unabhängigkeit zu erklären - alle außer Puerto Rico, das seine Loyalität zu König Carlos IV aufrecht erhielt und dafür mit diesem Provinzstatus belohnt wurde.

Betrachtet mit der vorausgesetzten Objektivität einer Außenperspektive, denke ich, dass Puerto Rico sich aufgrund einer säkularen Hybridisierung die Kennzeichen seiner Identität hat bewahren können, die sich als ziemlich unabhängig und frei von der Kontaminierung durch einen angeblichen Kolonialismus erweisen; viele Puerto-Ricaner sprechen kein Englisch, und die künstlerische Produktion (in der heutigen Welt der allgemeinen Globalisierung) scheint von den vorherrschenden Trends des kontinentalen Gebietes nicht im besonderen Maße beeinflusst worden zu sein. Im Gegenteil, die Interessen und Ausdrucksweisen puerto-ricanischer Künstler wirken auf mich so, als würden sie vielmehr denen anderer lateinamerikanischer Kulturen wie Brasilien und Kuba näher stehen. Der karibische Charakter scheint unbezwingbar zu sein, gesegnet mit seiner eigenen starken Persönlichkeit. Das ist auch insofern richtig, als eine Million der viereinhalb Millionen Puerto Ricaner und ihrer nachfolgenden Generationen, die in den USA leben, in New York und Umgebung wohnen, was dazu führte, dass ein Wort erfunden wurde, das speziell diese Gruppe innerhalb des immensen Turms von Babel, des Big Apple, bezeichnet: "Nuyoricans" (Newyoricans), ebenfalls synonym mit Zeichen und Bräuchen, die charakteristisch dafür sind, was Anthropologen eine urbane Subkultur nennen würden, und die bereits vor langer Zeit in dem Film Rebel Without a Cause (Nicholas Ray, 1955) reflektiert wurde. Das New Yorker Nuyorican Movement zeigt innovative Tendenzen in zahlreichen Bereichen der Kunst (Dichtkunst, Musik, Bildende Kunst, Hip Hop, Film, Theater…) und seit 1975 hat es sein allgemeines Hauptquartier in dem legendären Nuyorican Poets Café (www.nuyorican.org).

Das Land (wir wählen diesen Ausdruck aus rein praktischen Gründen und verzichten somit auf die Bezeichnung "frei assoziierter Staat") hat vier Millionen Einwohner, d.h. die Diaspora der Puerto-Ricaner im "Exil" ist prozentual gesehen eine der höchsten der Welt. Es erinnert in gewisser Weise an die Juden, die ebenfalls Aspekte ihrer eigenen Identität rigoros bewahrt haben. Zieht man das und zudem die Tatsache in Betracht, dass die Insel nur über eine Fläche von 9000 km² verfügt, war eine meiner ersten Reflexionen in Anbetracht der In-situ-Entdeckung des künstlerischen Gewebes, dass diese Insel - soweit ich weiß - eine der höchsten Sammlerdichten in der Kunstwelt aufweist. In nur zwei Ausgaben gelang es dem Direktor und "Besitzer" der CIRCA, Roberto Nieves, ein enges und enthusiastisches Arbeitsverhältnis mit diesen Sammlern herauszubilden, d.h. Gäste konnten bei fünf von ihnen, in den Privaträumen dieser fünf, frühstücken und zu Abend essen, und wir konnten ihre Sammlungen in entspannter Atmosphäre genießen. Das waren: Diana und Moisés Berezdivin; Alberto de la Cruz (Sohn der berühmten Sammler in Miami, Rosa und Carlos de la Cruz); Chilo Andreu; Pedrín Muñoz Marín; und Mari Olga und Ramón Lugo. Im Allgemeinen sind Puerto Ricos Sammlungen sehr international (das letztgenannte Paar ist beispielsweise auf deutsche Malerei spezialisiert), was auf ein sehr aufgeschlossenes Temperament schließen lässt, das es zu verhindern weiß, in verarmende Lokalismen zu verfallen.



Ixone Sádaba, Phlegmone I (2004)


Die Verkäufe auf der Messe liefen sehr gut und fielen für den Großteil der teilnehmenden Galerien zufriedenstellend aus - ein Ergebnis, das nicht viele Kunstmessen aufweisen können angesichts ihrer starken Vermehrung und angesichts der Tatsache, dass der zu teilende Kuchen (Sammler) begrenzt ist. Die Teilnehmer kamen aus Lateinamerika, den USA und fünf europäischen Ländern (vor allem Spanien). Sie präsentierten und verkauften in erster Linie Malerei (natürlich!), auch Zeichnung und Fotografie waren gut vertreten, aber ein weniger reichliches Angebot an Skulptur und Video war offenkundig. Anita Beckers, die deutsche Galerie aus Frankfurt, bekannt für das hohe Niveau ihres Engagements für Video, und die spanische Galerie Altamira (Gijón, Asturias), die eine großartige Arbeit von Mariana Vassileva zeigte, trugen dazu bei, die mangelnde Präsenz eines Mediums zu mildern, das auf der Höhe des Erfolges der fortschrittlichsten Sammler schwimmt; ein Mangel, der sich auch in Puerto Ricos Privatsammlungen bemerkbar macht. In diesem Jahr umfasst die CIRCA ein Programm mit sieben "Projekträumen", in denen die gleiche Anzahl an Künstlern ausstellt; Antuan (Miami, USA) und Braulio Espinosa Castillo (Puerto Rico) gehören zu denjenigen, deren Präsentationen sich von den übrigen abhoben. Für zukünftige Ausgaben wäre es ratsam, die Auswahl lokaler Galerien rigoroser ausfallen zu lassen und folglich nur diejenigen zur Teilnahme einzuladen, die echt zeitgenössische Stile ausstellen.

Die Hauptstadt, San Juan de Puerto Rico, besitzt einen Juwel, der außerhalb des Landes kaum bekannt ist: Viejo San Juan (Altes San Juan), einem Überrest aus (wirklich) kolonialen Zeiten, der fast eine Insel innerhalb einer Insel darstellt. Seine Kopfsteinpflasterstraßen zeigen gut erhaltene Architektur aus der spanischen Periode, eine Nachbarschaft, die von Piraten gegründet wurde, La Perla (die Perle), und die älteste Kirche in der gesamten Karibik, San José. Aber die Galerien und Museen der zeitgenössischen Kunst liegen über die weitreichende moderne Stadt verstreut, die eine internationalere Atmosphäre und Ästhetik vermittelt. Es gibt fünf Museen in der Stadt: das Museo de Arte de Puerto Rico, das Museo de Arte Contemporáneo, das Museo de la Universidad de Puerto Rico, die Galería Nacional und das 1414.

Das erste, eröffnet im Jahr 2000, wurde über eine Privatinitiative geschaffen und wird von einem unabhängigen Rat kontrolliert und teilweise mit Regierungsgeldern finanziert. Wie der Name es bereits andeutet, wurde es mit der Zielsetzung konzipiert, puerto-ricanische Kunst auszustellen, obwohl diese Rolle scheinbar von dem Museo de Arte Contemporáneo übernommen wurde, da es mehr zeitgenössische und internationale Künstler zeigt, während das erstgenannte sich eher für das Lokale und Historische entschieden hat. Das Contemporáneo eröffnete ursprünglich an der Sacred Heart University und wurde von einer eklektischen Gruppe von Individuen, Kuratoren, Galerien und Sammler gefördert, und wird weiterhin von Privathänden verwaltet, obwohl es durch einen Pakt mit der Regierung die gleiche Summe an öffentlichen Geldern erhält, wie es privat aufbringt.
Beide Museen befinden sich zur Zeit sehr nah beieinander, in der Nachbarschaft von Santurce. Das Museum der Universität Puerto Ricos heißt eigentlich "Museum für Anthropologie, Archäologie und Kunst", und seine Kunstabteilung enthält die größten Sammlungen der wichtigsten historischen Meister des Landes, Campeche und Francisco Oller, und es zeigt ebenfalls temporäre Ausstellungen der zeitgenössischen Kunst. Die Nationalgalerie wurde im letzten Februar eröffnet, um schließlich die Sammlung des Instituts für puerto-ricanische Kultur unterzubringen. Nur die erste Sektion wurde geöffnet, die Kunst von Campeche bis hin zur Kunst der 60er Jahre ausstellt, während die Eröffnung der Sektion, die die anschließende Zeitspanne bis zur Gegenwart umfassen soll, noch nicht stattgefunden hat. Das 1414 (die Nummer der Straße, in der es sich befindet) ist ein Zentrum, das vor zwei Jahren von den Berezdivins eröffnet wurde, um ihre Sammlung unterzubringen, eine der aktuellsten und innovativsten Sammlungen überhaupt. Die Eröffnung markierte einen Meilenstein in der Geschichte der Privatsammlungen, nicht nur innerhalb der Landesgrenzen, sondern auch auf einem internationalen Niveau, und es ist ein eindeutiges Zeichen für das künstlerische Überschäumen, das Puerto Rico derzeit erlebt.

Außerhalb von San Juan gibt es zwei weitere wichtige Zentren: das Museo de Caguas und das Ponce, die sich beide in Städten mit eben diesen Namen befinden. Das Museum de Ponce wurde im Jahr 1959 von Luis A. Ferré gegründet, dem Gouverneur von Puerto Rico, einem Mitglied der anexionista Partei (die sich für einen vollständigen Zusammenschluss mit den Vereinigten Staaten ausspricht) und Besitzer einer umfangreichen und hervorragenden Kunstsammlung, die Werke von der Renaissance bis hin zu den Präraffaeliten umfasst, wovon die letzteren vergleichbar mit Sammlungen in Großbritannien sind. Das Museum übernimmt zur Zeit wichtige Projekte, die sich der zeitgenössischen Kunst widmen.

Was den anderen bestimmenden Faktor in der Vermittlung der kollektiven Begeisterung für Kunst betrifft, nämlich den von non-profit Institutionen und unabhängigen Künstlerverbänden, so wurden in den letzten zwei Jahren vier Initiativen auf der Insel gestartet: eine in Cagua, Área, und drei in San Juan, "=Desto", Tag.rom und Blackbox. Die letztgenannte - eine Gemeinschaft sehr junger Künstler, die einen Raum in einem historischen Gebäude in Viejo San Juan einnehmen - organisierte eine Ausstellung, welche einen Teil der Aktivitäten bildet, die parallel zur CIRCA stattfinden. Unter den Teilnehmern haben sich einige Künstler herauskristallisiert, deren zukünftige Werke wir im Auge behalten sollten, und das sind namentlich Karla Cott, lo Carrión, Joshua Santos, María G. Resende, Bernat Tort und Héctor Madera.

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