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VOLTAshow: Interview mit Amanda Coulson


Amanda Coulson

Dies ist ein Artfacts.Net- und Vernissage.tv interview mit Amanda Coulson, Geschäftsführerin und Mitbegründerin der VOLTA show in Basel.

AfN: Hallo Amanda.
Können Sie uns ein wenig über sich erzählen? - Sie arbeiten als Kuratorin. Wie sind Sie dazu gekommen, und was tun Sie sonst noch so?

Coulson: Ich tanze auf vielen Hochzeiten: Ich bin Kuratorin, Kunstkritikerin und Messedirektorin. Wie ich dazu gekommen bin: Ich habe Kunst studiert, interessanterweise zu Beginn noch mit dem Schwerpunkt auf alte Meisterwerke bis ich mich zunehmend für die zeitgenössische Kunst interessierte. Anschließend habe ich in Galerien gearbeitet und schließlich angefangen zu schreiben. Nun bin ich schon seit sieben oder acht Jahren Kunstkritikerin. Es war genau dieser Teil meiner Entwicklung, der in mir das Bedürfnis geweckt hat, eine neue Messe zu gründen. Ich halte es für sehr wichtig, diese Dinge fortzusetzen; ich glaube, dass meine Arbeit als Kunstkritikerin für die Entscheidungen, die ich als Messedirektorin zu fällen habe, sehr hilfreich ist. Meine letzte Ausstellung, die ich als Kuratorin vorbereitete, hieß "Funky Nassau". Ich habe neun karibische Künstler von den Bahamas zum Nassauischen Kunstverein [Wiesbaden] gebracht und einen Austausch organisiert; ich habe ein paar deutsche Künstler nach Nassau [Bahamas] gebracht, um einfach eine internationale Ausstellung in einem Land zu präsentieren, das sehr marginalisiert ist. Die Karibik ist in der zeitgenössischen Kunstwelt sehr weit an den Rand gedrängt, und die Leute glauben, dass alles, was beispielsweise aus Puerto Rico kommt, kleine schreckliche Ölbilder mit Marktszenen sind, aber das ist überhaupt nicht der Fall. Sie haben es wirklich schwer, eine Plattform zu finden.

AfN: Das liegt doch nah an Miami...

Coulson: Es liegt sogar sehr nah an Miami, aber die Leute betrachten die Karibik in erster Linie als Urlaubsziel, und sie vermuten nicht, dass es dort noch irgendetwas anderes geben könnte als Casinos und Kreuzschiffe. Es gibt da jetzt eine Generation von sehr interessanten Künstlern, und es ist sehr schwer für sie, auf dem internationalen Markt Fuß zu fassen.

AfN: Und Sie treiben sie voran?

Coulson: Ich gebe mir viel Mühe. Mein Vater kommt von den Bahamas, und ich bin Staatsbürgerin der Bahamas; ich versuche es also. Ich habe auch ein kuratorisches Projekt mit puerto-ricanischen Künstlern auf der Kunstmesse durchgeführt. Das sind so Dinge, die ich interessant finde und ausprobieren möchte, und die ich letztendlich auch teilweise auf der Messe durchzusetzen versuche, um den Leuten eine Chance zu geben, die immer übersehen werden, nur weil sie sich in geografischer Hinsicht nicht in der angesagtesten Lage befinden. Wenn man vom Kunstmarkt im allgemeinen spricht, dann meint man natürlich New York, London, Berlin, und ich habe hier viele Galerien aus Portugal und anderen Ländern, denn wer sagt, dass gute Kunst nur in diesen drei Zentren gemacht wird? Sie ziehen selbstverständlich die Künstler an, aufgrund der Szene und der großen Anzahl an Kunstschaffenden; es sind interessante Städte, aber es gibt eben auch außerhalb dieser Städte gute Kunst. Ich möchte den Leuten die Möglichkeit geben, auf internationalen Plattformen gesehen zu werden.

AfN: Und - last but not least - sind Sie auch als Mutter schwer beschäftigt…

Coulson: [lacht] Ja, ich bin auch Mutter. In diesem Moment wartet meine Tochter darauf, dass ich ihr ein Butterbrot vorbeibringe….

AfN: Wie werden Sie mit all dem fertig: Familie, Reisen, Jet Set, Messeorganisationen…?

Coulson: Es ist nicht wirklich Jet Set, eher Economy Class... Ich komme ganz gut klar, ich arbeite zuhause, und ich lebe in einem Haus mit meiner Schwiegermutter. Ich nehme die Kinder mit, sie reisen sehr oft mit mir um die Welt, und sie lieben es.

AfN: Sehr schön. - Sie sind also Mitbegründerin der VOLTA show, einer Show mit einem relativ radikalen Konzept, das jeder Galerie gleich viel Raum zuordnet. Was sind die Vorteile dieses Konzeptes?

Coulson: Als Kunstkritikerin fand ich die großen Messen zwar wundervoll, aber es erinnerte immer ein wenig an einen Louvre-Besuch: Man geht hin, alles ist fantastisch, doch das meiste kennt man bereits, und man streicht letztendlich nur die Punkte von der Liste: "Oh ja, da ist der Goya, dort der Velázquez… oh ja, hier hängt der Damien Hirst…"; und die Galerien, die neue, aufstrebende Kunst zeigen, können es sich oft nur schwer leisten, sich auf einer bestimmten Plattform zu präsentieren, das ist einfach eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Wenn man einen Stand auf einer großen Messe hat, muss man auch seine großen Künstler zeigen, Künstler, die sich über eine bestimmte Menge hinaus verkaufen lassen. Ansonsten schafft man es nicht einmal, die Kosten zu decken. Ich wollte eine Messe machen, die finanziell tragbar ist und gleichzeitig auch ein gewisses Qualitätsniveau erreicht, die nicht billig oder zweitrangig aussieht. Es war mir wichtig, dass alle Stände auf der VOLTA show die gleiche Größe haben, und viele Leute äußern sich darüber. Es geht darum ein entspanntes Umfeld zu schaffen, und es wird natürlich immer einen Konkurrenzkampf zwischen den Händlern geben, aber der fällt hier freundlich aus: Man kann hier sehr oft beobachten, wie so manch einer seinen Sammler zu anderen Ständen mitnimmt und sagt: "Ich hab da etwas gesehen, was du lieben wirst…"; und dann ist da auch noch die Architektur, die wir auf eine bestimmte Weise designed haben; man kann herübersehen, alles ist sehr offen. Wir haben hier keinen anstrengenden Irrgarten geschaffen. Mit den Ständen der gleichen Größe wollten wir erreichen, dass sich unter den Galeristen keine Gedanken einschleichen wie "Meine Galerie ist nicht so wichtig wie seine", "Der hat 75 m² bekommen, und ich nur 15" - wir wollen es hier so fair wie möglich halten und jedem die gleichen Bedingungen bieten.

AfN: Das ist wohl auch der Grund, warum es in dieser Halle, die sehr einzigartig, gerade geschnitten ist, stattfindet - ganz im Gegensatz zu der LISTE, wo man in verschiedene Räume gehen kann. Hier versucht man, sich an die Kunst zu halten...

Coulson: Man will sich an die Kunst halten, und es darf nicht schwer sein, sich zu orientieren. Auf unserer Messe weiß man immer, wo man ist. Man geht nicht verloren. Man kann sehen, wo man als letztes war; es ist klein, und es ist leicht, sich zu orientieren und sich umzuschauen. Das Licht ist sehr gut, und - wie bereits gesagt - jeder erhält hier die gleiche Ausgangsposition. Die LISTE ist auch eine fantastische Messe, die bereits seit elf Jahren existiert. Sie gibt jungen Galerien die Möglichkeit, zum ersten Mal Fuß zu fassen, was eine sehr wichtige Sache ist, aber es gibt dort eben vielleicht auch Räume, die weniger vorteilhaft ausfallen als andere Räume. Das ist wirklich eine Frage des Zufalls.

AfN: Als Messeorganisatorin müssen Sie die Dynamik eines Marktes berücksichtigen, wo u.a. soziale Netzwerke von besonderer Bedeutung sind, wohingegen im Umfeld des Kurators, eine Rolle, die Sie ja ebenfalls übernehmen, Inhalt und Kontext die Entscheidungskriterien ausmachen. Heutzutage neigen Messen dazu, kuratierte Ausstellungen um den marktorientierten Kern herum zu arrangieren. Glauben Sie, dass Ihnen dieser Balanceakt gelingt, indem Sie die Jury mit echten Kuratoren besetzen?

Coulson: Ich meine, es ist nicht möglich, die Messe als eine Ausstellung zu bezeichnen und vorzugeben, es handle sich dabei nicht um einen Markt. Es ist ein Markt; die Leute sind hier, um zu verkaufen; es macht keinen Sinn, das Gegenteil zu behaupten. Ich glaube, es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, das in gewisser Weise leicht verdaulich ist, obwohl das vielleicht so auch nicht richtig formuliert ist… Wir machen Kunst für ganz bestimmte Standkonzepte, nicht im Sinne von "das Bild kommt dorthin…" - nein, wir wollen, dass genau die drei oder vier Künstler, die die Galerie mitgebracht hat, auch wirklich präsentiert werden; wir wollen es klein halten. Wir möchten nicht, dass die Galerien von all ihren Künstlern jeweils ein Werk mitbringen, weil das einfach zu anstrengend werden würde; es gibt ja auch nur eine begrenzte Aufnahmefähigkeit. Aber insofern versuchen wir schon zu kuratieren. Wir akzeptieren manchmal auch zwei Galerien, die dieselben Künstler vertreten, und ich sage ihnen dann ganz deutlich, dass sie sich untereinander einigen müssen, wer im Endeffekt dann welchen Künstler vertritt. Gerade auf so einer kleinen Messe - auf einer großen Messe spielt es vielleicht keine so wichtige Rolle - sollen die Leute nicht von einem Stand zum anderen gehen und dann ständig die Werke desselben Künstlers sehen.
Auf der VOLTA show sollen Entdeckungen gemacht werden, es sollen Leute gesehen werden, die man noch nie zuvor gesehen hat. Wir versuchen also, diesen Aspekt wirklich voranzutreiben. Was interessant ist an der Zusammenarbeit mit Kuratoren, ist die Tatsache, dass ein ganz anderer Standpunkt in den Entscheidungsprozess mit einfließt. Wenn nur Galerien in dem Komitee sitzen, dann haben diese natürlich auch eine bestimmte Perspektive auf den Markt, und darüber, was wichtig ist, und wer wichtig ist, und wie Sie bereits sagten, vielleicht steht dann nicht unbedingt der Inhalt im Vordergrund. Ich hatte in diesem Jahr die sehr radikale Idee - wir haben auch entschieden, dass sie vielleicht ein wenig zu radikal ist -, für die erste Auswahlrunde nur nach den Bildern zu entscheiden, den Galerienamen und -ort also wegzulassen. Ich finde, dass wäre mal ein interessantes Experiment…

AfN: Sie haben es aber letztendlich nicht gemacht?

Coulson: Wir haben es noch nicht gemacht, aber ich habe allen nahegelegt, sich das doch einmal ernsthaft zu überlegen, sich wirklich auf das Werk einzulassen, und nicht einfach nur die Machtposition des Händlers zu berücksichtigen, dessen mögliche Reaktion… Das kann man auch noch am Ende machen. Zuerst muss man sich die Qualität des Kunstwerkes ansehen, anschließend eine engere Auswahl treffen, und dann liegt eine durchgehend gute Qualität vor. Danach kommen andere Kriterien ins Spiel, wie z.B. eine gute Mischung verschiedener Länder. Das Erste ist also die Qualität, und dann natürlich die Händler; wen kennen sie, wen bringen sie mit, wen kennen sie nicht, wie viele Neue soll man aufnehmen, wie viele Berühmte… - all das kommt nachträglich ins Spiel. Ich finde es sehr wichtig, dass das der zweite Teil des Prozesses ist.

AfN: Dann haben Sie wohl auch Bilder, die selbst der Jury noch unbekannt sind…

Coulson: Natürlich nicht vollkommen unbekannt, aber ich möchte, dass Kuratoren, Sammler und das allgemeine Publikum hierhin kommen und Entdeckungen machen, und nicht bloß ihre Checkliste bekannter Namen abhaken.

AfN: Ich habe ein Interview gelesen, und darin kam die Gegenüberstellung "Zusammenarbeit versus Expansion" vor: Sie sagten, dass Sie es vorziehen würden, in London mit der Zoo Kunstmesse zusammenzuarbeiten, als dort eine neue Satellitenmesse zu eröffnen. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit genau? - Wenn ich mir vorstelle, Messedirektor zu sein, dann würde ich daraus schon gern selbst Kapital schlagen.

Coulson: Ja, vielleicht. Aber - und es ist vielleicht etwas lächerlich, wenn ich das jetzt sage - es gibt einfach zu viele Satellitenmessen, und ich glaube, es schadet der Arbeit, den Sammlern und den Händlern, wenn zuviel auf einmal passiert. Als wir mit der VOLTA show eingestiegen sind, waren wir die dritte Kunstmesse, und ich glaube wirklich, dass wir ein vorhandenes Vakuum gefüllt haben. Darum kamen wir mit dem Konzept. Ich glaube nicht, dass wir nur den Überfluss auffingen. Wenn es aber zu viele Messen gibt, dann wird die Situation destruktiv, und deshalb versuchen wir, es hier klein zu halten. Wir haben nicht vor, großartig zu erweitern - vielleicht zehn mehr auf der Vorderseite - ich kann in diesen Räumlichkeiten nicht wirklich erweitern, und ich will die Räumlichkeiten auch nicht wechseln, weil es ein guter Kontrast ist. Aus diesem Grunde haben wir die Boot-Shuttles; die Leute können dann mal raus fahren und den Geist erfrischen, so dass sie sich hinterher auch wieder Arbeiten ansehen können. Es ist wie bei einem Fünf-Gänge-Menü: Zwischendurch braucht man ein bisschen Sorbet, um dem Gaumen die Möglichkeit zu geben, Neues zu schmecken.
Wenn es zu viele Messen gibt, wird es verrückt. Man möchte natürlich, dass der eigene Markenname bekannt wird… In London haben sie die FRIEZE und die Zoo Kunstmesse, und das ist bereits eine fantastische Messe; im letzten Jahr fand sie schon zum sechsten Mal statt, wozu also eine weitere Messe schaffen? Das würde nicht der Sache dienen. Es würde ihr nur schaden. Wir haben spaßeshalber ein bisschen hin und her überlegt und kamen auf die Idee. Ich habe dann mit Zoo darüber gesprochen. Für VOLTA war es eine interessante Erfahrung, in London zu sein, nur um mal zu sehen, wie es dort so zugeht, und sie waren dort sowieso dabei, ihre Kunstmesse zu erweitern, weil sie sich bis zu dem Zeitpunkt nur auf britische Projekte und Galerien spezialisiert und sie nie zuvor ein internationales Programm präsentiert hatten. Sie fragten uns also, ob wir nicht Lust hätten, mit ihnen zusammenzuarbeiten, weil wir ein internationales Programm hatten und sie in der Hinsicht beraten konnten. Im Grunde genommen haben wir ihre internationale Sektion ko-kuratiert. Und wir haben unseren Markennamen behalten. Dann kamen sie hierhin und haben unsere nordische Schwerpunktsektion ko-kuratiert. Das Ganze war ein Projekt für ein Jahr, und vielleicht machen wir in Zukunft wieder mal etwas zusammen. Ich bin der Meinung, dass dieses Projekt mehr Sinn machte und vielleicht unser Engagement für das, was wir hier tun, unterstrich; dass wir eben nicht einfach nur da sind. Natürlich wollen wir alle Profit machen, natürlich müssen wir alle das Schulgeld unserer Kinder bezahlen, aber das ist nicht die Hauptmotivation. Das ist nicht der Grund, warum es die Zoo Kunstmesse gibt, und auch nicht der Grund, warum es diese Messe gibt.

AfN: Die VOLTA show ist mit ihren drei Jahren noch recht jung. Von der LISTE, einer weiteren Messe, die im Zeitraum der Art Basel stattfindet, wird gesagt, sie sei die erste Satellitenmesse und eine Art Vorstufe für eine mögliche zukünftige Art Basel Teilnahme. Die LISTE hat oder hatte bestimmte Einschränkungen einzuhalten, in Bezug auf die Anzahl der Teilnahmen und in Bezug auf das Alter der teilnehmenden Galerien. Ziel war dabei eine Verdeutlichung des jungen, aufstrebenden Messecharakters. Gibt es in Bezug auf die teilnehmenden Galerien ähnliche Einschränkungen in Ihrer Messepolitik?

Coulson: Es gibt Einschränkungen, allerdings sind diese nicht altersgebunden. Was die LISTE in den letzten elf Jahren gemacht hat, ist großartig; es ist ein brillantes Konzept, und damals, vor elf Jahren, waren die Verhältnisse noch anders. Es gab nicht so viele Galerien. Es war also alles, was Basel noch brauchte, und es war fantastisch, aber - meiner Meinung nach - verlor die Altersgrenze im Laufe der Zeit ihren Sinn, weil viele Galerien dann gehen mussten; sie durften nicht zurück zur LISTE, aber es stand auch nicht zur Debatte, ob sie auf die große Messe kommen konnten. Dafür waren sie noch nicht bereit; da gehörten sie einfach nicht hin. Es gab also eine Kluft, und das habe ich gemeint, als ich zuvor von einem Vakuum sprach.
Ich habe keine Altersgrenze. Es ist vollkommen angemessen für die VOLTA, eine Altergrenze vorzugeben, die sie im Übrigen seit der VOLTA show geändert haben. Sie lassen nun auch LISTE-Abgänger zu, weil sie vielleicht befürchteten, diese könnten hierhin kommen. Seit der VOLTA show gibt es außerdem auch die Art Premiere Sektion auf der Art Basel. Das alles beweist doch, dass es da ein Vakuum gab, das ausgefüllt werden musste. Beide Messen merkten plötzlich, dass eine ganze Gruppe von hervorragenden Galerien außen vor gelassen wurde. VOLTA hat letztendlich diese Lücke geschlossen. Ich persönlich glaube - und das mag vielleicht daran liegen, dass ich selbst über 40 bin -, dass das Konzept "jung = gut" etwas fehlgeleitet ist. Es ist kein Talent, jung zu sein. Das ist lediglich der Zufall der Geburt. Es gibt einige fantastische junge, aber eben auch viele fantastische ältere Galerien, die bereits seit zehn Jahren im Geschäft sind, sich aber dafür entschieden haben, mit ganz innovativer Kunst zu arbeiten; sie haben sich dafür entschieden, mit neuen, aufstrebenden Künstlern zu arbeiten, und sie sind diejenigen, die Karrieren überhaupt erst aufbauen. Dann werben ihnen die großen Galerien die Künstler ab und stellen dann auf der Art Basel aus. Ich war in der sehr sehr schönen "Art Unlimited"-Ausstellung. Dort sind viele Künstler vertreten, deren ursprüngliche Galerie ich noch kenne, und diese ursprünglichen Galerien sind nie auf der LISTE, nie auf der großen Messe gewesen, aber vielleicht sind sie hier auf der VOLTA show. Sie verlieren ihre Künstler an die größeren Galerien. Sind die Künstler erst bekannt genug, dann werden sie von der anderen, größeren Galerie auf der Art Basel gezeigt. Was auf der VOLTA show zählt, sind weniger Einschränkungen, sondern vielmehr die Tatsache, dass die teilnehmenden Galerien Karrieren aufbauen; das sind Leute, die sich von Anfang an einsetzen, wirklich mit den Künstlern zusammenarbeiten, sie wirklich unterstützen und ihnen als erste einen Platz in deinen Ausstellungen beschaffen. Das sind die Leute, die wirklich die schwere Arbeit leisten.

AfN: Gibt es hier auch Galerien, die bisher bei jeder Ausgabe, also dreimal, teilgenommen haben?

Coulson: Ja, wir haben hier einige Galerien, die schon im ersten Jahr dabei waren.

AfN: Und bleiben diese Galerien oder...?

Coulson: Das wird jedes Jahr neu bewertet. Es gab in diesem Jahr einige Galerien, die im ersten Jahr nicht dabei waren; es gab auch Galerien, die im zweiten Jahr dabei waren, diesmal allerdings nicht reingekommen sind; es gab wahrscheinlich auch einige Galerien, die im zweiten Jahr dabei waren und wiederkommen werden… eben weil wir klein sind, ist es notwendig, dass wir regelmäßig wechseln. Oder wir müssten immer größer und größer werden, um dann am Ende die Hauptmesse zu sein, und darum geht ja überhaupt nicht. Es geht darum, einen Gegensatz darzustellen, klein zu sein…

AfN: ...Sie wollen nicht die Armory werden...

Coulson: Nein, darum geht es hier nicht. Die Leute gehen und kommen, das bleibt im Fluss. Es wird keine Einschränkungen wie ausschließlich dreijährige Teilnahmen o.ä. geben. Es kommt auf die Bewerbung an. Man wird jedes Jahr nach den Angaben bewertet, die man dem Komitee vorlegt.

AfN: Wenn wir über die Art Basel sprechen und über junge Messen, die als eine Vorstufe zu einer Art Basel Teilnahme gelten, dann erweckt das den Eindruck, dass Galerien zunehmend die Funktion eines Messinstrumentes für Künstler übernehmen. Heute sieht man sich das Profil einer Galerie an, wie man sich früher den Lebenslauf eines Künstlers angesehen hat, und es wird immer wichtiger, wo man mit seiner Galerie ausstellt. Wie reagieren Sie darauf als Messemanagerin? Glauben Sie, dass Sie Karrieren aufbauen?

Coulson: Wenn meine Messe respektiert wird, dann tue ich das wohl. Ich hoffe, dass meine Messe in dem Maße respektiert wird. Natürlich gibt es Messen, von denen gesagt wird, sie seien Karrierezerstörer. Ich weiß nicht, ob das so stimmt. Ich möchte glauben, dass Galerien ihre Auswahl im Hinblick auf das angebotene Programm treffen, und ich befinde mich sicherlich in der Position, jemandem eine sehr wichtige Plattform anzubieten. Das ist eine Verantwortung, absolut. Ich weiß nicht, ob ich Karrieren aufbaue, aber es ist eine Verantwortung. Wenn die Kuratoren oder ich helfen, Entscheidungen zu treffen, dann sind wir uns selbstverständlich darüber im Klaren, dass das für einige Galerien eine echte Chance darstellt; dass es gerade für die entlegen situierten Galerien unglaublich wichtig ist, hierhin zu kommen, Sammler eines gewissen Niveaus zu treffen, und ihre Künstler von bestimmten Kuratoren gesehen zu wissen.

AfN: Glauben Sie, dass auch die anderen Messen sich in dieser Hinsicht auch so sehr engagieren? Oder ist das eher eine neue Wahrnehmung?

Coulson: Ich denke, viele Messen engagieren sich ebenso. Der Markt wird es in Zukunft wohl schwer haben, wie auch die Händler und die Messen. Wissen Sie, als Kunstkritikerin habe ich viele Kunstkritiker-Freunde, und da heißt es immer "Auf dem Markt geht es nur darum, Geld zu verdienen, und die Händler interessieren sich nur für den Profit", aber - glauben Sie mir - das ist kein leichter Job. Es ist nicht leicht, Händler zu sein, und ich glaube, dass 95% der Leute aus Leidenschaft in diesem Geschäft sind.

AfN: Ich komme nun zu meiner abschließenden Frage: Wie haben Ihnen die diesjährigen Veranstaltungen in Basel gefallen? Haben Sie sich andere Ausstellungen angesehen? Werden Sie über die letzten Entwicklungen nachdenken, wenn alles vorbei ist?

Coulson: Ich werde mir die meisten Shows erst später ansehen können. Ich war auf der Hauptmesse, aber zur LISTE gehe ich später und kann mich deshalb leider gar nicht dazu äußern. Die LISTE zeigt allerdings immer eine ausgezeichnete Qualität, immer. Und es ist mir bereits zu Ohren gekommen, dass sie auch in diesem Jahr wieder hervorragend sei. Die Hauptmesse ist, was sie ist. Das ist einfach die oberste Spitze der Pyramide; das weiß jeder, und das lässt auch nicht leugnen.

AfN: Werden Sie die documenta besuchen?

Coulson: Ich werde die documenta besuchen, aber nach all dem hier werde ich erst mal mit meiner Familie Urlaub machen. Wenn ich dann wieder Energie getankt habe, werde ich zur Biennale und zur documenta gehen.

AfN: Liebe Amanda, vielen Dank für das Interview.

Coulson: Gern geschehen.

Interview: Marek Claassen

Diese Interview können sie auf vernissage.tv als Video ansehen: (Teil 1/Teil 2)

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