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Interview mit Lorenzo Rudolf


Lorenzo A. Rudolf (Foto Kosuke Fujitaka, tokyoartbeat.com)

Dies ist ein Artfacts.Net und tokyoartbeat.com Interview mit Lorenzo Rudolph, dem Messedirektor der ShContemporary.

AfN: Guten Tag Herr Rudolf.

Rudolf: Es freut mich, Sie zu treffen.

AfN: Sie sagten in einem Interview, das auf Ihrer Website veröffentlicht wurde: "Es ist höchste Zeit, dass Asien seine eigene internationale, hochkarätige Kunstmesse hat." Betrachten Sie die shContemporary als die Art Basel oder Art Miami der gesamten Pazifikregion?

Rudolf: Ich möchte hier keine Art Basel oder Art Miami veranstalten. Ich will etwas Neues, etwas Besonderes für Asien. Sollten Sie mit Ihrer Frage allerdings den Wert und die Bedeutung der Messe meinen, dann würde ich sie wohl bejahen. In anderen Worten, wir haben ein sehr großes Vertrauen: das Wachstum der Kunstszene ist einfach unglaublich. China oder Indien sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Ich glaube allerdings, dass der internationale Markt noch nicht wirklich begriffen hat, was hier eigentlich passiert, und dass er diesem Geschehen nicht die nötige Beachtung schenkt. Darum sage ich: Das, was wir hier brauchen, ist eine Plattform, wo wir zeigen können, was auf diesem Kontinent passiert; wo wir es der ganzen Welt zeigen können, aber auch wo sich die ganze Welt endlich ein Bild davon machen kann, was hier passiert. Wenn Sie also die Wichtigkeit und Bedeutung der Messe meinten, dann könnte man vielleicht von der Art Miami Asiens sprechen. Inhaltlich werden wir allerdings nie eine Kopie von Miami oder Basel sein.

AfN: Sie sagten auch, dass eine Kunstmesse wie die Ihre eine Gelegenheit für einen lukrativen ersten Zugang zu den Werken künftiger Stars sei. Fungieren internationale Kunstmessen als Verstärker für den primären Kunstmarkt so wie Auktionshäuser das für den sekundären Kunstmarkt tun?

Rudolf: Zunächst einmal muss ich Ihnen ein Kompliment bezüglich Ihrer guten Vorbereitung machen! Wie es scheint, haben Sie all meine Interviews gelesen! - Ich denke, es ist ganz klar; eine Kunstmesse wie diese sollte wirklich in erster Linie den primären Kunstmarkt unterstützen. Das ist das Eine. Dann ist es wiederum wichtig, über den Inhalt der Kunstmesse nachzudenken, ganz besonders in Zeiten, da Kunstmessen wie Pilze aus dem Boden schießen. Und noch dazu gibt es so viele ähnliche Kunstmessen! Jede Kunstmesse versucht, dieselben Galerien einzuladen, die Galerien mit denselben Künstlern… Das Kriterium, das momentan überall auf der Welt zählt, ist die Marktfähigkeit; was kann ich verkaufen. In solchen Situationen, selbst wenn man zu wichtigen Kunstmessen geht, kann man kaum noch wirklich neue Dinge entdecken. Genau das ist es aber, was der Sammler will. Er will etwas Neues finden. Hier versuchen wir, die gesamte Kreativität dieses Kontinents zu präsentieren, und es gibt dabei viele neue Dinge, die auf dem internationalen Markt noch gar nicht bekannt sind. Doch mit der wachsenden Bedeutung Asiens und der asiatischen Kunstszene, die ein ernstzunehmender, zukünftiger Akteur des Marktes werden will, hat man hier wirklich die Möglichkeit, Werke und aufsteigende Stars zu entdecken. Wir wollen diesen Künstlern helfen, in dem internationalen Markt Fuß zu fassen.

AfN: Es gibt viele Messen, und viele von ihnen versuchen, ein Spitzenniveau zu erreichen, indem sie immer und immer wieder dieselben Galerien einladen. Eine Tatsache, die Sie also zu vermeiden suchen. Ich habe allerdings bemerkt, dass 25% der hier eingeladenen Galerien auch an der Art Basel und 20% von ihnen ebenfalls an der ARCO und der FIAC teilnehmen. Wie passt das zusammen?

Rudolf: Man muss zwei Dinge unterscheiden: Zunächst einmal gibt es da ein Prinzip: Wenn du eine neue Veranstaltung wie diese hier auf die Beine stellst, dann kopiere dabei nie eine andere! Jede Veranstaltung - wenn sie erfolgreich sein will - muss ihre eigene Identität haben. Nun zurück zu Ihrer Frage: einerseits wollen wir das Beste des Besten Asiens zeigen, und andererseits wollen wir auch bestimmte internationale Galerien präsentieren, die sehr genau ausgewählt wurden, um eben auch dem lokalen Publikum zu zeigen, was auf dem internationalen Markt passiert. Es ist ein Austausch. Mit anderen Worten, wenn ich internationale Galerien auswähle, dann schaue ich auch dort genau hin. Wer sind die besten Galerien? Was können gewisse Topgalerien zu dieser Messe beitragen?

AfN: Wir halten dies für eine der besten, wenn nicht sogar für die beste Kunstmesse, die jemals in China veranstaltet wurde. Liegt das an dem starken westlichen Einfluss?

Rudolf: Nein, das glaube ich nicht. Glücklicherweise haben wir sehr viel Erfahrung. Meine Partner sind jetzt schon sehr lange in diesem Geschäft, wie ich selbst auch, und wir wissen, wie eine Kunstmesse gemacht sein muss. Doch was letztendlich auch zählt, ist der Vorteil, dass wir eine Vision haben. Viele, viele Organisatoren von Kunstmessen - und das ist keine Frage von China oder nicht China - versuchen, auf der aktuellen Welle mitzuschwimmen, und sie versuchen nicht, sich neu zu erfinden; sie machen immer wieder dasselbe. Diese Messe hat eine ganz andere Vision und ein ganz anderes Konzept. Es gibt bisher keine andere Messe, die ernsthaft zu zeigen versucht, was hier in Asien geboten wird, in ganz Asien, und ich meine nicht nur das Modische oder Marktfähige. Es ist eine Show - und ich denke, das ist einzigartig weltweit -, wo die Organisatoren auch eine gewisse Verantwortung für den Inhalt übernehmen. Wir sagen "wir wollen das und das… weil es gut ist". Wir haben kuratierte Räume, und sogar in der Haupthalle, wo gegessen und Kaffee getrunken wird - sogar da wollen Galerien ausstellen.

AfN: Asiatische Sammler sind sehr selbstbewusste Käufer und wollen ihre bevorzugten Künstler an die Spitze der globalen Kunstliga pushen. Ist diese Entwicklung auch als ein kultureller Wettkampf zu betrachten, an dem nun stolze Nationen teilnehmen, die nicht nur wirtschaftlich wachsen, sondern ebenfalls in kultureller und ästhetischer Hinsicht mit dem Westen konkurrieren können?

Rudolf: Ich glaube nicht, dass nur asiatische Sammler versuchen, ihre Künstler an die Spitze des Marktes zu bringen. Das ist ein weltweit verbreitetes Phänomen. Letztendlich wollen wir den Punkt erreichen, wo wir nicht mehr über chinesische Künstler sprechen oder über chinesische Sammler, die versuchen, chinesische Künstler zu fördern… Die chinesische Kunst wird ebenso anerkannt sein wie die amerikanische, die deutsche oder die Schweizer Kunst… Wenn ich das so sage, dann klingt es schon ganz eigenartig. In Europa würde ich niemals auf den Gedanken kommen, über deutsche, Schweizer oder amerikanische Kunst zu sprechen. Im Endeffekt gibt es gute und schlechte Kunst.

AfN: Es spielt also keine Rolle. Die Herkunft der Kunst ist völlig irrelevant.

Rudolf: Richtig. Natürlich hat jeder seine Wurzeln, aber letztendlich ist die Sprache dieselbe.

AfN: Ja, aber als ich mich für dieses Interview vorbereitete, bemerkte ich, dass Sie selber in diese "Nation-Denkrichtung" gedrängt wurden. Ich erinnere mich, wie vor 15 Jahren jeder von der russischen Kunst sprach…

Rudolf: Man kreiert Trends auf diesem Markt. Und um einen Trend zu kreieren oder um einen Trend zu vermarkten, muss man das Ganze in einer schönen Verpackung anbieten. Es gab die russische Kunst, dann die Leipziger Schule und was nicht alles. Doch hinterher, nach 10 Jahren, will man einfach nur gute Künstler, gute Namen…

AfN: Bei der Erschaffung einer Top-Kunstmesse ist die Standortfrage von großer Bedeutung. Gemeint ist dabei nicht nur die geografische Lage, sondern auch die Architektur. Man denke an das magical tent der Frieze oder an den wundervollen Grand Palais der fiac. Basel und Basel Miami profitieren von ihrem Standort in kleinen Dörfern, die sie in große Spielplätze verwandeln. Haben Sie daran gedacht, als Sie sich für diese Stadt in Asien und für dieses fantastische Gebäude im markanten Stalinistischen Stil entschieden haben?

Rudolf: Als erstes kam die Frage auf, wo in Asien man diese Messe veranstalten solle. Wir haben uns recht schnell für China entschieden, weil China die Spitze des Eisbergs eines Marktpotentials ist, das hier größer ist als anderswo. Und wir haben Shanghai ausgewählt, weil Shanghai nicht nur eine Stadt ist, die sich viel mit Kunst beschäftigt, sondern die auch einen besonderen Lifestyle anbietet. Heutzutage, und das ist auf allen wichtigen Kunstmessen so, wollen Sammler nicht nur eine Ausstellung; sie wollen eine ganze Reihe an Angeboten: Spaß, Wohlfühlen, eine Vielzahl an Möglichkeiten - und ich denke, keine andere Stadt in China kann diesen Bedürfnissen so sehr gerecht werden wie Shanghai es tut. Und auch diese Offenheit, diese Freundlichkeit ist wirklich anziehend. Als Hafenstadt bildet sie auch das Tor von China zur restlichen Welt. Und als wir dieses Gebäude gesehen haben, war klar: Es kann an keinem anderen Ort stattfinden. Es muss hier sein. - Jeder, der hereinkommt, ist beeindruckt. Und es ist ebenfalls interessant, dieses Spiel mit zeitgenössischer Kunst und architektonischem Ambiente zu spielen. Es war auch ziemlich schwierig, ein Design, ein Layout zu entwerfen, das beide Seiten respektierte, ohne sie zu zerstören. Ich glaube, es ist uns gelungen. Abgesehen davon, der Grand Palais… nun gut, ich bin mir nicht so sicher, was die Schönheit dieses Gebäudes im Zusammenhang mit einer zeitgenössischen Kunstmesse betrifft. Und das magical tent in London - es ist nur magisch, solange es einem nicht auf den Kopf regnet.

AfN: Neben dem Standort müssen Sie auch andere wichtige Kunstveranstaltungen im Auge behalten. Die Preview der Istanbul Biennale war am 6. September. Berücksichtigen Sie auch Biennalen, wenn Sie den besten Zeitpunkt für die shContemporary auswählen?

Rudolf: Heutzutage haben wir einen Markt für eine Kunstszene mit vielen wichtigen Veranstaltungen. Biennalen sind sicherlich sehr wichtige Veranstaltungen. Aber wir müssen dabei die gesamte Kunstszene ins Auge fassen. Es gibt auch die Shanghai Biennale, die sich immer mehr zur führenden Biennale Asiens entwickelt. Und im nächsten Jahr werden die Shanghai Messe und die Shanghai Biennale parallel laufen. Die beiden Veranstaltungen werden an zwei aufeinander folgenden Tagen eröffnet werden. Sie kooperieren also wirklich miteinander und profitieren voneinander. Sie werden beide sehen können. Doch anfangs mussten wir eine Vision, eine schöne Idee, verkaufen. Wir hatten zu dem Zeitpunkt kein Produkt vorzuweisen, und das mag auch der Grund dafür sein, dass noch nicht alle gekommen sind. Jetzt haben wir ein Produkt, jetzt können wir zeigen, was wir gemacht haben. Und mit der Kombination von Messe und Biennale wird es hier im nächsten Jahr ganz bestimmt eine riesige Veranstaltung geben. "Miami-mäßig", wenn Sie so wollen.

AfN: China hatte eine schwierige Vergangenheit im Umgang mit Kultur. Wie kommen Sie mit den Autoritäten zurecht? Gibt es irgendwelche ikonoklastischen Kontroversen?

Rudolf: Es ist klar, dass wir eine ganz andere Welt und eine ganz andere Mentalität hierhin bringen. Wir können nicht kommen und sagen "wir sind die Besten; wir zeigen euch, was ihr tun müsst". Es muss ein Dialog sein, ein Austausch. Man muss ihren Standpunkt respektieren, bevor man einen anderen Standpunkt anführt. Was zählt, ist, wie man miteinander umgeht. Manchmal war der Weg zum Ziel nicht immer der kürzeste, und wir mussten einige Umwege nehmen, aber am Ende - wie überall auf der Welt - haben wir gemeinsam eine Lösung gefunden. So war es auch mit den Autoritäten. Jetzt sehen sie, was es ist. Jetzt haben sie Vertrauen, und es gibt keinen Grund mehr für sie, irgendetwas Unerwartetes, Neues zu befürchten. Natürlich gibt es immer Diskussionen - so läuft es eben in solchen Situationen -, aber alle Diskussionen konnten mit wirklich fairen, friedlichen und vernünftigen Lösungen abgeschlossen werden.

AfN: Kosuke Fujitake von tokyobeat.com stellte den japanischen Galerien Fragen über die Struktur der Sammler, und er sagte, dass sie bisher keinen wirklichen Kontakt mit chinesischen Sammlern vom Festland gehabt hätten. Glauben Sie, dass chinesische Sammler lieber bei chinesischen Galerien kaufen?

Rudolf: Ich habe eine ähnliche Beschwerde gehört; die chinesischen Galerien sagten dasselbe über westliche Galerien! Ich glaube, das ist auf allen Kunstmessen so. Die einen haben Kontakte, die anderen nicht. Diese Situation wird sich in den nächsten Jahren wahrscheinlich noch verbessern. Ein chinesischer Sammler, wie ein westlicher Sammler, der sich erst umschaut, muss ein gewisses Verhältnis zu den Galerien aufbauen. Es gab sicherlich Fälle, wo japanische Galerien keinen Kontakt mit chinesischen Sammlern hatten. Umgekehrt ist es genauso. Aber wenn man eine Kunstmesse macht - ganz egal, wo -, ist es immer dasselbe: Man sollte nicht glauben, nach einem Schritt bereits die Welt erobert zu haben. Man muss es sich aufbauen. Ich beobachte, dass chinesische Sammler immer offener werden und sich nicht nur auf chinesische Künstler konzentrieren, und ich glaube, dass auch japanische Galerien in Zukunft guten Kontakt zu chinesischen Sammlern haben werden.

AfN: Sie sind ein respektabler Messedirektor; Sie haben eine extrem starke kuratorische und künstlerische Position an Ihrer Seite mit Pierre Huber und auch mit Silvia Evangelisti von der ArteFiera, des weiteren werden Sie von einer ganzen Reihe an Shanghai Kulturverbänden und -komitees unter der Leitung des Presidenten Fang Jun unterstützt. Können Sie uns sagen, wie dieses mächtige Netzwerk entstanden ist? Wer hat all diese Institutionen zusammengebracht und somit die ganze Sache initiiert?

Rudolf: Ich werde versuchen, diese lange Geschichte zusammenzufassen: Pierre und ich kennen uns schon lange. Als ich Direktor in Basel war, wollte ich das Konzept ändern. Im Jahr 1991 habe ich so etwas wie ein strategisches Gremium einberufen. In den nachfolgenden zwei, drei Jahren haben wir die gesamte Struktur der Baseler Kunstmesse geändert. Heute ist es das Konzept der Art Basel und das Konzept, das überall auf der Welt kopiert wird. Seitdem kenne ich Pierre. Wir kennen uns ziemlich gut. Als ich Basel verließ und in anderen Orten arbeitete, habe ich viel über den Markt nachgedacht, und vieles hatte sich verändert. Vor drei Jahren traf ich Pierre wieder. Im Verlauf unserer Diskussionen bemerkten wir, dass wir die Situation und die Entwicklung des Marktes auf genau die gleiche Weise analysiert hatten, mit den gleichen Resultaten. Also sagten wir "okay, wir sollten etwas tun", und damit fing alles an. Über den Zeitraum eines Jahres analysierten wir die gesamte Marktsituation und entwickelten ein Konzept. Dann holte ich Bologna mit dazu, weil wir einen Partner brauchten, der wirklich dazu in der Lage war, eine solche Veranstaltung durchzuführen. Warum Bologna? - Sie wussten, wie man eine Kunstmesse macht; sie wussten, wie man Messen veranstaltet; sie taten es ja überall auf der Welt, sogar in China. Sie haben hier eine Infrastruktur und die nötigen Netzwerke. Ohne diese Infrastruktur könnte man hier niemals etwas aufbauen. Wir hatten also eine Konstellation aus drei Partnern, die einander wirklich ergänzten. Ich, der Manager der Kunstmesse, Pierre von der Seite der Sammler und Händler, der künstlerische Teil - und der durchführende Teil ist Bolognafiere. Und dann arbeiten wir natürlich mit chinesischen Partnern zusammen. Wir hatten viele Möglichkeiten, aber das hatten wir in erster Linie dem richtigen lokalen Partner zu verdanken. Wenn man etwas in China macht, dann muss man den richtigen Partner haben, der stark ist, und dem man vertraut. Denn - was immer man auch tut - man braucht eine Lizenz, und die Lizenz wird nur an ein chinesisches Unternehmen gegeben. Am Ende war es also an Bologna, auf die Empfehlung vieler, vieler Freunde und Unterstützer hier in China hin, uns zu sagen "das ist der richtige Partner". Wir haben also diese Partnerschaft aufgebaut - vor allem dank Bologna, weil sie sich hier schon eingerichtet hatten.

AfN: Lieber Herr Rudolf. Es hat mich sehr gefreut, mit Ihnen zu sprechen. Vielen Dank.

Rudolf: Es hat mich auch sehr gefreut. Danke.

www.shcontemporary.info

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