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Art Beijing - Interview mit Meg Maggio


Meg Maggio und Marek Claassen

Dies ist ein Artfacts.Net Interview mit Meg Maggio. Wir befinden uns auf der Kunstmesse Art Beijing. Frau Meg Maggio ist die Direktorin der Pékin Fine Arts Gallery in Peking und das einzige nicht-asiatische Mitglied des Beratungsgremiums der Art Beijing 2007.

AfN: Guten Tag Frau Maggio.
Heute ist der letzte Tag der Art Beijing 2007. Wie würden Sie die diesjährige Veranstaltung zusammenfassen, besonders im Hinblick auf die Messe des vergangenen Jahres?

Meg Maggio: Ich denke, der Veranstaltungsort der diesjährigen Messe ist deutlich besser. Dieses neue Gebäude - das National Agricultural Exhibition Center - ist hervorragend. Es gibt viel natürliches Sonnenlicht, eine gute Luftzirkulation, es ist groß… Es ist ein sehr interessanter, sehr kreativer, sehr komfortabler Raum und dabei etwa dreimal größer als die meisten typischen Kunstmesseräume der Welt. Der Raum ist also viel besser geworden. Und auch die "Hardware" ist deutlich besser. Natürlich müsste - meiner Meinung nach - die "Software" noch besser werden. In diesem Jahr sind wesentlich mehr Käufer anwesend, wesentlich mehr Sammler - nicht nur vom Festland China, sondern auch aus Korea, Japan, Taiwan, Hongkong, Singapur… Ich habe Freunde aus all diesen Ländern gesehen.

AfN: Wenn Sie die Art Beijing mit den drei anderen großen chinesischen Messen, nämlich der shcontemporary, der Shanghai Art Fair und der cige in Peking, vergleichen, wie würden Sie die Stärken, Schwächen, Chancen und Gefahren dieser Messe beschreiben?

Mag Maggio: Ich halte natürlich die Art Beijing für die beste Messe. Ich bin in dieser Sache wahrscheinlich nicht unbedingt die objektivste Ansprechpartnerin, aber ich denke, die Art Beijing ist die mit der längsten Geschichte, der größten Expertise und dem engsten Verhältnis zum Kultusministerium in China. Herr Dong Mengyang ist der Direktor; er kommt vom Kultusministerium. Er hat die ersten internationalen Kunstmessen in China veranstaltet. Ich habe die erste besucht; sie fand im Jahr 1992 statt. Er machte Kunstmessen in Hongkong, alle Messen in China, und er besitzt die Flexibilität und die Kreativität, um diese Messe veranstalten zu können. Außerdem bekommt er Unterstützung vom Kultusministerium. Er ist also sehr unabhängig und besitzt als Messedirektor den höchsten Status in der chinesischen zeitgenössischen Kunstwelt.
Ich halte ihn auch für einen extrem kreativen Menschen. Ich liebe den Installationsteil dieser Messe, ich liebe das Seminarprogramm, ich liebe die outside-Programme. Er ist ein Mensch mit viel Weitblick. Ich vermute mal, dass er in zehn Jahren immer noch Kunstmessen in China veranstalten wird, nachdem viele andere Leute, die jetzt, so kurz vor den Olympischen Spielen, bloß noch eine schnelle Gelegenheit wittern und ergreifen, längst wieder fort sein werden.

AfN: Es ist eher ungewöhnlich, öffentliche Institutionen wie Museen oder Sammlungen zu einer Kunstmesse einzuladen. Ich habe das zum ersten Mal in Shanghai und jetzt in Peking gesehen. Was halten Sie davon? Inwiefern ist es für ein privates Museum in China wichtig, auf einer Messe auszustellen?

Meg Maggio: Eigentlich machen es alle - Frieze, Basel… [...] Ich glaube, das ist ein neuer Trend, und es geht letztendlich darum, mehr Leute in die Museen zu bringen, Museen zu unterstützen und ihren Ticketverkauf zu erhöhen. Die Messen sind in der ganzen Welt am erfolgreichsten; es ist wirklich eine von der ganzen Gemeinschaft getragene Veranstaltung: Man nimmt die Hilfe von Museen in Anspruch, man nimmt die Hilfe der lokalen Sammler in Anspruch, die ihre Häuser öffnen, und auf diese Weise verwandelt man die Messen wirklich in Veranstaltungen, die von der ganzen Gemeinschaft getragen werden.

AfN: Das Kunstwerk "Ancient City of Jiaohe" von Wu Guanzhong aus dem Jahr 1981 wurde auf der Poly Auktion im Mai für Yn37m verkauft. Das sind etwa 3.7 Millionen Euro. Was meinen Sie, basiert dieses Preisniveau auf einer Spekulationsblase?

Meg Maggio: Überhaupt nicht. Ich glaube, wenn man das denkt, dann ist man blind für die wirtschaftliche Stärke Asiens. Zunächst einmal möchte ich betonen, dass Wu Guanzhong der Vater des chinesischen Modernismus ist. Der Mann ist 80 Jahre alt. Wenn ein 80 Jahre alter Mann, der eine lebenslange Karriere als einer der führenden Befürworter des Modernismus in chinesischen Kunstkreisen vorweisen kann - wenn er die 3.7 Millionen Dollar nicht verdient, wer dann? Niemand verdient es mehr. Wir reden hier ja nicht von irgendeinem 25-jährigen, der gerade die Kunstschule verlassen und gestern mit dem Malen begonnen hat. Wir reden von einem Mann, der eine ganze Generation chinesischer zeitgenössischer Künstler inspiriert hat.

AfN: Er ist also unterbewertet.

Meg Maggio: Er ist unterbewertet. - Zudem, wenn Sie sich die Top Ten der chinesischen Künstler ansehen und die Preise, die sie für ihre Werke empfehlen, und wenn Sie sich dann die Top Ten der Künstler in Deutschland, in den USA, in Großbritannien und in vielen vielen anderen Ländern ansehen, dann ist die Zahl noch unterbewertet. Warum sollten chinesische Spitzenkünstler unterbewertet werden? Es ist doch schon fast ein wenig beleidigend: Einige Leute meinen, dass es sich um eine Spekulationsblase handeln muss, nur weil chinesische Künstler hohe Preise empfehlen. Vielleicht gibt es eine solche Blase ja in Deutschland, in New York, Paris… - natürlich befinden sich die Preise auf einem Rekordhoch, aber das ist weltweit der Fall. Wenn es eine Blase gibt, dann umspannt sie die ganze Welt. Es ist keine Blase, die auf China beschränkt ist.

AfN: Es werden neue Museen eröffnet und immer mehr Ausstellungen der zeitgenössischen Kunst organisiert - nun gibt es Stimmen, die vorhersagen, dass Auktionen in Zukunft weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen werden, weil im allgemeinen stärker auf die Meinung und Kunstbewertung der Kuratoren und Kritiker gehört wird. Können Sie eine solche Bewegung feststellen, die mehr Raum für eine ernsthafte Kunst schafft - eine Kunst, die nicht mit dem kommerziellen Bereich zusammenhängt?

Meg Maggio: Ja, absolut. Das ist es - meiner Meinung nach - auch, was wir brauchen, und was das Umfeld hier gesünder und reifer machen wird. Ich denke, Auktionshäuser sollten niemals die Schiedsrichter sein, wenn es darum geht, den Wert von Kunstwerken zu bestimmen. Sie sollten sich von Museumsausstellungen und Museumskuratoren inspirieren lassen, sie sollten von ihnen lernen. Wir haben zwei Probleme in Asien: Die Auktionshäuser sind sehr aggressiv geworden, was natürlich ihr gutes Recht ist, aber ich finde es traurig, wenn das zur Folge hat, dass die Werke vom Künstleratelier direkt zum Auktionsblock wandern. Ich finde es auch sehr schade, wenn die Werke die Künstlerateliers und dann direkt das Land verlassen, als wären sie bloß irgendeine Exportware. Die Arbeiten sollten erst in dem Land gesehen werden, wo sie auch hergestellt wurden, und zwar von Leuten aus demselben kulturellen Kontext und mit demselben kulturellen Hintergrund.
Ich glaube, dass die Werke schnell missverstanden werden, wenn sie als erstes in einen anderen kulturellen Zusammenhang gebracht werden - das ist schon fast eine neue Form des Kolonialismus. In China bieten die Kunstakademien erst seit ein paar Jahren Lehrpläne und Studiengänge in kuratorischer Praxis an. Bisher war die kuratorische Praxis keine konkret definierte, professionelle Disziplin in China, und darum gibt es viele Leute, die - meiner Einschätzung nach - im Grunde genommen unbeschäftigte, unabhängige Mittelsmänner sind, selbsternannte Kuratoren, die kaufen und verkaufen. Im amerikanischen oder europäischen Kontext würde man sie für Privathändler halten, aber hier glauben sie anscheinend, es sei angesehener, eine Visitenkarte zu haben, auf der "Consultant" oder "Kurator" steht, and ich rede dabei nicht nur von Chinesen; es gibt auch viele Europäer und Amerikaner, die ebenfalls selbsternannte Kuratoren sind - als wäre das ein neuer Beruf, den man einfach so annehmen könnte und nicht mit einem Profi besetzen müsste. [lacht] Man muss es leider so sagen.

AfN: In dem Interview sagten Sie, es gäbe da eine Lücke in dem Dreieck, das Auktion, Galerie und Museum bilden.

Meg Maggio: Ja, ich denke, das ist so. Und das ist das Problem eines neuen Marktes, sobald dieser anfängt zu reifen. Allmählich wird diese Leerstelle in dem Dreieck bemerkt, und die Kunstakademien, Universitäten und Museen selbst arbeiten sehr hart daran, ihre Bildungsprogramme zu verbessern; sie haben verstanden, dass sie jetzt wirklich eine Generation an Kuratoren ausbilden müssen. Eine der Schwierigkeiten besteht darin, dass die Kunstschulen bisher traditionsgemäß und übrigens sehr gut die alte chinesische Kunstgeschichte gelehrt haben, dass sich jetzt allerdings Lücken zeigen, wenn es darum gehen soll, die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu unterrichten - nicht nur in Bezug auf die internationale Kunstgeschichte, sondern auch in Bezug auf ihre eigene Kunstgeschichte.
Das 20. Jahrhundert ist noch eine sehr sensible Zeitspanne für China: es gibt Bürgerkriege, den japanischen Krieg, den ‚Kommunismus' in verschiedenartigen Ausführungen, die Probleme mit Taiwan… Viele sensible Themen werden hier mit dem 20. Jahrhundert in Verbindung gebracht. Und viele meiner Freunde, die junge Kunstprofessoren sind, sagen, dass sie keine guten Lehrbücher hätten. Selbst wenn sie die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts unterrichten wollen - es fehlt einfach an Lehrbüchern. Vieles davon hat man sich also gewissermaßen selbst beigebracht - aus Bücher, die übersetzt wurden oder über Museumsausstellungen, die vom Ausland nach China gekommen sind, und jetzt auch über immer mehr chinesische einheimische, wirklich hochwertige Museumsausstellungen.

AfN: Liebe Frau Maggio, vielen Dank für das Gespräch.

Meg Maggio: Gern geschehen.

www.artbeijing.net

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