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Art Forum Berlin - Interview mit Joe Amrhein / Pierogi Gallery


Joe Amrhein und Marek Claassen

Dies ist ein Artfacts.Net Interview mit Joe Amrhein, dem Direktor der Pierogi Gallery in Williamsburg, Brooklyn. Pierogi ist ein Synonym für den Williamsburg Stil, die flatfiles und Mark Lombardi.

AfN: Hallo Joe.

Joe: Hallo.

AfN: Wir befinden uns hier auf dem Art Forum Berlin. Können Sie uns sagen, warum Sie diese Messe für Ihre Galerie ausgesucht haben?

Joe: Wir haben zurzeit eine Galerie in Leipzig. Und ich denke, dass diese Messe einen sehr hohen Stellenwert einnimmt - jetzt, da Berlin ein echtes Zentrum in der Kunstwelt geworden ist. Außerdem ist es uns wichtig, ein wenig Aufmerksamkeit auf Leipzig zu ziehen.

AfN: Aber Sie kamen schon, bevor Sie eine Galerie in Leipzig eröffnet haben.

Joe: Wir kamen schon davor, weil Berlin mir immer wie eine Art Partnerstadt zu Brooklyn, New York, wo sich meine Galerie befindet, erschien. Es hat diese neue Generation an Künstlern, die kommen und sich weiterentwickeln, und das fühlte sich sehr nach Brooklyn an. Es gab eine sehr gute Energie, aber die Sammler waren leider nicht da, so dass es schwierig war, auf der Messe irgendetwas auf die Beine zu bringen.

AfN: Aber Sie sind trotzdem geblieben. Sie meinten, Sie seien fünfmal hier gewesen.

Joe: Ja, fünfmal. Und ich habe mich jetzt mit der Dogenhaus Galerie in Leipzig zusammengetan. Er hat mir sehr geholfen, und wir haben mit neuen Sammlern gearbeitet, und auch ich habe Sammler dazu gebracht. Es war eine angenehme Team-Partnerschaft für mich. Die ersten beiden Male war ich allein hier, was schwierig war.

AfN: Dies ist also Ihr erster Partnerstand?

Joe: Nein, wir haben das schon dreimal gemacht; das erste Mal zusammen, das zweite Mal mit zwei anderen Galerien, und jetzt haben wir wieder eine Partnerschaft. Es ermöglicht uns, einen größeren Stand zu haben, mehr Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, und wir fühlen etwas mehr Energie. Es fühlt sich gut an.

AfN: Sie erwähnten bereits, dass Sie vor kurzem eine Zweigstelle in Leipzig eröffnet haben. Sie nannten diesen Ort "the Williamsburg of Germany". Was bedeutet Ihnen Berlin im Vergleich zu Leipzig?

Joe: Berlin ist jetzt mein Chelsea. Ich bin immer auf der anderen Seite des Flusses, ich mache es mir immer ein bisschen schwerer... [lacht] Nein, ich mag Leipzig; die Baumwollspinnerei ist überwältigend, weil sie diesen Gemeinschaftsaspekt hat, denselben wie Williamsburg. Als ich dort zum ersten Mal ankam, gab es diesen Gemeinschaftsgeist. Künstler kamen, um in großartigen Atelierräumen zu arbeiten, und das ist einer der Gründe, warum ich in Brooklyn mit den flatfiles begonnen habe - weil es eben eine große Anzahl an Künstlern gab, die ich nicht repräsentieren konnte. Es ist sehr wichtig, einen Zugang zu diesen Arbeiten zu haben, und ich habe ein persönliches Interesse an diesem Raum. Auch in Leipzig haben wir mit den flatfiles begonnen: Künstler können kommen und ihre Arbeiten bringen und ein Mitsprachrecht haben, das sie ansonsten nicht hätten. Und in Brooklyn ist zurzeit ein Gentrifizierungsprozess in vollem Gange; Brooklyn wird immer mehr wie Berlin. Es gibt mehr Energie und ist in dieser Hinsicht interessanter. Aber Leipzig hat mehr von diesem Entwicklungsaspekt; alles ist möglich, und das liebe ich… mit den Künstlern zu sein, sich mit ihnen im Dialog auszutauschen - darin hat die Seele Pierogis schon damals ihren Anfang gehabt.

AfN: Sie würden also weiterziehen, sobald Leipzig diesen besonderen Geist, diese besondere Atmosphäre verliert, und sobald eine andere Stadt den Spirit stattdessen aufweist?

Joe: [lacht] Ich habe soviel Energie… und soviel in meinem Notizbuch. - Es ist schon anstrengend, aber das Konzept der flatfile, das ich benutze, hat sich auch in anderen Städten verbreitet - nicht unter meinem Namen - aber andere Galerien haben die Idee weiterentwickelt, was toll ist, und ich hoffe, so weitermachen zu können.

AfN: Sie haben mit der Galerie als einem von Künstlern geführten Projekt im Jahr 1994 angefangen. Pierogi wurde bald eine Art künstlerisches Zentrum für Williamsburg. Würden Sie rückblickend andere Künstler dazu ermutigen, ihr eigenes Geschäft zu führen? - Was hat Pierogi so erfolgreich gemacht?

Joe: Ich denke, ich ermutige Künstler dazu, ihre Arbeiten zu zeigen - das ist die Hauptsache - und sich nicht allein auf den White Cube, den Galerieraum, zu verlassen. In New York und in Brooklyn gibt es so viele Künstler, die versuchen, ihre Arbeiten ausgestellt zu bekommen, auch in Berlin und anderen ähnlichen Orten und Stadtzentren. Das Einfachste, was Künstler machen können, ist ein gemeinsames Abendessen mit anderen Künstlern und Freunden; dabei können sie dann ihre Werke an den Wänden präsentieren. Sie können einen gemeinsam nutzbaren Raum mieten und selbst Ausstellungen organisieren; es geht doch nur darum, die Arbeiten überhaupt erstmal zu zeigen und einen Dialog in Gang zu bringen. Das ist entscheidend und sehr wichtig. Wenn man einzig und allein darauf baut, in einer Galerie präsentiert zu werden, dann kann das sehr frustrierend sein.

AfN: ...jpegs herumzuschicken, mit arroganten Galerien zu sprechen...

Joe: [lacht] Ja, und die Persönlichkeit vieler Künstler ist nicht so beschaffen, dass sie dem Druck standhalten könnte. Manche Künstler können das, und das heißt nicht, dass das Werk gut oder schlecht ist, aber es ist eben wichtig, es überhaupt erstmal zeigen zu können, und genau das habe ich in Brooklyn gemacht, da ich wirklich einen Dialog mit den Künstlern wollte. Wenn es dann interessant und wichtig wird, kommen auch allmählich die Sammler und die Kritiker. So entwickelt sich das dann. Wir haben im Grunde bei Null angefangen.

AfN: Das war praktisch eine Art grassroots movement, eine Basisbewegung, wenn man so will.

Joe: Ja, das war es tatsächlich; wie gesagt, in Williamsburg in den frühen 90ern gab es viele Künstler und Leute, die spontan Dinge gemacht haben, weil sie keine andere Möglichkeit hatten; der Markt war wirklich flau zu der Zeit. Es erschien also notwendig und wirklich interessant, weil die Leute einfach taten, was sie auch tun wollten; die Eröffnung eines Raumes ermöglichte es dieser Energie, sich zu entladen. Es war wirklich wundervoll.

AfN: Dachten Sie an den finanziellen Erfolg, als Sie angefangen haben?

Joe: Ich hatte damals gar keine Strategie. Heute habe ich auch keine Strategie, aber es entwickelt sich. Ich repräsentiere jetzt Künstler, verkaufe Werke, nehme an Kunstmessen teil, und darauf verlasse ich mich schon; die Verkäufe halten die Galerie in Schwung. Aber damals hatte ich einfach nur die Idee eines besseren Atelierbesuch-Kontextes, wo ich Kunstwerke präsentieren würde, und wohin Künstler und Sammler kommen könnten - es gab keinerlei Erwartungen auf einer der beiden Seiten. Es ging nur um den Dialog - darum, diese Energie zu erschaffen.



Die flatfiles auf dem Art Forum Berlin

AfN: Das wäre also Ihr Hauptratschlag: Sich Zeit nehmen und...

Joe: Nun gut, wenn man das Geld oder den Zugang zu Geld hat, um diese Art von Raum zu entwickeln, wäre es gut, erst darüber nachzudenken, was man tut, und sich dann einzubringen. Ich empfehle Künstlern, wirklich Eigeninitiative zu zeigen und die weitere Entwicklung nach den eigenen Bedingungen zu bestimmen. Wenn man diesen Zugang zu Geld oder zu Sammlern, die investieren oder helfen wollen, nicht hat, dann ist es wichtig, selbst etwas nach den eigenen Vorstellungen zu entwickeln. Das ist gewöhnlich am besten, weil es viel echter ist.

AfN: Viele Galerien haben einen Raum für temporäre Ausstellungen für junge Künstler, aber Sie haben die "flatfiles" erfunden - ein Archiv, das als Forum dient, um Künstler zu zeigen, die in dem Galeriensystem von Manhattan unterrepräsentiert sind oder ignoriert werden. Die "flatfiles" beinhalten inzwischen Arbeiten von über 800 Künstlern. Hat diese Herangehensweise, unbekannte Künstler zu zeigen und für wenig Geld zu verkaufen, auch einen politischen Hintergrund?

Joe: Es hat auch einen politischen Aspekt. Ich habe das Gefühl, dass die Kunstwelt ein sehr "klassen-befangenes" System ist; dass es in erster Linie darum geht, an Leute mit viel Geld zu verkaufen, weil die Preise von Kunstwerken - zu Recht - sehr hoch sind. Aber es gibt da draußen auch eine andere Welt, Leute, die sehr gebildet sind und sich sehr für Kunstwerke interessieren, sie sich aber nicht leisten können. Und es gibt da draußen eine ganze Welt an Künstlern, deren Arbeiten bezahlbar sind, die man in einem Galeriesystem allerdings nicht wirklich zeigen kann, weil die Mieten zu hoch sind, und die Galerien es sich so nicht leisten können, diese Arbeiten zu präsentieren. Was ich also mit den flatfiles zu tun versuche - ich meine, jede Galerie hat ein flatfile-System; normalerweise dient es bloß als Lager für…

AfN: …für Grafiken oder Papierarbeiten oder ähnliches…

Joe: Ja, das stimmt, und das war eine erste Möglichkeit, um wirklich ein kuratiertes System zu haben, das flatfile-System. Man erlaubt den Leuten, hereinzukommen und die Schubladen zu öffnen, wo man dann viele verschiedene Künstler vorfindet. Es ist ein sehr eklektisches System; Künstler und Arbeiten sind nur in Kommission und nicht von der Galerie repräsentiert. Einige der Künstler schon, aber letztendlich geht es darum, dass Leute hereinkommen, sich Werke ansehen, und der Wert dieser Arbeiten kann von kostengünstig bis kostspielig variieren. Dahinter steckt der Gedanke, Leute zum Sammeln zu ermuntern, sie zum Betrachten von Werken einzuladen. Das vernachlässigt nicht die Idee, dass auch Sammler hereinkommen können, mit einer festen Vorstellung von dem, was sie tun, und dass sie dann neue Künstler entdecken können. Es ist wirklich eine Frage von Ressourcen. Als ich anfing, habe ich nicht gewusst, dass es einen so wichtigen Einfluss haben würde, aber es kommen inzwischen viele Leute, und es ist sehr aufregend für mich, Leute da zu haben, die zum ersten Mal ein Kunstwerk kaufen. Wenn man ein Kunstwerk für 5000 Euro oder mehr kauft, dann denkt man immer an ein Investment, und wenn man diese Werkverfügbarkeit hat, kauft man es, weil man es wirklich liebt. Das heißt nicht, dass man nicht ins Atelier des Künstlers gehen kann oder zu der Galerie des Künstlers, wie man auch durch die files gehen und Dinge kaufen kann, die wertvoller sind. Aber es ist eine Möglichkeit, in die Welt eingeführt zu werden.

AfN: Sie haben einen dieser Container hier, und allein diesen Container auf einer Kunstmesse zu sehen ist - zumindest für mich, weil ich so etwas zum ersten Mal unter diesen Bedingungen sehe - wie ein Kunstwerk an sich.

Joe: Es wird eine Skulptur, ja, und es ist eine interaktive Skulptur. Es ist eine Möglichkeit für Sammler, wieder einbezogen zu werden, und für Künstler, anderen Künstlern behilflich zu sein, die ähnliche Arbeiten machen. Es ist eine Skulptur, es ist interaktiv, es ist ein Vehikel, um in diese Welt einzureisen, die einem vielleicht noch nicht vertraut ist.

AfN: Pierogi war die Galerie von Mark Lombardi, einem der politischsten Künstler, den ich mir vorstellen kann. Ist die Gegenwartskunst - Ihrer Meinung nach - ein Papiertiger, eine Tiger ohne Zähne? Gezähmt?

Joe: Ich glaube nicht, nein. Vieles davon sind schon Nichtigkeiten, die den Markt versorgen. Meint man aber die zeitgenössische Arbeit mit den zeitgenössischen Ideen - interessanten, ernsthaften Ideen wie Mark Lombardi oder andere sie hatten - dann lebt sie in der zeitgenössischen Welt, und das ist entscheidend und sehr wichtig.

AfN: Und Sie meinen, das sei noch da; es geschehe noch.

Joe: Es ist zweifellos da. Das, was ich erschreckend finde, vor allem in New York und in den Staaten, ist die Tatsache, dass es viele Künstler gibt, die ihre Schule beendet haben und mit ihrem Studentendarlehen verschuldet sind, dann diese Artikel über andere Künstler lesen, die Unmengen an Geld gemacht haben, und hinterher glauben, dasselbe machen zu können. Sie haben dann diese Strategien, um sich ihr Geld zu verdienen, und das ist oft sehr hinderlich. […] Die Kunstwelt wird sehr zweckdienlich und damit auch gewissermaßen faul, und ich meine, dass die besseren Werke immer noch aussortiert werden müssen. Kunstmessen neigen zu einer bestimmten Ästhetik, die praktisch ist zum Einpacken, Verschiffen und An-die-Wand-hängen. Es gibt viele Arbeiten, die sehr nuanciert sind, die aber auf Messen verloren gehen, ähnlich wie auch Performance-Werke und Installationen. Das heißt nicht, dass es schlecht ist, etwas an die Wand zu hängen; es gibt einige wunderschöne Gemälde, schöne Zeichnungen, schöne Dinge, aber alles in allem herrscht eine Verkaufsästhetik vor. Es ist alles Vermarktung, und global gesehen, denke ich, ist das schlecht für die Kunst.

AfN: Lieber Joe, vielen Dank für das Gespräch.
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