Language and login selector start
Language and login selector end

Art Forum Berlin - Interview mit Wilhelm Schürmann


Wilhelm Schürmann

Dies ist ein Artfacts.Net Interview mit Wilhelm Schürmann. Wilhelm Schürmann ist Professor für Fotografie und Freie Fotografie am Fachbereich Design, der Fachhochschule Aachen. Er ist bekannt als Sammler, Künstler und Ausstellungsmacher und seit neuestem wieder mit eigenem Space in Berlin (Schürmann Berlin). Wilhelm Schürmann ist auch Mitglied der Freunde des Art Forums Berlin.

AfN: Guten Tag Herr Schürmann.

Wie definieren Sie sich in der Kunstwelt. Gibt es noch diese klare Unterscheidung, Galerist, Sammler, Kurator, Künstler, Auktionator?

Schürmann: Ich verstehe mich als Privatsammler, als Privatgelehrter in Sachen Kunst, und in welche berufliche Aktivität ich da hineindefiniert werde, ist ziemlich zweitrangig. Wichtig ist die persönliche Kennerschaft, und das kann man ja nicht nur im Einkaufen, im Besitzen von Kunst erreichen, sondern eben auch in dem Nachdenken darüber, wie man die Dinge wieder zum Strahlen bringt, jenseits ihrer Materialität. Kunst, die im Lager steht oder zuhause bleibt, eröffnet keine Zusammenhänge zwischen Werk und öffentlicher Betrachtung.
Private Bildvorstellungen im ungeschützten öffentlichen Raum sind der Hintergrund, vor dem ich mich als Sammler, als Person, die mit Kunst umgeht, privat und beruflich, bewege.

AfN: Aber diese Unterscheidung der Rolle in der Kunstwelt verschwimmt zunehmend?

Schürmann: Die hat für mich noch nie eine Rolle gespielt. Schon vor 20 Jahren wurde mir häufig vorgehalten, ich müsse mich entscheiden, was ich eigentlich sei, aber warum kann ich denn nicht viele Tätigkeiten verkörpern". Es dreht sich ja immer wieder um dieselbe, diese eine Sache - den Umgang mit Kunst, den Umgang mit Bildern, den Umgang mit Objekten, und vor allen Dingen den Fragestellungen danach, was Kunst eigentlich ist: Was ist das da, was ich anschaue? Was soll das? Wie kriege ich das ins Verhältnis zum Betrachter positioniert? Egal, ob ich selbst der Betrachter bin oder eben Besucher, Kollege oder wer auch immer.



© Thomas Mohren
Martin Kippenberger
Die Mutter von Josef Beuys,
Öl auf Lwd.,1984
160 x130 cm

AfN: Sie sind ja sehr beschäftigt und nehmen sich trotzdem Zeit für Berlin, warum?

Schürmann: Ganz simpel, weil Berlin die aufregendste Stadt in Deutschland ist. In einer urbanen Metropole zu sein, die die eigene Sprache spricht, das ist wirklich ein glücklicher Umstand, weil man die gesamte Identität, die einen umgibt, sozusagen in den Genen hat. Und das fühlt sich anders an, als wenn ich im Ausland in einer vergleichbar großen Metropole wäre. Berlin ist unglaublich vital, angenehm undeutsch geworden, vielleicht die internationalste Stadt im Augenblick im Lande und permanent im Aufbruch. Berlin hat die kritische Masse an interessierten Personen, um auch Spezialprogrammen ein Publikum zu bieten.

AfN: Sie sind Mitglied bei den Freunden des Art Forums Berlin. Was sind die Ziele dieses Vereins?

Schürmann: Die Ziele des Vereins sind die Wahrnehmung der Messe zu stärken, das Selbstwertgefühl eines deutschen Messestandortes als Handelsplatz für Bildende Kunst - hauptsächlich Kunst der Gegenwart - zu stärken und dafür Personen zu finden, die sich damit identifizieren, auch öffentlich. Wir haben ja immer noch mehrere Standorte, aber ich glaube, mittel- und langfristig ist die Hauptstadt einfach unschlagbar. Es wurde jahrelang über den Wettbewerb Köln-Berlin gesprochen. Ich glaube, das wird sich erledigen. Köln war lange Jahre sozusagen das Kulturwohnzimmer der provisorischen Hauptstadt Bonn, als Nachbarstadt, und es ist ja klar, dass nach der Wende, Berlin als Hauptstadt zwangsläufig auch kulturell attraktiver geworden ist, mit den Schätzen, die in den dortigen Museen anzutreffen sind - das ist einfach Weltklasse. Das ist die einzige Stadt, die das in dieser Breite zu bieten hat. Insofern ist es nur natürlich, wenn ein Messeplatz für Kunst auch in Berlin anzutreffen ist. Der einzige Nachholbedarf, den es noch im Verhältnis zu Köln geben könnte, wäre ein grösseres Gewicht bei der klassischen Moderne. Berlin setzt bewußt auf die Gegenwartskunst. Ich glaube, die Freunde können da den handelnden Personen den Rücken stärken. Vielleicht gelingt es ja auch in Deutschland, nicht gegeneinander, sondern miteinander zu wirken.

AfN: Das Art Forum war ja mal als kreative Berliner Antwort auf die damals
marktbeherrschende Stellung der Art Cologne gedacht. Das Art Forum ist nun selber ein wichtiger Player im Weltkonzert der Messen geworden. Was wird Ihrer Meinung nach mit den kleineren Messen passieren, die sich um die Platzhirsche herum versammeln.
Wird denen bald die Luft ausgehen, wie es Amanda Sharp uns gegenüber mal
formulierte?

Schürmann: Das ist ja das Schöne - das wird sozusagen der Markt entscheiden. Es kann sein, dass es da viele kleine Nischen gibt, aber das Überangebot an Messen ist jetzt so vielfältig geworden, dass die Galerien, die zu vielen Messen gehen, sich überlegen werden, wo sie ihre Hauptwerke zeigen wollen. Kunst auf Spitzenniveau ist rar, und wenn sie überhaupt auf Messen gezeigt wird, dann stellt sich die Frage, wo. Es wird zu einer natürlichen Auslese kommen. Durchschnittsware will ja eigentlich keiner. Es wird also über die Qualität entschieden werden; ich weiß nicht, in welchen Zeiträumen - aber ich glaube, auch da wird Berlin über eine längere Zeit eine Riesenchance haben, weil die internationalen Besucher einfach gerne nach Berlin kommen. Kein Messestandort sollte meinen, die Besucher kämen wegen einer Kunstmesse allein, sondern das Gesamtangebot der Stadt der Region muss attraktiv sein. Die Kunst, der Ort, die Menschen, erzeugen die Neugierde. Wenn die Leute in die Schweiz fahren, dann fahren sie nicht nur nach Basel und danach wieder nach Hause, sondern sie verbinden damit eine Tour nach Südeuropa, in die Schweiz hinein und was auch immer zusätzlich noch interessant sein könnte.

AfN: Sie haben in einem Interview zum Thema Kunstmessen gesagt, dass Sie diese aktuelle weltumspannende Dauermesse als medial völlig überbewertet empfinden.

Schürmann: Ja, das sehe ich auch weiterhin so. Man soll nicht denken, dass die wesentlichen Kunstangebote nur noch auf Messen anzutreffen sind. Die Verweildauer der Besucher auf einer Messe ist begrenzt, und komplizierte, komplexe oder schwierige Kunst kann man nicht als Flaneur im Vorüberschlendern erfahren, also wird es weiterhin die Notwendigkeit geben komplexere Werke - ohne sofortige Wiedererkennbarkeit - , in Galerien über Dauer betrachten, erfahren, durchdringen zu können. Ein Sammler integriert ein Werk in sein Leben, es wird Teil seines Alltags. Das sind Zeitprozesse, das kann dauern. Als Sammler stellt sich mir die Frage, ob eine Arbeit in fünf, sieben oder in zehn Jahren noch dieselbe Intensität zu bieten haben wird. Das kann ich nicht im Vorbeischlendern, mal eben, entscheiden. Das wird eine Messe niemals bieten können. Eine Messe ist - unabhängig davon, ob nun Kunst- oder andere Messen - immer auch ein Klassentreffen, Treffpunkt für sehr viele Leute in kürzester Zeit. Ein Marktplatz eben. Das Angebot bietet Vergleichsmöglichkeiten auf engstem Platz; Man in kurzer Zeit eigene Kriterien entwickeln. Jeder hat vergleichbare Möglichkeiten sich vorzuinformieren. Über die Netzwerke kann jeder zum Insider werden.
Eine gute Kunstmesse ist außerdem in der Lage in einer Woche Besucherzahlen zu generieren, die sonst nur grosse Institutionen zu bieten haben. Sehr gute Galerien nehmen bestimmte Messen so ernst als würden sie wichtige Einzelausstellungen bestücken. Für eine Woche. Sie halten besondere Werke für solch einen Messeauftritt zurück. Solche Besucherzahlen hätten Sie niemals in ihren Galerien. Jeder sieht das. Aber wie gesagt, die wahre Ware wird rar.



© Sammlung Schürmann
Heimo Zobernig
ohne Titel, 2000
Acryl auf Lwd
123 x118 cm

AfN: Interessant fand ich auch, dass Sie zum Thema Qualität in der Kunst bzw. auf Kunstmessen folgendes gesagt haben: "Kunst war immer relativ selten. Und das ist sie heute noch. Wir müssen uns davon verabschieden, dass wir allem, was uns als Kunst vorgesetzt wird, auch gerecht werden müssen. Das ist doch in der Musik genauso: Ich kann nicht jeden Tag über Boygroups jammern…"

Schürmann: …Ich kann doch nicht darüber jammern, daß nicht alles, wo die Bezeichnung "Kunst" draufsteht, meinen persönlichen Erwartungshaltungen entspricht. Ich hör mir auch nicht die Musik von 12-jährigen an. Heute die Musik anzutreffen die mir gefällt, ist auch ungleich schwieriger geworden, wenn ich ein Radio anschalte; also muss ich mir die über CDs oder andere Tonträger oder aus dem Netz besorgen. Aber es gibt sie. Das Gleiche gilt für die Kunst. Ich muss nicht alles, was unter dem gleichen Deckmäntelchen segelt, auch als relevant ansehen. Eines ist allerding schwieriger geworden, man kann heute keinen eindeutigen Stil, keine Ismen mehr erkennen. Trends sind schnell verbraucht. Heute muß ich langfristig eigene Vorstellungen und Wünsche entwickeln, und wenn ich denen folge kann ich natürlich unglaublich interessante Sachen finden.

AfN: Meinen Sie, dass es mittlerweile Parallelen zwischen Kunst- und Musikbusiness gibt?

Schürmann: Ich sehe augenblicklich parallele Entwicklungen nur im Messebereich. Besucher gehen gerne da hin, wo es Wiedererkennbarkeiten gibt. Ich erkenne was ich kenne. Da wäre sozusagen die visuelle Berieselung, wie Musik eben auch Geräuschkulisse sein kann. Aber das was Beides voneinander trennt, ist die Vermarktbarkeit. Besucherzahlen entsprechen Einschaltquoten. Jeder Messebesucher ist auch Kunde meist als Zuschauer, selten als Käufer.
Musik können sie massenhaft kaufen. Sie ist unendlich reproduzierbar; Kunst jenseits der Multiples bleibt weiterhin rar, kein Massenmarkt. Deshalb die steigenden Preise. Das ist also eine völlig andere Situation. Parallelen gibt es vielleicht beim Fernsehen, aber dort kommt Kunst nicht vor. Ich glaube der heutige Erfolg von Kunst hat neben dem Glamourfaktor oder den Marktrekorden auch etwas mit dem Bedürfnis nach etwas Bleibendem, mit Nachhaltigkeit zu tun. Vorbeiflimmerdendes optisches oder akustisches Rauschen hat den Bedarf nach Beständigem verstärkt.

AfN: Die Direktorin der Armory Show, Katelijne De Backer, hat früher MTV Shows moderiert. Sie ist eine sehr attraktive und professionelle Managerin. Glauben Sie, dass die verschrobenen Individualisten der Kunstszene gegen aalglatte Manager ausgewechselt werden?

Schürmann: Das hätte man wohl gerne: austauschbare Vorhersagbarkeit. Ist die Armory die erfolgreichste Messe geworden? Oder war das die Basel Art Fair mit dem charismatischen Samuel Keller? Das persönliche Charisma ist entscheidend und nicht die glatte Professionalität. Kunst ist auch unverwechselbar, weil sie machtlos ist, weil sie immer schon wieder woanders ist, weil sie nicht berechenbar ist, weil sie permanent Haken schlägt. Kunst ist eine permanente, nicht vorhersehbare Erneuerungsmaschinerie, mit der werden aalglatte Managerprofis weiterhin Probleme haben, und das ist das Sympathische daran.

AfN: Ihrer Meinung nach, wird Kunst von hervorragenden Künstlern gezielt für die Märkte produziert. Gibt es in der Kunst neben dem Künstler auch Producer vergleichbar mit Frank Farian, der wie bei Milli Vanilli eine Band medial inszenierte, die in Wirklichkeit gar nicht singen sondern nur tanzen und gut aussehen konnte?

Schürmann: Das ist eine gute Beobachtung. Ich glaube, das gibt es schon längst, dass professionelle Galeristen meinen zu wissen, was der Markt, ihr Markt, will, und ihre Künstler nicht nur darauf einstimmen, sondern auch deren Werke auswählen, oder programmiern. Nach dem Motto, das da kann ich verkaufen, jenes dort kannst du ins Lager stellen, der Markt ist noch nicht soweit oder Dein image braucht was anderes…

AfN: Was sind für Sie derzeit die interessantesten Orte in Bezug auf die Kunst?

Schürmann: Die interessantesten Orte sind diejenigen, wo die, die mit Kunst zu tun haben, in aller Ruhe ihr Ding machen können, ohne permanentes, täglich aufflackerndes Fieber. Ich merke, dass einige der für mich interessantesten Kunstwerke immer wieder in oder an Nebenschauplätzen entstehen. In der vernetzten Welt braucht man heute nicht mehr im Oberzentrum zu wirken und zu wohnen. Vielleicht ist es von Nutzen, dass man in aller Ruhe etwas ausprobieren kann. Ich denke an Orte wie Glasgow im Verhältnis zu London. Ich denke an Akademien wie Karlsruhe im Verhältnis zu Düsseldorf. Ich denke an einen Ort wie Los Angeles im Verhältnis zum Marktplatz New York. Da war es lange so, dass die Community der produzierenden Künstler und auch der teilnehmenden Besucher, Sammler usw. in aller Ruhe mit viel Zeit miteinander sprechen und sich austauschen können und konnten. Das ist in Berlin momentan genauso. Immer wenn ich Besucher aus London treffe, können die es kaum fassen, dass diese Stadt, in der sie gerne sind so leer ist; aus London kommend ist das fast eine Oase der Ruhe; London ist immer unglaublich voll - egal wo , immer, überall. Berlin ist noch angenehm leer. Es wird auch noch ein Weilchen dauern, denn auch wenn man Platz für 7 oder 8 Millionen Menschen hat, müssten diese auch erst mal Arbeit am Ort finden.

AfN: Ist Asien auch ein Ziel?

Schürmann: Kann ich nicht mitreden. Keine Ahnung. War ich noch nicht und habe ich auch nicht vor, mich da als Sammler umzutun, käme mir vor wie ein Kolonialsammler. Ich kenne den kulturellen Hintergrund nicht, ich kenne die Denkweise nicht. Für mich ist eine Sammlung dann am glaubwürdigsten, wenn sie gelebtes Leben verkörpert. Ich vermisse nichts, also kann ich Asien auch nicht verpassen. Ich will erst mal Europa begreifen. Nach meiner kulturellen Sozialisation mit amerikanischen Bildern, entdecke ich seit Jahren verstärkt die Reichhaltigkeit, die Vielfältigkeit und die Unterscheidbarkeit der kultureller Angebote in Europa neu, und ich glaube, das wird mittel- und langfristig ein Alleinstellungsanspruch von Berlin sein können, hier, in der Verschiedenartigkeit der unterschiedlichsten Ansatzpunkte von Kulturnationen, die über Jahrhunderte auf Höchstniveau was zu bieten hatten, die Dinge zu versammeln.
Dazu gehören Sprachen, Denkweisen, Traditionen usw. Wie soll ein Durchschnittstourist die Kunst aus Europa in ihrer Reichhaltigkeit erfahren können, wenn er die Sprache nicht kennt. What you see is what you get reicht da nicht mehr.
So einfach funktioniert auch häufig der Kunstmarkt. Die Preise explodieren dort am schnellsten, wo dekorative Bedürfnisse bedient werden. Die Kunst, wie ich sie meine, mischt sich in mein Leben ein und nicht nur in meine Wohnzimmerskyline.
Aber ich glaube das ist eigentlich unbedeutend, wir müssen uns darauf einrichten, dass es im Kunstbetrieb mittlerweile unendlich viele Realitäten gleichzeitig nebeneinander gibt. Man kann nicht von der Kunstszene, dem Kunstbetrieb, dem Kunstmarkt sprechen. Es gibt viele Betriebe und Märkte nebeneinander.

AfN: Herr Prof. Schürmann, vielen Dank für das Gespräch.


Interview: Marek Claassen
  • ArtFacts.Net - Ihr erfahrener Kunst-Dienstleister

    Seit dem Start in 2001 hat ArtFacts.Net™ in Zusammenarbeit mit internationalen Kunstmessen, Galerien, Museen und Künstlern eine anspruchsvolle Künstlerdatenbank entwickelt.