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Artissima - Interview mit Andrea Bellini


Andrea Bellini und Morgana Masu (Artfacts.Net)



Andrea Bellini ist der neue Direktor der Artissima. Er lebt und arbeitet in New York, als Redakteur für das Magazin Flash Art International.

AfN: Guten Abend, Herr Bellini. Wie entstand Ihr erster Kontakt zur Kunst?

Andrea Bellini: Ich war schon in Oberschulzeiten ganz angetan von moderner und zeitgenössischer Kunst. Später habe ich dann Philosophie, insbesondere Ästhetik, studiert und mehrere Prüfungen in Kunstgeschichte abgelegt. Danach habe ich mich an der Archäologie- und Kunstgeschichte-Fakultät der Universität von Siena auf zeitgenössische Kunst spezialisiert.
Aber das Anfangsinteresse wurde wohl von Frigidaire, einem besonderen Avantgarde-Magazin in den frühen 80er Jahren, geweckt.

AfN: Ja, ich erinnere mich. Mein Onkel hat die Ausgaben gesammelt... Es war wirklich klasse…

Andrea Bellini: Ja, das finde ich auch. Mein älterer Bruder ließ die Frigidaire-Ausgaben immer zuhause liegen, und das war dann wahrscheinlich der Moment, da meine Leidenschaft entstand. Ich liebte die Andrea Pazienza Zeichnungen.

AfN: Sie sagten, Sie wollten die Arbeit Ihres Vorgängers, des ehemaligen Direktors, fortsetzen. Inwiefern können wir dann einen Unterschied erwarten?

Andrea Bellini: Naja, so habe ich das nicht gemeint. Ich möchte die Aufmerksamkeit für junge Künstler und Galerien aufrechterhalten. Dieses Jahr ist ein Jahr der Veränderung; ich denke, die Unterschiede sind ziemlich offensichtlich. Ich habe die Anzahl der Galerien von 172 auf 131 reduziert. Die Qualität der Messe hat sich verbessert. Wir haben zwei Sektionen: Gegenwart, Zukunft und Konstellationen, die auf Ausstellungen kuratiert werden. Des Weiteren habe ich versucht, die Messewände in den kreativen Ausstellungsprozess mit einzubeziehen.
Aber die Hauptidee bestand darin, eine große Plattform für zeitgenössische Kunst zu erfinden, eine Messe, die sich jedes Jahr als eine andere und neue Veranstaltung präsentieren kann. Die nächste Ausgabe wird auch wieder anders sein. Es ist wirklich wichtig, sich zu verändern. Jede Kunstmesse muss sich stets erneuern, neu erfinden, um sich entwickeln zu können. Ansonsten langweilt sich das Publikum…

AfN: Ist dieser Aspekt des ständigen Wechsels auch eine Notwendigkeit im Wettkampf mit anderen Messen?

Andrea Bellini: Nein, das glaube ich nicht. Mit jeder neuen Messe gibt es auch eine neue Gruppe von Sammlern. Das ist zurzeit ein guter Moment für den Kunstmarkt. Ich glaube nicht an einen echten Wettkampf zwischen den Messen. Das ist eine Vorstellung, die den Journalisten gefällt, aber Messen müssen sich einfach ständig weiterentwickeln, weil Kunstmessen, Ausstellungen, Biennalen etc wirklich einen sehr starken Anreiz für das Kunstpublikum, für Sammler schaffen…

AfN: Ja, aber es ist auch unbestreitbar so, dass Kunstmessen sich eine bestimmte Identität, ein besonderes Profil erschaffen müssen…

Andrea Bellini: Ja, das stimmt. Wir wollen eine bestimmte Identität erschaffen, wir wollen eine Messe auf nationalem und internationalem Niveau präsentieren - als einen Ort der Recherche, als eine Plattform für die zeitgenössische Kunstwelt.

AfN: Jeder Messedirektor betont die Qualität seiner Messe. Haben Sie eine persönliche Vorstellung oder Definition dessen, was Qualität im Bereich "Kunst" bedeutet?

Andrea Bellini: Glücklicherweise gibt es so etwas wie eine persönliche Vorstellung von Qualität nicht. Das Kunstsystem entscheidet objektiv und legt damit die Werte fest. Selbstverständlich wünscht sich jeder Direktor Qualität auf seiner Messe, aber es ist nun mal einfach so, dass einige Galerien gut sind und andere schlecht. Das Kunstsystem etabliert und definiert die Werte. In diesem Jahr ist es wirklich eine qualitativ sehr hochwertige Messe: Die Galerien verkaufen viel; die Sammler haben die Nachricht verstanden und unterstützt. Es hat sich ergeben, dass Galerien zum ersten Mal auf der Artissima richtig viel verkaufen, und das freut mich wirklich sehr, weil sie dann im nächsten Jahr höchstwahrscheinlich wiederkommen werden. Aber im nächsten Jahr wird eine neue Veränderung stattfinden: Wir werden die Anzahl der teilnehmenden Galerien dann von 130 auf 110 reduzieren. Zwanzig Galerien werden ausgeschlossen; nur 110 Galerien werden an der nächsten Ausgabe teilnehmen, sehr hochwertige Galerien - nach der Kriterien der Kunstsystems und nicht nach meinen persönlichen Qualitätsvorstellungen.

AfN: Sie leben und arbeiten als Kritiker in New York, und Sie haben mehrere Galerien aus den USA mitgebracht. Haben Sie auch amerikanische Sammler mitgebracht?

Andrea Bellini: Dafür ist es noch zu früh. Wir können amerikanische Sammler nicht herholen, nur weil der Direktor gut und hübsch ist. Erst wenn wir ein erstklassiges Produkt anbieten, werden wir dazu in der Lage sein, wichtige Sammler davon zu überzeugen, hierhin zu kommen.

AfN: Was halten Sie von italienischen Galerien? Stimmt es, dass sie weniger bekannt sind und weniger Interesse daran zeigen, jenseits der nationalen Grenzen bekannt zu werden? Einige sprechen sogar von Ostrazismus…

Andrea Bellini: Aber nein, das stimmt überhaupt nicht. Diese Verschwörungstheorien gegen italienische Galerien sind vollkommen absurd. Wir machen sogar zuviel im Vergleich zu dem, was unser Land in zeitgenössische Kunst investiert. Es gibt wichtige italienische Kunstexperten, internationale Kuratoren, bedeutende Künstler, die im Ausland sehr bekannt sind; wir haben exzellente Galerien, die eine wichtige Rolle im internationalen Kontext spielen. Natürlich ist das - im Ganzen betrachtet - ein kleiner Prozentsatz, aber das ist ja überall so…

AfN: Ist es richtig, dass italienische Sammler sich nicht an junge Kunst heran wagen?

Andrea Bellini: Das stimmt in gewisser Hinsicht. Wir haben eine starke Gruppe von hervorragenden italienischen Sammlern, die sich wirklich für zeitgenössische Kunst begeistern. Sie lieben ihre Künstler, und sie unterstützen sie. Es war z.B. eine Gruppe von Sammlern, die die Arte Povera und andere Künstler unterstützt haben. Aber heute ist es auch wichtig, dass es eine neue Generation von Sammlern gibt.
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Für mich war diese Messe ein Sprung ins Ungewisse. Ich kam im März an und fing mit der Arbeit also recht spät an. Das war meine erste Erfahrung als Direktor. Ich bin Kritiker und Kurator, ich arbeitete als Redakteur für Flash Art International, und ich hatte keinerlei Erfahrung als Manager. Ich wusste aber, dass ich ein interessantes Projekt zu planen hatte, dass ich an der Qualität arbeiten müsste, und dass verschiedene Aspekte in die richtige Position gebracht werden müssten - das war ein komplizierter Job. Doch ich liebe den Sprung ins Ungewisse. Das ist immer eine Gelegenheit, innerhalb einer kurzen Zeit sehr viel zu lernen. Es war genauso, als ich in New York ankam, ein echter Kampfkontext. Auf jeden Fall scheint alles gut zu laufen.

AfN: Ich weiß, dass Sam Keller Ihre Kandidatur unterstützt hat. Können wir eine Art Verbindung zur Art Basel erwarten?

Andrea Bellini: (lacht) Gestern habe ich mit einem der drei Art Basel Direktoren gesprochen und ihm einen Vorschlag gemacht: Ich gehe nach Basel, und sie kommen nach Turin… das war nur ein Scherz… Aber ich kann Ihnen bereits sagen, dass wichtige Leute, die für die Art Basel arbeiten, im nächsten Jahr für mich arbeiten werden.

AfN: Sie haben einen Vertrag über vier Jahre…

Andrea Bellini: Drei Jahre...

AfN: Was verspricht die Zukunft? Welche Projekte haben Sie vorgesehen?

Andrea Bellini: Das ist die Artissima! Die Zukunft wird schön sein: Die Qualität verbessert sich, zumindest unter meiner Leitung. Ich behaupte nicht, für immer dafür zuständig zu sein, aber doch über drei Jahre. Ich kann nicht genau sagen, wie die Zukunft aussehen wird. Ich möchte jedes Jahr eine neue Messe erschaffen; ich habe viele Ideen; wir planen die nächste Ausgabe, und meine Kollegen und ich diskutieren bereits über neue Projekte, einige interessante Ideen… Im nächsten Jahr wird die Artissima wieder eine hochwertige Messe sein, kleiner als diese, aber mit einer deutlichen Präsenz. Wir versuchen, die Konferenzen zu überarbeiten, die - wie ich finde - veraltet sind… Wir erschaffen etwas Neues für die verschiedenen Sektionen… Ich glaube, dass wird wirklich interessant werden…

AfN: In früheren Interviews sagten Sie, dass Sie den kulturellen Aspekt der Messe stärker betonen möchten, selbst wenn eine Messe im Grunde eine Verkaufsveranstaltung ist?

Andrea Bellini: Messen sind Verkaufsveranstaltungen und somit Kulturveranstaltungen auf hohem Niveau. Kunstmarkt ist Kultur.



Interview: Morgana Masu


Übersetzung: Armi Lee

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