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Arte Lisboa: Gespräch mit Baltazar Torres


Ein Kunstwerk von Baltazar Torres in Arte Lisboa

AfN: Lassen Sie uns über die Messe sprechen. Haben Sie sie sich schon angesehen? Wenn ja, wie finden Sie diese Ausgabe im Vergleich zu denen der vorigen Jahren?

Baltazar Torres: Das Niveau der Messe steigt. In diesem Jahr haben wir die von Isabel Carlos kuratierten Project Rooms, ein Element, das die Messe wirklich gestärkt hat. Zudem gibt es mittlerweile bessere Galerien. Insgesamt läuft es also besser.

AfN: Es hat den Anschein, dass die Leute allmählich genug haben von riesigen Messen mit 150 oder 200 teilnehmenden Galerien, und dass sie sich auf Messen wie dieser viel wohler fühlen.

Baltazar Torres: Ja. Hier, auf einer kleineren Messe, gibt es mehr Nähe zu den Besuchern. Diese haben hier mehr Zeit, um auszuwählen, Entscheidungen zu treffen und sich umzuschauen. Man geht nicht verloren; man braucht keinen Plan, um zu wissen, wo man sich gerade befindet. Alles liegt in der Nähe. Diese Messe bietet dem Besucher eine menschlichere Größenordnung und ist sicherlich eine gute Vorgabe.

AfN: Es sieht so aus, als ob die Menschen von dieser Messe noch nicht genug haben.

Baltazar Torres: Ja, sie schlendern einfach vorüber, ganz gelöst, ohne dabei angespannt oder müde zu wirken. Wissen Sie, die Leute müssen die Kunstwerke, für die sie sich interessieren mehrmals ansehen; sie müssen sich ihnen in aller Ruhe nähern können. Das erinnert mich an die letzte Art Cologne - Palma de Mallorca. Das war eine wirklich glamouröse Kunstmesse auf hohem Niveau, wo sich die Besucher die Kunstwerke ganz genau und wiederholt ansehen konnten, bevor sie sie kauften, ohne dass sie dabei von dem üblichen Chaos, das mit großen Messen einhergeht, eingenommen wurden.

AfN: Werden Sie auf der Messe repräsentiert?

Baltazar Torres: Ja, von der Galerie Mario Sequeira aus Braga.

AfN: Nun würde ich mit Ihnen gern über Ihre Arbeiten sprechen. Ein ständiges Merkmal Ihrer Werke ist es, die Beziehung zwischen Mensch und Natur aufzuzeigen und darauf hinzuweisen, wie unsere Eingriffe die Umwelt dramatisch schädigen. Wie fühlen Sie sich jetzt, da wir - besonders in den letzten Jahren - endlich realisiert haben, was wir unserem Planeten eigentlich angetan haben? Betrachten Sie sich selbst als eine Art Prophet, der uns bereits vorausgesagt hat, was sich inzwischen als furchtbare Realität erwiesen hat?

Baltazar Torres: In den späten 80er Jahren fing ich an, mich sehr für die Umwelt, in der ich lebe, für meine Welt zu interessieren. Ich habe mich dann darauf konzentriert, weil es diesbezüglich soviel zu sagen und zu tun gab - über die Sprache der Kunst. Heute ist die Situation viel schlimmer, und die Auswirkungen unserer Aggression gegen den Planeten sind viel deutlicher sichtbar, als ich es mir damals überhaupt hätte vorstellen können.


AfN: Nachdem die Arbeit der Menschen, die auf das Problem aufmerksam machten, in den letzten Jahren endlich anerkannt wurde - wie etwa in dem Fall Al Gore, könnte man sagen, dass Sie sich als ein "Al Gore der Kunst" betrachten, als jemand, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, das Problem mittels Kunst zu erklären? Glauben Sie, dass einem durch die Betrachtung Ihrer Werke das Problem bewusst wird?

Baltazar Torres: Ich glaube schon. Es geht darum, während der Betrachtung meiner Arbeiten einen besonderen Dialog herzustellen. Ich möchte eine subtile und ironische Nachricht vermitteln, stets mit der Absicht, dem/der Betrachter/in näher zu kommen und ihn/sie zum Nachdenken anzuregen. Ich denke, das ist mir mit dieser Ironie gelungen.

AfN: Ihre Arbeiten behandeln Themen wie Materialismus, Entfremdung, Umweltzerstörung, Mangel an Kommunikation etc. Sie ziehen es vor, diese auf eine symbolische, ironische, sogar komische Weise auszudrücken und nicht unbedingt auf eine buchstäbliche, sachliche Weise. Warum?

Baltazar Torres: Die Angelegenheit ist so ernst, dass ich subtile Medien verwenden muss, wenn ich weiterhin furchtlos darüber sprechen will. Werden wir mit einer solchen Tragödie konfrontiert, dann wenden wir uns für gewöhnlich wieder ab und stecken die Köpfe in den Sand. Ich setze diese Mechanismen der Ironie ein, sowie Symbole, bestimmte Maßstäbe, Materialien und den minutiösen Abschluss selbst und versuche auf diese Weise eine plastische Strategie zu entwickeln, die uns zum Nachdenken anregt, dazu, zwischen den Zeilen zu lesen.

AfN: Eine direkte, sachliche Sprache wirft weniger Fragen, weniger Interpretationsmöglichkeiten auf. Sie erklärt in erster Linie eine Idee…

Baltazar Torres: Ganz genau. Und man wird diese Idee wahrscheinlich wieder vergessen haben, sobald man um die nächste Straßenecke gebogen ist, weil es einen nicht dazu anregt, lange darüber nachzudenken.

AfN: Diese verstärkt aufkommenden Ideen des Materialismus, der Nicht-Kommunikation, der Entfremdung, der Psychose sind allesamt Konzepte der modernen Gesellschaft. Wie sehr bewegen Sie diese Themen? Versuchen Sie mit Ihrer Kunst, alle negativen Energien, die von diesen antisozialen Werten ausgesendet werden, zu kanalisieren?

Baltazar Torres: Ja, ich fühle mich natürlich betroffen. Wir, die Menschen um mich herum und ich selbst, leiden unter diesen dramatischen Veränderungen. Wir können sie jeden Tag fühlen. Wir wissen heutzutage z.B. nicht mehr, ob Sommer oder Winter ist, und das belastet uns körperlich und seelisch; war der Wechsel der Jahreszeiten doch stets ein Bezugspunkt für uns, als wir Kinder waren. Es ist schwierig geworden, Unterschiede zu erkennen, wo nun alles in ein Chaos vermischt wird. Und wie sieht es mit den Städten aus? In China müssen die Menschen Masken tragen, um atmen zu können; ein großer Prozentsatz der Bevölkerung leidet unter Atemwegserkrankungen; hinzu kommt noch das Problem der Landspekulation, die die Städte immer größer werden lässt, wie einen Schneeball. All das verursacht enorme seelische Störungen. Die Menschen schauen sich nicht einmal mehr an und sagen "hallo"; das ist doch schrecklich. Niemand kann innehalten und endlich damit anfangen, sich das, was mit uns geschieht, bewusst zu machen, darüber nachzudenken.

AfN: Weil wir keine Zeit haben...

Baltazar Torres: Ja, das ist das Problem! Wir müssen innehalten, um darüber nachdenken zu können. Andernfalls kommen wir nicht weiter.

AfN: Und obwohl der Mensch ein soziales Tier ist, ist alles, was wir heute noch wollen, allein zu sein.

Baltazar Torres: Ja. Und diese Einsamkeit, nach der wir uns sehnen, hängt mit der Leere zusammen, die von dem Überfluss an allem verursacht wird. Wir halten es nicht mehr aus.

AfN: Wenn aber Ihre Arbeiten in erster Linie eine pessimistische Vision unserer Welt aufzeigen, glauben Sie, dass darin überhaupt noch Platz für Hoffnung ist?

Baltazar Torres: Auf jeden Fall. Ich will, dass die Menschen sich anders verhalten; ich will eine Nachricht der Hoffnung vermitteln, indem ich aufzeige, wo unsere Fehler liegen, und dass es eine Möglichkeit gibt, diese zu korrigieren und unser Leben weiterzuleben. Wir sind dabei, innerhalb weniger Jahre, ein enormes Erbe, das über Jahrhunderte entstanden ist, zu zerstören. Wir sollten über diese Hinterlassenschaften nachdenken, die wir für zukünftige Generationen erhalten müssen.

AfN: Ihre Arbeitsbereiche sind vor allem die Bildhauerei und die Installationskunst. Haben Sie in letzter Zeit auch gemalt?

Baltazar Torres: Obwohl ich fast immer in den Bereichen arbeite, die Sie genannt haben, habe ich gleichzeitig auch immer gezeichnet; das ist der Ursprung all meiner Kreationen.

AfN: Sie waren Professor für Zeichnen an der Kunstfakultät der Universidade do Porto und an der Kunstschule der Universidade Católica Portuguesa. Ihre Studenten haben Ihnen im Atelier geholfen…

Baltazar Torres: Ja, aber ich musste die Universität verlassen, um meine Zeit der kreativen Arbeit widmen zu können. Reisen und Ausstellungen machten es mir unmöglich, beide Leidenschaften miteinander zu verbinden.

AfN: Die obsessive Liebe zum Detail in Ihren Arbeiten müsste den Schaffensprozess ja ungemein verlängern...

Baltazar Torres: Ja, es ist ein sehr langsamer Prozess; es ist aber auch ein Kommunikationsprozess. Das ist wie Unterrichten; es geht darum, viele verschiedene Konzepte zu vermitteln, allerdings mit mehr Freiheiten.

Baltazar Torres und Manuel P. Caballero (Artfacts.Net)

AfN: Ihre Frau María und Sie haben vor zwei Jahren eine Galerie in Porto eröffnet [MCO Arte Contemporánea]. Welche Idee steckt hinter diesem Projekt?

Baltazar Torres: Es war die Idee, junge Künstler zu fördern, deren erste Soloausstellungen für eine Galerie geeignet sind. Es geht darum, junge Kunst zu fördern. In jedem Monat finden acht Soloausstellungen gleichzeitig statt. Wir haben auch eine Unterkunft für eingeladene Künstler. Wir möchten zu dem Austausch der Sprachen zwischen verschiedenen Generationen und Nationalitäten in Porto beitragen. Mit der Teilnahme der MCO an der Arte Lisboa geben wir dem Ganzen ein wenig Abwechslung und Frechheit dazu. Beispiele wie der aufstrebende Künstler Antonio Melo, dessen Werk in diesem Jahr in unserem Project Room präsentiert wird und bereits einen großen Eindruck gemacht hat, spornen uns dazu an, so weiterzumachen.



Interview: Manuel P. Caballero

Übersetzung: Armi Lee
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