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St-Art Strasbourg 2007 Interview mit Olivier Billiard


Marek Claassen und Olivier Billiard

Dies ist ein Artfacts.Net Interview mit Olivier Billiard, dem directeur artistique der St'Art in Straßburg, Frankreich.

AfN: Bonjour Monsieur Billiard.

Olivier Billiard: Bonjour.

AfN: Wir sind zum ersten Mal auf der St'Art. Die Messe ist allerdings schon 12 Jahre alt. Können Sie uns erzählen, wie alles anfing, und was diese Messe so besonders macht?

Olivier Billiard: Ich glaube, diese Messe besitzt eine gewisse spécificité. Sie soll auch für ein älteres Publikum zugänglich sein, weil Kunst für alle da ist, und nicht nur für einige Intellektuelle. Zunächst einmal sind wir eine europäische Messe, weil 40% der Galerien aus dem - in erster Linie europäischen - Ausland kommen. Des Weiteren haben wir viele Galerien, die ursprünglich aus Frankreich sind. Das ist eine Besonderheit. Außerdem gibt es zwei weitere spécificités der St'Art: wir sind die einzige Kunstmesse, auf der Studio Glass zu sehen ist; und wir versuchen auch, einige sehr junge Künstler zu zeigen, deren Werke man zu erschwinglichen Preisen erwerben kann. Die Galerien können sie in dem Raum New Profile präsentieren…

Astrid Steinbeisser, "verpiss dich", Glas Art, beer bottles

AfN: Die Messe zeigt 100 Galerien, nicht nur aus Europa, sondern auch aus Korea und Japan, und hat etwa 30.000 Besucher. Wie definieren Sie Ihre Zukunft in Hinblick auf Galerienanzahl, Internationalität und Besucherzahl?

Olivier Billiard: Zurzeit haben wir 40% ausländische Galerien. Mein Ziel ist es, 50% zu erreichen. Die Messe muss gleichzeitig gesellig sein; wir werden niemals mehr als 100 Galerien haben. Niemals. Das ist das Maximum für mich. Ansonsten wäre sie zu groß; und mit mehr Galerien wären wir dazu gezwungen, einige Ausstellungen, die wir organisieren, zu verschieben. Ich bestehe aber auf Alternativen, auf gute Ausstellungen wie diejenigen, die wir dieses Jahr haben - Georges Rousse und die deutschen Expressionisten der Weimarer Republik.

AfN: Steigt die Besucherzahl noch oder ist es eine stabile Zahl?

Olivier Billiard: Es ist momentan eine stabile Zahl, zwischen 28.000 und 30.000 Besuchern. Die Straßburger Stadtgemeinde repräsentiert etwa eine Million Menschen, und die Pariser Messen zählen gerade mal 20.000 Besucher bei 10 Millionen Einwohnern. 30.000 für Straßburg ist also wirklich fantastisch. Das ist eine enorme Besucherzahl, und ich glaube nicht, dass es möglich ist, darüber hinaus zu gehen.

AfN: Abgesehen von der französischen Sprache, wird auf der Messe auch hier und da mal Deutsch gesprochen. Sogar das Museum Würth kündigt hier ein neues Museumsprojekt an. Was ist Ihr Hauptabsatzgebiet? Umfasst es zum Großteil Ortsansässige aus dem Elsass?

Olivier Billiard: Nein, unser Ziel besteht darin, das zu präsentieren, was in diesem Gebiet getan werden kann. Wir haben 15% ausländische Besucher, aus den Benelux-Ländern, aus der Schweiz, aus Deutschland, Italien… Das Europäische Parlament ist hier in Straßburg.

AfN: Es gibt also auch einige Besucher aus dem Europäischen Parlament?

Special show: German Expressionists

Olivier Billiard: Natürlich. Wir haben ein VIP-System: Jede Galerie kann jeweils zwei VIPs einladen, und wir bezahlen das Hotel.

AfN: Es gibt hier ziemlich viele Galerien, die mit Glasobjekten handeln. In einer Presseerklärung von Seiten der Messe hieß es: "L'engagement de St'Art en faveur de l'art du verre" [Das Engagement der St'Art für die Glaskunst]. Mir ist aufgefallen, dass die European Studio Glass Art Association hier in Straßburg ihren Sitz hat. Gibt es da eine Verbindung?

Olivier Billiard: Wir laden die ESGAA, den Verein der Glassammler, ein, weil sie schöne, sehr interessante Objekte präsentieren. Und es ist eine Gelegenheit für all jene, denen Studio Glass gefällt, zu kommen, sich alles anzuschauen und in den Galerien zu kaufen.

AfN: Aber war dieser Verein bereits Teil der Messegründung? War er immer schon dabei, seit 12 Jahren?

Olivier Billiard: Nein, sie sind jetzt seit 4 Jahren dabei.

AfN: Sie haben die Glaskunst also eingeführt.
Ich habe auf der Messe einige sehr interessante öffentliche Projekte bemerkt: Deutsche Kunst der 20er Jahre von der Société allemande de la république de Weimar, eine große Georges Rousse-Soloausstellung von der Galerie Lucien Schweitzer, eine schöne Ausstellung mit französischen und deutschen Künstlern von der Fondation Centre Culturel Franco-allemand aus Karlsruhe, die wunderbaren Glasobjekte von der European Studio Glass Art Association. Ist es üblich für die St'Art, diese öffentlichen Ausstellungen auf einer Handelsmesse zu zeigen oder machen Sie das zum ersten Mal?

Special show: George Rousse

Olivier Billiard: Jedes Jahr versuchen wir, dem Publikum neue Attraktionen zu bieten.

AfN: Und man kann diese Werke nicht kaufen; es ist so etwas wie eine Museumsausstellung auf einer Messe.

Olivier Billiard: Das ist richtig. Die Werke stehen nicht zum Verkauf. Wie bei einer Museumsausstellung.

AfN: Andere Messen präsentieren inzwischen so genannte kuratierte Räume, wo ein Kurator Kunstwerke von teilnehmenden Galerien in einer Gruppenshow zusammenstellt. Haben Sie vor, diesem Trend zu folgen?

Olivier Billiard: Nein, wir bleiben beim Publikum. Die Ausstellungen werden in erster Linie für das Publikum organisiert, so dass es, neben den Galerien, auch diese interessanten Shows besuchen kann.

AfN: In Ihrem Messejournal "Le journal des arts" haben Sie das folgende Zitat abgedruckt; es stammt von der Galerie Suty: "St-Art n'est pas Frieze ou Basel, mais juste une foire exigeante et non prétentieuse" [St-Art ist nicht Frieze oder Basel, sondern einfach eine anspruchsvolle und nicht-prätentiöse Messe] Was meinte Marie Christine Suty - Ihrer Meinung nach - damit?

Olivier Billiard: Ich stimme ihr da zu. Wir werden nie wie Basel sein. Basel ist Basel. St'Art ist St'Art. Jede Messe hat ihre Besonderheit, und ich werde nie versuchen, wie die anderen zu sein. Basel ist die einzige internationale Messe der Welt. Die anderen - Köln, Karlsruhe, Berlin - sind deutsche Messen, nicht internationale Messen. ARCO ist eine spanische Messe, FIAC ist eine französische Messe… Und ich will, dass diese Messe sich von der FIAC unterscheidet. FIAC versucht, sich als eine Avantgarde-Messe zu präsentieren. Wenn wir hier das Gleiche veranstalten würden, hätten wir keine Besucher.

AfN: Sie werden also niemals eine Off-Fair veranstalten. Es wird keine St'Art in Basel geben; Sie werden mit Ihrer Messe nicht nach Basel ziehen?

Olivier Billiard: Nein.

AfN: Haben die großen Akteure wie die FIAC in Paris, Art Basel oder Tefaf in Maastricht irgendeinen Einfluss auf das, was Sie hier tun?

Olivier Billiard: Nein, überhaupt nicht.

AfN: Wie definieren Sie Ihre Position im Vergleich zu anderen französischen Messen?

Olivier Billiard: In Paris gibt es drei oder vier Messen. Die FIAC gefällt mir sehr gut. Ich habe alle Ausgaben von mehr als 30 Jahren gesehen. Es ist eine sehr gute Messe. Art Paris ist ziemlich anders, weil sie nicht für Galeristen bestimmt ist, sondern für Händler. Es geht nur um den Handel. Sie präsentieren berühmte Künstler und verkaufen sie auf der Messe. Das ist alles. Keine Förderung neuer Künstler, nichts dergleichen. Nun gibt es auch die Drawings Fair, die recht interessant ist. Dann ist da noch die Paris Photo, eine sehr gute Messe. In Frankreich gibt es, neben den erwähnten Pariser Messen, auch die St'Art, sowie Nîmes und Grenoble. Diese zwei letztgenannten Messen sind ganz anders [als die St'Art], weil sie beide zur Hälfte Galerien und zur anderen Hälfte Künstler präsentieren. Das sind sehr sehr regionale Kunstmessen. Es gibt da einige Galerien aus der Region Nîmes bzw. aus der Region Grenoble.

AfN: Diese Messe in Straßburg ist also, neben den Parisern, die einzig große Messe?

Olivier Billiard: Genau. Und nächstes Jahr werden wir die Lille Kunstmesse eröffnen, zusammen mit der Lille Organisation.

AfN: Wann wird das passieren?

Boot Museum Würth

Olivier Billiard: Ende April.

AfN: Und Sie werden der directeur artistique sein?

Olivier Billiard: Richtig.

AfN: Ich habe auch bemerkt, dass die Stadt Straßburg sich für den Titel "Europäische Kulturhauptstadt" für das Jahr 2013 bewirbt. Werden Sie da enger mit der Stadt zusammenarbeiten?

Olivier Billiard: Ich hoffe, ja.

AfN: Wie sieht eigentlich Ihr Verhältnis zur Stadt aus? Straßburg ist ein beliebtes Reiseziel. Andere Messen wie die FIAC oder die Art Amsterdam arbeiten wirklich eng mit der jeweiligen Stadt zusammen.

Olivier Billiard: Wir arbeiten auch eng mit der Stadt zusammen. Sie haben einen Stand auf der Messe und präsentieren einige Illustratoren, die von der Schule für dekorative Künste in Straßburg kommen. Außerdem kaufen die Stadt und das Museum [Musée d'art moderne et contemporain] hier jedes Jahr einige Bilder.

AfN: Sind Sie auch mit dem französischen Verein für zeitgenössische Kunst verbunden?

Olivier Billiard: Nein.

AfN: Und mit den Museen?

Olivier Billiard: Nein. Das ist nicht üblich in Frankreich.

AfN: Das ist eine eigene Welt.

Olivier Billiard: Genau. Aber wir haben da eine Art Absprache unter Ehrenleuten.

AfN: Lieber Monsieur Billiard, vielen Dank für die Einladung und das Interview.

Olivier Billiard: Danke sehr.

www.st-art.com

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