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Interview mit Bernar Venet in seinem Studio in Paris


Bernar Venet, Marek Claassen

Dies ist ein www.artfacts.net Interview mit Bernar Venet. Bernar Venet ist weltweit bekannt und hochgeschätzt für seine großen Stahlskulpturen, insbesondere für die großen Bögen.

AfN: Hallo Herr Venet.

Bernar Venet: Hallo.

AfN: Herr Venet, ich freue mich sehr, Sie heute hier in Paris treffen zu dürfen. Ihre Wahlheimat ist New York. Paris war einst der Kunstmittelpunkt der Welt. Welchen Status nimmt Paris heute ein?

Bernar Venet: Heutzutage wird Paris nicht mehr für das [Kunst-]Zentrum der Welt gehalten, und es stimmt, dass New York wirklich eine große Szene hat. Allein in Manhattan gibt es so viele Galerien und so viele Künstler, die aus der ganzen Welt [nach New York] kommen - um Erfolg zu haben! Sagen wir es doch frei heraus. London ist ebenfalls ein großartiger Ort. New York nimmt nicht mehr allein den ersten Platz ein.

Doch wir sollten uns nicht zu stark auf die Fragestellung versteifen, welcher Ort nun der beste sei… Es gibt auch einige großartige Künstler, die in Paris leben. Es ist nur so, dass wir nicht die Unterstützung erhalten, die für die französische Kunstszene nötig wäre, um als großes Zentrum anerkannt zu werden. Wir erhalten - in erster Linie von den Sammlern - nicht genug Unterstützung.

AfN: Als Berliner kenne ich vor allem eines Ihrer Werke besonders gut: den großen Bogen. Seit 20 Jahren befindet sich auf einem öffentlichen Platz in Berlin ein recht beeindruckender Bogen, der sogenannte "Arc 124.5 Degree". Können Sie uns etwas über diese Arbeit erzählen? Wie und warum ist sie im Zentrum West-Berlins gelandet?

Bernar Venet: Es war eine Auftragsarbeit. Die französische Regierung hatte, anlässlich des 750. Stadtjubiläums, entschieden, der Stadt Berlin dieses Werk zu schenken. Ich sollte eine Skulptur machen.
Es ist eine Skulptur, die mir so gut gefiel, dass ich - ein Jahr später - eine ähnliche in Nizza produzierte. Im Jardin Albert 1er in Nizza gibt es ein Objekt, das so ziemlich genau die gleiche Form hat - es ist nur einen Meter kleiner. Es steht allerdings inmitten einer spektakulären Kulisse.

AfN: Mir persönlich gefallen Ihre großen unvollendeten Projekte besonders - wie etwa "Arc majeur de 185.4°", ein Projekt für die Autobahn A6 in Frankreich und die Lanze (Speer), die gegen den Arc de Triomphe lehnt, oder die freistehenden Lanzen in - ich glaube, es war Shanghai. Auf Bildern sieht es so aus, als seien sie in den Himmel gezeichnet. Wie wichtig ist Ihnen Größe in Ihren Arbeiten?

Bernar Venet: Die Größe ist eigentlich nicht besonders wichtig. Die Leute meinen, ich fände es aufregend, sehr große Skulpturen zu machen. Aber in Wahrheit ist es für mich spannender, kleine Skulpturen zu produzieren, die total radikal und ganz anders sind als alles, was ich aus der Geschichte der Bildhauerei, der Plastik kenne. Das ist ein wirklicher Genuss. Dazu kommt es manchmal, wenn ich in meinem Atelier bin. Die Anfertigung besonders großer Skulpturen für eine Stadt hat natürlich etwas von einer Unterschrift, mit der man diese Stadt versieht - und davon habe ich doch so ein paar in der ganzen Welt. Aber ich bin noch auf der Suche nach Herausforderungen wie etwa diese Skulptur an der Autobahn oder die Lanze am Arc de Triomphe. Daran arbeite ich übrigens zurzeit, weil Präsident Sarkozy sagte, dass er sich jedes Jahr zum 14. Juli eine besondere Veranstaltung, ein Ereignis wünscht. Das wird eine fabelhafte Sache sein.

AfN: Kann das denn innerhalb eines Jahres verwirklicht werden?

Bernar Venet: Oh ja, wenn er mir in einem Monat grünes Licht gibt, kann ich die Skulptur in zwei Monaten fertig stellen. Wir haben bereits alle Studien, alle Genehmigungen der architectes de France.

AfN: Ich habe neulich einen Ihrer Bögen gesehen, der in ein Gebäude in Neu-Ulm integriert wurde. Welche Bedeutung sehen Sie in der Verbindung von Gebäude und Skulptur? Ist es eine Ausweitung in die Architektur? Oder doch eher eine Art "Kunst am Bau"?

Bernar Venet: Im Grunde genommen war das eine echte Kreation, weil ich nie zuvor daran gedacht hatte, eine solche Skulptur anzufertigen. Ich dachte daran, Bögen gegen Gebäude zu lehnen. Ich arbeite übrigens zurzeit an einem Bogen, der 60 Meter hoch sein wird und in New York gegen das Gebäude lehnen wird, in dem ich wohne. Aber die [Skulptur] in Neu-Ulm ist etwa 37 Meter groß. Es war schon eine Herausforderung: Herr Schneider, der Besitzer des Gebäudes, kam zu mir, zeigte mir den Plan und sagte: "Herr Venet, würden Sie eine solche Skulptur anfertigen?" Und er zeigte mir eine Idee, die nicht realisierbar war. Ich sagte ihm also, dass das nicht möglich sei, schaute mir erneut den Plan an und machte ihm dann nach einer Weile einen anderen Vorschlag: "Schauen Sie, so werden wir es machen!" Der Bogen kommt - wie Sie wissen - [aus dem Inneren des unteren Gebäudeteils, wölbt sich an der Seite des Hauses und ragt oberhalb des Daches in den Himmel hinein]. Ich hatte noch nie zuvor über ein solches Projekt nachgedacht, und ich war sehr froh, es verwirklichen zu können. Als es dann installiert war, war ich überhaupt nicht enttäuscht, weil die Proportionen wirklich stimmig sind - was immer die große Herausforderung ist. Es ist sehr schwierig, die richtige Relation von Rechteckquerschnitt und Skulpturhöhe abzupassen. Das ist der Punkt, an dem sich Erfolg und Scheitern entscheiden können.

AfN: Ihre Bögen sind in der Regel eigenständige, freistehende Werke.
War dieses Haus schon vorher da?

Bernar Venet: Nein, es wurde erst neulich gebaut. Es ist ein neues Haus.
Während des Baus hatte man sich überlegt, etwas [Künstlerisches] hinzuzufügen. Darum konnten wir den Bogen sehr leicht integrieren.

AfN: Es ist ein Firmengebäude. Das Schema des Bogens ist zum Logo der Firma geworden. War das so beabsichtigt? Und wenn ja, wie stehen Sie zu der Verbindung von Design, Firmenimage und Kunst?

Bernar Venet: Nein, das war nicht beabsichtigt. Ich wusste nicht, dass sie es benutzen würden. Aber ich kann vollkommen verstehen, dass sie es benutzen wollten… Sie nennen das Gebäude "Venet-Haus".
Ich sagte "ja", weil ich immer zu allem "ja" sage. Es macht mir nichts aus, und wenn sie damit glücklich sind, bin ich es auch.

AfN: Außer den Bögen haben Sie auch alles andere gemacht: Installation, Performance, Klangkunst, Video, Licht, Design, Zeichnung, Druck, Malerei und diverse Skulpturen. Metall ist Ihr Lieblingsmaterial geworden. Wie wichtig ist der multidisziplinäre Ansatz der Arbeiten für Ihren künstlerischen Ausdruck?

Bernar Venet: Maquettes - Grafik; Fischerplatz Galerie Ulm, noch bis 19.01.08

Bernar Venet: Zunächst einmal möchte ich klarstellen, dass ich mich nicht ausschließlich als Bildhauer verstehe. Ich will ein Künstler sein, der die Möglichkeiten hat, sich in vielen verschiedenen Bereichen auszudrücken. Ich habe als Maler angefangen und auch sehr früh Performances gemacht. Ich nenne das ein Problem der équivalence. Es ist immer derselbe Inhalt, der nur auf verschiedene Weisen präsentiert wird. Als ich '61, '63 anfing, machte ich die schwarzen Teerbilder. Das sind monochrome Bilder mit schwarzem Teer. Dann stellte ich auch einen Haufen aus Kohle auf, der ebenfalls schwarz war und keinerlei Gestaltung oder Anordnung hatte. Er besaß keine bestimmte Form. Und damals dachte ich: Wenn ich mit einer Schubkarre herumliefe und zwei Stunden lang das entstehende Geräusch mit einem Tonbandgerät aufnähme, dann ergäbe das einen monotonen, sehr repetitiven Klang, der das Äquivalent dazu [Teerbilder, Kohlehaufen] wäre. Ich machte auch ein vollkommen schwarzes Buch… Ich habe mein Werk also immer nur auf verschiedene Weisen präsentiert, um das Konzept so weit wie möglich auszudehnen.

AfN: Und warum haben Sie angefangen, mit Metall zu arbeiten?

Bernar Venet: Das hat sich auf ganz natürliche Weise so ergeben. Wenn man sich meine Bücher ansieht, wird man feststellen, dass ich in den 60er Jahren ausschließlich mathematische Diagramme und wissenschaftliche Informationen untersucht habe. In mathematischen Diagrammen hat man oft Linien, die graphische Repräsentationen einer Gleichung darstellen. Man hat eine gerade Linie oder eine Kurve. Ich habe damals noch nicht direkt in diesen Begriffen [dem Konzept der Linie] darüber nachgedacht, aber als ich im Jahr 1976, nach einer 6-jährigen Pause, die Arbeit wieder aufnahm, fing ich mit ganz einfachen mathematischen Informationen an wie Winkeln, Bögen, diagonalen Linien… und so bemerkte ich schließlich, dass die Linie der Hauptgegenstand meiner Arbeit wurde. Es war ganz natürlich, dass ich darüber zur unbestimmten Linie gelangte, denn was sonst kann man - nach einer geraden Linie, einer gebrochenen Linie, einem Bogen - noch tun, was sonst als eine Variation? - Es bleibt nur die freie, unbestimmte Linie, etwas, das nicht mehr mathematisch ist. So habe ich dann damit begonnen, was mein Erforschungsgebiet um einiges ausgeweitet hat.
[...]

Ich habe mit der Leinwand angefangen, bis ich eines Tages bemerkte, dass ich nicht unbedingt die Leinwand benötigte, um einen Winkel herzustellen - ich konnte einen Winkel oder einen Bogen auch in Holz arbeiten, ihn direkt an die Wand bringen. Dann machte ich die unbestimmten Linien und begann damit, sie an der Wand zu präsentieren, wie übereinander verlaufende Spiralen. Und auf sehr natürliche Art und Weise fingen sie an, den Raum einzunehmen, und mit Stahl gelang es mir am besten, diese neuen Arbeiten zu erstellen.

AfN: Auf Ihrer Homepage (www.bernarvenet.com) haben Sie ein Video der 'accident'-Performance als Startanimation ausgewählt.
Welche Rolle spielt eigentlich der Klang in der ‚accident'-Performance?

Bernar Venet: Ich fing sehr früh an, mit einigen Stücken zu arbeiten. 1961 habe ich selbst ein paar produziert, '63 und '68 habe ich eine CD in Amerika gemacht usw. Der Klang war ebenso wichtig wie die visuelle Arbeit, wie alle anderen Disziplinen oder Medien. Es war also ganz natürlich, dass ich, als ich das ‚accident'-Stück aufnahm - wenn ich den Balken anstoße und er auf den Boden fällt -, nach einem, zwei, drei und vier Stücken hier und da, in Südamerika, Los Angeles, im Süden Frankreichs…, - dass mir bewusst wurde, dass all diese Variationen interessant, ja unberechenbar waren. Wie auch die Skulpturen unberechenbar waren. Das Ergebnis war nicht berechenbar, ich konnte den Klang, den ich erhalten würde, nicht voraussagen.

Übrigens fand ich Musik immer schon sehr interessant. An der Oper in Paris habe ich ein Ballett gemacht, wofür ich die Choreografie entwickelt habe. Auch das Bühnenbild und die Kostüme habe ich kreiert, sowie die Musik, die eine Woche lang von dem Nationalen Orchester gespielt wurde. Ich habe eine andere Methode entwickelt, um die Musik aufzuschreiben. Ich habe sichergestellt, dass es den Musikern möglich sein würde, das, was ich machen wollte [und was sie spielen sollten], auch zu lesen. Die klassische Schreibweise existiert erst seit den letzten fünf Jahrhunderten und nur in der abendländischen Kultur. In China oder Afrika oder Südamerika haben sie das nicht.

AfN: Und wie stehen Sie zur Farbe?

Bernar Venet: Farbe interessiert mich nicht so sehr. Im Allgemeinen zeichne ich recht gut; die Farbe hingegen ist nicht etwas, das ich besonders gut beherrsche.
In den frühen 60er Jahren habe ich meine Kartonbilder angefertigt. Wenn ich einen Karton in rot angemalt und ihn dann jemandem gegeben habe - ich sage nicht "verkauft", weil niemand meine Arbeiten gekauft hat - sagte ich dem neuen Besitzer, er könne die Farbe ändern. Eigentlich sollte er die Farbe sogar ändern, ohne mir die neue Farbe mitzuteilen. Ich wollte niemandem eine Farbe aufzwingen, um es mal anders auszudrücken. Und wenn ich heute Farbe verwende, benutze ich manchmal dieselbe Gleichung: mal blau, mal gelb - es spielt keine Rolle.

AfN: In einer anderen Diskussion sprachen wir von dem großen Bogen neben der Autobahn in Frankreich, und Sie erzählten mir, dass man diesen Bogen rot anmalen wollte, und dass Ihnen das nicht gefiel. Sie haben das Projekt daraufhin fallen gelassen.

Bernar Venet: Ich habe es fallen gelassen. Als das Projekt schon sehr weit fortgeschritten war, beschlossen sie, die Skulptur in Rot zu wollen. Ich sagte, dass das nicht möglich sei; dass ich das nicht tun könne. Ich wollte Stahl, vielleicht wäre auch Schwarz gegangen, aber sicherlich keine rote Farbe, noch dazu so leuchtend - unmöglich.

AfN: Die Farbe ist dem Material also in diesem Fall inhärent.

Bernar Venet: Richtig. Es muss die Farbe des Materials sein.

AfN: In Ihrem Werk nehmen Sie Bezug auf Jacques Bertin, der einer der Gurus der Informationsvisualisierung ist. Können Sie uns sagen, wie sich das mit Performance, unbestimmten Linien, Kohlehaufen und wohlkonstruierten mathematischen Bögen verträgt?

Bernar Venet: Seine Theorien waren insofern interessant für mich, als sie mir dabei geholfen haben, die Radikalität, die Originalität der Arbeiten der 60er Jahre, alle Stücke, die ich auf der Grundlage von wissenschaftlicher Information gemacht habe, zu rechtfertigen. [Die Theorien Bertins] beziehen sich also nur auf diesen Zeitraum, gar nicht auf die neuen Dinge. Die neuen Dinge hängen vollständig vom Zufall und von der Vorhersagbarkeit ab…

AfN: ...und von der Subjektivität?

Bernar Venet: Subjektivität ist etwas, das ich seit 1976 akzeptiere, aber davor habe ich noch versucht, sie zu bekämpfen. Natürlich musste ich dann feststellen, dass es nichts rein Objektives gibt; dass ich bereits eine subjektive Position einnehme, wenn ich mich dazu entschließe, objektiv zu sein.

AfN: Ihre ersten gedruckten Formeln waren monosemisch. Sie sprechen für sich selbst, sind eindeutig. Als Kunstwerke repräsentieren sie keine praktischen Richtlinien, erfüllen keinen Zweck.
Heute übermalen Sie viele Formeln und Farben. Kann das als eine Art barocke Übertreibung Ihres ehemaligen klaren und definitiven Stils verstanden werden?

Bernar Venet: Nein, das ist ein ganz anderes Projekt. Ja, ich verwende noch immer mathematische Informationen oder Diagramme, aber früher habe ich diese mathematischen Diagramme aus theoretischen Gründen ausgewählt. Dazu muss ich noch sagen, dass ich sie gar nicht selbst ausgewählt habe. Jemand anderes hat sie für mich ausgewählt, nach Kriterien, die sehr wichtig sein sollten. Heute wähle ich sie selbst aus und suche dabei nach Bildern, die ganz anders sind als alles, was ich aus der Geschichte der Malerei kenne. Und es gibt sehr viel Spannendes zu tun, wie etwa die Präsentation all dieser neuen Bilder. Ich habe damit angefangen, sie zu präsentieren - einfach so, wie sie sind, als ein neues Projekt, und es ist gerade mal vier Jahre her, dass ich mich dazu entschlossen habe, diese Saturation-Gemälde zu machen, wo sich Bilder gegenseitig überlappen.
Man redet über Abstraktion, und wir kennen die Geschichte der abstrakten Kunst sehr gut - interessanterweise sind mathematische Gleichungen ganz definitiv die abstraktesten Bilder, die es überhaupt zu sehen gibt. Das sind reine mathematische Formeln. Es gibt nichts Abstrakteres; es gibt nichts Unabhängigeres, Eigenständigeres. Es gibt keinen Symbolismus. Es gibt kein Verhältnis, keinen Bezug zu irgendetwas anderem. Das ist die maximale Abstraktion, die ein Bild erreichen kann.

AfN: Woran arbeiten Sie momentan?

Bernar Venet: Ich arbeite an mehreren Dingen gleichzeitig. Ich arbeite an der geraden Linie, ich arbeite an den Bögen, ich arbeite an unbestimmten Linien. Wenn ich eine neue Idee habe, dann gehe ich einfach in diese Richtung. Ich entwickle zurzeit aber vor allem die Bögen weiter; das mache ich wohl doch mehr als andere Dinge - mit Ausnahme der Arbeit an der unbestimmten Linie, die viel roher, viel improvisierter, weniger kontrolliert sind, als sie es früher waren. Aber mit den Bögen mache ich definitiv die Projekte, die sich am stärksten von meinen früheren Arbeiten unterscheiden.

AfN: Vor diesem Interview habe ich mich mit Ihnen ein wenig über die Markt- und die Messeentwicklung unterhalten. Sie sagten mir, dass Sie direkt von Sotheby's repräsentiert würden, und dass Sotheby's eine große Ausstellung für Sie organisiere. Können Sie uns etwas über die Ausstellung erzählen?

Bernar Venet: Das hat sich folgendermaßen ergeben: In den letzten vier Jahren hat Sotheby's Ausstellungen organisiert - sehr historische Ausstellungen, die sie "Prestige"-Ausstellungen nannten und auch "Private Sales" - die Werke wurden nicht auf Auktionen verkauft; und sie organisierten diese Ausstellungen mit Skulpturen von Rodin, Picasso, Calder, Max Ernst, Miró - von all diesen großen historischen Namen bis hin zu den heutigen Klassikern in Amerika.

Und im letzten Jahr haben sie mich darum gebeten, zwei Skulpturen zu präsentieren. Ich fühlte mich sehr geschmeichelt. Sie riefen mich eine Woche nach der Ausstellungseröffnung an und teilten mir mit, dass die zwei Objekte bereits an die zwei wohl größten Sammler in Deutschland und in Amerika verkauft seien. Und sie wollten wissen, ob ich noch andere Objekte hätte, da die Leute nachfragen würden, und ich sagte: "Nein, weil ich zurzeit eine große Retrospektive in Korea habe, eine Ausstellung in Bordeaux und eine in Metz - das sind insgesamt 25 Objekte." Es war nicht möglich, mehr Skulpturen nachzuliefern.

Dann wollten sie mit mir sprechen, und wir trafen uns Anfang März 2007. Während des gemeinsamen Mittagessens erzählten sie mir, dass ein Treffen mit allen Top-Leuten bei Sotheby's stattgefunden habe, und sie dabei beschlossen hätten, zum ersten Mal eine Solo-Ausstellung an dem Ort zu organisieren, an dem bisher die Gruppenausstellungen gezeigt wurden; und sie sagten, dass sie das gern mit mir machen würden. Ich fand die Idee gut, es ist eine abenteuerliche Geschichte meiner- und auch ihrerseits. Es ist nicht leicht, einen französischen Künstler in Amerika zu präsentieren und daraus auch noch ein Ereignis zu machen. Sie [Sotheby's] sind da aber ganz zuversichtlich.

AfN: Aber das Verhältnis zwischen Künstlern und Auktionshäusern ist nicht immer so unkompliziert: Auktionshäuser übernehmen die Werke, verkaufen sie wiederum an andere Leute, zu Gunsten eines Dritten…

Bernar Venet: Bei der Pace Gallery oder bei Gagosian wird auch alles zum Verkauf angeboten. Es gibt da keinen besonders großen Unterschied - nur in diesem Fall verfügen sie über eine extreme Macht in der Kunstwelt; sie kennen die größten Sammler, die womöglich eine Skulptur kaufen könnten. Ich habe auch über dieses Problem nachgedacht, das vielleicht einige Galeristen nervös machen wird, aber ich dachte mir auch, dass das allen anderen Galerien, mit der Förderung, in Zukunft helfen wird. Es wird sich sehr stark ausweiten.

AfN: Weil es Aufmerksamkeit schafft, und die Aufmerksamkeit schafft einen Markt.

Bernar Venet: Richtig. Aber der Markt ist dem Künstler nicht das Wichtigste. Der Markt ist nur etwas Sekundäres. Die wichtigste Aktivität des Künstlers besteht darin, Kunst zu produzieren. Es stimmt allerdings, dass die Kunstwelt heute so beschaffen ist, dass wir unsere Arbeiten verkaufen müssen. Ich sage immer, dass Kunst nicht verkauft, sondern denen gegeben, geschenkt werden sollte, die sie verdienen. Doch leider funktioniert es so nicht.

AfN: Aber in diesem Fall kommt der Prophet zu dem Volk, das es verdient. Das ist also ein Verhältnis, an dem gearbeitet werden könnte. Andere zeitgenössische Künstler könnten direkt mit Auktionshäusern kooperieren.

Bernar Venet: Sotheby's hat auch vor, im nächsten Jahr wieder eine Ausstellung zu machen - vielleicht mit einem Maler, vielleicht mit einem Bildhauer, ich weiß es nicht. Sie werden aber versuchen, das zu wiederholen - einmal im Jahr, wie eine Stellungnahme auf sehr hohem Niveau.

AfN: Wir freuen uns darauf. Wo genau findet diese Ausstellung statt?

Bernar Venet: Sie findet in Florida, in der Nähe von Orlando, statt, an einem Ort namens "Isleworth".

AfN: Herr Venet, vielen Dank für das Interview.

Bernar Venet: Es war mir ein Vergnügen.

www.bernarvenet.com

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