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London Art Fair: Interview mit Jonathan Burton


Marek Claassen, Jonathan Burton from London Art Fair

Dies ist ein www.artfacts.net Interview mit Jonathan Burton, dem Direktor der London Art Fair.

AfN: Hallo Jonathan. Ist dies die 20. Ausgabe der Messe?

Jonathan Burton: Ja, das ist sie. Wir sind eine der am besten etablierten Messen in Großbritannien, und wir wollten die Leute darauf aufmerksam machen, dass es uns schon seit 20 Jahren gibt, ohne dabei aber zu sehr in der Vergangenheit zu schwelgen. Wir haben also eine Bilanz gezogen und diese Gelegenheit genutzt, um auf die Ursprünge und Anfänge der Messe zurückzublicken, aber auch um bereits einen Ausblick darauf zu wagen, wo wir uns in Zukunft gern sehen würden. Ich habe es in dieser Woche bereits einmal gesagt: Bei Jubiläumsfeiern besteht immer die Gefahr einer furchtbaren, unnatürlichen Nostalgie. Wir wollen sicherlich nicht einfach nur in der Vergangenheit schwelgen; die Bilanz dessen, was vorher war, und der Ausblick auf das, was noch kommen wird, sind der Messeerfahrung als Ganzes in gewisser Hinsicht sehr ähnlich. Ich meine, die Messe zeigt moderne, britische Werke der letzten 100 Jahre, aber gleichzeitig haben wir hier auch das Neuste der zeitgenössischen Kunst ausgestellt, und diese Gelegenheit, innerhalb der Messeräume kunsthistorisch zurückzublicken, zu sehen, wie eine Künstlergeneration eine andere beeinflusst hat, die hier und jetzt arbeitet, ist sehr interessant.

AfN: Sind Sie mit dem bisherigen Erfolg der Messe zufrieden?

Jonathan Burton: Natürlich. Vor dem Hintergrund der Diskussion über die wirtschaftliche Blütezeit, und darüber, ob der Kunstmarkt wirtschaftlichen Stürmen standhalten kann, sind wir doch ziemlich optimistisch.

[...]

[Wir mussten uns überlegen] - und ich denke, dass das auch zu dem Zukunftsausblick der Messe gehört - , welche Sektionen wir weiterentwickeln wollen, und welche Änderungen wir vornehmen wollen. Photo50 findet jetzt zum zweiten Mal statt und hat wirklich die Vorstellungskraft der Leute gefesselt. Es ist eine sehr starke Sammlung der zeitgenössischen Fotografie mit Werken, nicht nur von britischen, sondern auch von ausländischen Künstlern und Galerien. [...] Es ist in erster Linie die Aufgabe der Kuratoren, mit den Künstlern und Galerien eine stimmige Ausstellung auf die Beine zu stellen und zu präsentieren - mit Werken, die dann auch allesamt zum Verkauf stehen. Ich glaube, dass es in diesem Jahr erfolgreich sein wird, weil die Werke, die die Leute auf der Messe kaufen können, sehr stark und einnehmend sind. Die Preise reichen von 150 £ bis 5000 £.

AfN: Gleich hier um die Ecke ist dieser sehr eigene Stuhl ausgestellt. Ich habe etwas Ähnliches auf der FIAC gesehen... Es gibt einige Kunstwerke, die man immer wieder auf den großen Messen der Welt sieht.

Jonathan Burton: Ja, ich denke, das trifft wohl auf Kunstmessen allgemein zu. Als Messeleitung ist man darum bemüht, etwas Einzigartiges zu präsentieren, aber es gibt natürlich immer gemeinsame Künstler…

AfN: Nein, diesen einen Stuhl habe ich vorher noch nicht gesehen...

Jonathan Burton: Wir arbeiten mit Greenwich Village UK zusammen, und sie versuchen interessanterweise Kunst und Design miteinander zu verbinden. [Der Stuhl] ist eines ihrer Objekte. Ich glaube nicht, dass das unbedingt ein Bereich ist, den wir auf der Messe sehr viel weiterentwickeln werden, aber er bereichert die Besuchererfahrung.

AfN: In der VIP-Lounge der diesjährigen London Art Fair habe ich eine Gilbert & George-Ausstellung mit einigen sehr schönen frühen Papierarbeiten gesehen. Die Ausstellung wurde von Bloomsbury Auctions organisiert. Eine derartige Präsenz eines Auktionshauses auf einer Kunstmesse hat mich doch sehr überrascht. Ich sehe das zum ersten Mal. Könnten Sie sich weitere, ähnliche Veranstaltungen auf Ihrer sowie auf anderen Messen vorstellen?

Jonathan Burton: Sicher. Das ist natürlich inzwischen eine fundamentale Frage geworden. Auf der Maastricht Messe kam das Thema zum ersten Mal auf und wurde als sehr kontrovers betrachtet, vor allem in Bezug auf den Konkurrenzkampf, der zwischen den Auktionshäusern und den Galerien beobachtet wird. Plötzlich wird uns das bewusst, und wir würden niemals etwas präsentieren wollen, bei dem wir das Gefühl hätten, es könnte von den Galerien als eine Bedrohung empfunden werden; bei dem unsere Galerien in dem Hauptteil der Messe das Gefühl hätten, es könnte in irgendeiner Weise ihrem Geschäft während der London Art Fair schaden.

Aber andererseits sind wir auch aufgeschlossen und haben eine starke Beziehung zu Bloomsbury Auctions, die im letzten Jahr schon begonnen hat. Wir haben im letzten Jahr mit ihnen an der VIP-Lounge gearbeitet, aber in diesem Jahr [lag der Grund der Zusammenarbeit wahrscheinlich vor allem darin, dass] die Werke, die sie ausgewählt haben, diese Arbeiten von Gilbert & George eine sehr stimmige Ausstellung, ein sehr interessantes Werk ergeben. Sie fallen in diesem Jahr durch eine stärkere Präsenz auf, aber es gibt auf der diesjährigen Messe keine Galerie, die ebenfalls Werke von Gilbert & George zeigt, und darum bin ich nicht davon ausgegangen, dass das als direkte Konkurrenz empfunden werden könnte.

Interessanterweise gibt es auf der Messe Galerien, die der Meinung sind, dass diese sehr tiefe Kluft zwischen Auktionshäusern und Galerien momentan dabei ist, sich allmählich aufzulösen. Wir hören oft von Galerien, die Werke zurückkaufen - d.h. in erster Linie auf Auktionen innerhalb des primären Marktes - und auch von Künstlern, die [einige Werke] zurückbringen oder aus Auktionen herausnehmen wollen; aber auch die an der London Art Fair teilnehmenden Galerien kaufen Arbeiten auf Auktionen. Insbesondere Bloomsbury Auctions haben einige interessante moderne, britische Drucke und wohl auch Originalarbeiten...

AfN: Es geht darum, neue Geschäftskontakte zu knüpfen...

Jonathan Burton: Ja, das stimmt. Für einige Galerien ist es eine zweckdienliche Situation, die es zu erkunden gilt, und natürlich ist das auch für die Auktionshäuser von Nutzen.

AfN: Eine weitere Koinzidenz: Der Terrence Higgins Trust ist die offizielle Wohltätigkeitsorganisation auf der London Art Fair und präsentiert die Show "Promises", eine Ausstellung und Auktion mit Arbeiten von führenden Künstlern wie etwa Tracey Emin,Mona Hatoum, Martin Parr. Die Auktion wurde von Christie's durchgeführt. Halten Sie es nicht für problematisch, den Auktionshäusern auf einer Kunstmesse wie dieser ein Publikum zur Verfügung zu stellen?

Jonathan Burton: Nicht wirklich. Ich glaube, dass [schon vorher] eine Beziehung zwischen Christie's und dem Terrence Higgins Trust bestand, und das ist ihre Angelegenheit. Die Beziehung, die wir mit dem Terrence Higgins Trust haben, sieht so aus, dass wir ihnen eine Plattform bieten, wo sie die Möglichkeit haben, Gelder zu beschaffen. Das funktioniert gut. Sie, die Wohltätigkeitsorganisation, treten an die Künstler oder die Galerien heran, um Arbeiten zu erbitten, und haben auf diese Weise einige hervorragende Arbeiten erhalten. Ich glaube, die Auktion, die auf der Preview stattfand, hat am Ende über 80.000 £ eingebracht. Wir geben Ihnen den Ticketerlös des Abends, d.h. das Geld aus den am Dienstagabend verkauften Tickets geben wir ebenfalls der Stiftung. Der Vorteil für die Messe besteht darin, dass derartige Veranstaltungen immer eine Begeisterung, eine positive Aufregung auslösen, und dass Wohltätigkeitsorganisationen Besucher erreichen und Menschen zu der Auktion locken, die auch für die restliche Messe wichtig sind.

AfN: Es hat immer eine Rivalität zwischen Galerien und Auktionshäusern gegeben. Die Art Basel sagte in einem Interview, dass sie niemals eine Galerie einladen würde, die einem Auktionshaus gehöre. Dieses Zitat bezog sich auf Haunch of Venison, die Christie's gehört. Würden Sie eine solche Position unterstützen?

Jonathan Burton: Ich glaube, wir würden mit allen Situationen fallweise umgehen. Wir sind bisher noch nicht in eine solche Lage gekommen. Ich neige im Moment dazu, den Dingen ein wenig aufgeschlossener zu sein, und ich denke, dass wir zurzeit eine großartige, symbiotische Beziehung zwischen Auktionshäusern und Galerien beobachten können. Es lässt sich nicht leugnen, dass dieser Dialog zwischen den zwei Seiten des Marktes stattfindet. Wir können jetzt für die Messe hier nicht unbedingt eine allgemeingültige Regel aufstellen; jede Messe muss andere Umstände berücksichtigen, und Basel agiert ja in einem anderen Einflussbereich als die London Art Fair...

AfN: Sie können da entspannter sein...

Jonathan Burton: Ich glaube schon, ja.

AfN: Aber wären Sie in deren Position noch immer so entspannt?

Jonathan Burton: Ich glaube schon... Das ist schwer zu sagen. Sie müssen andere Umstände berücksichtigen... Wenn sie nicht auf diese Weise Stellung bezogen hätten, dann hätten sie womöglich einige sehr schwierige Gespräche mit anderen Galerien führen müssen, die an der Ausstellung teilgenommen haben, und darum glaube ich, dass sie wahrscheinlich auf die Erwartungen ihrer Ausstellerbasis reagiert haben.

AfN: Die London Art Fair ist ein sehr entspannter Ort. Mir persönlich gefällt diese besondere Atmosphäre. Auf der Suche nach Interviewfragen bin ich auf die folgende Passage aus dem Daily Telegraph gestoßen: "In dem Business Design Centre in Islington, im Norden Londons, beginnt morgen die London Art Fair. In ihrer 20jährigen Geschichte hat die Messe darum gekämpft, international und rein zeitgenössisch zu sein, erlag aber dem größeren Erfolg von Frieze und Zoo und hat sich inzwischen auf einen leiseren Kompromiss lokaler Galerien, die auf keiner [der zwei großen Messen] ausstellen, sowie anderer Galerien, die sich auf die historische britische Kunst des 20. Jahrhunderts spezialisiert haben, eingestellt. Das Ergebnis ist eine gesunde Mischung aus Hochintellektuellem und intellektuell Anspruchslosem, um allen Geschmäckern zu entsprechen." Würden Sie diese Aussage so unterschreiben oder haben Sie eher das Gefühl, Ihre Messe sei hier missverstanden worden?

Jonathan Burton: Wir fühlen uns wohl eher leicht missverstanden. Ich meine, in gewisser Weise war diese Messe niemals rein zeitgenössisch. Sicherlich hat sich die Gewichtung innerhalb der Messe zwischen modernen britischen und zeitgenössischen Werken mit der Zeit etwas verschoben, doch ich glaube auch, dass das eine Reaktion auf den Geschmack der [Besucher] und auf all jene, die kommen und auf der Messe kaufen, war. Und manchmal war es auch einfach den teilnehmenden Galerien überlassen, die sich dafür entscheiden, sowohl zeitgenössische als auch moderne britische Werke zu zeigen; in gewisser Weise ist das Gleichgewicht zwischen den beiden etwas, das sie [die Galerien] kontrollieren.

AfN: Ich finde den Satz eigentlich ganz gut, der sich auf "eine gesunde Mischung aus Hochintellektuellem und intellektuell Anspruchslosem" bezieht - vielleicht klingt der Nebensatz "um allen Geschmäckern zu entsprechen" im ersten Moment ein bisschen gemein, aber warum eigentlich? Hier findet eben jeder etwas.

Jonathan Burton: Ganz genau! Ganz unterschiedliche Menschen finden hier Objekte, die ihnen gefallen, und genauso Objekte, die sie hassen. Unter diesen Leuten gäbe es wiederum einige, die bestimmte Teile einer bestimmten Kunst viel kritisch engagierter finden als andere. Aber diese Dinge sind sehr subjektiv, und ich glaube, dass wir tatsächlich ein sehr weites Angebot an Werken anbieten, dass aber der eigentliche Impuls letztendlich darin besteht, qualitativ hochwertige Arbeiten zu präsentieren. Wir haben beschlossen, Galerien teilnehmen zu lassen, die ein großes Angebot an Werken zeigen, das auch der Besuchervielfalt gerecht wird. Die Messe zieht Besucher an, die kritisch engagierte, wegbereitende zeitgenössische Werke suchen, aber es kommen eben auch Leute, die gern eine Arbeit von L.S. Lowry kaufen möchten. Auch das Preisangebot ist entsprechend weitreichend; man kann eine Arbeit von Lowry für 1.6 Millionen kaufen - ich glaube, das ist der diesjährige Höchstpreis, aber gleichzeitig kann man auch eine zeitgenössische Fotografie für 150 £ erwerben. Diese Angebotsbreite ist, wie ich finde, eine der Stärken dieser Messe.

Aber die Messe hat dennoch einen Fokus; dass sie britisch und zeitgenössisch ist, verleiht ihr doch eine klare Griffigkeit. Und während der zeitgenössische Inhalt ziemlich international ausfällt - es gibt nicht nur britische Künstler - lässt sich eben auch feststellen, dass es nur mehr britische Künstler gibt. Die Galerien, die an der Messe teilnehmen, kommen aus ganz Großbritannien in dem Hauptteil der Messe und von unseren internationalen Projekten. [In Sachen Internationalität] sind wir keine Messe wie Basel oder Frieze, die Besucher aus der ganzen Welt anlocken; in unserem Fall sind es Besucher aus London, dem Südosten und im weiteren Umland Großbritanniens, aber wir wollen dabei nicht vergessen, dass London eine der kosmopolitischsten Städte der Welt ist, so dass die Besuchervielfalt am Ende auch enorm ist.

AfN: Und zurzeit finden ja auch keine anderen Messen statt. Es gibt einige in LA, und das war's.

Jonathan Burton: Ja, genau. Es wird zurzeit soviel über den Markt geredet, und in diesem Jahr wird die Messe wegen ihrer Position von den Leuten auch als die Nagelprobe für den Kunstmarkt betrachtet. Wird der Markt ins Schlittern geraten? Oder stark bleiben? Werden die Leute weiterhin Kunst kaufen? - Da wir in dem Jahr eine so gute Position einnehmen, ist [die Messe] sicherlich als ein guter Test für den britischen Markt zu verstehen.

AfN: Und Sie denken nicht darüber nach, den Termin eher in Richtung Februar-Auktionen zu verschieben?

Jonathan Burton: Nein, das ist eine gute [Termin-]Position - genau zwischen allem, was im Ausland so passiert. Später finden so viel mehr Veranstaltungen statt.

AfN: Jonathan, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten.

Jonathan: Nichts zu danken! Es war mir ein Vergnügen, wie immer.

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