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Christie's London - Interview mit Dina Amin


Marek Claassen und Dina Amin

Dies ist ein www.artfacts.net Interview mit Dina Amin.
Dina Amin ist die Leiterin der morning sessions [Frühveranstaltungen] für zeitgenössische Kunst bei Christie's, London in der King Street.

AfN: Guten Tag Frau Amin.

Dina Amin: Guten Tag.

AfN: Sie haben im Jahr 2006 in Ihrer Funktion als Kunstberaterin für Christie's an den ersten Auktionen für zeitgenössische Kunst im Nahen Osten teilgenommen. Hat es sich für Christie's gelohnt, als erstes diese Region zu betreten?

Dina Amin: Der Nahe Osten ist ein spannendes neues Verkaufsgebiet für Christie's. Als wir 2005 als erstes internationales Auktionshaus eine permanente Basis im Nahen Osten etabliert haben, wurde schnell deutlich, dass unsere Kunden mehr von uns wollten; als Reaktion darauf haben wir folglich unsere erste Auktion der modernen und zeitgenössischen Kunst dort im Mai 2006 veranstaltet, die insgesamt eine Summe von $ 8.489.400 ergeben hat. Unser letzter Verkauf, der im Oktober 2007 stattfand, war feiner abgestimmt und eher auf die zeitgenössische arabische, iranische und westliche zeitgenössische Nachkriegskunst spezialisiert. Er war sehr erfolgreich und ergab eine Summe von $ 15.235.725. Zudem haben wir unseren Dubai-Eröffnungsverkauf von Schmuck und Uhren im Oktober 2007 veranstaltet, der insgesamt $ 11.814.880 einbrachte und unsere Preiserwartungen als auch unsere Hoffnungen für den Enthusiasmus seitens der Sammler in der Region weit übertroffen hat. Jeder Verkauf ist mit den Dubai Auktionen 2007 deutlich angestiegen, die insgesamt eine Summe von £26.2 Millionen/$51.1 Millionen ergaben - das sind im Vergleich zum Jahr 2006 491% mehr in £ und 508% mehr in $.

AfN: Die Nachfrage für zeitgenössische Kunst steigt also weiterhin an?

Dina Amin: Richtig.

AfN: Seitens der lokalen Sammler?

Dina Amin: Dubai ist ein internationaler Verkaufsstandort. Es gibt dort lokale Sammler aus dem Nahen Osten und der Region; und es ist aber auch wirklich international: Die Teilnehmer kommen aus Südamerika, Asien, aus der ganzen Welt.

AfN: Was ist Ihr Hintergrund in arabischer zeitgenössischer Kunst?

Dina Amin: Mein Bereich ist eigentlich eher die zeitgenössische, westliche Nachkriegskunst. Ich habe aber in dieser Region meine Wurzeln, was mich mit ihr verbindet. Ich komme aus Saudi Arabien. Ich tue, was ich kann, um mich dort für Christie's und unsere Aktivitäten nützlich zu machen.

AfN: Ich betone an sich nicht so gern die Regionen, wenn es im Endeffekt um die Künstler geht. Doch seit dem Ende des Kalten Krieges und dem Beginn der Globalisierung sehen wir zunehmend russische und chinesische Kunst; nun versuchen die großen Sammler, sich immer mehr der indischen Kunst zuzuwenden. Glauben Sie, dass diese Konzepte langfristig Erfolg haben werden? Werden wir einen Boom in indischer, arabischer, lateinamerikanischer und afrikanischer Kunst erleben?

Dina Amin: Die zeitgenössische indische und chinesische Kunst ist in den letzten zehn Jahren deutlich gewachsen. Was anfangs noch als ein Bereich galt, der eher eine lokale Anhängerschaft fand, ist nun ein riesiger internationaler Markt geworden. Genau das lässt sich jetzt auch in der zeitgenössischen arabischen und iranischen Kunst beobachten. Die erste Auktion, die wir in Dubai hatten, war für einige der dort gezeigten Künstler wirklich das erste Mal, das sie auf internationaler Ebene gesehen wurden; bisher wurden sie in erster Linie lokal gehandelt, in den Galerien ihrer Herkunftsregionen. Es ist also eine aufregende Zeit auf dem internationalen Kunstmarkt; es kommen ständig neue Künstler zum Vorschein, die neue Anhängerschaften in der ganzen Welt finden.

AfN: Werden sich diese Namen, die jetzt noch mit Regionen in Verbindung gesetzt werden, zu Namen entwickeln, die jeder kennt? Werden wir bald mit den Namen arabischer Künstler vertraut sein?

Dina Amin: Ich glaube, schon. Man muss sich nur die letzte Auktion in Dubai ansehen, und es wird einem dabei direkt auffallen, dass die Arbeiten von westlichen Sammlern in Auftrag gegeben wurden, von Menschen außerhalb der Region. Einer der Auftraggeber, der beim letzten Mal am meisten erwähnt wurde, war der zu der Zeit amtierende Kulturattaché von Syrien. [...] Er hat in Syrien gelebt, viele Kunstwerke gesammelt, diese dann mit nach Amerika genommen und dann schließlich wieder im Oktober bei Christie's verkauft. Langsam aber sicher sehen wir also ein wachsendes Interesse an der Region und ihren Künstlern. Sie waren für eine lange Zeit unterrepräsentiert. Es gibt da einige wirklich großartige [Arbeiten].

AfN: Ja, in diesem Fall ist die Globalisierung ein Glück…

Dina Amin: Das stimmt. Es ist wirklich wunderbar, diese verschiedenen Künstler und ihre Produktionen kennen zu lernen; und es ist wunderbar zu sehen, wie so viele ähnliche Ideen in Kunstwerken aufgegriffen werden, die in vollkommen unterschiedlichen Regionen, aber zur selben Zeit entstanden sind. Es werden dieselben Inhalte, dieselben Themen angesprochen; es findet überall - gleichzeitig, aber an völlig verschiedenen Orten der Welt - derselbe Diskurs statt, der in den Kunstwerken einen Ausdruck findet.

AfN: Christie's internationaler Hauptgeschäftsführer Edward Dolman sagte in einem Bloomberg Interview, dass die Februar-Auktionen in London, im Vergleich zum letzten Jahr, einen Wertzuwachs von 38% verzeichnen könnten, was mit dem stetigen Wachstum im Bereich der Kunstverkäufe zusammenhängt. Sowohl Christie's als auch Sotheby's haben 2007 für etwa $ 6 Milliarden verkauft. Aber ein länger anhaltender Kursverlust an den Weltaktienmärkten oder eine unvorhergesehene Krise könnte das für Kunstkäufe verfügbare Geld deutlich reduzieren. What comes up, must come down - was hoch geht, kommt auch wieder runter. Sind Sie auf eine Veränderung der Marktsituation vorbereitet?

Dina Amin: Unsere bisherigen Verkäufe in 2008 versprechen Gutes für einen starken und beständigen Kunstmarkt in der nahen Zukunft. [Aus Erfahrung wissen wir, dass] nur eine begrenzte Wechselbeziehung zwischen den Aktienmärkten und den Kunstmärkten besteht. Wir haben allgemein unglaublich starke Auktionen im Februar 2008. Wir haben im Februar vier Verkäufe von Nachkriegs- & Gegenwartskunst in London, zwei Tagesverkäufe, Frühveranstaltungen, Nachmittagsveranstaltungen, die Kitaj-Sammlung und unsere Abendverkäufe. Für diese Verkäufe haben wir großartige, qualitativ hochwertige Werke, und diese großartigen Werke werden schon für sich selbst sprechen.

AfN: Es gibt also noch genug… auch genug Kunden?

Dina Amin: Wenn es qualitativ hochwertige Werke gibt, ein fabelhaftes Objekt aus dem Gesamtwerk des Künstlers, aus der richtigen Zeit etc., dann finden sich dafür immer Leute, die es kaufen wollen. Es ist natürlich eine günstige Zeit, um Kunstwerke in Auftrag zu geben, da die Preise stark sind; die Qualität und die Verfügbarkeitsrate von wichtigen Kunstwerken auf dem Markt ist weiterhin so, dass sich diese Zeit für Käufer als sehr attraktiv in Bezug auf die Teilnahme am Markt erweist.

AfN: Im letzten Jahr sagte uns jemand von Christie's, dass die Anzahl an Milliardären in den letzten - ich glaube - fünf Jahren weltweit über 33% gestiegen ist.
Das sind aber nicht Ihre einzigen Kunden?

Dina Amin: Nein, natürlich nicht. Die Verkäufe als Ganzes umfassen eine enorme Preisspanne; das beginnt bei etwa £ 2000 bei den Tagesverkäufen und reicht bis zu schwindelerregenden Preisen bei den Abendverkäufen. Verschiedene Arbeiten von verschiedenen Menschen auf verschiedenen Ebenen und verschiedene Sammler - es ist wirklich etwas für jeden dabei.

AfN: Die größte Überraschung ist - dem Daily Telegraph zufolge - das Ausmaß der Auktionsverkäufe im Festland China, das inzwischen der viertgrößte Kunstmarkt der Welt geworden ist und somit Deutschland und die Schweiz mit einem Anteil an 5% überholt hat (die USA haben 46%, Großbritannien 27% und Frankreich 6%). Hat Poly Auctions das Potential, zu einem dritten Rivalen Ihrer Größe anzuwachsen?

Dina Amin: Christie's drittes Verkaufsjahr in Peking hat in Zusammenarbeit mit seinem lizenzierten Partner Forever Auction House eine jährliche Gesamtsumme von RMB 106.5 Millionen/£7.4 Millionen/US$13.9 Millionen erzielt. Christie's nimmt allein mit Auktionen eine führende Position und Präsenz in Hongkong ein und erzielte im Jahr 2007 eine Gesamtsumme von £234 Millionen/$473 Millionen - das ist im Vergleich zum Jahr 2006 ein Zuwachs von 23% in £ and 33% in $.

AfN: Es gibt eine andere Rivalität, die mich interessiert - und zwar jene zwischen den Auktionshäusern und den Galerien. In der VIP-Lounge der diesjährigen London Art Fair habe ich eine Gilbert & George-Ausstellung mit sehr schönen frühen Papierarbeiten gesehen. Die Ausstellung wurde von Bloomsbury Auctions organisiert. Das fand ich sehr erstaunlich, weil ich da zum ersten Mal eine solche Art von Präsenz eines Auktionshauses auf einer Kunstmesse gesehen habe. Könnten Sie sich weitere Veranstaltungen auf anderen Messen vorstellen?

Dina Amin: Der Kunstmarkt beinhaltet so viele verschiedene Aspekte. Es ist ein internationaler Markt, und die Leute suchen an vielen verschiedenen Orten nach verschiedenen Dingen; wir alle präsentieren verschiedene Dinge.

AfN: Ich habe in The Art Newspaper gelesen, dass die Galerie Haunch of Venison, die Christie's gehört, in ein Gebäude der Royal Academy ziehen wird. Und an anderer Stelle habe ich gehört, dass eine große Messe (vielleicht Basel) sagte, sie würden niemals eine Galerie einladen, die einem Auktionshaus gehöre. Was halten Sie davon? Stellen Galerien und Auktionshäuser eine Bedrohung für einander dar?

Dina Amin: Im Jahr 2007 hat Christie's eine große Initiative gestartet, um in den primären Kunstmarkt Einzug zu halten, und um ein weltweit wirkendes Privatunternehmen für Verkäufe von Nachkriegs- und Gegenwartskunst zu entwickeln. Im Zuge dieser Initiative hat Christie's Haunch of Venison gekauft - die renommierte Galerie für zeitgenössische Kunst mit Ausstellungsräumen in London, Zürich und Berlin und 2008 auch mit einer neuen Galerie in Manhattan. Durch den Kauf der berühmten Galerie ist es Christie's nun möglich, den Anfragen der Kunden auf eine umfangreiche Weise gerecht zu werden. Als Teil von Christie's International werden die international gefeierten Künstler von Haunch of Venison und unsere erweiterten Privatverkäufe unsere Position als weltweit führendes Kunstunternehmen in einer Weise verbessern und verstärken, die sich komplementär auf den sekundären Auktionsmarkt auswirkt.

AfN: Ich habe gesehen, dass Francis Bacon in den letzten - ich glaube - drei Jahren unglaublich angestiegen ist. Und ich habe Ausstellungen in der Gagosian Gallery gesehen. Beeinflusst die Tatsache, dass Gagosian oder andere renommierte Galerien Francis Bacon-Ausstellungen zeigen, auch die Auktionshäuser? Führt das eine zum anderen?

Dina Amin: Wir alle wissen, dass es da draußen Künstler gibt, die im Allgemeinen unterbewertet, unterrepräsentiert und in ihrer Weise sehr wichtig sind. Als der Markt wuchs, tat das auch das Bewusstsein [für] diese Künstler und [für] die Bedeutung ihres Platzes in der Kunstgeschichte.

Francis Bacon ist einer der wichtigsten Figuren der Gegenwartskunst, und wir sehen jetzt einen so enormen Zuwachs in bestimmten Bereichen des Marktes - durch Warhol, Basquiat oder Bacon - dass sich die Leute schließlich [auch] anderen Künstlern, die unterrepräsentiert und unterbewertet sind, zuwenden. Es ist ein sich entwickelnder Markt. Es gibt so viele verschiedene Künstler, und wir alle suchen fabelhafte Arbeiten von fabelhaften Künstlern. Am Ende landen wir also alle bei denselben Dingen.

AfN: Ich möchte mit Ihnen ein wenig über die Februar-Auktionen sprechen, die hier in London stattfinden werden. 2008 werden Sotheby's und Christie's ihre Februar-Auktionen [für Gegenwartskunst] zum ersten Mal in verschiedenen Wochen in London veranstalten. Phillips de Pury, die ihre Verkäufe von Gegenwartskunst in London ursprünglich für den Anfang des Monats mit Christie's geplant hatten, halten diese nun einen Tag nach Sotheby's ab. Warum trennen die drei Hauptakteure ihre Verkaufsveranstaltungen voneinander?

Dina Amin: Unsere Kunden sind sehr zufrieden mit den bestehenden Terminen, die sich längst in dem internationalen Auktionskalender etabliert haben. Die Woche der impressionistischen und modernen Kunst, der Nachkriegs- und der Gegenwartskunst findet in zwei frisch renovierten Schauräumen statt und bietet den Kunden, von denen viele extra nach London reisen, um an den Verkäufen teilzunehmen, den besten Komfort und Service.

AfN: Ich dachte, es gehe vielleicht darum, dasselbe Publikum zu teilen; und wenn alles gleichzeitig stattfände, wäre das nicht möglich.

Dina Amin: Es gibt so viele Besucher, die extra für die Verkaufswoche nach London reisen. Unsere Kunden sind zufrieden mit den Terminen, und so war es für uns das einzig Richtige, dabei zu bleiben.

AfN: Die nächste Frage bezieht sich auf die Garantie für Francis Bacons Gemälde "Study of a Nude With Figure in a Mirror" (1969). Das Spitzenobjekt des Sotheby's-Verkaufs vom 27. Februar in London besitzt einen garantierten Minimalpreis von 18 Millionen £. Die Garantie stellte einen Rekord für London auf. Bacons "Triptych 1974-77", das Sie am 6. Februar anbieten werden, und das auf einige 25 Millionen £ geschätzt wird, besitzt keine Garantie. Warum braucht Sotheby's Garantien und Christie's nicht?

Dina Amin: Ich kann Sotheby's Entscheidung nicht kommentieren. Was Christie's betrifft: Wir sind das weltweit führende Kunstunternehmen, und wir haben großen Erfolg mit den Arbeiten von Francis Bacon. Die Besitzer hatten das Gefühl, es sei der richtige Moment, um zu verkaufen, und sie vertrauen unseren Fähigkeiten und dem Markt. Christie's bietet Auftraggebern einen enormen Erfahrungsschatz im Verkauf von Kunstwerken - ob in Sachen Authentifizierung, Katalogisierung, Förderung, Versand, Versicherung oder hoch entwickelten Finanzdienstleistungen; Garantien sind nur ein Aspekt davon.

AfN: Was sind Ihre persönlichen Erwartungen für 2008?

Dina Amin: Ich glaube, das wird ein gutes Jahr. Wenn ich so auf 2007 zurückblicke, waren unsere Wochen für impressionistische, moderne, Nachkriegs- und Gegenwartskunst in New York unglaublich stark. Wir haben fast eine Milliarde Dollar in dieser Woche bei Christie's eingebracht. Wir leiten in den Februar ein, wo wir die stärksten [Verkaufsobjekte], die wir bisher in London in dieser Kategorie gesehen haben, anbieten. Unsere bisherigen Verkäufe in 2008 versprechen Gutes für einen starken und beständigen Kunstmarkt in der nahen Zukunft. Später wissen wir mehr, dann können wir uns noch mal unterhalten, aber so weit so gut. Wir sind sehr positiv eingestellt.

AfN: Vielen Dank, Frau Amin.

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