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Arte Fiera - Interview mit Andrea und Anna Chiara Perugi


Anna Chiara Perugi und Morgana Masu


Artfacts.Net Interview mit Andrea und Anna Chiara Perugi [Perugi Gallery Padova].


AfN: Guten Morgen Herr und Frau Perugi.

Seit wann nehmen Sie schon an der Arte Fiera teil?

Perugi: Seit acht Jahren.

AfN: Wie ist Ihr Eindruck von dieser Ausgabe?

Perugi: Es lief ganz gut.

AfN: Gibt es Unterschiede im Vergleich zu früheren Ausgaben?

Perugi: Diese Ausgabe weist eindeutig einen höheren Qualitätsstandard auf. Ich glaube, dass der extreme Geschäftsrückgang, der [zurzeit] auf jeder Messe zu beobachten ist, sich hier in Grenzen hält. Es gibt nicht eine Galerie, die ihre Aufgabe nicht ernst nimmt. Der Standard ist also ziemlich gut.

AfN: Könnte man sagen, dass die Auswahl dieses Mal strenger war?

Perugi: Die Messe präsentiert eine qualitativ hochwertige Auswahl und ein qualitativ hochwertiges Niveau.

AfN: Sie haben mit Ihrer Galerie an vielen internationalen Messen teilgenommen; einige davon waren in Amerika. Gibt es auffällige Unterschiede zwischen italienischen und amerikanischen Messen?

Perugi: Wenn man auf den amerikanischen Messen eine gute Leistung bringt, ist prinzipiell alles möglich. Es kann dann passieren, dass die weltbesten Sammler Werke von völlig unbekannten Künstlern kaufen, und dass diese somit die Gelegenheit haben, Kontakte zu ausländischen Galerien zu knüpfen. In den Staaten gibt es weniger verschlossene und weniger konventionelle Perspektiven.

AfN: Den italienischen Galerien wird oft vorgeworfen, nicht dazu in der Lage zu sein, Beziehungen zum internationalen Netzwerk herzustellen. Wie denken Sie darüber?

Perugi: Das ist ja nichts Neues. Wir haben einen extrem starken Markt. Wir haben hervorragende "Solos", und mit "Solos" meine ich Künstler, hervorragende Galerien, hervorragende Sammler und manchmal auch hervorragende Museumskuratoren. Was aber fehlt, ist das Netzwerk. Vielleicht erhalten wir keine gute Presse, oder vielleicht sind wir nicht so attraktiv wie die anderen Märkte; mir ist aber aufgefallen, dass sich etwas verändert. Viele Galerien - u.a. unsere - versuchen, sich nach Außen zu öffnen. Das ist sehr wichtig, weil es uns wahrscheinlich helfen wird, diese Beziehungen, die wir eben angesprochen haben, herzustellen. All das könnte eher von bestimmten Fähigkeiten und von der Initiative einer gewissen Anzahl an Galeriemanagern abhängen als von dem Wachstum des Marktes.

AfN: Was halten Sie von dem italienischen Kunstnetzwerk?

Perugi: Wir könnten ein bisschen mehr wagen. Ich meine, wir sollten den Mut haben, Chiasso zu übertreffen - das ist wichtig, und es passiert tatsächlich. Im Hinblick auf unsere jungen italienischen Künstler ist unser Qualitätsniveau nicht wirklich unterlegen. Wir müssen uns einfach trauen, hinauszutreten und sie nach vorn zu bringen. Wir erzielten die besten Ergebnisse, als wir es gewagt haben, unser Planungstalent nach vorn zu bringen. Man denke nur an die Transavantgarde. Ich glaube nicht, dass es jemals einen bedeutenderen Zeitabschnitt als die Transavantgarde gegeben hat, und ich denke, jeder sollte sich trauen, das zu zeigen, was er kann. Wenn man in den USA eine gute Leistung bringt, dann wird das zur Kenntnis genommen und anerkannt.

AfN: Marktbeobachter sagen, dass der Kunstmarkt zurzeit boomt. Stimmen Sie dieser Aussage zu?

Perugi: Nun, ich habe einen sehr persönlichen Standpunkt, weil ich in einer Nische arbeite; ich arbeite mit jungen Menschen. Es gibt zeitweise Rückgänge im Markt. Wir erleben zurzeit eine eigenartige Phase. Dieses Jahr in London, Paris und Miami war nicht so gut wie das letzte Jahr. Einerseits könnte das eine gesunde Pause, eine Ruhezeit zum Nachdenken bedeuten, andererseits könnte das der letzte Haltepunkt vor dem Abgrund sein - das wissen wir nicht. Aber wenn etwas schief geht, dann fängt in der Regel alles auf einmal an, schief zu gehen, und das ist ja nicht passiert. Es gibt mit Sicherheit eine Verlangsamung, doch das kann auch gesund sein. Miami 2006 war einzigartig, nicht nur für mich, sondern für alle. Im letzten Jahr waren wir alle zufrieden in Miami, aber es gab eine Bremsung des Lichtstrahls.

AfN: Wie denken Sie über die Verwendung neuer Tools wie z.B. das Internet in der Kunstwelt und auf dem Kunstmarkt?

Perugi: Wir waren eine der letzten Galerien, die ihre eigene Website kreiert haben; das lag vielleicht an meiner Unkenntnis oder Unfähigkeit, aber inzwischen gibt es diesbezüglich doch beachtliche Entwicklungen. Was den Online-Markt und den Online-Verkauf angeht, so habe ich sichergestellt, dass ich durch die Website von China, Argentinien, den Staaten etc. kontaktiert werden kann. Es ist definitiv ein sehr wichtiges Kommunikationsmittel. Ich muss zugeben, dass ich auch darüber nachgedacht habe, Online-Messen zu organisieren, aber ich weiß nicht…

AfN: Die Zeit ist vielleicht noch nicht reif dafür, und es wäre besser zu warten…

Perugi: Das stimmt. [...] Wissen Sie, die Leute kontaktieren mich, wenn sie die Künstler bereits kennen, aber es ist noch nie so gewesen, dass ich für einen unbekannten Künstler kontaktiert wurde. Ich weiß nicht, ob das Internet eine Absatzmöglichkeit ist, aber ich weiß, dass es eine Möglichkeit ist, das herauszufinden. Man hat damit die Gelegenheit, Künstler, interessante Situationen und interessante Messen zu finden. Was die Recherche angeht, ist das Internet unerlässlich. [...] [Ich benutze das Internet, um interessante Galerien zu suchen, wie etwa die wundervolle New Image in Los Angeles, und um bestimmte Änderungen und Schritte, die sie unternehmen, zu verstehen.] Es gibt allerdings einen großen Unterschied, wenn ich einerseits sage "Dieser Künstler ist sehr interessant, ich möchte mehr über ihn erfahren", und wenn ich andererseits sage "Dieser Künstler ist sehr interessant, ich werde sein Werk kaufen". Ja, ich habe schon über das Internet verkauft, aber 100% der Künstler, die ich verkauft habe, waren [dem Käufer] bereits bekannt…

AfN: Wenn ich Sie also richtig verstanden habe, dann ist das Internet hilfreich, wenn es darum geht, eine präzise und systematische Recherche durchzuführen...

Perugi: Wenn man schon den Namen des Künstlers kennt, dann kann man im Internet surfen und nach den Galerien suchen, für die er arbeitet, und auf diese Weise kann man bereits seine Arbeit einschätzen, ohne sie direkt gesehen zu haben. […] Ich arbeite aber mit einer sehr jungen Generation von Künstlern zusammen, die die Comic-Sprache verwenden - nicht als Zitat, sondern als tatsächliche Sprache - was typisch ist für die neuen Generationen. Das heißt nicht, dass das Material und die echten Gefühle, die man hat, wenn man plötzlich in einem Winkel einer Messe oder einer Galerie das perfekte Werk findet, nicht von den neuen Generationen ersetzt werden könnte, die an das Internet gewöhnt sind. Die Sache ist die, dass die neuen Generationen noch nicht das Geld haben, um große Sammler zu sein. Es ist möglich, dass die Art und Weise des Sammelns sich in 5 oder 10 Jahren verändert haben wird, wenn die jungen Leute von heute, die vor dem Computer sitzen und ja bereits anders denken, neue Standards und Maßstäbe setzen.

AfN: Sie gehen also von einem Wechsel der heutigen Sammlergeneration aus?

Perugi: Da fällt mir etwas sehr Hübsches ein [das sich in unseren Galerieräumen ergeben hat]. Ich arbeite mit der Künstlerin Laurina Paperina zusammen. Sie ist sehr beliebt bei Teenagern, und ich glaube, wir sind eine der wenigen Galerien, die von 16- und 17-Jährigen besucht werden. Einmal haben ein 15-jähriger Junge, sein 12-jähriger Bruder und dessen 10-jähriger Freund ihre Mutter dazu gedrängt, eine Paperina-Zeichnung zu kaufen. Ein anderes Mal machte ein 20-Jähriger, der in London lebt, eine "große" Investition von 1000 Euro in 4 Ratenzahlungen und kaufte eine sehr bedeutende Paperina-Arbeit. Das ist einfach wundervoll. Ich versuche, ein Wortführer für diese neuen Trends zu sein, und neue Trends werden immer - in erster Linie - von jungen Menschen gesetzt und befolgt.
Ich erinnere mich daran, dass ich, während der ersten Ausgabe der Bologna, einen jungen, in den 70er Jahren geborenen Künstler präsentiert, und dass ich dabei nicht wirklich viel verkauft habe. Doch als ich mir die ganzen jungen Leute ansah im Alter von 15 bis 20, die so aufmerksam die Arbeiten an der Wand betrachteten, da habe ich verstanden, was zu tun war. Diese Leute würden in 10 Jahren die [neuen] Käufer sein. Wir wollen weiterhin suchen, und das ist eben der Preis dafür. Wenn man etwas findet, das junge Menschen anspricht, dann wird man nicht sehr viel verkaufen, und das Publikum wird einen bestimmten Standard aufrechterhalten. […]

AfN: Stimmt es, dass die italienischen Sammler nicht wirklich dazu bereit sind, Risiken einzugehen, und dass sie deshalb nicht so viele Werke von jungen Künstlern kaufen?

Perugi: Das haben wir ja bereits angesprochen. In Miami habe ich meinen gesamten Stand an die weltbesten Sammler verkauft, und ich bin ein Niemand in der großen Kunstszene, wie es auch meine Künstler sind oder waren. Wenn man aber eine gute Leistung bringt, dann wird das im Ausland auch anerkannt. Die Amerikaner sind nicht so konformistisch wie die Italiener, und das gilt nicht nur für den Bereich der Kunst. In Italien herrscht eine große Geschmacksstandardisierung vor, so dass die Leute im Endeffekt eher mit ihren Ohren kaufen als mit ihren Herzen. Ich habe mich jetzt nicht besonders in die USA verliebt, aber ich muss zugeben, dass sie dort wirklich aufgeschlossener sind. Zurzeit ist der intellektuelle Konformismus nicht so stark, und das macht Spaß, weil wir dann auch großartige Dinge erschaffen und ausarbeiten können.

AfN: Sie sind nicht der Meinung, dass heutzutage zu viele Kunstmessen stattfinden. Ist das richtig?

Perugi: Wir glauben, dass es eigentlich nur wenige Kunstmessen gibt, und die Resultate beweisen, dass wir Recht haben. Die Anzahl der Messen sollte nicht erhöht, aber ihr Angebot sollte reichhaltiger werden. Die neue Version der Volta in New York ist beispielsweise eine großartige Veranstaltung; das ist im Grunde eine Gruppenausstellung, die von dem Volta-Manager kuratiert wurde. Auf der letzten Ausgabe der Artissima hat der neue Manager ebenfalls einen beachtlichen, eigenen Eindruck hinterlassen. Jeder - mit Ausnahme der 4 Großen - organisiert also seine eigene Messe und führt seinen eigenen Markt. Es ist möglich, dass Berlin nicht das anbietet, was man gerade sucht; dass man aber stattdessen in Paris fündig wird, und auch der umgekehrte Fall ist möglich. Man muss aber auch nicht alle Kunstmessen besuchen; dafür gibt es keinerlei Verpflichtung. Und auch die Sammler besuchen nicht alle Messen. Doch je mehr angeboten wird, desto größer ist die Auswahl und die Chance [den richtigen Ort zu finden].
Für junge Galerien ist es nicht nur wichtig, neue Künstler und neue Trends herauszubringen, sondern auch neue Märkte zu erkunden. Ich gehörte zu den ersten, die an der NADA in Miami teilnahmen, und die nach Mexico City gegangen sind. Ich denke auch darüber nach, an neuen Messen teilzunehmen. Ich würde z.B. gern nach Puerto Rico; es gibt da bestimmt einige interessante Entwicklungen zu beobachten. Ich glaube, der Drang, immer [nach neuen Dingen und neuen Eindrücken] zu suchen, liegt wohl in unserer DNA.

AfN: Suchen Sie - abgesehen von neuen Künstlern - also auch nach neuen Märkten?

Perugi: Nun, man muss bereit sein, einige Risiken einzugehen. Man muss neugierig sein, um neue Märkte und neue Situationen verstehen zu können. Man gibt sich zurzeit viel Mühe mit neuen Messegestaltungen […]. Wir werden die traditionelle Messegestaltung zunehmend verlieren. Die Mannigfaltigkeit der Angebote wird ebenfalls davon abhängen; weniger Manager und mehr Kritiker werden das Sagen haben. In der nächsten Woche werde ich auf der ARCO sein, und ich weiß, dass die Stände dort in Bewegung gesetzt werden.

AfN: Es geht also nicht so sehr um die Anzahl der Messen, sondern um ihre Fähigkeit, sich neu zu erfinden.

Perugi: ...und dieser Art der Neuerfindung sind keine Grenzen gesetzt. Es ist ein positiver Aspekt, dass der bedeutende Kritiker Andrea Bellini, eine Person, die ich immer sehr respektiert habe, eine Messe organisiert. Wenn man das, was man sucht, nicht finden kann, dann organisiert man eine andere Messe - kurzum: ich glaube nicht, dass es zu viele Messen gibt. Der Markt selbst wird selektieren. Am Ende wird die Anzahl der Kunstmessen von 400 auf 300 schrumpfen, und diese 300 Messen werden sehr gut sein. Wenn ich das, was ich brauche, nicht in Berlin finde, dann kann ich immer noch nach Finnland gehen.

AfN: Herr und Frau Perugi, vielen Dank für das Interview.

Perugi: Wir danken auch.


Interview: R. Morgana Masu

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