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ARCO 08 - Interview mit Helga de Alvear


Helga de Alvear mit Werke von Imi Knoebel

Vom 13. bis zum 18. Februar fand die 27. Ausgabe der ARCO statt. Der neue Ansatz der ARCO zielt darauf ab, die Messe an die Spitze zu bringen - und das machte sich in der Gestaltung deutlich bemerkbar: neue Pavillons, neue Sektionen und eine überraschende und kontroverse Auswahl an Galerien. Insgesamt wurden 295, davon 222 ausländische, Galerien präsentiert. Das diesjährige Gastland war Brasilien. Trotz der durch die Rezession bedingten Unsicherheit scheint es so, als befände sich der Markt noch immer auf dem Höhepunkt.

Auf der diesjährigen ARCO hat Artfacts.Net ein Interview mit Helga de Alvear (Galeristin und Sammlerin) geführt. Helga de Alvear, die in Deutschland geboren ist, pflegt seit den 60er Jahren eine besonders enge Beziehung zu Spanien, wo sie lebt und arbeitet. Sie hat sich immer sehr für die Avantgarde-Bewegung interessiert und sich in den letzten Jahren vor allem auf die Fotografie (sie leistete Pionierarbeit in Spanien), Video, Installationen und auf die minimalistische Kunst konzentriert. Sie besitzt eine der bedeutendsten Sammlungen in Spanien, die etwa 2000 Werke umfasst.

Artfacts.Net: Dies ist die zweite ARCO-Ausgabe mit Lourdes Fernández als neuer Direktorin; es gibt bereits auffällige Veränderungen. Welche Aspekte dieser Ausgabe würden Sie besonders hervorheben?

Helga de Alvear: Ich habe einen sehr positiven Eindruck von der diesjährigen Raumnutzung. Die Pavillons sind größer, die Korridore weiter. Zusätzliche Galerien füllen die Messe aus. Ich hoffe nur, dass Lourdes nicht noch mehr Galerien dazu nimmt; die Messe ist schon groß genug.

Werk von Daisy Xavier, courtesy Laura Marsiaj (Brasilien).

Artfacts.Net: Welche Künstler zeigen Sie auf der diesjährigen Ausgabe der ARCO?

Helga de Alvear: Ich zeige meine eigenen Künstler: Isaac Julien, Jean-Marc Bustamante, Santiago Sierra, Alicia Framis, Angela Bulloch, Jürgen Klauke, Imi Knoebel... Sie alle sind Künstler, mit denen ich zusammenarbeite. Ich bereite nichts Besonderes vor, und ich bringe auch keine Künstler mit, die extra für Messen vorgesehen sind. Das wäre der sekundäre Markt.

Artfacts.Net: Die diesjährige Ausgabe der ARCO scheint kontrovers zu sein. Über zwanzig Galerien, die bisher immer an der ARCO teilgenommen haben, wurden in dieser Ausgabe nicht zugelassen. Das Management behauptet, die Auswahlkriterien seien gleich geblieben. Es beschweren sich gleichzeitig aber auch Galerien über den Mangel an Unparteilichkeit und an Offenheit im Auswahlverfahren. Glauben Sie, dass die Internationalisierung Vorrang vor der Qualität erhalten hat?

Helga de Alvear: Die Qualität hatte Priorität. Ich glaube, es hat kein strenges Auswahlverfahren gegeben. Es ist insgesamt zweimal in meinem Leben passiert, dass mir gesagt wurde: "Wenn Sie mit dem Mist wieder kommen, dann sind Sie draußen". Und ich habe meine Lektion gelernt. Von Zeit zu Zeit muss man seine Galerie mal ausmisten und klar Schiff machen. Wir - die Galeristen - sind ein wichtiger Teil der Messe, aber wenn die Messe nicht gut ist, dann ist es schwierig, mit anderen Messen wie Basel, Paris oder London mitzuhalten. Die ARCO will an die Spitze gelangen. Und Madrid braucht eine bedeutende Messe. Aus diesem Grunde sollten die Galerien ihrem Ruf als Kunstgalerien auch gerecht werden. Es geht schließlich nicht um Galerien, sondern um das, was sie zu bieten haben; und Künstler müssen gut sein. Darum hat die Messe ein Komitee, das hart arbeiten und "ausmisten" muss.

Artfacts.Net: Glauben Sie, dass neue, unabhängige Instanzen - d.h. Instanzen, die nicht am Auswahlverfahren teilnehmen - das Komitee ergänzen sollten? Es wurde der Vorschlag gemacht, dass Kritiker oder Kuratoren ohne Stimmrecht eingesetzt werden könnten…

Helga de Alvear: Wir haben schon viel daran gearbeitet, und wir werden das auch weiterhin tun. In der Vergangenheit waren sogar auch Institutionen in dem Komitee. Ich selbst war schon in vielen Komitees, aber ehrlich gesagt finde ich, dass Institutionen nicht am Entscheidungsprozess eines Messekomitees beteiligt sein sollten. Messen sind Märkte. Institutionen sollten kaufen - das ist etwas Anderes. Die Komitees sollten aus Galerien bestehen, und der/die Direktor/in muss sein/ihr eigenes Komitee auswählen, um die Messe zu verbessern. Ich kann Ihnen versichern, dass es innerhalb des Komitees keine Betrügereien gegeben hat. Lourdes ist dabei, aber sie hat keine Rechte.

Artfacts.Net: Viele spanische Künstler und Galeristen betrachten die ARCO als die Veranstaltung des Jahres, die ihnen, abgesehen von ihren wirtschaftlichen Gewinnen, vielleicht einen Eintritt in die internationale Kunstszene verschafft. Wird die spanische Gegenwartskunst die Konsequenzen "zu spüren bekommen"? Sollte die ARCO bis zu einem gewissen Grad weiterhin den heimischen Markt unterstützen?

Helga de Alvear: Nein, niemand muss den heimischen Markt unterstützen. Wir sollten uns darum bemühen, die Besten zu sein, weil wir großartige Künstler haben. Immer wenn ich gefragt werde, ob Künstler aus Extremadura in meiner Sammlung vertreten seien (die Sammlung, die in dieser spanischen Region ausgestellt sein wird), antworte ich: "Weiß ich nicht". Es ist mir egal, woher der Künstler kommt. Ich sehe mir die Arbeit an, und ich denke darüber nach, ob sie gut ist oder nicht, ob ich sie kaufen soll oder nicht. Aber das hat nichts mit der Herkunftsregion des Künstlers zu tun.

Artfacts.Net: Einige der Galerien, die von der ARCO ausgeschlossen wurden, nehmen an der Stand Off 08 teil, wo sie das zeigen, was sie auf der ARCO ausgestellt haben. Der Zeitplan ist der gleiche. Sind die Weichen jetzt für neue, parallel stattfindende Messen gestellt (abgesehen von der Art Madrid)? Könnte das eine positive Wirkung auf den zeitgenössischen Kunstmarkt in Spanien haben, die eine eher steife Struktur aufweist?

Helga de Alvear: In Basel Miami gab es 21 Messen. Ich konnte keine davon besuchen, weil ich auf der Messe, an der ich teilgenommen habe, viel zu beschäftigt war. Ich denke, es besteht immer die Möglichkeit, kleinere Messen zu veranstalten, aber es geht in erster Linie doch um Qualität. Es besteht kein Bedarf an einer zusätzlichen Messe. Natürlich - wenn es andere Galerien gibt, warum nicht. Aber wir müssen dem Kunden vor allem verständlich machen, dass Kunst nicht an einem einzigen Tag gelernt werden kann. Jeder hat seine Meinung über die Kunst. Zukünftige Sammler brauchen aber eine Kunstausbildung; sie müssen studieren. Die notwendigen Schritte sind: ansehen, wissen und wollen.

Artfacts.Net: Der internationale zeitgenössische Kunstmarkt scheint regelrecht überflutet zu sein, und nun kommen die Ängste vor einer wirtschaftlichen Krise auf. Die Auktionen bei Christie's und Sotheby's in London waren allerdings außerordentlich erfolgreich. Jussi Pylkkänen, der Christie's-Leiter in Europa, bezeichnete die Kunst mal als "eine Vermögensreserve in schwierigen Zeiten". Wird der Boom noch eine Weile anhalten?

Helga de Alvear: Gute Kunst ist wirklich gut und wird immer kostspielig sein. All jene, die spekulieren wollen, sollten an die Börse gehen. Kunst ist anders. Und die Leute sollten das begreifen. Wir verkaufen Kunst, weil wir gute Kunst haben. Die Kunden sollten nicht in Kunst investieren, weil sie am Ende auf größere Summen hoffen, die sie im Anschluss wieder auf den Markt werfen können. Es ist sehr traurig, aber leider eine weit verbreitete Praktik.

Ich bin auch gegen die Arbeit von Beratern. Man sollte selbst lernen! Am Anfang sind Fehler normal. Ich habe sehr viele Fehler gemacht. Aber ich habe auch von ihnen gelernt. Ich empfehle den Leuten, anfangs Werke zu kaufen, die nicht so teuer sind. Zum Beispiel: Es gibt da eine finanziell tragbare Sammlung, die dem Schweizer Magazin "Parkett" gehört; wenn man Reklame oder eine Bekanntmachung in dem "Parkett" machen möchte, dann muss man dafür von ihnen ausgewählt werden. Sie machen die Ausgaben und haben ein hervorragendes Komitee [für die Auswahl]. Ich habe die ganze Sammlung mit kleinen Werken von den besten Künstlern erstellt.

Werk von Jaume Plensa, courtesy EL PAÍS

Artfacts.Net: Wie waren Ihre ersten Jahre als Sammlerin?

Helga de Alvear: Im Jahr 1967 war ich sehr gut mit der Galeristin Juana Mordó befreundet. Ich habe viele Künstler getroffen, wir sind nach Cuenca, zur El Paso Gruppe gereist…Das erste Werk, das ich gekauft habe, war von Fernando Zóbel. Es kostete 300EUR. Juana sagte mir, ich solle es kaufen. Ich konnte es mir aber nicht leisten. Sie hat dann einer Ratenzahlung zugestimmt: 30EUR pro Monat. Ich werde das nie vergessen; heutzutage kaufen viele Kunden in Raten. Kein Galerist sollte das vergessen. Als ich nach Hause kam, ärgerte sich mein Mann über mich. "Warum hast du das gekauft? Was soll es bedeuten?" Aber letzten Endes würde er wohl sagen, dass wir (Plural!) das erste Werk über Juana Mordó gekauft hätten. Juana hat mir am Anfang viel geholfen, aber ich hatte auch andere Freunde, die ebenfalls Galeristen waren, und ich habe andere Werke gekauft. Einige davon waren ihr Geld wert, andere wiederum nicht.

Artfacts.Net: In Caceres wird Ihre zeitgenössische Kunstsammlung dauerhaft ausgestellt sein. Aus diesem Grunde wurde die Helga de Alvear Stiftung in dieser Stadt eingerichtet; das Casa Grande wird restauriert und in dem Centro de Artes Visuales-Projekt mit dem Schwerpunkt auf Gegenwartskunst aufgenommen. Die erste Phase wird in diesem Jahr eröffnet, und das Zentrum wird ab 2010 den Betrieb aufnehmen. Lassen Sie uns über dieses Projekt sprechen: was sind Ihre Ziele?

Helga de Alvear: Meine Ziele sind immer dieselben. Ich habe zurzeit über 2000 Werke in drei verschiedenen Lagerhäusern untergebracht. Das ist so enorm viel Arbeit, weil mich jeder nach Objekten fragt, um eine Ausstellung zu organisieren. Die Stiftung wird für diese Arbeit zuständig sein. Sie ist schon eingerichtet und wird das Centro de Artes Visuales besitzen - eine Gesamtfläche von 10 000 m² für Ausstellungen, Workshops… Ich will Kultur anbieten. Wir müssen helfen, damit jede Region am Ende ihr eigenes Zentrum hat - wie in Deutschland. Es bleibt aber in Spanien. Ich lebe hier seit 50 Jahren. Ich liebe Spanien.
Herr Falckenberg wird eine Ausstellung mit meiner Sammlung organisieren. Die Eröffnung findet am 21. November in Hamburg statt. Es werden dann 70% von einer "Fremd-" und 30% von ihrer eigenen Sammlung gezeigt. Sie werden - in Zusammenarbeit mit einem Kurator - eine große Ausstellung präsentieren und einen Katalog zusammenstellen. Wir müssen die Kunstverbreitung fördern, auch indem wir verschiedene Sammlungen zusammenbringen.

Artfacts.Net: Sie versuchen, Ihre Werke so häufig wie möglich auf Reise zu schicken...

Helga de Alvear: Ja, ich stelle meine Werke so häufig wie möglich in verschiedenen Orten aus. Das ist ja übrigens die Raison d'Être jedes Werkes: es muss ausgestellt werden, es ist nicht nur als Innendekoration gedacht. Ich habe viele Werke zuhause, aber es ist nicht voll davon. Manchmal wechsle ich die Werke aus. Ich lebe eine Weile mit ihnen - es gibt da einige Arbeiten, die ich sehr liebe, andere wiederum sind zu groß, um in ein Haus zu passen.

Artfacts.Net: Caceres ist darum bemüht, Europäische Kulturhauptstadt 2016 zu werden…

Helga de Alvear: Das wollen sie, und ich helfe ihnen natürlich so gut ich kann.

Artfacts.Net: Die zeitgenössische Kunst hat einen Höhepunkt erreicht; es gibt immer mehr Privatsammler, die eine beachtliche Anzahl an Werken sammeln und dann nach Institutionen suchen, die das kulturelle Erbe mit der Gesellschaft teilen wollen. Sie sagten einmal, dass Galeristen "verantwortlich" für die Kultur seien. Sind Sammler für die Kultur innerhalb der Gesellschaft verantwortlich?

Helga de Alvear: Ja, unbedingt. Es gibt zwei verschiedene Arten von [Sammlern]. Zum einen gibt es all jene, die sich Sammler nennen und ihre Häuser dekorieren. Das sind keine Sammler - das sind reiche Leute, die an dem einen Tag eine Jacht kaufen, und einen Ferrari oder ein Gemälde an einem anderen Tag. Und dann gibt es die wahren Sammler. Das sind diejenigen, die helfen wollen, weil sie sich der Bedeutung und Wichtigkeit von Kultur bewusst sind. Davon mal abgesehen wird es aber auch eine Sucht. Meine Sammlung ist meine Sucht.

Helga de Alvear und Patricia Blasco (AfN).

Artfacts.Net: Hat sich im Bezug auf die Sammlung die Vorgehensweise seit dem Projektbeginn im Centro de Artes Visuales (Cáceres) verändert?

Helga de Alvear: Überhaupt nicht. Ich war mir von Anfang an darüber im Klaren. Außerdem bin ich mit den Autoritäten übereingekommen, dass ich es auf meine Weise tun werde. Alle wollen, dass es so bald wie möglich losgeht.

Artfacts.Net: Konnten Sie sich nach vielen Jahren der Arbeit in der Kunstwelt noch die "Anfängerfrische" bewahren? Kaufen Sie noch impulsiv bei Liebe auf dem ersten Blick?

Helga de Alvear: Natürlich! Ich bin eine absolut impulsive Person; ich schaue mir das Werk an, verliebe mich und kaufe es. Deshalb könnte ich auch niemals einen Berater haben - wenn mir jemand sagen würde, dass ich irgendetwas kaufen sollte, dann würde ich direkt kehrt machen und weggehen. Es geht in erster Linie darum, dass mir das Werk gefällt. Ob es passt oder nicht, sehe ich dann später.

Artfacts.Net: Gibt es ein Heilmittel für den Sammler?

Helga de Alvear: Nein, ich glaube, es gibt kein Heilmittel. Es ist ja auch nicht schlecht für die Gesundheit, nur für den Geldbeutel… Das muss man kontrollieren, und das ist manchmal schwer!


Interview: Patricia Blasco
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