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Art Cologne: Interview mit Oliver P. Kurth


Oliver P. Kurth und Marek Claassen

AfN: Dies ist ein Artfacts.Net Interview mit Herrn Kurth, dem Geschäftsführer der Kölnmesse GmbH.

Guten Tag Herr Kurth.

Kurth: Schönen guten Tag.

AfN: Wie viele Messen veranstalten Sie pro Jahr?

Kurth: Wir haben hier so knapp 70 Messen im Jahr.

AfN: Also, fünf pro Monat.

Kurth: Es gibt da ja immer die saisonalen Peaks. In der Sommerzeit ist es eher ruhiger, und im Herbst und Frühjahr ist es dann wieder kräftiger.

AfN: Und welche Rollen spielen dabei die beiden Kunstmessen?

Kurth: Die spielen insofern eine sehr wichtige Rolle, als sie zumindest bisher eine gewisse Glanzwirkung auf unser Portfolio hat, d.h. sie spielen finanzwirtschaftlich gesehen eine eher untergeordnete Rolle, aber sie spielen in ihrem Image, in ihrer Außenwirkung, weit über Köln hinaus, natürlich eine sehr wichtige Rolle. Deshalb sind wir auch sehr daran interessiert, dass diese Veranstaltungen hier auch Erfolg haben und gut nach außen positioniert sind.

AfN: In Amerika gibt es z.B. Firmen wie Merchandise Mart, die die Armory und die Volta gekauft haben, oder Reed Exhibitions, die expandieren - sie haben die Fiac und die Viennafair. Welche strategische Bedeutung hat das für den Kunstmessenmarkt?
Was bezwecken diese Firmen? Kann man aus Ihrer Sicht damit Geld verdienen?

Kurth: Damit Geld zu verdienen, ist sehr sehr schwer. Wir tun es nicht - das sage ich jetzt mal ganz offen. Das ist aber auch kein Geheimnis. Für uns ist die Art Cologne sicherlich auch ein Stück weit kulturpolitische Verantwortung, die wir haben, die wir sehen - für Köln, für die Region und auch für Deutschland.

Die Art Frankfurt wurde abgesagt, die dc contemporary wurde auch abgesagt. Im Moment gibt es anscheinend auch heftige Diskussionen in Berlin darüber, wie man die gesamte Messelandschaft dort konsolidieren kann. Finanzwirtschaftlich zeigt es, dass das kein deutsches Einzelschicksal ist, sondern dass sich sehr sehr viele Kunstveranstaltungen in Deutschland schwer tun zu überleben und zu bestehen.

AfN: Warum gibt es dann diese anderen Messegesellschaften, die auf Einkaufstour gehen?

Kurth: Das ist für uns nichts Neues; auch wir gehen auf Wanderschaft und kaufen Messen ein. Wir haben schon eine ganze Reihe wichtiger Veranstaltungen zugekauft. Wir tun das, wenn wir der Meinung sind, dass die Situation dieser Branche ein gewisses Potential hat.

In Köln und in der Kunst sieht das ganz anders aus. Wir kommen ja von blühenden Zeiten, als wir in den 90ern hier noch 300 Galeristen hatten - also vergleichbar mit Basel, auch mit einer ähnlichen Qualität - aber das hat sich ja in den letzten 20 Jahren deutlich verändert. Wir haben qualitativ einen Erosionsprozess, und ich glaube nicht, dass Reed oder andere heute gern die Art Cologne kaufen würden. Die Voraussetzungen müssen einfach erstmal geschaffen werden, und an diesen Voraussetzungen arbeiten wir ganz maßgeblich. Sie kennen ja die Änderungen, die wir durchgeführt haben, und die dazu beitragen sollen, dass wir vielleicht mal wieder in eine [so positive] Situation kommen.

AfN: Sie haben gesagt, dass die Art Cologne auch ein bisschen zur Identität der Stadt gehört und mehr ist als "bloß Messe". Wenn man durch die Stadt geht, ist die Art Cologne-Werbung mit ihren Fahnen und Plakaten ja wirklich omnipräsent. Es geht dabei doch nicht nur um die wirtschaftliche Stärke der Messe, sondern auch darum, die Stadt zu präsentieren.

Kurth: Sicher. Ich sehe es als unseren Teil der Verantwortung. Wir könnten uns ja auch sehr leicht tun und sagen "Wir erreichen mit so einer Veranstaltung nicht mehr unsere finanzwirtschaftlichen Ziele, also schmeißen wir sie raus!". Das geht einfach nicht, weil wir uns schon als ein öffentliches Unternehmen - wir sind ja in Kommunal- und Landesbesitz - in einer anderen Verantwortung sehen. Aber wir brauchen mehr. Wir können es allein nicht stemmen. Köln, die Region und wir, die Messegesellschaft, müssen zusammenarbeiten, dass sich vieles zum Besseren wandelt, um diese Veranstaltung weiterhin positiv zu positionieren.

AfN: Und ist die Melange von klassischer moderner und zeitgenössischer Kunst etwas, das für die Art Cologne erhaltenswert ist - also allen Geschmäckern etwas zu bieten? Oder könnten Sie sich vorstellen, sich da inhaltlich neu zu positionieren?

Kurth: Also, ich will dem Daniel Hug da nicht vorweggreifen. Er ist ja nun gerade erstmal da, kommt am 1.Mai eigentlich hier erstmal richtig zum Zuge. Ich glaube: Ja, die Mischung macht es aus. Eine reine Veranstaltung für zeitgenössische Kunst gab es woanders auch und hat nicht funktioniert. Die Mischung von klassischer Moderne, akzeptierter Gegenwartskunst und dem zeitgenössischen Aspekt ist die richtige Mischung. Da sollte man dran arbeiten, und ich glaube auch, dass das die Meinung der wichtigsten Galerien hier vor Ort ist.

AfN: Und Sie lassen Herrn Hug da völlig freie Hand?

Kurth: Ja. […]
Und ich darf Ihnen eins sagen: Das war früher auch nicht anders. Vielleicht ist das anders beschrieben worden, aber auch der Gérard Goodrow als Daniels Vorgänger hatte ja alle Möglichkeiten. Er [der Art Director] hat natürlich ein Budget; das ist ganz klar. Aber im Rahmen seines Budgets kann er machen, was er will. Und ob er das Geld in Pressearbeit steckt, ob er es rausschmeißt, ob er Besuchermarketing macht oder VIP-Leute engagiert - er kann machen, was er denkt, was nötig ist. Wir haben Vertrauen in ihn, und ich bin mir sicher, er wird das auch nutzen und uns erfolgreich mit der Art Cologne weiterführen.






AfN: Ich habe im Art Magazin gelesen, dass Sie sich dazu entschlossen haben, den BVDG wieder stärker in die Art Cologne einzubinden.

Kurth: Ich will nicht sagen, dass der BVDG jetzt hier das letzte Wort hat. Das ist es ganz bestimmt nicht. Der Art Director muss den Rücken da frei haben, und er wird die letzte Entscheidung haben. Daniel Hug wird die letzte Entscheidung haben.

Aber der BVDG ist sicherlich in den letzten Jahren hier etwas unterrepräsentiert, das muss ich wirklich so sagen. Und wir müssen ja auch immer daran denken, dass die Hälfte der Aussteller hier BVDG-Mitglieder sind. Das darf man nicht vergessen. Noch sind sie das. Das kann sich mal ändern. Wenn sich hier gewisse Internationalisierungstendenzen durchsetzen, und Daniel Hug ist derjenige, der im Ausland für uns kämpfen wird, dann wird sich das vielleicht von der Quote her verändern, aber ich glaube, das ist ein langjähriger Partner, und der Gerrit Friese ist jemand, mit dem man auch sehr gut reden kann, der auch viel strategisches und konzeptionelles Wissen hat, und das würden wir sehr gern mit einbinden.

AfN: Die Verbände sind ja manchmal ein bisschen altbacken…

Kurth: Sie gelten als altbacken. Das ist immer das Problem. Wenn man schon Bundesverband sagt, dann kriegt man das Zucken und denkt sich "wie soll das funktionieren?". Aber ich mache das wirklich auch von Personen abhängig, und ich kann sagen, dass im Moment der Vorstand vom BVDG da sehr offen ist, uns gegenüber sehr wohlwollend und sympathisch eingestellt ist, und dass wir alle ein gemeinsames Ziel haben. Warum soll man das nicht ausnutzen?

AfN: Früher war es schon ein Erlebnis, nach Paris zu fahren, und heute fliegt man mal schnell nach Miami oder Shanghai. Hat die Art Cologne den Anspruch, sich mit den großen internationalen Messen auseinanderzusetzen?

Kurth: Die Fiac hat sich doch hervorragend wieder gemausert, auch Madrid hat einen guten Job gemacht. - Man muss einfach sagen, und das muss man auch anerkennen: Köln ist nicht mehr allein auf dieser Welt. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren hat sich auf dem globalisierten Kunstmarkt so viel getan; die Frieze in London beispielsweise ist eine Veranstaltung, die irgendwo in der Dotcom-Zeit entstanden ist, aber die einen absoluten Stellenwert hat; junges internationales Sammlerpublikum ist auch da. Ich glaube, ein Standort, in dem eine Kunstmesse stattfindet, kann sich nicht nur auf das konzentrieren, was in den eigenen Hallen stattfindet, sondern sie muss sicherstellen, dass das Umfeld, das atmosphärische Umfeld passt. Es muss hip sein, es muss Kult sein. Und da reicht manchmal ein Museum nicht. Da muss mehr sein als das; da muss Szene sein. Und diese Szene ist uns sicherlich ein Stück weit abhanden gekommen.

AfN: …abgewandert nach Berlin.

Kurth: Ich sehe natürlich mit Respekt nach Berlin, aber ich glaube, es ist nicht nachhaltig. Die Sammlerstrukturen sind dort nicht gegeben, und Berlin hat in den letzten Jahren seit der Wiedervereinigung in jeder Branche irgendeinen Hype erlegt, der sich nach zwei, drei Jahren immer sehr schnell wieder gelegt hat. Ich habe noch nicht so das nachhaltige Gefühl, dass Berlin jetzt unbedingt für Deutschland die Poleposition einnehmen wird. Glaub ich nicht dran. Ich glaube, wir haben die besten Möglichkeiten nach der Absage von Frankfurt und Düsseldorf, altes Terrain wieder gutzumachen. Und ich würde mir wünschen, dass wir erstmal unangefochten - und das ist für Daniel harte Arbeit genug - wieder die Eins in Deutschland werden, und dann können wir sicherlich die Standorte mal näher unter die Lupe nehmen.

AfN: Früher, so hieß es, war die Art Cologne immer eine Sammlermesse, und es gibt hier ja auch viele "Industriellenfamilien". Gibt es so etwas eine Sohnsammlergeneration? Sind die hier oder doch eher in z.B. Miami?

Kurth: Das ist ein Problem. Das, was Sie jetzt ansprechen, ist ganz ganz wichtig - genau dieser Generationssprung. Ich glaube, da ist man nicht mehr so mit den Traditionen verhaftet, wie das vielleicht in der alten Zeit war. Es gibt ja diese Berliner Studie "11 Milliarden zu 7 Milliarden", also "Sammlerumfeld hier vs. Berlin", die zeigt, dass im Rheinland nach wie vor das stärkste Potential steckt. Es ist natürlich unsere Herausforderung, dass das überhaupt an die neue Generation übergeben wird. Da haben wir Arbeit zu leisten; das kann aber vielleicht auch im Rahmen unserer Programmlinie, die wir jetzt für die Art Cologne aufbauen wollen, sichergestellt sein.

Also, das ist viel viel Arbeit, aber noch mal: Wir können es nicht allein schaffen, wir müssen es mit der Region gemeinsam machen. Damit meine ich nicht nur die Stadt Köln, sondern ich meine auch die Region - Düsseldorf, Bonn… Ich meine, allein kann Düsseldorf es auch nicht stemmen. Das Projekt ging furchtbar in die Hose, was sicherlich schade für Düsseldorf ist. Ich will gar nicht verhehlen, dass das für uns sicherlich nicht substantiell, aber zumindest eine Hilfe für die Veranstaltung gewesen ist.

Und eins macht mir Mut: Wir haben eine deutlich bessere Stimmung hier auf der Veranstaltung als noch beim letzten Mal. Wir haben eine bessere Klientel hier, bessere Galerien als noch in den letzten zwei Jahren. Es ist die beste Basis für einen Neubeginn, und Daniel Hug hat jetzt aus der Kraft dieser Veranstaltung die Chance zu punkten.

[…]

AfN: Er bemüht sich u.a. auch darum, jüngere Sammlergenerationen herzulocken und aktiv zu machen…

Kurth: Es ist ja bezeichnend, dass in dieser Veranstaltung, "Open Space", der ja relativ groß ist, ca. 300 m², in gewisser Weise ein Zuschauermagnet war, insbesondere bei dem jungen Publikum. "Open Space" zieht einfach auch vielleicht eher eine jüngere Generation; Geld substantiell ausgegeben wurde eine Etage höher - das muss man auch ganz ehrlich sagen - bei der klassischen Moderne. Wir haben hier Werke, Kirchner für 5,5 Millionen Euro, sicherlich ein kräftiges Pfund; auch da werden Umsätze gemacht. […]

Die Kunst braucht ein Spannungsfeld, und das Spannungsfeld sehe ich hier wirklich zwischen der klassischen Moderne und auch wirklich mal Avantgarde. Das hat auch immer schon dieses Interesse geweckt. Wir haben ja hier ein sehr lustiges, heterogenes Volk in Köln und Umgebung, nicht nur im Sammlerbereich, sondern auch wirklich im einfachen Publikum, und das gehört auch dazu; das ist eine Impulsgeberfunktion. Und deshalb bin ich der Meinung, dass wir so schlecht gar nicht aufgestellt sind. Wir müssen die Qualität verbessern, wir müssen internationaler werden, wir müssen einen besseren Dialog mit der Kunstwelt führen - deshalb auch der internationale Beirat, den wir jetzt hier geschaffen haben, den Daniel zusammengestellt hat - und dann bin ich mir ganz sicher, dass wir in 2009 schon wieder eine Schippe mehr drauf nehmen können.

AfN: Das mittelfristig strategische Ziel besteht also darin, das Schiff wieder voll auf Kurs zu bringen.

Kurth: Genau. Wir leisten uns auch den Luxus, nicht wieder 200, 250, 300 Galerien zuzulassen, einfach um hier nackte Quadratmeter zu verkaufen, sondern wir wollen [der Art Cologne] auch die Chance und die Zeit geben, die [sie] braucht, um qualitativ zu wachsen, und dann schließen wir natürlich nicht aus, dass wir den ein oder anderen Galeristen mehr aufnehmen. Wie gesagt, Basel - 300 Aussteller, aber eine andere Liga. Gab es hier auch mal. Ich hoffe, es dauert nicht wieder 20 Jahre, bis wir das hinkriegen, aber wir arbeiten dran.

AfN: Es ist schön, Sie so optimistisch zu erleben. - Und Sie glauben nicht, dass es durch die Internationalisierung der Messen zu einer Art Starbucks/McDonald's-Entwicklung kommen wird, mit den immer gleichen Galerien…

Kurth: Sie meinen so eine Filialisierung… Nein, das hoffe ich nicht. Es ist natürlich ein interessanter Aspekt, aber ich glaube, mittlerweile ist die Kunst so vielschichtig, es kommt so viel nach - wenn ich daran denke, was da aus Korea, Japan, Indien, aus der - mittlerweile sehr stark gewordenen - Türkei kommt… Wir überlegen uns auch, mit einem Partnerlandkonzept zu arbeiten, um da einfach gewisse Akzente zu setzen. Es kommt so viel Junges nach. Wir müssen bloß immer aktuell dabei bleiben. Das ist, glaube ich, unsere große Herausforderung, dass wir die Märkte wirklich rechtzeitig erkennen und vielleicht sogar noch eine Nasenspitze voraus sind.

AfN: Vielen Dank für das Interview.


Inteview: Marek Claassen
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