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Hong Kong Art Fair – Interview mit Magnus Renfrew


Magnus Renfrew und Federico Narracci

Hong Kong Art Fair - Interview mit Magnus Renfrew

AfN: Wie ist Ihr Interesse zur Kunst entstanden? Wie haben Sie dieses vertieft?

Renfrew: Meine Eltern hatten einen starken Bezug zur Kunst; ich musste mich schon von klein auf viel in Galerien aufhalten - damals noch wild um mich tretend und schreiend. Aber letztendlich hat sich mein Widerstand gelegt, und ich fing an, mich [für Kunst] zu interessieren.

AfN: Ihr Vater ist ein bedeutender Archäologe…

Renfrew: Ja, sogar im Alter von 70 Jahren macht er noch wichtige Ausgrabungen in Griechenland.

AfN: Es ist Ihnen also etwas Vertrautes, Sie hatten einen gewissen kulturhistorischen Zugang...

Renfrew: Absolut; und dann hat sich das Ganze weiterentwickelt. Meine ersten Jobs hatte ich mit 19, in einigen Galerien. Das war eine fantastische Zeit. Ich habe das wirklich genossen, weil ich da mit guten Leuten zu tun hatte!

AfN: Das war in London?

Renfrew: Ja, richtig. Dann habe ich Kunstgeschichte an der Universität in St.Andrews School of Languages studiert. Im Sommer arbeitete ich immer wieder für einige Galerien, und auch ein Praktikum in Venedigs Guggenheim habe ich gemacht.

AfN: Lassen Sie uns nun über die Messe sprechen. Warum Hongkong? Wahrscheinlich nicht allein aus Steuergründen?

Renfrew: Alle Augen sind zurzeit auf Asien gerichtet; es entwickelt sich eine neue Weltordnung, und die Messe sollte das - die ständigen Veränderungen - widerspiegeln. Wir wollten also eine Messe, die die Vielfalt der Kunst, die heutzutage [hier] entsteht, auch zeigt. Hongkong ist eine großartige Stadt für internationale Veranstaltungen und Events; sie wurde immer als ein Tor, eine Brücke zwischen Ost und West betrachtet. Sie ist in internationaler Hinsicht wirklich angesagt. Für die Menschen in Asien, aber auch für all jene aus Australien, Neuseeland etc., ist sie sehr gut zu erreichen.
Im Hinblick auf die Steuersituation gibt es in Hongkong natürlich deutliche Vorteile; das erleichtert das Geschäftemachen hier. Hongkong ist der zweitgrößte Finanzmarkt in Asien und in Sachen Auktionsumsatz weltweit der drittgrößte Markt nach New York und London.
Eins der Schlüsselelemente ist die Tatsache, dass wir unter Asiaten eine Art neutralen Boden darstellen. Es ist eine asiatische Weltstadt - sie gehört zu China, ist aber gleichzeitig anders. Die anderen asiatischen Messen sind sehr stark auf das Land bezogen, in dem sie stattfinden. Der Großteil der Kunstmessen in China ist sehr chinesisch, die Kiaf ist sehr koreanisch, das Gleiche gilt für Taipei und Singapur. Wir wollten eine Option anbieten, eine zentrale Messe in und für Asien, die für Galerien aus Korea, Taiwan, China und überall in der Welt attraktiv sein würde. Wir sind sehr glücklich, dass in unserer Eröffnungsnacht einige der 50 besten Sammler aus Taiwan, eine gute Präsenz koreanischer Sammler und eine große Anzahl der führenden chinesischen Sammler anwesend waren. Ich glaube, die Leute sind schon sehr gespannt auf Hongkongs Potential.

AfN: Sie haben eine sehr starke und umfassende Werbekampagne gestartet. Welches Publikum möchten Sie erreichen?

Renfrew: Als Kunstmesse suchen wir nach ganz verschiedenen Publikumselementen; wir suchen natürlich all jene, die vorbeikommen und auch kaufen möchten, aber wir haben gleichzeitig auch eine sehr wichtige kulturelle Funktion: Wir bieten den Menschen die Möglichkeit, einige der besten Werke zu sehen, die heute und in den letzten 100 Jahren entstanden sind. Wir wollen also unbedingt eine große Publikumsbandbreite dazu ermutigen, hierher zu kommen.
In Bezug auf das lokale Publikum war es uns sehr wichtig, sowohl die lokalen Hongkonger Chinesen als auch andere Communities zu erreichen. Doch auch insbesondere die Sammler aus Taiwan und Korea sollten angesprochen werden. Das sind schon seit einiger Zeit die am stärksten international ausgerichteten Gruppen in Asien. In Anbetracht der Resultate können wir schon sagen, dass es eine sehr erfolgreiche [Werbe-]Kampagne war.

AfN: Welche Absicht haben Sie mit der Zusammensetzung der Beratergruppe erzielt? Wie spiegelt sich das in der Struktur und Organisation der Messe wider?

Renfrew: Die Beratergruppe war wirklich sehr hilfreich. Sie hat unsere Absichten in den Kunst-Communities verbreitet und eine sehr klare Richtung vorgegeben: Sie zeigte uns, mit wem wir sprechen sollten, wohin wir gehen sollten, welches potentielles Fallstrick wir vermeiden sollten.
Die Beratergruppe ist extrem stark. Sie steht unter der Führung von Charles Merewether, dem Kurator und künstlerischen Leiter der Sidney Biennale 2006. Es sind auch Leute mit vielen verschiedenen [beruflichen] Hintergründen dabei; wir fanden es sehr wichtig, dass sich die Beratung aus den verschiedenen Elementen der Kunstwelt, wie z.B. auch Verlagswesen oder Auktionsmarkt, zusammensetzt.
Aber ganz besonders wichtig war es uns, eine Gruppe zu haben, die eine Beratung für eine internationale Kunstmesse in und für Asien anbieten konnte; für eine Kunstmesse, die die ganze Vielfalt in einem internationalen Kontext widerspiegeln würde. Es sollte keine asiatische Team-Show werden. Asiatische Künstler werden oft als eine eigene Kategorie betrachtet, aber ich bin der Meinung, dass ein guter Künstler - auch in einem sehr jungen Markt - schon in der internationalen Kunstszene arbeiten und produzieren sollte.
Alle Mitglieder unserer Beratergruppe haben auf internationaler Ebene und auch direkt in Asien Erfahrungen gesammelt, so dass sie dazu in der Lage waren, die asiatischen Werke in einen internationalen Kontext einzubetten. Ich glaube, das war ein großer Erfolg.

AfN: Was waren Ihre Auswahlkriterien für die Galerien?

Renfrew: Es gab drei: Die von ihnen repräsentierten Künstler, das kuratorische Programm in den vergangenen Ausstellungen, ihre Ausstellungsvorschläge für die Messe.

AfN: Die westlichen Galerien bewegen sich auf dem höchsten Niveau, während sich die östlichen Galerien mit den aufstrebenden Galerien vermischen - das gilt auch für die Preise. Welche Strategie steckt dahinter? Sollen die westlichen Galerien verkaufen oder in erster Linie ausstellen?

Renfrew: Wir glauben, dass die Galerien beider Seiten verkaufen werden können. Es muss natürlich noch ein Bildungsprozess stattfinden. Das ist ein sehr junger Markt, aber wir sind davon überzeugt, dass wir ihn sowohl für den Osten als auch für den Westen weiterentwickeln werden, so wie sich auch die Wirtschaft und der Geschmack der Menschen weiterentwickeln werden. Hongkong und Asien hatten zuvor nicht die Gelegenheit, Werke von so hoher Qualität zu sehen; das ist wirklich das erste Mal, und ich glaube, dass dies ein wunderbarer erster Schritt in Richtung Weiterentwicklung und Verständnis ist.
Was die Preisstrategie betrifft, so sollte diese so breit gefächert wie möglich ausfallen.

AfN: Diese breite Fächerung betrifft allerdings nur östliche Galerien.

Renfrew: Ja, das stimmt. Da wir aber über einen sehr jungen Markt sprechen, der erst vor kurzem Zugang zu angemessenen Informationen erhalten hat, sind die Menschen noch nicht darauf vorbereitet, Werke von westlichen, aufstrebenden Märkten zu kaufen. Wir versuchen also ihren Erwartungen gerecht zu werden, die sich - besonders im chinesischen Festland - stärker auf große Markennamen konzentrieren.

AfN: Es gibt auch eine Reihe an Nebenveranstaltungen...

Renfrew: Wir sind sehr glücklich, dass es ein starkes Begleitprogramm gibt; wir haben unglaublich viel Unterstützung von außen erhalten. Wir haben eine Reihe an Gesprächen organisiert, die so genannten "Hong Kong Conversations" mit führenden Sammlern, Kuratoren und Größen aus dem kulturellen Bereich in Hongkong.

AfN: Warum finden nicht auch parallele Kunstausstellungen statt?

Renfrew: Ich denke, man sollte realistisch sein in Bezug auf das, was man erreichen kann. In mittelfristiger Hinsicht gibt es allerdings Elemente, die wir noch weiterentwickeln möchten.

AfN: Welche asiatischen Institutionen halten Sie für bedeutsam, welche haben gute Zukunftsaussichten?

Renfrew: Im chinesischen Festland gibt es noch ein sehr junges System, wo die meisten Institutionen der Regierung unterstehen. Es könnte also bedeutungsvoll sein, an diesen Institutionen international ausgebildete und erfahrene Kuratoren auf hohem Niveau zu engagieren. Japan und Korea haben sehr etablierte Museumsstrukturen von internationalem Ruf; dort arbeiten Leute mit internationalen und starken kuratorischen Erfahrungen.
In Hongkong gibt es einige großartige Institutionen, die sehr gute Arbeit leisten; in Sachen Weiterbildung könnte ich als Beispiel das Asia Art Archive nennen, das auch das, was passiert, aufzeichnet und festhält, und zurzeit entwickeln sich die Dinge sehr schnell in Asien. Ich glaube also, dass das sehr wichtig ist und in Zukunft einen großen Wert haben wird. Eine weitere bedeutende Institution ist Para/Site Art Space; sie wird von Tobias Berger kuratiert, ein deutscher großartiger Leiter mit hervorragender internationaler Erfahrung.
Es gibt viele Menschen in Hongkong, die sich wirklich darum bemühen, den richtigen Ansatz nach vorn zu bringen.

AfN: Angesichts der Steuervergünstigung in Hongkong denkt das Festland China über eine Art "Straf-"Besteuerung (34%) nach?

Renfrew: Es ist eine Tatsache, die die Leute berücksichtigen; und einer der Gründe, warum wir Hongkong ausgewählt haben, ist der, dass diese vorteilhafte Steuersituation es zu einem sehr guten Geschäftsort macht.
Ich kenne Chinas Absicht nicht, aber ich würde die Situation vielleicht überdenken, um positive Ergebnisse zu erhalten.
Ich für meinen Teil finde es toll, dass Hongkong diesen Vorteil hat.

AfN: Aufgrund des politischen und wirtschaftlichen Einflusses ändert der Wind nun - nach einer amerikanischen Ära - seine Richtung. Das Geld kommt allmählich aus anderen Richtungen - aus Hongkong beispielsweise, aber auch aus Asien im Allgemeinen. Das wird sicherlich große Veränderungen mit sich bringen. Wie werden diese wohl - Ihrer Einschätzung nach - in der Kunstwelt aussehen? Wie werden sie sich weiterentwickeln? Wird es zu einer "freundschaftlichen Fusionierung" der Kulturen kommen oder zu einer "Übernahme"?

Renfrew: Ich glaube, es ist nicht meine Aufgabe, so viel über die politischen Dinge zu reden, darüber, ob es zu einer Konfrontation oder einer freundschaftlichen Zusammenarbeit kommen wird. Ich halte es für sehr wichtig, dass sich die Menschen auf Chinas Kultur einlassen, weil der Osten und der Westen sehr verschiedene kulturelle Hintergründe haben. Ich habe im letzten Jahr in Shanghai gelebt und war fasziniert, dass die Menschen dort eine ganz andere Denkweise haben. Es ist von großer Bedeutung für den Osten und den Westen, geduldig miteinander zu sein.
China erlebt eine Zeit des Wandels, eine sehr spannende Zeit. So wie New York in den letzten fünfzig, sechzig Jahren das Zentrum der Kunstwelt war, wird Asien das Zentrum im nächsten Jahrhundert sein. Davon bin ich überzeugt. Die Kulturwelt neigt dazu, der finanziellen und politischen Macht zu folgen.


Interview: Federico Narracci

www.hongkongartfair.com

(22.5.2008)

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