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Das Auge der Konservatorin - Petra Maria Joos: Der Guggenheim-Effekt


Guggenheim Bilbao

Die Hauptkonservatorin des Guggenheim Bilbao erzählt uns von dem Geist und der Geschichte des Museum, das vor kurzem sein 10jähriges Bestehen gefeiert hat.

Petra Maria Joos ist seit 2000 Hauptkonservatorin und Kuratorin des Guggenheim Museums in Bilbao. In den Jahren 1990 und 1991 war sie für die Ausstellungen an dem Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid zuständig, und im Anschluss daran, von 1992 bis 1999, arbeitete sie als Direktorin der Stiftung Bancaja de Valence.

Gazette de l'Hôtel Drouot: Das Guggenheim Bilbao von Frank Gehry wurde im Oktober 1997 eröffnet und in der ganzen Welt als Meisterwerk der zeitgenössischen Architektur gefeiert; wie ist dieses ehrgeizige Projekt entstanden, das inzwischen zum Kunst- und Kultursymbol des Baskenlandes geworden ist?

Petra Joos: Das ist die Geschichte einer glücklichen Begegnung. Die Solomon R. Guggenheim Stiftung machte damals kein Geheimnis aus ihren Expansionsambitionen in Richtung Europa; sie waren aus dem wachsenden Bedürfnis entstanden, die Sammlung in seiner Gesamtheit und insbesondere für ein neues Publikum auszustellen. Bilbao befand sich zu jener Zeit in einer tiefen industriellen Krise. Die Stadt war sich der Notwenigkeit einer Veränderung bewusst und trug sich für einen wirtschaftlichen und städtebaulichen Regenerierungsplan ein. Es war zu dem Zeitpunkt so, dass der bereitwillige, geradezu visionäre Ansatz der baskischen Regierung und der Provinzautoritäten von Biscaye es ermöglicht haben, dieses Projekt ins Leben zu rufen. Unser Beitrag als museumsgrafische Einrichtung hat der architektonischen und kulturellen Weiterentwicklung Bilbaos natürlich geholfen - es war eben das, was man gemeinhin als "Guggenheim-Effekt" bezeichnet!

Das war ja ein gewagter Schritt, in Anbetracht der Summen, die dafür aufgebracht werden mussten…

Das stimmt. Das Baskenland hat viel riskiert: einige 150 M€ für das Museum, die Sammlung und die Genehmigung des Namens "Guggenheim" für einen Zeitraum von 25 Jahren. Es hat natürlich allgemeine Proteste gegeben, eine sehr harte Opposition, gefolgt von einer langen Polemik gegen dieses Projekt, von dem die Kritiker behaupteten, es sei extravagant und unangemessen. Gleichzeitig hat Bilbao immer seine guten Beziehungen zur Außenwelt gepflegt. Dank des industriellen Erbes, des Schiffbaus, der maritimen Vergangenheit, gibt es hier eine Tradition der Offenheit. Letztendlich haben sich die strategischen Kalkulationen durchsetzen können; man ließ sich auf das Guggenheim ein mit der Erwartung, jährlich 500 000 Besucher anlocken zu können. Im ersten Jahr hat das Museum diese angestrebte Besucherzahl fast verdreifacht - es waren 1 300 000 Besucher da!




Petra Joos


Wie haben sich die Zahlen weiterentwickelt?
In zehn Jahren hat das Guggenheim Bilbao fast 10 Millionen Besucher empfangen; 5,5 Millionen davon kamen aus dem Ausland. Das sind etwa 1 Millionen Eintritte pro Jahr, und 9 von 10 Besuchern kommen nicht aus der Euskadi.

Und welche Auswirkungen hatten die Museumsaktivitäten auf die baskische Wirtschaft?
Wir schätzen, dass, seit der Museumseröffnung, die erzeugten Einnahmen für die autonome Gemeinschaft bei 1,5 Md€ im BIP liegen; hinzu kommen zusätzliche Einnahmen für den Fiskus in der Höhe von etwa 260 M€; nicht zu vergessen: der Erhalt von ungefähr 4 500 Arbeitsplätzen im Jahr.

Wie hoch ist das Guggenheim-Gesamtbudget, und wie wird es finanziert?
Unser Jahresbetriebsbudget beläuft sich auf etwa 20 M€, 30% davon beziehen wir aus öffentlichen Gelder; die restlichen 70% aus unseren eigenen Aktivitäten; dazu gehört die Unterstützung unseres Museumsfreunde-Vereins, der ca. 16 000 Mitglieder umfasst, und die Unterstützung unserer 150 Mäzenunternehmen. Aufgrund dieser Führungsweise können wir uns heute zu den besten europäischen Kulturinstitutionen in Sachen Selbstfinanzierung zählen.

Welche Politik verfolgt das Guggenheim in Bilbao auf der museologischen Ebene?
In Anbetracht seiner Zugehörigkeit zum weltweiten Guggenheim-Museumsnetz leitet sich unsere ständige Sammlung natürlich aus den Ressourcen ab, die von unserer Stiftung geteilt werden. Gleichzeitig hat die Erschaffung des Guggenheim Bilbao zur Entstehung einer eigenen Sammlung geführt, die als komplementäre Komponente dienen sollte, doch ausgehend von einer persönlichen Identität und gleichzeitig die Beziehungen zwischen europäischer und amerikanischer Kunst hervorhebend… Diese Sammlung, die chronologisch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beginnt, wurde in vier großen Bereichen erweitert: "Meisterwerke und Sonderwerke"; "Baskische und Spanische Kunst"; "Standortspezifische Werke"; "Visionen in Tiefe".

Welche Kunstwerke lassen sich diesen vier Kategorien zuordnen?
In der Kategorie "Meisterwerke und Sonderwerke" sind Arbeiten, die man als wegweisend in der Kunstgeschichte betrachten könnte. Da sind u.a. Joseph Beuys' "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch" (1958-85), Louise Bourgeois' "Maman" (1999), Rothkos "Untitled" (1951-52) oder de Koonings "Villa Borghese" (1960). In der Kategorie "Baskische und Spanische Kunst" gibt es bemerkenswerte Werke von u.a. Saura, Barcelo, Tapiès, Chillida. In der Kategorie "Standortspezifische Werke" - Werke, die für die besonderen Räume im Museum konzipiert sind - können wir als Beispiele die "Installation for Bilbao" (1997) von Jenny Holzer, Jeff Koons "Puppy" (1992), Richard Serras "The Matter of Time" (2004) oder Daniel Burens "Arcs Rouges" (2007) anführen. Die letztgenannten wurden extra für die Brücke La Salve entworfen, die an das Museum grenzt. In der Kategorie "Visionen in Tiefe", wo die Arbeiten der wichtigsten zeitgenössischen Künstler gesammelt werden, kann man z.B. [Werke von] Kiefer, Oteiza oder auch Cy Twombly finden, dessen "Nine Discourses on Commodus", die 1963 in Rom vollendet wurde, die jüngste Anschaffung des Museums ist.




Guggenheim Bilbao


Wie hoch ist das Jahresbudget für Akquisitionen?
Circa 6-7 M€.

Wie ist Ihr Ausstellungsprogramm konzipiert?
In zehn Jahren hat sich unser Programm auf fast einhundert Ausstellungen konzentriert, deren eine Hälfte zur ständigen Sammlung gehört; die andere Hälfte ist für temporäre Ausstellungen (je nach Besucherzahl) gedacht: verschiedene Retrospektiven, die großen Gegenwartskünstlern gewidmet sind wie etwa Nam June Paik (417 545), Rothko (451 275), Rosenquist (487 582), Chillida (501 321), Kiefer (576 214), Calder (582 799); und auch bestimmte Trends künstlerischer Produktion wie die prestigeträchtigen Gruppenshows - z.B. "The Art of the Motocycle" (870 776), "From Jasper Johns to Jeff Koons: Four Decades of Art from the Broad Collections" (556 166) und schließlich die historischen Veranstaltungen wie "The Aztec Empire" (607 699) oder "Russia!" (621 188)…

Und Ihr Jahresbudget für Ausstellungen?
Etwa 6-7 M€.

Haben Sie Kontakt zu anderen Institutionen?
Es ist unmöglich, Ausstellungen in diesem Umfang im Alleingang, ohne Kostenteilung, zu organisieren. Darum arbeiten wir - jenseits der Zusammenarbeit mit den Guggenheim Museen in New York, Venedig, Berlin und Las Vegas - auch regelmäßig mit anderen Institutionen; unsere Partner sind das Kunsthistorische Museum in Wien, die Eremitage in Sankt Petersburg, nicht zu vergessen die Royal Academy of London, das Dallas Museum of Art, das San Francisco Museum of Modern Art, die Schirn Kunsthalle in Frankfurt, die Fondation Beyeler in Basel und das Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid.

Keine französischen Institutionen?
Nein, noch nicht, aber wir würden uns über eine solche Gelegenheit sehr freuen.

Hat das Guggenheim Bilbao, nach zehn Jahren, die Einstellung der Basken gegenüber der zeitgenössischen Kunst verändert?
Im Allgemeinen wird gesagt, dass in etwa eine Generation nötig ist, um öffentliche Meinungen zu ändern. Doch die zeitgenössische Kunst ist keine Frage der Nationalität, es ist nicht etwas, das von Amerikanern oder Europäern erfunden sein sollte. Es ist auch nicht so, dass es nur eine einzige und undifferenzierende Sprache für künstlerische, kulturelle oder kreative Handlungen gäbe, die man zeitgenössische Kunst nennen könnte. In diesem Sinne möchten wir unsere Ausstellungsthemen gern für andere Bereiche öffnen, die ebenso facettenreich sind wie etwa Mode, Design, Architektur, Fotografie, Videokunst und Performances… d.h. wir suchen einen multidisziplinären Ansatz in Bezug auf die Gesamtheit der Formen, die die aktuelle Sprache der Gleichzeitig- und Gegenwärtigkeit ist.

Worin besteht die Hauptherausforderung momentan? Die Weiterbildung der Öffentlichkeit?
Natürlich! Anlässlich des zehnten Jahrestages haben wir auch eine Reflexionsübung unter dem Titel der Guggenheim Generation vorgestellt; es geht darum, was das Museum für die Stadt Bilbao bedeutet hat, einschließlich der Theater- und Tanzstudios, die für all jene vorgesehen sind, die hier geboren und Seite an Seite mit dem Museum aufgewachsen sind, z.B. die heute 10 Jahre jungen Kinder, die das Wachstum des Museums miterlebt haben. Das ist es, was wir der Öffentlichkeit bieten wollen, mit allen praktischen und pädagogischen Mitteln, in der Hoffnung, dass wir eines Tages ein ganz natürliches Verhältnis zur Kunst etablieren können. Ja, diese Herausforderung ist, meiner Meinung nach, wirklich von essentieller Bedeutung.


Interviewaufzeichnung von Renaud Siegmann

Ausstellungen: Art in the USA-300 years of innovation, bis 27. April 2008
aktuell: Surrealist Things, bis 7. September 2008

Guggenheim Museum Bilbao: Architekt: Frank O. Gehry; eröffnet am 19. Oktober 1997; Titanummantelung. Dimensionen: über 50 m hoch, 30 000 m² Grundfläche, mit 24 000 m² Betriebsfläche und 20 Hallen, die natürliches Licht und 11 000 m² Ausstellungsfläche bieten.

Petra Maria Joos begann im Jahr 2000 ihre Arbeit als Chefkonservatorin und Kuratorin des Guggenheim Museums Bilbao.
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