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Picassos «Frau mit den verschränkten Armen»


«Frau mit den verschränkten Armen»,
Foto: Christie´s

Schöne Melancholie


Endzeitstimmung in Blau: Das Auktionshaus Christie´s hat für Picassos «Frau mit den verschränkten Armen» einen Rekordpreis von 125 Millionen Mark erzielt.

Von Claudia Becker

Erst kürzlich war es Raumschiff Enterprise, das Christie´s in das Interesse der Öffentlichkeit beamte. Das Auktionshaus kündigte an, die spitzen Ohren von Mr. Spock zu versteigern. Doch während für die Kautschuk-Lauscher des Schauspielers Leonard Nimoy läppische 2000 Dollar veranschlagt sind, hat das Auktionshaus jetzt einen Sensationspreis erzielt: Für 55 Millionen Dollar, umgerechnet 125 Millionen Mark, ging am Mittwoch in New York Pablo Picassos Gemälde «Frau mit verschränkten Armen» unter den Hammer. Wie Christie´s erklärt, handelt es sich dabei um die fünfthöchste Summe, die jemals bei einer Kunstauktion ausgegeben wurde.

«Es ist ein sehr beeindruckendes Bild, mit einer aufregenden Ausstrahlung, die ihm die Farbe verleiht», sagt der Berliner Kunstmäzen Heinz Berggruen über Picassos Gemälde. Der Picasso-Experte hält den Preis für das Kunstwerk, das eine schwarzhaarige Schöne mit traurig-leerem Blick zeigt, gerechtfertigt. Der tiefblaue Hintergrund unterstreicht, ganz in Picasso-Manier, in Farben Stimmungen einzufangen, ihre Melancholie.

1902 in Barcelona entstanden, gehört das Bild zu jener Schaffensphase Picassos, die als Blaue Periode in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Immer wieder sind es Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, Arme, Verzweifelte, Kranke, Bettler oder Absinthtrinker, an denen sich die düstere Endzeitstimmung der Jahrhundertwende ablesen lässt. Anders als in den Bildern seiner kubistischen Phase, die immer wieder seine Geliebte Dora Maar zeigen, lässt sich nicht nachweisen, wer sich hinter der «Frau mit den verschränkten Armen» verbirgt. «Es muss eine Frau aus seinem Umkreis gewesen sein, die der junge Maler in genialer Weise widergegeben hat», sagt Berggruen. Er vermutet, dass die Picasso-Vertraute und Schriftstellerin Gertrude Stein, die lange im Besitz des Bildes war, das Werk an die Pariser Kunsthandlung Seligmann verkauft hat. Schließlich gelangte es 1936 in den Beitz des Chicagoer Sammlerpaars Chauncey McCormick, die es 1972 dem Art Institute of Chicago leihweise zur Verfügung stellten. Dort war es ausgestellt, bis es jetzt von Christie´s zur Versteigerung angeboten wurde.

Auch Bernhard Schultz, Geschäftsführer des Berliner Auktionshauses Villa Grisebach, ist von dem Zauber des Gemäldes gefangen. «Ein großer Preis für ein sehr bedeutendes Werk», sagt er. «Mich überrascht der Preis nicht», so Schultz, der selbst bei der New Yorker Auktion dabei war und die Summe für angemessen hält. Christie´s selbst dagegen gab sich überrascht. Das Aktionshaus hatte mit 25 Millionen Dollar gerechnet. Dann hatten sechs Interessenten mehr als 32 Millionen Dollar geboten.
Schließlich ging das Bild nach einem Finalkampf zwischen zwei Bietern an jenen, der mehr als das Doppelte des Schätzpreises bot.

Über diese Summe wunderte sich Christie´s dann doch.
Dabei hat 1989 ein Käufer für «Die Hochzeitsgesellschaft von Pierrette» rund 92 Millionen Mark ausgegeben. Das war das bisher teuerste Werk des 1973 verstorbenen spanischen Malers, Bildhauers, Grafikers und Keramikers, der zu den bedeutendsten Künstlers des 20. Jahrhunderts gehört.

Den Namen des Käufers der «Frau mit den verschränkten Armen», so eine Sprecherin von Christie´s in London, gebe man natürlich nicht bekannt. Das sei Ehrensache.
Schließlich hat der anonyme Käufer seine Gebote telefonisch gegeben. Diese Art der Beteiligung sei, so Berggruen, bei so teuren Werken mittlerweile üblich.

Auch einen neuen Trend zu exorbitanten Preisen lasse sich aus dem jüngsten Ergebnis nicht ablesen, sagt Uta Machatius, Sprecherin der deutschen Dependance des internationalen Auktionators Phillips. «Es gibt immer wieder einmal Preisspitzen dieser Art, wenn ein entsprechend wertvolles Bild auf den Markt kommt.» Das Resultat bestätige lediglich, wie gesund der Kunstmarkt derzeit sei.
«Kunstwerke eignen sich zunehmend als Prestigeobjekte.» Dabei rangieren sie nicht nur als Alternative zu anderen Luxusgütern. «Leute, die ihr Geld für Ferraris ausgeben, legen es zunehmend genauso gut in Kunst an.»

Für Berggruen eignet sich das Rekordergebnis nicht zwangsläufig als Indiz für den florierenden Kunstmarkt. «Für ganz seltene und schöne Werke» würde in der Tat viel ausgegeben. Doch bei der jüngsten spektakulären Christie´s-Versteigerung in New York seien auch viele Werke, vor allem von Impressionisten, wieder zurückgegangen.

© Berliner Morgenpost 2000
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