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Kunst - Stadt - Medien

- Ein Diskussionsbeitrag zur Tagung "Kunststadt - Medienstadt - Medienkunststadt ?" am 23.10.99 im Museum Ludwig in Köln von Siegfried Zielinski -

Emphatisch beschrieb der große italienische Dichter Petrarca in einem Brief vom August 1333 ein Fest, das im selben Jahr in Köln zu Ehren Johannes des Täufers veranstaltet worden war. Die Frauen, die an dem Fest teilnahmen, waren mit wunderbar duftenden Blumenkränzen geschmückt und wuschen sich im Rhein. Ihre Schönheit und Grazie begeisterten den Poeten mächtig. Köln wurde für ihn mit diesem Ereignis eine Verdichtung.
Seitdem ist viel Wasser den Rhein heruntergeflossen. Es ist kaum mehr vorstellbar, daß man sich darin waschen könne, geschweige denn wunderschöne Frauen.
Vor zehn Jahren fand in der Liverpooler Tate Gallery eine Ausstellung mit dem Titel "Art from Köln" statt. Gesponsert von "Beck's Bier" mit einem Geleitwort des Marketing Chefs der Scottish and Newcastle Breweries. "Why Cologne?", fragen die Autoren des Leitartikels für den Katalog. Die Stadt sei architektonisch häßlich, sei die einzige der großen Städte in Deutschland, die lange gewartet habe mit der urbanen Reparatur der Kriegszerstörungen. Aber die Kölner seien berühmt für ihre Toleranz gegenüber dem Anderen, sie seien stolz auf ihre Exzentriker, auf ihre Individualisten, ihre Künstler. Blinky Palermo, die zugezogenen Rückriem, Polke und Richter werden vorgestellt, die erste Generation der Medienkünstler (u.a. von Bruch, Odenbach und Rosenbach), Trockel ist auch dabei, Galeristen und Sammler wie Sprüth, Zwirner und "Grünert" sowie der unverzichtbare "Cologne Klüngel" der diversen Szenen des Kunstmarktes. Mit großer Wertschätzung gegenüber dem Einzigartigen, gegenüber dem besonderen mixtum compositum, das diese Stadt ausmache, als unverzichtbarer Haltepunkt im europäischen Kulturfahrplan.
Einige haben die Stadt verlassen, andere, vor allem junge Künstler, sind hinzugekommen. In den neunziger Jahren - so mein Eindruck, als jemand, der sich in dieser Zeit dafür entschieden hat, hier zu arbeiten - ist Köln einer spürbaren Transformation unterworfen. Die Exzentrik, scheint der Vorherrschaft eines Gestus des schönen Scheins gewichen zu sein, wie er zum Beispiel von Calvin Klein und seinen synthetischen Duftstoffen mit existenzialistischen Anmutungen angepriesen wird. Be! Obsession, Always myself, but never the same, obsessive Spassmacher, Orientierer, Werbestrategen, multiple Persönlichkeiten überall.
Kaum ein Haus im Belgischen Viertel oder rund um den Friesenplatz, an dem nicht die Schilder von Agenturen, Media Consulting Büros oder Softwarefirmen prangen, - all' jener Unternehmungen, die sich in die Ökonomie der Zeichen, Bilder und Töne einüben. Espresso- und Capuccino-Bars für die Kultur des ständig wach- und immer auf der Hut-Seins, Bistros für das schnelle Mahl zwischendurch, eingehüllt mit Duftwolken von Armani, CK oder Gucci, graue Anzüge, schwarze oder weiße T-Shirts mit V-Ausschnitt, Designer-Haar, breitsohliges italienisches Schuhwerk. Recht uniform.
Viele Menschen brauchen viel Arbeit. Daran gibt es nichts zu rütteln. Die heftige Transformation zur Stadt der Dienstleistungen, die am Ende des Jahrhunderts natürlich mediale Dienstleistungen jeglicher Art sein müssen, ist wichtig und nötig. Nach dem Niedergang der schweren Industrien scheint es zur Produktion des Immateriellen keine Alternative zu geben. Gleichwohl wird die Frage immer drängender und sinnvoller, ob Veränderungen notwendig und immer Ablösungen, Ersetzungen bedeuten müssen. Insbesondere hinsichtlich solcher Qualitäten einer Stadt, die wesentlich zu ihrem internationalen Ansehen beigetragen haben, die sie aufregend und attraktiv machen, gerade auch für solche, die hier große Geschäfte machen wollen.
Kunst benötigt Mäzene, viel Aufmerksamkeit, Unterstützung und Pflege. Ihre Ökonomie ist prinzipiell luxuriös, sie folgt den Gesetzen der Verschwendung mehr als denen des gesunden Mittelmasses und der Logik von Bausparverträgen.
Kunst ist Energie, ist Irritation, ist Feinfühligkeit und bedeutet eine ständige Einübung in die Praxis des Umgangs mit dem Anderen und dem Unerwarteten. Sie ist unverzichtbar, Lebenselexier jeder wirklichen Urbanität, jedes großzügigen Lebenszusammenhangs.
Der Kampf um den besten Standort für die künftige Ökonomie der nicht-materiellen Produktion tobt heftig in der Bundesrepublik und darüberhinaus. Die meisten Chancen, dabei ganz vorne mitzumischen, haben diejenigen, die sich ihrer besonderen Stärken bewußt sind und sie als Alleinstellungen, auch risikoreich, ins Spiel bringen. Der mögliche Doppelcharakter Kölns als Kunst- und Medienstadt könnte eine solche Alleinstellung sein.
Eine derartige doppelte Identität spannungsreich zu entwickeln ist nicht leicht. Aber es gibt bereits einen Nukleus, zu dessen Alltagwirklichkeit es gehört, sie zu erproben, auszuhalten und weiterzuentwickeln. Die einzige Kunsthochschule der Stadt betreibt künstlerische Praxis mit und durch technische Medien, und zwar in der ganzen Mannigfaltigkeit, die diese zu bieten haben: von der Fotografie über den Film , die Musik bis hin zu den computer- und netz-zentrierten Medien. Die Gradwanderung zwischen Phantasie und Programm, zwischen Maß und Maßlosigkeit, der Kalkulation und dem unberechenbaren Zustand ist ihr in Titel und Auftrag, die sie vom Land bei ihrer Neugründung erhielt, eingeschrieben. Wir versuchen daraus eine leb- und erlebbare Praxis zu machen. Inwieweit dies gelingt, gelingen kann, wissen wir nicht. Unser Curriculum haben wir mit dem schönen Satz Brechts überschrieben: "Unser Plan ist groß genug, er ist nicht zu verwirklichen." Es kommt auf die Kraft des Versuchs an, jeden Tag auf's Neue.
Das 20. Jahrhundert war eine Periode der Explosionen, der Trennungen der Teilungen. Diese Gewalt des Zusammenhangs hatte viele Ursachen. Aber sie entstand auch durch die Zivilisation der Gegenüberstellungen, der scheinbar unüberbrückbaren Polaritäten. Dualismen können nützlich sein, indem sie vorübergehend Klarheiten zu schaffen vermögen. Aber sie entstammen dem faulen Denken und sollten nicht von Dauer sein.
"Es ist ein artiger Zufall", schrieb Goethe 1824, " daß in dem Augenblick, da wir von dem tüchtigsten, großartigsten Werk, das vielleicht je mit folgerechtem Kunstverstand auf Erden gegründet worden, dem Dom zu Cöln gesprochen, wir sogleich des leichtesten, flüchtigsten, augenblicklichst vorüberrauschenden Ereignisses einer frohen Laune, des Karnevals in Cöln mit einigen Worten zu gedenken veranlaßt sind. Warum man aber doch von beiden zugleich reden darf, ist, daß jedes, sich selbst gleich, sich in seinem Charakter organisch abschließt, ungeheuer und winzig, wenn man will, wie Elefant und Ameise, beide lebendige Wesen und in diesem Sinne nebeneinander zu betrachten, als Masse sich in die Luft erhebend, als Beweglichkeit an dem Fuße wimmelnd..." Der Mann war in vielerlei Dingen ein ausgezeichneter Seismograph mit hoher Empfindsamkeit. Von beiden zugleich reden ohne eines davon abzuwerten. Das eine ohne das Andere ist langweilig. Das Museum, die Galerie oder der Verein mit fortgeschrittener Kunst ohne die Lindenstrasse oder Viva, Medien ohne Kunst und Kunst ohne Medien. - Kunst Stadt Medien - das könnte ein starkes Trippel sein/werden.

Prof. Siegfried Zielinski ist der Rektor der Kunsthochschule für Medien, Köln

www.khm.de

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